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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 41
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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II

Eines Julimorgens erwachte Dick um fünf Uhr aus einem langen Kriegstraum, schritt zum Fenster und blickte auf den Zuger See hinaus. Sein Traum hatte in düsterer Pracht begonnen; marineblaue Uniformen überquerten einen dunklen Platz hinter Musikkapellen, die den zweiten Satz von Prokofjews »Die Liebe der drei Orangen« spielten. Plötzlich waren da Feuerspritzen, Symbole des Verderbens, und ein grausiger Aufruhr von Verstümmelten auf einem Verbandplatz. Er knipste seine Nachttischlampe an und machte sich eingehende Notizen, die mit den halbironischen Worten schlossen: »Kriegsneurose eines Nichtkämpfers.«

Als er auf dem Bettrand saß, kamen ihm das Zimmer, das Haus und die Nacht leer vor. Im Nebenzimmer murmelte Nicole verzweifelt vor sich hin, und sie tat ihm leid um der Verlassenheit willen, die sie im Schlaf fühlen mochte. Für ihn stand die Zeit meistens still, dann vergingen ein paar Jahre plötzlich schneller, wie im Zeitraffer des Films; aber für Nicole glitten die Jahre immer nach der Uhr, dem Kalender und dem Geburtstag dahin, mit dem schmerzlichen Bewußtsein ihrer vergänglichen Schönheit.

Selbst diese verflossenen anderthalb Jahre am Zuger See erschienen ihr als vergeudete Zeit, in der sich der Wechsel der Jahreszeiten nur an den Gesichtern der Arbeiter auf der Straße erkennen ließ: rot im Mai, braun im Juli, schwarz im September und im Frühjahr wieder weiß. Sie war aus ihrer ersten Krankheit frisch und kräftig, mit neuen Hoffnungen hervorgegangen, hatte so viel erwartet und war doch, wenn man von Dick absah, aller Existenzmöglichkeiten beraubt, erzog Kinder, die sie nach außen hin nur maßvoll lieben durfte, die wie behütete Waisenkinder waren. Die Menschen, die sie gern hatte und die in der Mehrzahl Rebellen waren, regten sie auf und waren ihr nicht zuträglich – sie suchte in ihnen nach der Vitalität, die sie unabhängig, schöpferisch oder schroff gemacht hatte, suchte vergebens –, denn ihre Geheimnisse wurzelten tief in Kindheitskämpfen, die sie vergessen hatten. Sie interessierten sich mehr für Nicoles äußere Harmonie und ihren Scharm, die das andere Gesicht ihrer Krankheit waren. Sie führte ein einsames Leben, in dem sie nur Dick besaß, und Dick wollte sich nicht besitzen lassen.

Oftmals hatte er erfolglos versucht, seine Macht über sie zu lockern. Sie waren oft vergnügt miteinander, unterhielten sich in den Liebespausen der weißen Nächte; immer jedoch, wenn er sich von ihr abwandte und sich in sich selbst verschloß, ließ er sie zurück, ein Nichts in den Händen, auf das sie starrte, dem sie viele Namen gab, von dem sie aber wußte, daß es nur die Hoffnung war, er möge bald zurückkommen.

Er rollte sein Kissen fest zusammen, legte sich mit dem Nacken darauf, wie die Japaner es tun, um den Kreislauf des Blutes zu verlangsamen, und schlief noch einmal ein. Später, als er sich rasierte, erwachte Nicole, ging umher und teilte abgerissene, kurze Befehle an Kinder und Dienstboten aus. Lanier kam herein, um seinem Vater beim Rasieren zuzusehen – dadurch, daß er neben einer Nervenklinik lebte, hatte sich in ihm ein außergewöhnliches Vertrauen zu seinem Vater und Bewunderung für ihn entwickelt, gleichzeitig mit einer übertriebenen Gleichgültigkeit gegen die meisten anderen Erwachsenen. Die Patienten schienen ihm entweder durch ihr Aussehen sonderbar oder kamen ihm wie farblose, überkorrekte Geschöpfe ohne Persönlichkeit vor. Er war ein hübscher, vielversprechender Junge, und Dick widmete ihm viel von seiner Zeit in der Art eines wohlwollenden, aber strengen Offiziers einem ehrerbietigen Rekruten gegenüber.

