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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 32
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VIII

Auf dem Platz, auf den sie hinaustraten, hing eine Wolke von Auspuffgasen und schmorte gemächlich in der Julisonne. Es war entsetzlich – ganz anders als reine Hitze, die den Ausblick auf eine Flucht aufs Land gewährt, wogegen dieses hier nur die Vorstellung von Straßen erweckte, die von der gleichen übelriechenden, stickigen Luft erfüllt waren. Während ihres Lunchs im Freien fühlte sich Rosemarie sehr elend, war verdrießlich und von reizbarer Mattigkeit – der Vorgeschmack ihres Zustandes hatte sie auf dem Bahnhof dazu veranlaßt, sich der Selbstsucht anzuklagen.

Dick hatte keine Ahnung, wie heftig dieser Umschwung war; doch war er tief unglücklich, und das sich daraus ergebende Anwachsen seines Egoismus führte vorübergehend dazu, ihn gegen das, was um ihn her vorging, blind zu machen und ihn seiner aus der Tiefe schöpfenden Einbildungskraft zu berauben, auf die er sich bei seinen Urteilen stützte.

Nachdem Mary sie verlassen hatte, begleitet von dem italienischen Gesanglehrer, der mit ihnen Kaffee getrunken hatte und sie zu ihrem Zug brachte, erhob sich auch Rosemarie, die sich einer Verabredung im Studio entsann: »Treffe mich mit ein paar Leuten.«

»Ach, und –«, meinte sie leichthin, »– wenn Collis Clay, dieser Junge aus dem Süden, kommt, während ihr noch hier seid, sagt ihm doch, ich hätte nicht warten können; er möchte mich morgen anrufen.«

Gar zu unbekümmert, als Reaktion auf die vorangegangene Aufregung, nahm sie die Sonderrechte eines Kindes in Anspruch. Der Erfolg war, daß Divers an ihre ausschließliche Liebe zu ihren eigenen Kindern erinnert wurden. Rosemarie wurde in knappen Worten scharf zurechtgewiesen: »Du solltest den Auftrag einem Kellner geben.« Nicoles Stimme klang streng und monoton. »Wir gehen sofort.«

Rosemarie begriff und schluckte es, ohne beleidigt zu sein.

»Dann geht's auch so. Auf Wiedersehen, meine Lieblinge.«

Dick verlangte die Rechnung; die Divers, ganz entspannt, kauten nachdenklich an ihren Zahnstochern.

»Nun?« sagten sie gleichzeitig.

Ein unglücklicher Zug huschte über Nicoles Mund, so flüchtig, daß nur er es hätte bemerken können, und er konnte so tun, als habe er es nicht gesehen. Was dachte Nicole? Rosemarie war nur eine von einem Dutzend Personen, die er in den vergangenen Jahren »unter die Lupe genommen« hatte, darunter ein französischer Zirkusclown, Abe und Mary North, ein Tänzerpaar, ein Schriftsteller, ein Maler, eine Komikerin vom Grand Guignol, ein halbverrückter Päderast vom russischen Ballett und ein vielversprechender Tenor, den sie in Mailand ein Jahr lang mit Geld unterstützt hatten. Nicole wußte genau, wie ernst all diese Leute sein Interesse und seine Begeisterung nahmen, aber sie vergegenwärtigte sich auch, daß Dick außer während der Tage, an denen ihre Kinder geboren worden waren, seit ihrer Heirat keine Nacht getrennt von ihr verbracht hatte. Andrerseits hatte er etwas so Gewinnendes an sich, daß man einfach Gebrauch davon machen mußte – Menschen, die über ein derart gewinnendes Wesen verfügten, mußten in Übung bleiben und immer wieder Leute anziehen, für die sie selbst keinen Gebrauch hatten.

Nun verhärtete sich Dick und ließ Minuten verstreichen ohne eine zuversichtliche Gebärde, ohne ein Zeichen ständig erneuten Staunens, daß sie eins miteinander waren.

Collis Clay, aus dem Süden, schlängelte sich durch die engstehenden Tische und begrüßte die Divers in ungezwungener Weise. Solche Begrüßungen befremdeten Dick jedesmal – Bekannte, die ›Hallo‹ sagten oder nur einen von ihnen anredeten. Er beschäftigte sich so intensiv mit den Menschen, daß er sich in Momenten der Erschöpfung lieber im verborgenen hielt. Daß jemand in seiner Gegenwart mit Saloppheit paradierte, bedeutete eine Herausforderung für seinen Lebensstil.

