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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 34
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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Nicole erwachte spät und murmelte in ihren Traum zurück, bevor sie ihre langen, noch vom Schlaf umfangenen Augenwimpern auseinanderbrachte. Dicks Bett war leer – es dauerte eine Minute, bis ihr zum Bewußtsein kam, daß sie durch ein Klopfen an der Tür ihres Salons geweckt worden war.

»Herein«, rief sie, aber es kam keine Antwort. Sie warf einen Morgenrock über, ging zur Tür und öffnete sie. Ein Polizist verbeugte sich höflich vor ihr und trat ein.

»Ist Herr Afghan North hier?«

»Wie? Nein, er ist nach Amerika gefahren.«

»Wann ist er abgereist, gnädige Frau?«

»Gestern vormittag.«

Er schüttelte den Kopf und drohte ihr in schnellerem Rhythmus mit dem Zeigefinger.

»In der vergangenen Nacht war er in Paris. Er ist hier gemeldet, aber sein Zimmer ist unbenutzt. Man hat mir gesagt, ich solle bei Ihnen nachfragen.«

»Das klingt sehr sonderbar – wir haben ihn gestern vormittag mit dem Schiffszug abfahren sehen.«

»Wie dem auch sei, er ist heute früh hier gesehen worden. Sogar seine carte d'identité wurde gesehen. Was wollen Sie mehr?«

»Wir wissen nichts darüber«, erklärte sie höchst erstaunt.

Er überlegte. Er war ein übelriechender, schöner Mann.

»Sie waren vorige Nacht überhaupt nicht mit ihm zusammen?«

»Aber nein.«

»Wir haben einen Neger festgenommen. Zum mindesten sind wir überzeugt, den richtigen Neger festgenommen zu haben.«

»Sie können mir glauben, ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden. Wenn es sich um Herrn Abraham North handelt, den wir kennen – nun, wenn er vorige Nacht in Paris war, ist es uns nicht zur Kenntnis gelangt.«

Der Mann nickte und saugte an der Oberlippe, überzeugt, aber enttäuscht.

»Was ist geschehen?« fragte Nicole.

Er kehrte die Handflächen nach außen und blies seine Lippen auf. Er fing an, Nicole reizvoll zu finden, und seine Augen funkelten sie an.

»Was wollen Sie, gnädige Frau? Eine Sommeraffäre. Herr Afghan North ist beraubt worden und hat Klage erstattet. Wir haben den Übeltäter festgenommen. Herr Afghan muß nun kommen, um ihn zu identifizieren und die einzelnen Klagepunkte vorzubringen.«

Nicole schlug ihren Morgenrock fester um sich und verabschiedete den Mann kurz. Noch ganz verblüfft, nahm sie ein Bad und zog sich an. Inzwischen war es zehn vorbei, und sie rief Rosemarie an, die sich aber nicht meldete. Dann wählte sie das Hotelbüro und erfuhr, daß Abe sich tatsächlich um halb sieben Uhr früh dort eingetragen hatte; sein Zimmer war jedoch immer noch unbenutzt. In der Hoffnung, Dick würde etwas von sich hören lassen, wartete sie in ihrem Empfangsraum. Als sie es eben aufgeben und hinausgehen wollte, rief das Büro an und meldete:

»Herr Crawshow, ein Neger.«

»In welcher Angelegenheit?« fragte sie.

»Er behauptet, er kenne Sie und den Doktor. Er sagt, ein Herr Freeman, den alle Welt kenne, sei im Gefängnis. Er sagt, das sei eine Ungerechtigkeit, und er möchte Herrn North sprechen, bevor er selbst verhaftet wird.«

»Wir wissen nichts davon.« Nicole schob die ganze Angelegenheit von sich, indem sie den Hörer heftig auf die Gabel legte. Abes bizarres Wiederauftauchen ließ sie deutlich erkennen, wie überdrüssig sie seiner Späße war. Sie löschte ihn aus ihrem Bewußtsein und ging weg; dabei stieß sie beim Schneider auf Rosemarie und kaufte zusammen mit ihr künstliche Blumen und farbige Perlenketten in der Rue de Rivoli. Sie half Rosemarie, einen Diamanten für ihre Mutter auszusuchen und einige Halstücher und neuartige Zigarettenetuis, die sie Berufskollegen in Kalifornien mitbringen wollte. Für ihren Sohn kaufte sie griechische und römische Soldaten, eine ganze Armee, die mehr als tausend Franken kostete. Wiederum gaben sie ihr Geld auf verschiedene Weise aus, und wiederum bewunderte Rosemarie Nicoles Art des Geldausgebens. Nicole wußte genau, daß das Geld, das sie ausgab, ihr gehörte – Rosemarie glaubte immer noch, ihr Geld sei ihr auf geheimnisvolle Weise geliehen worden, und sie müsse daher sehr sparsam damit umgehen.

