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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 29
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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V

Es war ein Haus nach dem Vorbild des Palastes von Kardinal de Retz in der Rue Monsieur gebaut, aber wenn man sich erst im Inneren befand, war nichts von der Vergangenheit zu spüren und auch nichts von der Gegenwart, wie Rosemarie sie kannte. Die äußere Schale, das Mauerwerk, schien eher die Zukunft zu umschließen, so daß es wie ein elektrischer Schlag war, ein Nervenerlebnis, widersinnig wie ein Frühstück aus Hafermehl und Haschisch, wenn man über die Schwelle – sofern es Schwelle genannt werden konnte – in die lange, stahlblau und silbern glänzende Halle trat mit den Myriaden von Facetten seltsam schräg geschliffener Spiegel. Die Wirkung war anders als in irgendeinem Teil der Kunstgewerbe-Ausstellung – denn hier befanden sich die Leute darin, nicht davor. Rosemarie hatte das trügerisch erregende Gefühl, sich inmitten eines Bühnenbildes zu befinden, und sie nahm an, daß alle Anwesenden die gleiche Vorstellung hatten.

Es waren etwa dreißig Leute da, in der Hauptsache Frauen, alle im Stil Louisa M. Alcotts oder Madame de Ségurs angezogen, und sie agierten in diesem Bühnenbild so behutsam und so ängstlich bedacht wie eine menschliche Hand, die scharfkantige Glasscherben aufnimmt. Weder als Einzelpersonen noch als Gesamtheit konnte man von ihnen sagen, daß sie diese Umgebung beherrschten, wie man dazu gelangt, ein Kunstwerk zu beherrschen, so esoterisch es auch sein mag. Niemand wußte, was dieser Raum bedeutete, weil er in der Entwicklung zu etwas anderem begriffen war, zu etwas, das alles eher war als ein Zimmer. Sich darin aufzuhalten, war ebenso schwer, wie sich auf einer frisch gebohnerten Rolltreppe zu bewegen, und man konnte es überhaupt nur mit den Eigenschaften einer Hand zuwege bringen, die mit Glasscherben umgeht – Eigenschaften, die der Mehrzahl der Anwesenden Grenzen setzten und sie charakterisierten.

Diese Anwesenden waren von zweierlei Art. Da waren die Amerikaner und Engländer, die den ganzen Frühling und Sommer lang ihrem Vergnügen nachgegangen waren, so daß jetzt alles, was sie taten, einem bloßen nervösen Impuls entsprang. Zu gewissen Zeiten waren sie sehr still und apathisch, um dann unvermittelt Streit vom Zaun zu brechen, Zusammenbrüche zu erleiden oder ein bezauberndes Wesen an den Tag zu legen. Die andere Gruppe, die man die Regsamen nennen könnte, wurde von Leuten gebildet, die im Vergleich zu den anderen nüchtern und ernsthaft waren, ein Lebensziel vor sich hatten und keine Zeit, Narrenspossen zu treiben. Sie bewahrten in dieser Umgebung noch am ehesten ihr Gleichgewicht, und was in den Gesprächen jenseits der oberflächlichen Beurteilung neuzeitlicher Wohnungsgestaltung lag, kam von ihnen.

Der Strudel verschlang Dick und Rosemarie augenblicklich – sie wurden voneinander getrennt, und Rosemarie entdeckte mit einemmal, daß sie eine unaufrichtige kleine Person war, die ausschließlich in der oberen Stimmlage ihres Kehlkopfes lebte und hoffte, daß der Regisseur käme. Es herrschte jedoch ein so wildes Flügelschlagen im Raum, daß sie ihre eigene Gemütsverfassung nicht ungereimter fand als die irgendeines anderen. Überdies zeigte sich die Wirkung ihrer Erziehung, und nach einer Reihe von halbmilitärischen Wendungen, Umgehungen und Vorwärtsbewegungen befand sie sich scheinbar im Gespräch mit einem zierlichen, flotten Mädchen mit reizendem Jungengesicht, wurde aber in Wirklichkeit von einer Unterhaltung gefesselt, die schräg gegenüber, in etwa einem Meter Entfernung von ihr, auf einer Art Stahlgestell geführt wurde.

Drei junge Damen saßen auf dieser Bank. Sie waren alle groß und schlank, hatten schmale, elegant frisierte Köpfe wie Mannequins, und wenn sie sprachen, bewegten sich die Köpfe über den dunklen Schneiderkostümen anmutig hin und her, fast wie langstielige Blumen, fast wie Kobrakappen.