Collis, ohne Gefühl dafür, daß er sich im Ton vergriff, platzte heraus: »Ich scheine zu spät zu kommen – der Vogel ist ausgeflogen.« Dick mußte etwas in sich niederringen, bevor er Collis verzeihen konnte, daß er nicht Nicole zuerst begrüßt hatte.

Sie verließ das Lokal fast unmittelbar darauf, und Dick saß mit Collis und trank seinen Wein aus. Er hatte den Jungen eigentlich gern – er war »nachkriegsmäßig«, weniger kompliziert als die meisten Südstaatler, die er vor zehn Jahren in New Haven kennengelernt hatte. Belustigt hörte Dick der Unterhaltung zu, die das gemächliche, gründliche Stopfen einer Pfeife begleitete. Am frühen Nachmittag zogen Kinder und ihre Wärterinnen in den Luxemburg-Garten; es war das erstemal seit Monaten, daß Dick sich diese Stunde des Tages aus den Händen gleiten ließ.

Plötzlich erstarrte sein Blut, als er sich des Inhalts von Collis' vertraulichem Monolog bewußt wurde.

»– sie ist gar nicht so unnahbar, wie Sie vielleicht meinen. Ich gebe zu, ich habe sie lange Zeit für kühl gehalten. Aber sie geriet mit einem Freund von mir auf einer Osterreise von New York nach Chicago in eine unangenehme Situation. Der Junge hieß Hillis und war, wie sie glaubte, in New York sehr verliebt in sie – kurz, sie hatte ein Abteil mit einer Kusine von mir, aber sie und Hillis wollten gern allein sein, darum kam meine Kusine am Nachmittag in unser Abteil und spielte Karten mit mir. Nach zwei Stunden etwa gingen wir hin, und da standen Rosemarie und Bill Hillis im Gang und stritten mit dem Schaffner – Rosemarie so weiß wie ein Laken. Anscheinend hatten sie die Abteiltür abgeschlossen und die Rouleaux heruntergelassen, und ich nehme an, es war etwas Tolles im Gange, als der Schaffner die Fahrkarten kontrollieren kam und an die Tür klopfte. Sie dachten, wir wären gekommen, um sie zu necken, und wollten ihn zuerst nicht hereinlassen, und als sie es dann doch taten, war er äußerst ungehalten. Er fragte Hillis, ob das sein Abteil sei und ob er und Rosemarie verheiratet wären, da sie die Tür abgeschlossen hätten, und Hillis war sehr aufgeregt, als er zu erklären versuchte, daß alles in Ordnung sei. Er behauptete, der Schaffner habe Rosemarie beleidigt, und wollte sich mit ihm schlagen, aber der Schaffner hätte Unannehmlichkeiten machen können – Sie können mir glauben, es war nicht leicht für mich, alles wieder ins Lot zu bringen.«

Indes sich Dick alle Einzelheiten vorstellte, ja das Paar im Gang sogar um sein gemeinschaftliches Pech beneidete, fühlte er, wie sich ein Wandel in ihm vollzog. Das bloße Bild einer dritten Person, wenn auch einer verschwundenen, die seine Beziehung zu Rosemarie streifte, hatte genügt, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihn mit einer Flut von Schmerz, Elend, Verlangen und Verzweiflung zu überschwemmen. Die deutlich sich abzeichnende Hand auf Rosemaries Wange, das schnellere Atmen, die helle Erregung kennzeichneten die Begebenheit von außen, die unverletzliche, geheime Wärme von innen.

– Ist es dir recht, wenn ich den Vorhang herunterlasse?

– Tu es, bitte. Es ist zu hell hier.

Collis Clay sprach nun über Verbindungsangelegenheiten in New Haven, in dem gleichen Tonfall, mit dem gleichen Nachdruck. Dick war dahintergekommen, daß er in Rosemarie verliebt war, auf eine merkwürdige Art, die er, Dick, nicht begriff. Die Sache mit Hillis schien keinen anderen Eindruck auf Collis' Gefühl gemacht zu haben als den, daß sie ihm die freudige Gewißheit gab, daß Rosemarie »menschlich« war.