Es war ein Genuß, im Sonnenschein der fremden Stadt Geld auszugeben, mit gesunden Körpern, die Farbströme in ihre Gesichter schickten; mit Armen und Händen, Beinen und Knöcheln, die sie zuversichtlich bewegten, die sie vorstreckten, mit denen sie auftraten, so sicher wie Frauen es tun, die Männern gefallen.

Als sie ins Hotel zurückkamen und Dick morgendlich frisch und strahlend antrafen, empfanden sie beide einen Augenblick lang eine vollkommene, kindliche Freude.

Er hatte gerade einen verstümmelten Telefonanruf von Abe erhalten, der sich, wie es schien, am Vormittag verborgen gehalten hatte.

»Es war das ungewöhnlichste Telefongespräch, das ich je geführt habe.«

Dick hatte nicht nur mit Abe, sondern auch mit einem Dutzend anderer Leute gesprochen. Durchs Telefon waren diese Überzähligen typischerweise eingeführt worden als: »– ein Mann, der dich sprechen will, befindet sich im Kittchen – ja, er sagt, er war drin – was ist los?«

»He, was willst du? Halt's Maul – jedenfalls war er in irgendeinen Skandal verwickelt, und er kann unmöglich nach Hause gehen. Meine persönliche Meinung ist, daß ... meine Ansicht ist, er hatte einen –« Würgende Laute waren zu vernehmen, und danach blieb das, was der andere gehabt hatte, in Dunkel gehüllt.

Dann klang es ergänzend aus dem Telefon:

»Ich dachte, es würde dich als Psychologen irgendwie interessieren.« Die undefinierbare Persönlichkeit, auf die sich diese Feststellung bezog, hing wahrscheinlich an der Strippe; im weiteren Verlauf gelang es ihr nicht, Dicks Interesse zu wecken, weder in psychologischer noch in sonst einer Beziehung. Die Unterhaltung mit Abe entspann sich folgendermaßen:

»Hallo.«

»Ja?«

»Ja, hallo.«

»Wer bist du?«

»Ja, ja.« Dazwischen war schnaufendes Gelächter zu hören. »Also schön, ich reich' dir einen anderen.«

Manchmal konnte Dick Abes Stimme hören, dazwischen Handgemenge, Hinfallen des Hörers, aus weiter Ferne Wortfetzen wie: »Ohne mich, Herr North ...« Dann hatte eine vorlaute, energische Stimme gesagt: »Wenn Sie ein Freund von Herrn North sind, kommen Sie her und schaffen Sie ihn fort.«

Abe schaltete sich ein, gewichtig und großsprecherisch, und stellte alles andere durch einen Beiklang von urwüchsiger Bestimmtheit in den Schatten.

»Dick, ich habe in Montmartre eine Verbrecherjagd veranstaltet. Ich werde hinübergehen und Freeman aus dem Gefängnis befreien. Wenn ein Neger aus Kopenhagen, der Schuhkrem herstellt – hallo, kannst du mich hören? Also, paß auf, wenn jemand zu dir kommt –« Wieder schallte aus dem Hörer ein Chor unzähliger Geräusche.

»Warum bist du nach Paris zurückgekommen?« fragte Dick.

»Ich war bis Evreux gekommen, da entschloß ich mich, mit dem Flugzeug zurückzufliegen, um es mit St. Sulpice vergleichen zu können. Nicht, daß ich die Absicht habe, St. Sulpice nach Paris zurückzubringen. Ich meine auch nicht das Barock! Ich meinte St. Germain. Tu mir die Liebe und warte einen Augenblick, ich werde den Diener an den Apparat rufen.«

»Tu das bloß nicht!«

»Hör zu, ist Mary richtig abgefahren?«

»Ja.«

»Dick, ich möchte, daß du mit einem Mann sprichst, den ich heute morgen hier kennengelernt habe, Sohn eines Marineoffiziers, der bei allen Ärzten in Europa gewesen ist. Ich werde dir beschreiben, was mit ihm ist –«

Hier hatte Dick abgehängt – vielleicht war das eine gewisse Undankbarkeit, denn er brauchte Material für seine zergliedernde Gehirntätigkeit.

