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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 36
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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XII

Mit seiner kleinen Lederbrieftasche in der Hand ging Richard Diver vom siebenten Stadtbezirk, wo er ein mit »Dicole« unterschriebenes Briefchen für Maria Wallis abgegeben hatte – eine Unterschrift, deren er und Nicole sich in den ersten Tagen ihrer Liebe für Mitteilungen an andere bedient hatten –, zu seinem Hemdenschneider, wo die Angestellten ein Aufhebens von ihm machten, das in keinem Verhältnis zu dem Geld stand, das er ausgab. Er schämte sich, daß er in diesen armen Engländern durch sein elegantes Auftreten und sein Aussehen, als besitze er den Schlüssel zum Wohlstand, so viele Hoffnungen weckte, schämte sich, daß er sich von einem Schneider die Seidenärmel an seinem Hemd um ein paar Zentimeter abstecken ließ. Hinterher ging er in die Bar des Hotel Crillon und trank ein wenig Kaffee und zwei Schluck Gin.

Als er das Hotel betreten hatte, war ihm die Halle unnatürlich hell erschienen; als er wieder hinaustrat, merkte er, daß dies seinen Grund darin gehabt hatte, daß es draußen bereits dunkel war. Es war eine frühzeitig hereinbrechende Nacht, in der der Wind ungestüm in dem spärlichen, sterbenden Laub der Champs Elysées sang. Dick bog in die Rue Rivoli ein, ging unter den Arkaden zweier Häuservierecke hin zu seiner Bank, wo ihn Post erwartete. Dann nahm er ein Taxi und fuhr im beginnenden Regen – allein mit seiner Liebe – durch die Champs Elysées.

Als er um zwei Uhr in den Korridor des Roi George zurückgekommen war, hatte sich Nicoles Schönheit zu Rosemaries Schönheit verhalten wie die Schönheit eines Mädchens von Leonardo zu der des Mädchens eines Illustrators. Dick fuhr durch den Regen, von heftiger Erregung und Furcht besessen, mit den Leidenschaften vieler Männer in sich und ohne Klarheit vor Augen.

Rosemarie öffnete ihre Tür voll innerer Erregung, von der sonst niemand etwas wußte. Sie war jetzt, was man zuweilen »ein unbändiges kleines Ding« nennt – seit vollen vierundzwanzig Stunden wartete sie auf ihre Vereinigung mit Dick, und in Gedanken gab sie sich dem Spiel mit dem Chaos hin. Als sei ihr Schicksal ein Puzzlespiel, berechnete sie Vorteile, berechnete sie Hoffnungen, zählte Dick aus, Nicole, ihre Mutter oder den Direktor, den sie gestern getroffen hatte, wie Knoten in einer Perlenkette.

Als Dick klopfte, hatte sie sich gerade angezogen und beobachtete den Regen; dabei dachte sie an irgendein Gedicht und an überschwemmte Rinnsteine in Beverly Hills. Als sie die Tür öffnete, war er für sie etwas Feststehendes, Gottähnliches, was er immer gewesen war, wie ältere Menschen es für jüngere sind: starr und unveränderlich. Dick betrachtete sie mit einem unvermeidlichen Gefühl von Enttäuschung. Er brauchte eine Minute, um auf die unverhüllte Süße ihres Lächelns zu reagieren, auf ihren Körper, der bis auf den Millimeter darauf berechnet war, eine Knospe anzudeuten und dennoch eine Blume zu versprechen. Durch die Badezimmertür konnte er den Abdruck ihres nassen Fußes auf einer Matte wahrnehmen.

»Fräulein Fernseherin«, sagte er mit einer Leichtigkeit, die er nicht fühlte. Er legte seine Handschuhe und seine Brieftasche auf den Toilettentisch und lehnte seinen Stock an die Wand. In seinem Kinn wurzelten die Schmerzenslinien, die seinen Mund umgaben und sich heimlich bis zu seiner Stirn und den Augenwinkeln hinaufzogen, wie Furcht, die nicht in der Öffentlichkeit gezeigt werden darf.

»Komm, setz dich auf meinen Schoß, ganz nah zu mir«, sagte er sanft, »und schenk mir deinen süßen Mund.«

Sie kam und setzte sich, und während draußen der Regen – trip – tri-i-p – tri-i-i-p – langsam nachließ, berührte sie mit den Lippen das wunderbare kalte Antlitz, das ihre Phantasie sich geschaffen hatte.

Dann plötzlich küßte sie ihn mehrere Male auf den Mund; ihr Gesicht wurde groß, als es auf ihn zukam; nie hatte er etwas so Verwirrendes erlebt wie die Beschaffenheit ihrer Haut. Da Schönheit uns oft unsere wertvollsten Gedanken ins Gedächtnis zurückruft, fiel ihm seine Verantwortung für Nicole ein und die Verpflichtung, die ihm daraus erwuchs, daß sie sich zwei Türen weiter, jenseits des Flures, befand.