»Bones hatte einen riesigen Zulauf«, meinte er. »Den hatten wir eigentlich alle. Jetzt ist New Haven so groß und der Jammer ist, daß wir so viele auslassen müssen.«

– Ist es dir recht, wenn ich den Vorhang herunterlasse?

– Tu es, bitte. Es ist zu hell hier.

... Dick durchquerte Paris und ging zur Bank; dort schrieb er einen Scheck aus und besah sich die Reihe der Angestellten an den Schaltern, um denjenigen herauszufinden, dem er den Scheck zum Prüfen vorlegen könnte. Während er schrieb, war er ganz versunken in die sachliche Beschäftigung, prüfte die Feder mit peinlicher Genauigkeit und schrieb mit Sorgfalt auf dem hohen glasgedeckten Pult. Einmal schaute er mit blicklosen Augen nach der Abteilung für Postsendungen, dann wieder konzentrierte er seinen Geist auf die Gegenstände, mit denen er zu tun hatte.

Und doch gelang es ihm nicht, zu entscheiden, wem der Scheck vorgelegt werden sollte, wer in der Reihe der Männer am wenigsten erraten würde, in welch unglücklicher Verfassung er selbst sich befand, und von wem überdies am wenigsten anzunehmen war, daß er eine Unterhaltung mit ihm anknüpfen würde. Da war Perrin, der verbindliche New Yorker, der ihn zu Lunchs im amerikanischen Klub eingeladen hatte; das war Casasus, der Spanier, mit dem er gewöhnlich über gemeinsame Freunde sprach, ungeachtet der Tatsache, daß die Freunde vor einem Dutzend Jahren schon aus seinem Leben verschwunden waren; da war Muchhause, der ihn jedesmal fragte, ob er das Geld vom Konto seiner Frau oder von seinem eigenen haben wollte.

Als er auf dem Kontrollblatt des Scheckbuches die Summe eintrug und zwei Zeilen darunterschrieb, entschloß er sich, zu Pierce zu gehen, der jung war und vor dem er nur wenig würde Theater spielen müssen. Mitunter war es leichter, selbst Theater zu spielen, als zuzusehen.

Zuerst ging er zum Postschalter, und als die Beamtin, die ihn abfertigte, ein Blatt Papier, das fast vom Tisch geflattert wäre, mit ihrem Busen auffing, dachte er, wie anders doch Frauen ihren Körper brauchten als Männer. Er nahm seine Briefe, trat beiseite und öffnete sie: eine Rechnung für siebzehn psychiatrische Bücher von einem deutschen Verlag, eine Rechnung von Brentano, ein Brief aus Buffalo von seinem Vater, in einer Handschrift, die von Jahr zu Jahr unleserlicher wurde, eine Karte von Tommy Barban mit dem Poststempel Fes und einer drolligen Mitteilung, Briefe von Ärzten aus Zürich, beide in deutscher Sprache, eine umstrittene Rechnung von einem Stukkateur in Cannes, eine Rechnung von einem Möbeltischler, ein Brief von dem Herausgeber einer medizinischen Zeitschrift in Baltimore, verschiedenartige Ankündigungen und eine Einladung zu der Bilderausstellung eines jungen Künstlers; außerdem drei Briefe an Nicole und ein Brief für Rosemarie unter seiner Adresse.

– Ist es dir recht, wenn ich den Vorhang herunterlasse?

Er ging auf Pierce zu, aber Pierce war von einer Dame in Anspruch genommen, und Dick sah sich gezwungen, seinen Scheck am nächsten Schalter Casasus vorzulegen, der frei war.

»Wie geht es Ihnen, Diver?« Casasus war erfreut. Er stand auf. Sein Schnurrbart zog sich in die Breite, als er lachte. »Ich habe neulich mit jemand über Featherstone gesprochen, und da dachte ich an Sie; er ist jetzt in Kalifornien.«

Dick riß die Augen auf und beugte sich etwas nach vorne.