»Oh, ihr Auftreten ist fabelhaft«, sagte eine von ihnen mit tiefer, volltönender Stimme. »Sie können sich tatsächlich in Paris sehen lassen – ich wäre die letzte, die das leugnen wollte. Aber schließlich –« Sie seufzte. »Diese Redensarten, die er immer wieder gebraucht: ›Ältester Einwohner von Nagetieren angefressen‹ – darüber lacht man nur einmal.«

»Mir sind Leute lieber, deren Leben äußerlich nicht so glatt verläuft«, sagte die zweite, »und sie gefällt mir nicht.«

»Ich habe nie in Entzücken über sie geraten können, wie auch nicht über ihren Umgang. Diesen völlig unter Alkohol stehenden Herrn North, zum Beispiel.«

»Der scheidet aus«, sagte das erste Mädchen. »Aber ihr müßt doch zugeben, daß die in Frage stehenden Leute die bezauberndsten Geschöpfe sein können, denen ihr je begegnet seid.«

Erst durch diesen Hinweis kam Rosemarie darauf, daß sie von den Divers sprachen, und ihr Körper straffte sich vor Empörung. Aber das Mädchen, das mit ihr sprach – in der blauen gestärkten Hemdbluse, mit den glänzenden blauen Augen, den roten Wangen und dem mausgrauen Kostüm ein Mädchen wie auf einem Plakat –, hatte angefangen, sich ins Zeug zu legen. Verzweifelt räumte sie Dinge aus dem Weg, die zwischen ihnen lagen, weil sie fürchtete, Rosemarie könne sie nicht sehen, räumte sie weg, so daß alsbald auch nicht der dünnste Schleier von Humor das Mädchen verhüllte, und mit Abscheu sah Rosemarie sie so, wie sie war.

»Könnten Sie nicht zum Lunch kommen oder zum Dinner oder am Tag darauf zum Lunch?« bettelte das Mädchen. Rosemarie sah sich nach Dick um und entdeckte ihn bei der Gastgeberin, mit der er sich, seit sie gekommen waren, unterhalten hatte. Ihre Blicke begegneten sich, er nickte leicht mit dem Kopf, und im selben Moment wurde sie von den drei Kobradamen bemerkt; ihre langen Hälse reckten sich in ihrer Richtung, sie musterten sie mit scharfen, kritischen Augen. Trotzig gab sie die Blicke zurück und ließ damit erkennen, daß sie das Gespräch mit angehört hatte. Dann verabschiedete sie ihr anspruchsvolles Gegenüber höflich, aber kurz angebunden, wie sie es gerade erst von Dick gelernt hatte, und ging zu ihm hinüber. Die Gastgeberin, ebenfalls ein großes, amerikanisches Mädchen, das den nationalen Wohlstand unbekümmert zur Schau trug, bestürmte Dick mit unzähligen Fragen über Gausses Hotel, wohin sie augenscheinlich zu kommen gedachte, und ging hartnäckig gegen sein Widerstreben an. Rosemaries Anwesenheit erinnerte sie daran, daß sie ihre Pflichten als Gastgeberin vernachlässigt hatte, und umherblickend sagte sie: »Haben Sie eine interessante Bekanntschaft gemacht, haben Sie Herrn –« Ihre Augen spähten nach einem männlichen Wesen aus, das Rosemarie vielleicht hätte gefallen können, aber Dick sagte, sie müßten gehen. Sie brachen auch sofort auf, indem sie sich über die schmale Schwelle der Zukunft unvermittelt in die Vergangenheit der Steinfassade draußen begaben.

»War es nicht schrecklich?« fragte er.

»Schrecklich«, gab sie gehorsam zurück.

»Rosemarie?«

»Was?« murmelte sie mit ängstlicher Stimme.

»Diese Geschichte ist mir schrecklich.«

Sie wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt. »Hast du ein Taschentuch?« stammelte sie. Aber es war keine Zeit zum Weinen, nun, da sie Liebende waren, stürzten sie sich gierig auf die fliehenden Sekunden, während draußen vor den Taxifenstern das grünlich kremfarbene Zwielicht dahinstarb und die feuerroten, gasblauen und gespenstiggrünen Signale verschwommen durch den leisen Regen zu scheinen begannen. Es war fast sechs Uhr, die Straßen waren belebt, die Lokale beleuchtet, und die Place de la Concorde zog in rötlicher Majestät an ihnen vorüber, als der Wagen nach Norden einbog.

Schließlich sahen sie einander an und murmelten Namen, die wie Zauberformeln waren. Sacht verweilten die beiden Namen in der Luft, vergingen langsamer als andere Wörter, andere Namen, so wie Musik, die einem im Ohr klingt.

»Ich weiß nicht, was gestern abend mit mir war«, sagte Rosemarie. »Ob es am Sekt lag? Ich habe so etwas noch nie getan.«

»Du hast mir nur gesagt, daß du mich liebst.«

»Ja, ich liebe dich – ich kann es nicht ändern.« Dies war für Rosemarie der Zeitpunkt zu weinen, darum weinte sie.

»Ich fürchte, auch ich bin in dich verliebt«, sagte Dick, »und das ist nicht gerade das Beste, was passieren konnte.«

Wieder erklangen die Namen, dann taumelten sie sich in die Arme, als habe der Wagen sie zusammengeschleudert. Ihre Brust preßte sich an ihn, ihr frischer Mund war ganz warm und gehörte ihnen beiden. Mit nahezu schmerzhafter Erleichterung hörten sie auf zu denken, zu sehen; sie atmeten nur und suchten einander. Sie befanden sich beide in einer grauen, milden Welt, unter einer sanften Hülle von Müdigkeit, wenn die Nerven bündelweise, wie Klaviersaiten, nachgeben und plötzlich knistern wie Korbstühle. So empfindliche und zarte Nerven müssen unweigerlich zusammenkommen, wie Lippe zu Lippe, Brust zu Brust ...

