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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 39
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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XV

Er fand Nicole mit hoch über den Schultern verschränkten Armen im Garten. Sie sah ihn aus ernsten grauen Augen, mit der forschenden Neugierde eines Kindes an.

»Ich war in Cannes«, sagte er, »und habe zufällig Frau Speers getroffen. Sie fährt morgen weg. Sie wollte heraufkommen, um sich zu verabschieden, aber ich schlug ihr den Gedanken aus dem Kopf.«

»Schade. Ich hätte sie gern gesehen. Ich habe sie gern.«

»Wen, glaubst du, habe ich noch gesehen – Bartholomew Tailor.«

»Nicht möglich.«

»Sein Gesicht ist unverkennbar – wie ein schlaues Wiesel. Er besah sich das Grundstück für Ciros Menagerie – sie werden nächstes Jahr alle herkommen. Ich glaube, Frau Abrams war so eine Art Vorposten.«

»Und Baby war empört, als wir den ersten Sommer herkamen.«

»Es ist den Leuten verflucht gleichgültig, wo sie sich aufhalten, darum sehe ich nicht ein, weshalb sie nicht in Deauville bleiben und dort frieren.«

»Könnten wir nicht Gerüchte über Cholera oder so ausstreuen?«

»Ich habe Bartholomew gesagt, gewisse Menschenkategorien stürben hier wie die Fliegen – ich habe ihm gesagt, das Leben eines Badegastes sei hier so kurz wie das Leben eines Kanoniers im Krieg.«

»Das hast du nicht gesagt.«

»Natürlich nicht«, mußte er zugeben. »Er war sehr liebenswürdig. Es war ein großartiger Anblick, wie er und ich uns auf dem Boulevard die Hände schüttelten. Eine Begegnung zwischen Sigmund Freud und Ward McAllister.«

Dick hatte keine Lust, sich zu unterhalten – er hatte das Bedürfnis, allein zu sein, damit die Gedanken an Arbeit und an die Zukunft seine Gedanken an Liebe und an das Heute betäubten. Nicole war sich dessen – aber nur unklar und düster – bewußt; sie haßte ihn ein wenig, wie ein Tier, und doch fühlte sie das Bedürfnis, sich an seine Schulter zu schmiegen.

»Liebling, du«, sagte Dick leichthin.

Er ging ins Haus, vergaß, was er dort eigentlich suchte, und dann fiel ihm ein, daß es das Klavier war. Er setzte sich hin und pfiff und spielte nach dem Gehör:

»Denk dir, wir würden ganz allein
beim Tee zu zwein beisammen sein,
und ich wär' dein und du wärst mein!«

Mitten in der Melodie wurde ihm plötzlich klar, daß Nicole, wenn sie sie hörte, in ihr sofort den Ausdruck seines Heimwehs nach den verflossenen zwei Wochen vermuten würde. Mit einem Akkord brach er ab und entfernte sich vom Klavier.

Schwer zu sagen, wohin man gehen sollte. Er blickte umher in dem Haus, das Nicole geschaffen und das Nicoles Großvater bezahlt hatte. Ihm gehörten nur sein Arbeitshaus und der Boden, auf dem es stand. Mit seinem Einkommen von dreitausend im Jahr und dem, was tröpfchenweise für seine Publikationen einlief, beglich er seine Kleidung und persönlichen Ausgaben, die Kosten für den Weinkeller und für Laniers Erziehung, die sich vorläufig auf die Entlohnung einer Kinderwärterin beschränkten. Niemals war ein Umzug in Betracht gezogen worden, ohne daß Dick seinen Anteil daran errechnet hätte. Dadurch, daß er ziemlich spartanisch lebte – er fuhr dritter Klasse, wenn er allein war, trank die billigsten Weine, ging schonend mit seiner Kleidung um und büßte für jede Extravaganz –, wahrte er eine bedingte finanzielle Unabhängigkeit. Über einen gewissen Punkt hinaus jedoch wurde es schwierig – wieder und immer wieder war es unerläßlich, gemeinsame Entschlüsse darüber zu fassen, wie von Nicoles Geld Gebrauch gemacht werden sollte. Nicole, die ihn besitzen, die ihn für immer festhalten wollte, bestärkte ihn in jeder Schwäche, die er zeigte, und da sich die Fälle mehrten, ergoß sich ständig eine Flut von guten Dingen und Geld über ihn. Der ursprüngliche Plan der Felsenvilla, den sie eines Tages als Luftschloß ausgearbeitet hatten, war ein typisches Beispiel für die Kräfte, die sie von den anfänglichen einfachen Abmachungen in Zürich trennten.

»Wäre es nicht schön, wenn – hatte es zuerst geheißen, und dann: »Wird es nicht schön sein, wenn –«

So schön wurde es nicht. Nicoles Probleme brachten seine Arbeit in Verwirrung; außerdem war ihr Einkommen in letzter Zeit so schnell angewachsen, daß es die Bedeutung seiner Arbeit zu vermindern schien. Auch hatte er, angeblich ihres Zustands wegen, viele Jahre lang darauf bestanden, ein streng häusliches Leben zu führen, dem er jetzt entglitt, und diese Täuschung war schwerer aufrechtzuerhalten in diesem Zustand untätiger Ruhe, in dem er unweigerlich einer mikroskopischen Untersuchung unterworfen war. Wenn er auf dem Klavier nicht spielen konnte, was er gern gespielt hätte, war das ein Zeichen, daß das Leben erheblich komplizierter geworden war. Er blieb noch eine ganze Weile in dem großen Zimmer, lauschte dem Ticken der elektrischen Uhr, lauschte dem Gang der Zeit.

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