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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 30
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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VI

Obgleich die Divers von Herzen gleichgültig gegen vorgeschriebene gesellschaftliche Formen waren, so waren sie doch zu gescheit, um ihren zeitbedingten Rhythmus und Pulsschlag zu mißachten. Dick war immer darauf aus, daß auf seinen Gesellschaften Hochbetrieb herrschte, und ein zufälliger Hauch frischer Nachtluft war um so köstlicher, da er in den Intervallen der Erregung genossen wurde.

Die Gesellschaft jenes Abends bewegte sich im Tempo einer Narrenkomödie. Sie waren zwölf, sie waren sechzehn, sie saßen immer zu viert in verschiedenen Autos und unternahmen eine Art Odyssee durch Paris. Für alles war gesorgt worden. Wie von geheimnisvoller Kraft gelenkt, gesellten sich ihnen Menschen zu und begleiteten sie als Spezialisten, fast als Führer durch eine Phase des Abends, schieden aus und wurden durch andere ersetzt, so daß es den Anschein hatte, als sei die Frische eines jeden während des ganzen Tages für sie aufgespeichert worden. Es kam Rosemarie zum Bewußtsein, wie anders es war als alle Festlichkeiten in Hollywood, so prächtig diese auch aufgezogen sein mochten. Unter vielen Zerstreuungen war da das Auto des Schahs von Persien. Wo Dick dieses Vehikel aufgetrieben und wen er deswegen bestochen hatte, das war belanglos. Rosemarie nahm es nur als eine neue Facette des Wundersamen hin, das seit zwei Jahren ihr Leben füllte. Der Wagen war in Amerika auf ein besonderes Fahrgestell gebaut worden. Räder und Kühler waren aus Silber. Das Innere des Wagens war mit unzähligen Brillanten verziert, die, wenn der Wagen in der nächsten Woche in Teheran ankam, vom Hofjuwelier durch kostbare Edelsteine ersetzt werden sollten. Es war nur ein einziger richtiger Rücksitz vorhanden, da der Schah allein fahren mußte; darum fuhren sie der Reihe nach in dem Wagen spazieren, wobei sie auf dem Marderfell am Boden saßen.

Aber immerzu war Dick da. Rosemarie versicherte dem Bild ihrer Mutter, das sie immer bei sich trug, daß sie noch nie jemand kennengelernt habe, der so nett, so von Grund auf nett sei wie Dick heute abend. Sie verglich ihn mit den beiden Engländern, die Abe gewissenhaft ›Major Hengist und Herr Horsa‹ anredete, mit dem skandinavischen Thronerben, mit dem Romanschriftsteller, der eben aus Rußland zurückgekommen war, mit Abe, der verzweifelt und witzig war, und mit Collis Clay, der sich ihnen irgendwo angeschlossen hatte und dabeiblieb – und fand, daß er ohnegleichen war. Die Begeisterung, die Selbstlosigkeit, die hinter der ganzen Veranstaltung lagen, entzückten sie, und die Fertigkeit, viele verschiedenartige Typen in Bewegung zu halten, von denen jeder so unbeweglich und so auf ständige Beaufsichtigung angewiesen war wie ein Infanteriebataillon auf Proviantnachschub, schien so mühelos, daß Dick immer noch Teile seines ganz persönlichen Selbsts für jeden übrig hatte.

Später erinnerte sie sich der Augenblicke, in denen sie am glücklichsten gewesen war. Zuerst, als sie und Dick zusammen tanzten und als sie fühlte, wie ihre Schönheit neben seiner großen, stattlichen Gestalt strahlend zur Geltung kam, indes sie wie Personen in einem lieblichen Traum dahintrieben und schwebten; er führte sie zart und drehte sie hierhin und dorthin, als sei sie ein prächtiger Blumenstrauß oder ein Stück kostbaren Stoffes, das vor fünfzig Augenpaaren gezeigt werden sollte. Dann kam ein Augenblick, in dem sie gar nicht tanzten, sondern sich nur umschlungen hielten. Zuweilen, am frühen Morgen, waren sie allein, und ihr feuchter, nach Puder riechender Körper in zerdrücktem Kleid schmiegte sich dicht an ihn und verharrte dort, den Rücken an die Hüte und Umhüllungen anderer Leute gelehnt ...

Am meisten gelacht hatte sie späterhin, als sechs von ihrer Gesellschaft, die sechs besten, die erlesensten Überbleibsel des Abends, in der dämmrigen Eingangshalle des Ritz standen und dem Nachtportier mitteilten, General Pershing sei draußen und verlange nach Kaviar und Champagner. »Es duldet keinen Aufschub. Jeder Mann, jedes Gewehr muß in seinen Dienst gestellt werden.« Kellner kamen von irgendwoher angestürzt, ein Tisch wurde in die Halle gestellt, und Abe, der den General Pershing darstellte, kam herein, und sie alle standen auf und summten ihm halbvergessene Bruchstücke von Kriegsliedern vor. Sie fühlten sich vernachlässigt, als die Kellner auf diesen Stumpfsinn sauer reagierten, und errichteten eine Kellnerfalle, eine riesenhafte, phantastische Vorrichtung, die aus sämtlichen Einrichtungsgegenständen der Halle bestand und wie eine der bizarren Maschinerien aus einer Goldbergzeichnung funktionierte. Abe schüttelte zweifelnd den Kopf, als er sie sah.