»Warum läßt du immer, wenn du dich rasierst, etwas Seifenschaum oben auf deinen Haaren stehen?« fragte Lanier.

Vorsichtig brachte Dick seine eingeseiften Lippen auseinander. »Dahinter bin ich nie gekommen. Ich habe mich off gewundert. Ich glaube, es geschieht, weil mein Zeigefinger voll Seifenschaum wird, wenn ich mit ihm am Haaransatz entlangstreiche; aber wie er oben auf meinen Kopf kommt, weiß ich nicht.«

»Ich werde morgen genau aufpassen.«

»Das ist deine einzige Sorge vor dem Frühstück.«

»Ich möchte es eigentlich nicht Sorge nennen.«

»Eins zu Null für dich.«

Eine halbe Stunde später begab sich Dick zum Verwaltungsgebäude. Er war achtunddreißig Jahre alt, und obwohl er immer noch keinen Bart trug, hatte er doch jetzt mehr das Aussehen eines Arztes als vorher an der Riviera. Seit anderthalb Jahren lebte er nun in der Klinik – sicherlich eine der am besten eingerichteten in Europa. Wie Dohmlers Anstalt war auch sie von moderner Art – nicht mehr ein einzelnes, düsteres, unheimliches Gebäude, sondern eher ein kleines, verstreut wirkendes und doch zusammengehöriges Dorf. Auf dem Gebiet des guten Geschmacks hatten Dick und Nicole viel dazu beigesteuert, so daß die Anlage zu einem Ausdruck der Schönheit geworden war und von jedem der durch Zürich reisenden Psychologen besucht wurde. Wenn ein Haus für Golfjungen dabei gewesen wäre, hätte man das ganze für einen Klub auf dem Lande halten können. Die »Heckenrose« und die »Birke«, Häuser für die, die ewige Finsternis umgab, lagen – getarnten Kampfständen gleich – hinter Buschwerk, dem Ausblick aus dem Hauptgebäude entzogen. Dahinter lag eine Gemüsegärtnerei, in der auch Patienten arbeiteten. Drei Werkstätten für Muskeltherapie, alle unter einem Dach, waren vorhanden, und dort begann Doktor Diver seine allmorgendliche Inspektion. Die Zimmermannswerkstatt, in vollem Sonnenschein liegend, verbreitete mit ihren Sägespänen den süßen Duft des dahingeschwundenen Waldes; hier befand sich immer ein halbes Dutzend Männer, die hämmerten, hobelten und raspelten – stille Männer, die mit ernsten Augen von ihrer Arbeit hochblickten, wenn er vorbeiging. Da er selbst ein guter Zimmermann war, sprach er eine Weile in ruhigem, persönlichem, interessiertem Ton mit ihnen über die Eignung gewisser Werkzeuge. Anschließend kam man in die Buchbinderei, in der die wendigsten der Patienten arbeiteten, die jedoch nicht immer diejenigen waren, die die größten Genesungschancen hatten. Der letzte Raum diente den Perlarbeiten, der Weberei und der Messingverarbeitung. Die Gesichter der Patienten dort hatten den Ausdruck von Menschen, die gerade ein unlösbares Problem aufgegeben und dabei tief geseufzt haben – aber ihre Seufzer bedeuteten nur den Beginn einer neuen, endlosen Reihe von Schlußfolgerungen, nicht geradlinigen, wie bei normalen Menschen, sondern immer im gleichen Kreise herum. Im Kreis, im Kreis, im Kreis. Ewig im Kreis herum. Doch die lebhaften Farben des Materials, mit dem sie arbeiteten, vermittelte Fremden vorübergehend die Illusion, als sei alles in bester Ordnung wie im Kindergarten. Diese Patienten strahlten, als Doktor Diver eintrat. Die meisten von ihnen mochten ihn lieber als Doktor Gregorovius. Zum mindesten mochten ihn die lieber, die einst in der großen Welt gelebt hatten. Ein paar waren da, die fanden, er vernachlässige sie, er sei unaufrichtig oder er posiere. Ihre Reaktionen unterschieden sich nicht von denen, die Dick im außerberuflichen Leben hervorrief, aber hier wirkten sie verzerrt und entstellt.