»Abe war immer so nett«, sagte Nicole zu Rosemarie. »So nett. Es ist lange her – als Dick und ich jung verheiratet waren. Wenn du ihn doch damals gekannt hättest. Er pflegte zu uns zu kommen und wochenlang zu bleiben, und wir merkten kaum, daß er im Hause war. Manchmal spielte er – manchmal hielt er sich in der Bibliothek an einem stummen Klavier auf, dem er stundenlang den Hof machte. Dick, erinnerst du dich noch an das Dienstmädchen? Sie hielt ihn für ein Gespenst, und manchmal, wenn er ihr in der Halle begegnete, muhte er wie eine Kuh, und das hat uns einmal ein ganzes Teeservice gekostet – aber das machte uns nichts aus.«

So viel Spaß – vor so langer Zeit. Rosemarie neidete ihnen ihren Spaß, wenn sie an das müßige Dasein dachte, das dem ihren so gar nicht glich. Sie wußte nicht viel von Muße, doch empfand sie davor den Respekt derer, die sie nie gehabt haben. Sie stellte sie sich wie eine Erholung vor, ohne sich klarzumachen, daß Divers ein Ausruhen ebenso fern lag wie ihr selbst.

»Warum hat er angefangen zu trinken?« fragte sie.

Nicole schüttelte den Kopf nach links und rechts, jede Verantwortung ablehnend. »So viele begabte Männer gehen heutzutage vor die Hunde.«

»Wann haben sie das nicht getan«, versetzte Dick. »Begabte Männer halten sich hart an der Grenze – das müssen sie – manche sind nicht imstande dazu, darum gehen sie zugrunde.«

»Es muß einen tieferen Grund haben.« Nicole klammerte sich an das Gespräch, auch war sie ärgerlich, daß Dick ihr vor Rosemarie widersprochen hatte. »Künstler wie – nun wie Fernand zum Beispiel, haben es anscheinend nicht nötig, dem Alkohol zu frönen. Warum geben sich gerade Amerikaner Ausschweifungen hin?«

Auf diese Frage gab es so viele Antworten, daß Dick beschloß, sie in der Schwebe zu lassen, damit sie triumphierend in Nicoles Ohren nachklingen konnte. Er war seiner Frau gegenüber äußerst kritisch geworden. Obwohl er sie für das bezauberndste menschliche Wesen hielt, das er je gesehen hatte, obwohl er von ihr haben konnte, was er wollte, witterte er von weitem Kampf, und im Unterbewußtsein hatte er sich Stunde um Stunde dafür gestählt und gerüstet. Es lag ihm nicht, nachsichtig gegen sich selbst zu sein, und in diesem Moment des Sichgehenlassens kam es ihm nicht sehr anständig vor, daß er sich von der Hoffnung blenden ließ, Nicole vermute nur gefühlsmäßig etwas von Rosemarie. Er war seiner Sache nicht sicher – am Abend vorher, im Theater, hatte sie von Rosemarie ausdrücklich wie von einem Kind gesprochen.

Die drei lunchten unten in einer Atmosphäre von Teppichen und lautlos dahingleitenden Kellnern, die nicht so schwer auftraten wie die Männer, die ihnen unlängst beim Dinner gutes Essen an ihre Tische gebracht hatten. Hier saßen amerikanische Familien, die andere amerikanische Familien anstarrten und versuchten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Am Nebentisch saß eine Gesellschaft, von der sie nicht wußten, wo sie sie hintun sollten. Sie bestand aus einem freundlichen jungen Mann, der etwas von einem Sekretär an sich hatte und immer ›Wie bitte?‹ zu sagen schien, und einer Menge Frauen. Die Frauen waren weder jung noch alt, noch gehörten sie einer besonderen Gesellschaftsschicht an; und doch wirkte diese Gesellschaft wie eine Gesamtheit, die untereinander stärker verbunden war als zum Beispiel eine Gruppe von Frauen, die an einem Fachkongreß ihrer Männer teilnimmt. Jedenfalls war es eine ausgesprochenere Einheit als jede nur erdenkliche Reisegesellschaft.

Ein Instinkt ließ Dick die spöttische Bemerkung herunterschlucken, die ihm auf der Zunge lag; er fragte den Kellner, wer die Leute seien.

»Das sind die Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern, Trägerinnen der Goldstern-Medaille«, erklärte der Kellner.

Laute und leise Ausrufe waren die Antwort. Rosemaries Augen füllten sich mit Tränen.

»Wahrscheinlich sind die jüngeren von ihnen die Ehefrauen«, sagte Nicole.

Über sein Weinglas hinweg betrachtete Dick sie wieder; in ihren glücklichen Gesichtern, in der Würde, die diese Gesellschaft umgab und erfüllte, spürte er die Abgeklärtheit eines älteren Amerikas. Diese ernsten Frauen, die gekommen waren, ihre Toten zu betrauern, etwas Unwiederbringliches, verliehen dem Ort vorübergehend eine gewisse Schönheit. Und plötzlich saß er wieder auf seines Vaters Knien und ritt mit Mosby, während ringsumher die alte Loyalität und Treue miteinander im Kampfe lagen. Mit einer gewissen Anstrengung wandte er sich wieder den beiden Frauen an seinem Tisch zu und fand sich der ganzen neuen Welt gegenüber, an die er glaubte.

– Ist es dir recht, wenn ich den Vorhang herunterlasse?

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