»Der Regen hat aufgehört«, sagte er. »Siehst du die Sonne auf dem Schieferdach?«

Rosemarie stand auf und beugte sich herunter, dann sagte sie im Brustton der Überzeugung:

»Was sind wir für Schauspieler – du und ich.«

Sie ging an ihren Toilettentisch, und im selben Augenblick, als sie den Kamm flach auf ihr Haar legte, war ein leises, anhaltendes Klopfen an der Tür zu vernehmen.

Sie waren starr vor Schrecken; das Klopfen wiederholte sich mit Nachdruck, und da ihnen plötzlich zum Bewußtsein kam, daß die Tür nicht abgeschlossen war, brachte Rosemarie ihr Haar mit einer Bewegung in Ordnung, nickte Dick zu, der schnell die Falten auf dem Bett glattstrich, wo sie gesessen hatten, und ging zur Tür. Dick sagte in ganz natürlichem Tonfall, nicht zu laut:

»– also, wenn du keine Lust hast, auszugehen, werde ich es Nicole sagen, und wir werden unseren letzten Abend ganz ruhig verbringen.«

Die Vorsicht war unnötig, denn die beiden vor der Tür befanden sich in einer Verfassung, die jegliches, selbst das flüchtigste Urteil über Dinge ausschloß, die nicht mit ihnen zusammenhingen. Draußen standen Abe – in den letzten vierundzwanzig Stunden um Monate gealtert – und ein sehr eingeschüchterter, ängstlicher Farbiger, den Abe als Herrn Peterson aus Stockholm vorstellte.

»Er befindet sich in einer fürchterlichen Situation, und es ist meine Schuld«, sagte Abe. »Wir brauchen einen guten Rat.«

»Kommt in unsere Zimmer«, sagte Dick.

Abe bestand darauf, daß Rosemarie mitkam, und sie gingen über den Flur zu Divers Zimmerflucht. Jules Peterson, ein kleiner ehrbarer Neger, von dem liebenswürdigen Typ, der für die Anhänger der Republikanischen Partei in den Grenzstaaten charakteristisch ist, folgte ihnen.

Wie es schien, war Peterson rechtsgültiger Zeuge des morgendlichen Streites in Montparnasse gewesen; er hatte Abe zur Polizeiwache begleitet und dessen Aussage bestätigt, ihm sei ein Tausendfrankenschein aus der Hand gerissen worden, und zwar von einem Neger, um dessen Feststellung es sich in diesem Fall hauptsächlich handelte. Abe und Jules Peterson gingen in Begleitung eines Schutzmannes in die Kneipe zurück, und dort identifizierten sie als Übeltäter voreilig einen Neger, der, wie eine Stunde später festgestellt wurde, das Lokal erst betreten hatte, als Abe schon weggegangen war. Die Polizei hatte die Lage noch weiterhin kompliziert, indem sie den berühmten Neger-Gastwirt Freeman festnahm, der zu sehr früher Stunde in dem alkoholischen Nebel kurz aufgekreuzt und wieder verschwunden war. Der tatsächliche Verbrecher, dessen Vergehen, wie von seinen Freunden behauptet wurde, lediglich darin bestand, daß er sich einen Fünfzigfrankenschein angeeignet hatte, um Getränke zu bezahlen, die von Abe bestellt worden waren, war erst kürzlich wieder auf dem Schauplatz erschienen, wo er eine ziemlich üble Rolle spielte.

Kurz gesagt: Im Verlauf einer Stunde hatte Abe es zuwege gebracht, in die persönlichen Lebensumstände, Gewissensnöte und Gefühle eines Afro-Europäers und dreier Afro-Amerikaner verwickelt zu werden, die im Pariser Quartier Latin wohnten. Von einer Entwirrung war auch nicht der leiseste Schimmer wahrzunehmen, und der Tag verstrich damit, daß unbekannte Negergesichter unvermutet bald hier, bald dort auftauchten oder überraschend um Ecken lugten und daß eigensinnige Negerstimmen durchs Telefon schrillten.

Was Abe persönlich anging, so war es ihm gelungen, ihnen allen zu entwischen, außer Jules Peterson. Peterson befand sich etwa in der Lage des freundlich gesinnten Indianers, der einem Weißen geholfen hat. Die Neger, denen man ein Schnippchen geschlagen hatte, waren nicht so sehr hinter Abe her wie hinter Peterson, und Peterson war hinter dem Schutz her, den Abe ihm möglicherweise gewähren konnte.

In Stockholm hatte Peterson als kleiner Schuhkremfabrikant Bankrott gemacht und besaß jetzt nichts weiter als sein Rezept und genügend Handwerkszeug, um einen kleinen Kasten damit zu füllen; sein neuer Gönner hatte ihm in den frühen Morgenstunden versprochen, ihm in Versailles ein Geschäft einzurichten. Abes früherer Chauffeur war dort Schuhmacher, und Abe hatte Peterson als Abschlagssumme zweihundert Franken gegeben.

Rosemarie hörte sich das Geschwätz darüber voller Abscheu an; um das Groteske, das darin lag, zu goutieren, hätte sie über einen ausgeprägteren Sinn für Humor verfügen müssen. Der kleine Mann mit seiner transportablen Fabrik, seine hinterhältigen Augen, die er von Zeit zu Zeit so stark rollte, daß wie in panischem Schrecken weiße Halbkreise zu sehen waren, und Abe, dessen Gesicht so entstellt war, wie es seine hageren, feingeschnittenen Züge überhaupt erlaubten – all das war ihrer Natur so fremd wie Krankheit.