Eine Engländerin sprach jedesmal mit ihm über eine Angelegenheit, die sie als ihre eigene betrachtete.

»Bekommen wir heute abend Musik zu hören?«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete er. »Ich habe Doktor Lladislau nicht gesehen. Wie hat Ihnen die Musik gefallen, die uns Frau Sachs und Herr Longstreet gestern abend zum besten gegeben haben?«

»Es war soso lala.«

»Ich fand es schön – besonders den Chopin.«

»Ich fand es soso lala.«

»Wann werden Sie selbst uns etwas vorspielen?«

Sie bewegte ihre Schultern, angenehm berührt von dieser Frage, wie sie es schon seit Jahren war.

»Irgendwann. Aber ich spiele nur soso lala.«

Es war ihnen bekannt, daß sie überhaupt nicht spielte. Sie hatte zwei Schwestern gehabt, glänzende Musikerinnen, aber sie selbst war niemals imstande gewesen, die Noten zu lernen, als sie zusammen jung gewesen waren.

Von den Werkstätten aus ging Dick die »Heckenrose« und die »Birke« besuchen. Äußerlich sahen diese Häuser ebenso fröhlich aus wie die übrigen; Nicole hatte die Entwürfe für Ausschmückung und Einrichtung der Notwendigkeit von Gittern, Eisenstangen und unverrückbaren Möbeln angepaßt. Sie hatte mit so viel Phantasie gearbeitet – das Problem als solches kam ihrer fehlenden Erfindungsgabe zu Hilfe –, daß selbst informierte Besucher es sich nicht hätten träumen lassen, daß das leichte, anmutige Filigranwerk an einem Fenster in Wirklichkeit die starke, unnachgiebige Begrenzung eines Bewegungsspielraums war, daß Gegenstände, die die moderne röhrenartige Richtung widerspiegelten, stabiler waren als massive Erzeugnisse aus den Zeiten der Eduards – selbst Blumen staken in eisernen Fingern, und jede beliebige Verzierung, jeder Einrichtungsgegenstand war so notwendig wie Eisenträger in Wolkenkratzern. Ihre unermüdlichen Augen hatten aus jedem Zimmer soviel Nutzen wie nur möglich herausgeholt. Wenn man sie dazu beglückwünschte, bezeichnete sie sich kurzweg als Klempnermeister.

Für die, deren inneres Gleichgewicht nicht gestört war, schien es in diesen Häusern viele sonderbare Dinge zu geben. Doktor Diver war in der »Heckenrose«, dem Haus der Männer, oft belustigt – ein seltsamer kleiner Exhibitionist war da, der glaubte, vielen Dingen auf den Grund gehen zu können, wenn er nur unbekleidet und unbehelligt von der Etoile bis zur Place de la Concorde gehen würde – und vielleicht, meinte Dick, hatte er recht.

Sein interessantester Fall befand sich im Hauptgebäude. Es war eine dreißigjährige Frau, die seit einem halben Jahr in der Klinik war: eine amerikanische Malerin, die lange in Paris gelebt hatte. Über ihre Geschichte wußten sie nicht genügend Bescheid. Eine Kusine hatte sie völlig geistesgestört und niedergebrochen vorgefunden, und nach einer unbefriedigenden zeitweiligen Unterbringung in einer der marktschreierischen Kuranstalten am Rande der Stadt, die sich hauptsächlich mit durchreisenden Opfern von Rauschgiften und Trunksucht befaßten, war es ihr gelungen, sie in die Schweiz zu bringen. Nach ihren Angaben war sie außergewöhnlich hübsch gewesen – jetzt war sie eine einzige, qualvolle Wunde. Keine der Blutproben hatte ein positives Ergebnis gehabt, und das Leiden wurde unvollkommen als nervöses Ekzem bezeichnet. Seit zwei Monaten war sie damit behaftet, als sei sie in der eisernen Jungfrau eingeschlossen. Sie war logisch, ja innerhalb der Grenzen ihrer besonderen Halluzinationen sogar hochbegabt.