»In Kalifornien?«

»Es wurde mir erzählt.«

Dick balancierte den Scheck auf der Hand; um Casasus' Blick darauf festzuhalten, sah er nach Pierces Schalter hin und verständigte sich mit diesem in einer freundschaftlichen Augensprache, die ihren Ursprung in einem Spaß von vor drei Jahren hatte, als Pierce mit einer litauischen Gräfin liiert gewesen war. Pierce nahm das Spiel mit einem Grinsen auf, bis Casasus den Scheck anerkannt hatte und nun keinen Grund mehr fand, Dick, den er gern mochte, zurückzuhalten; darum erhob er sich, rückte seinen Klemmer zurecht und wiederholte: »Ja, er ist in Kalifornien.«

Unterdessen hatte Dick festgestellt, daß Perrin am Anfang der Schalterreihe sich mit dem Weltmeister im Schwergewicht unterhielt; aus einem Seitenblick, den Perrin auf ihn warf, schloß Dick, daß er ihn hinüberrufen und bekannt machen wollte, aber schließlich davon Abstand nahm.

Er schnitt Casasus' Redseligkeit mit der Heftigkeit ab, die sich seiner am Glaspult bemächtigt hatte – das heißt, er sah sich den Scheck angestrengt an, heftete seinen Blick dann auf ernsthafte Probleme, die sich jenseits der ersten Marmorsäule, rechts vom Kopf des Bankbeamten befanden, machte sich mit seinem Stock und Hut und mit den Briefen, die er trug, zu schaffen – sagte auf Wiedersehen und ging hinaus. Beim Portier hatte er sich schon vor langer Zeit durch Trinkgelder beliebt gemacht; sein Taxi sauste an die Bordkante.

»Ich möchte zum Par Excellence-Filmstudio. Es ist in einer kleinen Straße in Passy. Fahren Sie bis zur Muette.«

Durch die Ereignisse der letzten achtundvierzig Stunden war er so unsicher geworden, daß er nicht einmal wußte, was er wollte; er bezahlte das Taxi bei der Muette und ging zu Fuß in der Richtung zum Studio, wobei er die Straße überquerte, bevor er zu dem Gebäude kam. Würdig in seiner gutsitzenden Kleidung mit dem eleganten Drum und Dran, wurde er dennoch gelenkt und getrieben wie ein Tier. Würde konnte nur durch das Auslöschen seiner Vergangenheit und der Anstrengung der letzten sechs Jahre erzielt werden. Schnell ging er um den Häuserblock herum, albern wie eine von Tarkingtons Jünglingsgestalten, hastete an den Stellen ohne Ausgang vorbei, um Rosemarie ja nicht zu verfehlen, wenn sie das Studio verließ. Es war eine trübselige Gegend. An der nächstgelegenen Tür sah er ein Schild: »100 000 chemises«. Das Fenster war vollgestopft, ausgelegt und drapiert mit Hemden, die den Schaukasten mit marktschreierischer Eleganz füllten: »Hunderttausend Hemden« – zähl sie! Rechts und links davon las er: »Papeterie«, »Pâtisserie«, »Solde«, »Réclame« – und Constance Talmadge in »Déjeuner de Soleil«; weiter weg waren düstere Anpreisungen: »Vêtements Ecclésiastiques«, »Déclaration de Décès« und »Pompes Funêbres«. Leben und Tod.

Er wußte, daß das, was er jetzt tat, einen Wendepunkt in seinem Leben bedeutete, daß es im Gegensatz zu allem Vorangegangenen stand, ja sogar im Gegensatz zu jeglicher Wirkung, die er auf Rosemarie zu machen hoffte. Rosemarie sah in ihm ein Muster an Korrektheit – seine Gegenwart hier, sein Herumgehen um diesen Häuserblock war eine Zudringlichkeit. Aber die Notwendigkeit für Dick, so zu handeln, wie er es tat, war die Widerspiegelung einer versunkenen Wirklichkeit: er war gezwungen, hier zu gehen oder dort zu stehen, mit seinem Hemdärmel, der sein Handgelenk umschloß, und seinem Rockärmel, der seinen Hemdärmel umhüllte wie eine Muschelschale, mit seinem Kragen, der plastisch um seinen Hals lag, mit seinem roten, sorgfältig geschnittenen Haar und seiner Hand, in der er, wie ein Stutzer, eine kleine Brieftasche trug – wie ein anderer Mann es einstmals für notwendig befunden hatte, in Sack und Asche vor einer Kirche in Ferrara zu stehen. Dick zahlte irgendeinen Tribut an Dinge, die immer noch unvergessen, unvergeben und ungetilgt waren.

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