Sie befanden sich noch in dem glücklicheren Stadium der Liebe. Sie steckten noch voll trefflicher Illusionen übereinander, voll ungeheurer Illusionen, so daß die Verschmelzung des einen Ichs mit dem anderen auf einer Ebene zu liegen schien, wo andere menschliche Beziehungen nicht in Betracht kamen. Es hatte den Anschein, als wären sie beide in völliger Unschuld dorthin gelangt, als hätte sie eine Reihe bloßer Zufälle zusammengebracht, so vieler Zufälle, daß sie schließlich zwangsläufig zu der Annahme kamen, daß sie füreinander bestimmt seien. Sie waren mit sauberen Händen hingelangt – so jedenfalls schien es –, ohne bloßer Neugierde zu folgen oder Schleichwege einzuschlagen.

Aber für Dick war dieser Teil der Strecke kurz; der Wendepunkt trat ein, bevor sie beim Hotel anlangten.

»Dagegen ist nichts zu machen«, sagte er mit einem Gefühl panischer Angst. »Ich liebe dich, aber das ändert nichts an dem, was ich gestern abend gesagt habe.«

»Das tut jetzt nichts mehr. Ich wollte nur, daß du mich liebst. Wenn du mich liebst, ist alles gut.«

»Unglücklicherweise ist es der Fall. Aber Nicole darf es nicht erfahren, sie darf auch nicht den leisesten Verdacht hegen. Nicole und ich sind darauf angewiesen, miteinander glücklich zu sein. In einer Weise ist das wichtiger, als nur glücklich sein zu wollen.«

»Küß mich noch einmal.«

Er küßte sie, aber ließ augenblicklich wieder von ihr ab.

»Nicole darf nicht leiden – sie liebt mich, und ich liebe sie –, das mußt du verstehen.«

Sie verstand es – es war eine Sache, die sie gut verstand: anderen nicht wehe tun. Sie wußte, daß die Divers sich liebten, weil es ihr erster Eindruck gewesen war. Sie hatte jedoch geglaubt, daß es ein etwas abgekühltes Verhältnis sei und in Wirklichkeit mehr wie die Liebe zwischen ihr und ihrer Mutter. Zeugte es nicht von einem Mangel an innerer Intensität, wenn Menschen so viel für Außenstehende übrig hatten?

»Und ich verstehe darunter Liebe«, sagte er, ihre Gedanken erratend. »In die Tat umgesetzte Liebe – es ist komplizierter, als ich dir sagen kann. Das war auch verantwortlich für dieses verrückte Duell.«

»Woher weißt du von dem Duell? Ich dachte, du solltest nichts davon erfahren.«

»Meinst du, Abe kann ein Geheimnis für sich behalten?« Er sprach mit schneidender Ironie. »Verbreite ein Geheimnis über den Rundfunk, veröffentliche es in der Zeitung, aber vertraue es keinem Mann an, der mehr als drei oder vier pro Tag trinkt.«

Sie lachte zustimmend, blieb dicht bei ihm.

»Du verstehst, mein Verhältnis zu Nicole ist komplizierter Natur. Sie ist nicht sehr kräftig – sie sieht wohl kräftig aus, ist es aber nicht. Und dadurch entstehen Schwierigkeiten.«

»Ach, sag mir das später! Küß mich jetzt – liebe mich jetzt. Ich werde dich lieben und Nicole niemals etwas merken lassen.«

»Liebling du.«

Sie kamen zum Hotel, und Rosemarie ging etwas hinter ihm, um ihn zu bewundern, ihn anzuhimmeln. Sein Gang war federnd, als ob er von der Verrichtung großer Taten komme und neuen entgegeneile. Ein Veranstalter privater Belustigungen, ein Mittler intensiven Glückes. Sein Hut war vollkommen, und er trug einen schweren Stock und gelbe Handschuhe. Sie dachte, wie gut sie sich alle heute abend mit ihm amüsieren würden.

Sie gingen zu Fuß die Treppe hinauf – fünf Stockwerke. Auf dem ersten Absatz blieben sie stehen und küßten sich; beim zweiten war sie vorsichtig, beim dritten noch vorsichtiger. Beim nächsten – es blieben noch zwei – blieb sie kurz stehen und gab ihm einen flüchtigen Abschiedskuß. Auf sein Drängen hin ging sie mit ihm für eine Minute auf den unteren Treppenabsatz zurück und dann direkt nach oben. Zum Schluß reichten sie sich die Hände am schräglaufenden Treppengeländer entlang, dann glitten ihre Finger auseinander. Dick ging noch einmal hinunter, um einige Anordnungen für den Abend zu treffen. Rosemarie lief in ihr Zimmer und schrieb einen Brief an ihre Mutter; sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie sie gar nicht vermißte.

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