Sie war speziell Dicks Patientin. In Zeiten größter Reizbarkeit war er der einzige Arzt, der etwas bei ihr durchsetzen konnte. Vor mehreren Wochen war es ihm gelungen, ihr in einer der vielen Nächte qualvoller Schlaflosigkeit durch Hypnose ein paar Stunden Ruhe zu verschaffen, die ihr so nötig war; aber er hatte nie wieder Erfolg gehabt. Die Hypnose war ein Mittel, zu dem er kein Vertrauen hatte und das er selten anwandte, denn er wußte, daß er in sich selbst nicht immer die erforderliche Gemütslage schaffen konnte. Einmal hatte er es bei Nicole versucht, aber sie hatte ihn spöttisch ausgelacht.

Die Frau in Zimmer zwanzig konnte ihn nicht sehen, als er eintrat – die Augenpartie war zu stark verschwollen. Ihre Stimme war kräftig, tief und klangvoll.

»Wie lange wird das noch anhalten? Wird es gar nicht aufhören?«

»Jetzt wird es nicht mehr lange dauern. Doktor Lladislau hat mir gesagt, daß schon ganze Partien frei sind.«

»Wenn ich wüßte, womit ich das verdient habe, könnte ich es mit mehr Gleichmut ertragen.«

»Es hat keinen Zweck, daran herumzurätseln – wir betrachten es als nervöse Erscheinung. Es ist dem Erröten verwandt – sind Sie als junges Mädchen leicht rot geworden?«

Sie lag da, das Gesicht zur Zimmerdecke gekehrt.

»Ich habe keinen Grund zum Erröten gehabt, seitdem ich die Weisheitszähne habe.«

»Haben Sie nicht auch Ihren Teil an kleinen Sünden und Irrtümern begangen?«

»Ich habe mir nichts vorzuwerfen.«

»Dann sind Sie sehr glücklich.«

Die Frau dachte einen Augenblick nach; ihre Stimme kam aus ihrem bandagierten Gesicht, heimgesucht von unterirdischen Melodien.

»Ich teile das Schicksal aller Frauen meiner Zeit, die die Männer zum Kampf herausforderten.«

»Zu Ihrer größten Überraschung war er genau wie alle anderen Kämpfe«, sagte er, auf ihren Gedankengang eingehend.

»Genau wie alle Kämpfe.« Sie dachte darüber nach. »Man setzt sich durch oder erringt einen Pyrrhussieg, oder man wird niedergeworfen und vernichtet – man ist wie der gespenstige Widerhall aus einem zerfallenen Gemäuer.«

»Sie sind weder niedergeworfen noch vernichtet«, sagte er. »Wissen Sie genau, daß es ein wirklicher Kampf war?«

»Sehen Sie mich an!« schrie sie wütend.

»Sie haben gelitten, aber viele Frauen litten, bevor sie sich für Männer hielten.« Da sich das zu einer Streitfrage auswuchs, hielt er inne. »Auf keinen Fall dürfen Sie einen einmaligen Fehlschlag mit einer endgültigen Niederlage verwechseln.«

Sie schnaufte verächtlich. »Wunderschöne Worte!« Und der Ausruf, der durch die Kruste von Schmerzen hindurch vernehmbar wurde, beschämte ihn.

»Wir würden gern den wahren Gründen auf die Spur kommen, die Sie hergebracht haben«, begann er, aber sie unterbrach ihn:

»Ich bin hier als Symbol für irgend etwas. Ich dachte, vielleicht würden Sie wissen, was es ist.«

»Sie sind krank«, sagte er mechanisch.