»Ich verlange vom Leben nichts anderes als eine Chance«, sagte Peterson in dem korrekten und dennoch verzerrten Tonfall, wie man ihn in Kolonialländern antrifft. »Meine Methode ist einfach, mein Rezept ist so gut, daß ich aus Stockholm vertrieben und ruiniert wurde, weil ich keine Lust hatte, es abzugeben.«

Dick sah ihn höflich an. Nachdem sein Interesse geweckt und wieder abgeklungen war, wandte er sich Abe zu:

»Geh in ein Hotel und leg dich schlafen. Wenn du wieder in Ordnung bist, wird Herr Peterson zu dir kommen.«

»Aber begreifst du denn gar nicht, in welcher Klemme sich Peterson befindet?« begehrte Abe auf.

»Ich werde in der Halle warten«, sagte Herr Peterson taktvoll. »Es ist wahrscheinlich schwer, meine Nöte in meiner Gegenwart zu erörtern.«

Nach einer französischen Verbeugung, die bei ihm wie eine Karikatur wirkte, zog er sich zurück; Abe wuchtete sich mit der Behutsamkeit einer Lokomotive hoch.

»Ich scheine heute nicht sehr beliebt zu sein.«

»Beliebt schon, aber unmöglich«, meinte Dick. »Ich gebe dir den Rat, dieses Hotel zu verlassen – durch die Bar, wenn du willst. Geh ins Chambord oder, wenn du viel Bedienung nötig hast, ins Majestic.«

»Kann ich dich um etwas zu trinken bitten?«

»Wir haben hier oben nichts«, log Dick.

Resigniert gab Abe Rosemarie die Hand; langsam bekam er sein Gesicht in die Gewalt, hielt ihre Hand lange fest und formte Sätze, die er nicht zu Ende sprach.

»Du bist das netteste – eins der nettesten –«

Er tat ihr leid, und sie empfand Abscheu vor seinen schmutzigen Händen, aber wohlerzogen wie sie war, lachte sie; so als wäre es nichts Ungewöhnliches für sie, Männer in einem langsamen Traum dahinschreiten zu sehen. Oft legen Menschen vor einem betrunkenen Mann eine merkwürdige Ehrfurcht an den Tag, fast wie die Ehrfurcht primitiver Völker vor Geisteskranken. Mehr Ehrfurcht als Furcht. Irgendwie flößt derjenige Ehrfurcht ein, der alle Hemmungen verloren hat, der zu allem fähig ist. Natürlich lassen wir ihn später für diesen Augenblick der Überlegenheit bezahlen, für den Augenblick, in dem er uns beeindruckt hat. Abe wandte sich mit einer letzten Bitte an Dick.

»Wenn ich in ein Hotel gehe und mich aufbügeln und striegeln lasse und eine Weile schlafe und diese Senegalneger abschüttle – darf ich dann kommen und den Abend mit euch am Kamin verbringen?«

Dick nickte mit dem Kopf, weniger um sein Einverständnis zu bekunden, als um sich über ihn lustig zu machen, und sagte: »Du hast eine hohe Meinung von deinen augenblicklichen Fähigkeiten.«

»Ich möchte wetten, wenn Nicole hier wäre, würde sie mir erlauben herzukommen.«

»Schon gut.« Dick ging zu einem Koffer und entnahm dem Einsatz ein Kästchen, das er zum Mitteltisch brachte; unzählige Pappbuchstaben waren darin.

»Du kannst kommen, wenn du Anagramme legen willst.«

Abe betrachtete den Inhalt der Schachtel mit körperlichem Widerstreben, so als hätte man von ihm verlangt, er solle die Pappstückchen essen wie Haferkörner.

»Was sind Anagramme? Habe ich heute nicht genug Seltsames –«

»Es ist ein ruhiges Spiel. Man kann aus den Buchstaben Wörter bilden – alle Wörter außer ›Alkohol‹.«

»Wetten, daß du Alkohol buchstabieren kannst?« Abe wühlte mit der Hand in den Pappstückchen. »Darf ich wiederkommen, wenn ich ›Alkohol‹ buchstabieren kann?«

»Du kannst wiederkommen, wenn du Anagramme legen willst.«

Abe schüttelte resigniert den Kopf.

»Wenn du in solcher Stimmung bist, hat es keinen Zweck – ich würde nur im Wege sein.« Vorwurfsvoll drohte er Dick mit dem Finger. »Aber denk daran, daß George der Dritte gesagt hat, er wünschte, daß Grant, wenn er betrunken wäre, die anderen Generale beißen würde.«

Mit einem letzten verzweifelten Blick zu Rosemarie aus seinen goldenen Augenwinkeln ging er hinaus. Zu seiner Erleichterung war Peterson nicht mehr im Flur. Er fühlte sich verloren und heimatlos und ging zu Paul zurück, um sich nach dem Namen des Schiffes zu erkundigen.

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