»Vielleicht wäre es besser, eine singende Säge zu klauen und –«

»Jetzt ist es genug«, unterbrach Mary. »Wenn Abe damit anfängt, ist es Zeit, nach Hause zu gehen.« Besorgt vertraute sie Rosemarie an:

»Ich muß sehen, daß ich Abe nach Hause bekomme. Der Zug, der ihn zum Schiff bringt, fährt um elf Uhr. Es ist so wichtig – ich fühle, seine ganze Zukunft hängt davon ab, daß er ihn erreicht, aber sobald ich mit ihm darüber rede, tut er genau das Gegenteil.«

»Ich werde versuchen, ihn zu überreden«, erbot sich Rosemarie.

»Ja, willst du's?« meinte Mary zweifelnd. »Vielleicht gelingt es dir.«

Dann kam Dick auf Rosemarie zu.

»Nicole und ich gehen nach Hause. Ich dachte, du würdest vielleicht mitkommen wollen.«

In der trügerischen Dämmerung sah ihr Gesicht blaß und müde aus. Da, wo ihre Wangen bei Tage Farbe hatten, lagerten dunkle Schatten.

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Ich habe Mary North versprochen, bei ihnen zu bleiben, sonst geht Abe überhaupt nicht zu Bett. Vielleicht kannst du etwas erreichen.«

»Weißt du nicht, daß man bei den Menschen gar nichts erreichen kann?« belehrte er sie. »Wenn Abe auf der Universität mein Zimmerkamerad und zum erstenmal betrunken wäre, läge die Sache anders. So ist nichts zu machen.«

»Jedenfalls muß ich bleiben. Er sagt, er will zu Bett gehen, wenn wir mit ihm zu den Markthallen fahren«, sagte sie, fast herausfordernd.

Er küßte sie schnell in die Armbeuge.

»Laßt Rosemarie nicht allein nach Hause gehen«, rief Nicole Mary zu, als sie sich verabschiedet hatten. »Wir fühlen uns ihrer Mutter gegenüber verantwortlich.«

Später thronten Rosemarie, das Ehepaar North, ein Puppenstimmenfabrikant aus Newark, der allgegenwärtige Collis und ein großer, prächtig gekleideter Petroleum-Indianer namens George T. Horseprotection auf Tausenden von Mohrrüben in einem Marktwagen. Die an den Mohrrüben haftende Erde war voller Wohlgeruch und Süße in der Dunkelheit, und Rosemarie saß so hoch oben auf der Ladung, daß sie die anderen in den langen Schattenstrecken zwischen den spärlichen Straßenlaternen kaum sehen konnte. Ihre Stimmen erklangen aus weiter Ferne, als erlebten sie andere Dinge als sie, anders und weit weg, denn sie war im Herzen bei Dick; es tat ihr leid, daß sie mit Norths gegangen war, und sie wünschte, sie sei im Hotel und er schliefe jenseits des Flurs, oder er sei hier bei ihr unter der warm niederfließenden Dunkelheit.

»Komm nicht herauf«, rief sie Collis zu. »Die Mohrrüben werden ins Rollen kommen.« Sie warf eine nach Abe, der, steif wie ein alter Mann, neben dem Fahrer saß ...

Später endlich war sie bei hellem Tageslicht auf dem Weg nach Hause, als die Tauben bereits über Saint Sulpice flogen. Sie alle fingen unvermittelt zu lachen an, weil es ihnen zum Bewußtsein kam, daß es immer noch gestern abend war, während die Leute auf der Straße sich der Täuschung hingaben, es sei heller, warmer Morgen.

»Endlich einmal habe ich eine tolle Gesellschaft mitgemacht«, dachte Rosemarie, »aber es macht keinen Spaß, wenn Dick nicht dabei ist.«

Sie fühlte sich ein wenig verlassen und traurig, doch alsbald kam ein sich bewegender Gegenstand in Sicht. Es war eine riesige Roßkastanie in voller Blüte, die, mit Riemen auf einem Lastkraftwagen befestigt, auf dem Wege nach den Champs Elysées war und sich vor Gelächter schüttelte wie eine reizende Person in einer entwürdigenden Situation, in der sie sich dennoch ihrer Lieblichkeit bewußt ist. Ganz bezaubert blickte Rosemarie den Baum an, identifizierte sich mit ihm, und mit einemmal schien alles prächtig.

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