»Was war es denn, was ich fast gefunden hatte?«

»Eine schlimmere Krankheit.«

»Ist das alles?«

»Das ist alles.« Voller Abscheu hörte er sich selbst lügen; aber in diesem Fall konnte die Vielgestaltigkeit des Gegenstandes nur in eine Lüge zusammengepreßt werden. »Darüber hinaus gibt es nur Verwirrung und Chaos. Ich will Ihnen keine Vorlesung halten – Dazu sind uns Ihre körperlichen Leiden zu gegenwärtig. Aber nur dadurch, daß Sie den Problemen des täglichen Lebens ins Auge schauen, einerlei wie nichtig und langweilig sie zu sein scheinen, können Sie die Dinge wieder in Reih und Glied bringen. Danach werden Sie – vielleicht fähig sein zu einer Erforschung –«

Er hatte gezögert, um dem unvermeidlichen Ende seiner Gedankenreihe zu entgehen: »... der Bewußtseinsgrenzen.« Die Grenzen, die von Künstlern erforscht werden müssen, gab es nicht für sie – niemals. Sie war feinfühlend, hochgezüchtet – vielleicht konnte sie in einem stillen Mystizismus Ruhe finden. Erforschung war etwas für Leute mit einem Schuß Bauernblut, mit gewaltigen Schenkeln und dicken Knöcheln, die Strafe hinnehmen können wie Brot und Salz, mit jedem Zoll ihres Fleisches und Geistes.

– Nicht für Sie, hätte er fast gesagt. Für Sie ist es zu schwierig.

Angesichts der furchtbaren Gewalt ihres Leidens ging er ihr gegenüber völlig, fast liebevoll, aus sich heraus. Er fühlte das Bedürfnis, sie in die Arme zu schließen, wie er es häufig mit Nicole getan hatte, und sogar ihre Fehler zu pflegen, so sehr waren sie ein Teil ihrer selbst. Das orangefarbene Licht, das durch den heruntergelassenen Vorhang drang, ihre wie in einem Sarkophag liegende Gestalt auf dem Bett, der helle Fleck ihres Gesichtes, die Stimme, die sich durch den leeren Raum ihrer Krankheit tastete und nur fernliegende Abstraktionen fand.

Als er sich erhob, rannen ihre Tränen in die Bandagen.

»Es muß einen Sinn haben«, flüsterte sie. »Es muß zu etwas gut sein.«

Er beugte sich nieder und küßte ihre Stirn.

»Wir müssen uns alle bemühen, gut zu sein«, sagte er.

Als er ihr Zimmer verließ, schickte er die Krankenschwester hinein. Er mußte noch nach anderen Patienten sehen: einem amerikanischen fünfzehnjährigen Mädchen, zum Beispiel, das in dem Sinne erzogen worden war, daß die ganze Kindheit nur ein Vergnügen sei. Sein Besuch war nötig, weil sie sich gerade ihr ganzes Haar mit der Nagelschere abgeschnitten hatte. Es konnte nicht viel für sie geschehen – es war eine Nervenstörung, die in der Familie lag, und in ihrer Vergangenheit war kein fester Grund, auf dem man hätte aufbauen können. Der Vater, der selbst normal und pflichtbewußt war, hatte versucht, seine nervöse Nachkommenschaft vor den Sorgen des Lebens zu bewahren und hatte sie lediglich daran gehindert, Abwehrstoffe gegen die unvermeidlichen Überraschungen des Lebens zu entwickeln. Dick konnte nicht viel sagen: »Helen, wenn du nicht weißt, was du tun sollst, mußt du eine Schwester fragen. Du mußt lernen, um Erlaubnis zu bitten. Willst du das tun? Versprich es mir.«

Was bedeutete ein Versprechen von jemand, der nicht bei Verstand war? Er sah zu einem schwächlichen Verbannten vom Kaukasus hinein, der sicher in einer Art Hängematte festgeschnallt war und mit dieser in einem warmen, medizinischen Bad hing, und zu den drei Töchtern eines portugiesischen Generals, der fast unmerklich der Paralyse entgegenglitt. Er ging in das Zimmer neben ihnen und sagte einem mit den Nerven zusammengebrochenen Psychiater, es ginge ihm besser, immer besser, und der Mann versuchte aus seinem Gesicht die innere Überzeugung herauszulesen, denn seine Verbindung mit der wirklichen Welt bestand nur in dem Vorhandensein oder dem Fehlen von Zuversichtlichkeiten in Doktor Divers Stimme. Danach entließ Dick einen unzuverlässigen Krankenwärter, und dann war es Zeit zum Lunch geworden.

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