Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > F. Scott Fitzgerald >

Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 33
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
Schließen

Navigation:

IX

Nach einer Dreiviertelstunde lag es auf der Hand, daß er Rosemarie entweder bei einer seiner anfänglichen Umgehungen des Häuserblocks verfehlt hatte, oder daß sie weggegangen war, bevor er in die Gegend kam; er ging in die Kneipe an der Ecke, kaufte eine Telefonmarke und, in eine Nische zwischen Küche und übelriechender Toilette gequetscht, rief er den Roi George an. Er stellte fest, daß sein Atem schwer und hörbar ging – aber wie alles andere, diente auch dieses Symptom nur dazu, ihn seiner Erregung entgegenzutreiben. Er nannte die Nummer des Hotels, dann stand er, hielt den Hörer und starrte in das Lokal. Nach einer ganzen Weile sagte eine seltsame, kleine Stimme: »Hallo.«

»Hier ist Dick – ich mußte dich anrufen.«

Erst herrschte Schweigen auf ihrer Seite – dann, mutig und seiner Erregung angepaßt: »Wie schön, daß du es getan hast.«

»Ich wollte dich vom Studio abholen. Ich bin draußen in Passy. Ich hatte gedacht, wir könnten eine Spazierfahrt durch den Bois machen.«

»Oh! Ich war nur eine Minute dort. Wie schade!« Schweigen.

»Rosemarie.«

»Ja, Dick.«

»Hör zu, ich bin in einer ungewöhnlichen Verfassung, was dich betrifft. Wenn ein Kind imstande ist, einen Mann in mittleren Jahren aus der Fassung zu bringen, gibt es Schwierigkeiten.«

»Du bist kein Mann in mittleren Jahren, Dick, du bist der jüngste Mensch von der Welt.«

»Rosemarie?« Schweigend starrte er ein Bordbrett an, das Frankreichs bescheidenere Gifte beherbergte: Flaschen mit Otard, St. James, Marie Brizard, Apfelsinenpunsch, Fernet Branca, Cherry Rocher und Armagnac. »Bist du allein?«

– Ist es dir recht, wenn ich den Vorhang herunterlasse?

»Wer sollte denn hier sein?«

»Siehst du, in einer solchen Verfassung bin ich. Ich möchte jetzt bei dir sein.«

Schweigen. Dann ein Seufzer und die Antwort: »Ich wünschte, du wärst jetzt bei mir.«

Er stellte sich das Hotelzimmer vor, wo sie neben dem Telefon lag, umgeben von traurigen kleinen Melodien –

»Und Tee – zu zwein.
Und ich für dich,
Und du für mich
Entflammt allein.«

Und er erinnerte sich an den Hauch von Puder auf ihrer sonnengebräunten Haut; als er ihr Gesicht küßte, war es feucht an den Ecken, wo das Haar ansetzte; plötzlich tauchte ein weißes Gesicht unter seinem eigenen auf, die Wölbung einer Schulter.

»Es ist unmöglich«, sagte er sich. Eine Minute später war er auf der Straße und ging auf die Muette zu oder von ihr fort, immer noch mit seiner kleinen Brieftasche in der Hand, seinen Stock mit dem goldenen Knauf wie ein Schwert haltend.

Rosemarie kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück und beendete einen Brief an ihre Mutter.

»– ich sah ihn nur ganz kurz, aber ich fand, er sah fabelhaft aus. Ich habe mich in ihn verliebt. (Natürlich liebe ich Dick am meisten, aber du weißt, was ich meine.) Er wird tatsächlich bei dem Film Regie führen und bricht unverzüglich nach Hollywood auf, und ich finde, wir sollten ebenfalls fahren. Collis Clay war hier. Ich habe ihn sehr gern, habe aber nicht viel von ihm gehabt, wegen Divers, die wirklich himmlisch sind – die reizendsten Leute, die ich je kennengelernt habe. Ich fühle mich heute nicht sehr wohl und nehme die Medizin, obwohl ich es für unnütz halte. Ich versuche gar nicht erst, dir zu erzählen, was sich alles zugetragen hat – erst wenn ich dich wiedersehe!!! Also, sobald du diesen Brief hast, drahte, drahte, drahte! Kommst du in den Norden, oder soll ich mit Divers in den Süden kommen?«

Um sechs rief Dick bei Nicole an.

»Hast du irgend etwas Bestimmtes vor?« fragte er. »Hast du Lust zu einer ruhigen Sache – Dinner im Hotel und dann ein Theaterstück?«

»Wenn du willst. Ich tu, was du gern möchtest. Vor einiger Zeit habe ich mit Rosemarie telefoniert, sie wird auf ihrem Zimmer speisen. Ich glaube, diese Sache hat uns alle durcheinandergebracht, nicht wahr?«

»Mich nicht«, widersprach Dick. »Liebling, falls du nicht zu müde bist, wollen wir etwas unternehmen. Sonst werden wir in den Süden zurückkommen und uns eine Woche lang Gedanken darüber machen, warum wir nicht bei Boucher waren. Es ist besser, als zu grübeln –«

Das war ein Fehler, und Nicole griff ihn prompt auf.

»Grübeln? Worüber?«

»Über Maria Wallis.«

Es war ihr recht, ins Theater zu gehen. Es war eine Übereinstimmung zwischen ihnen, niemals und zu keiner Sache zu müde zu sein; sie fanden, daß die Tage im großen und ganzen dadurch gewannen und daß in die Abende mehr Ordnung kam. Wenn, wie es nicht zu vermeiden war, ihre Lebensgeister einmal erschlafften, gaben sie der Langeweile und Müdigkeit der anderen die Schuld. Bevor sie weggingen, ein Paar, wie es schöner in Paris kaum gefunden werden konnte, klopften sie leise an Rosemaries Tür. Es kam keine Antwort; in der Annahme, daß sie schon schlief, gingen sie hinaus in die warme, geräuschvolle Pariser Nacht und tranken im Vorübergehen im Schatten bei Fouquets Bar schnell einen Wermut und einen Magenbitter.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.