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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 25
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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Drittes Buch

I

Dick bog um die Ecke der Traverse und setzte seinen Weg durch den Graben, auf den ausgelegten Brettern gehend, fort. Er kam zu einem Periskop, blickte eine Minute hindurch, dann trat er auf die Stufe und guckte über die Brustwehr. Vor ihm, unter einem schmutziggrauen Himmel, lag Beaumont Hamel, links von ihm der vielumkämpfte Hügel von Thiepval. Dick starrte durch seinen Feldstecher hinüber, und seine Kehle preßte sich in Trauer zusammen.

Er ging den Graben entlang und traf auf die anderen, die in der nächsten Traverse auf ihn warteten. Er war in großer Erregung und fühlte das Bedürfnis, sich ihnen mitzuteilen, um es ihnen verständlich zu machen, obwohl Abe North tatsächlich an der Front gewesen war und er nicht.

»Jeder Fußbreit dieser Landschaft hat in jenem Sommer zwanzig Menschenleben gekostet«, sagte er zu Rosemarie. Diese blickte gehorsam über die ziemlich kahle grüne Ebene mit ihrem niedrigen, sechs Jahre alten Baumbestand. Wenn Dick hinzugefügt hätte, sie würden gleich beschossen werden, hätte sie ihm das an diesem Nachmittag geglaubt. Ihre Liebe hatte jetzt einen Punkt erreicht, wo sie endlich anfing, unglücklich, ja verzweifelt zu sein. Sie wußte nicht aus noch ein.

»Eine Menge Menschen sind seitdem gestorben, und wir alle werden einmal sterben«, sagte Abe tröstend.

Rosemarie wartete gespannt, was Dick weiter sagen würde.

»Sieh den kleinen Fluß dort – wir können in zwei Minuten hingelangen. Die Engländer brauchten einen Monat, um hinzukommen – ein ganzes Reich ging sehr langsam vor, starb vorne und drückte von hinten nach. Ein anderes Reich ging sehr langsam zurück, einige Zoll breit täglich, und ließ die Toten wie eine Million blutiger Fetzen liegen. Kein Europäer wird in dieser Generation ein Gleiches tun.«

»Na, in der Türkei haben sie gerade erst aufgehört«, sagte Abe. »Und in Marokko –«

»Das ist etwas anderes. Das, was an der Westfront vor sich gegangen ist, kann sobald nicht wieder geschehen. Die jungen Leute denken, sie könnten es, aber sie könnten es nicht. Die erste Marneschlacht könnten sie wieder schlagen, aber dieses hier nicht. Die Voraussetzungen hierfür waren Religion, Jahre des Wohlstandes und unbegrenzter Sicherheit und die genau festgelegten Beziehungen der Klassen zueinander. Die Russen und Italiener taugten nichts an dieser Front. Man mußte schon über ein vollkommenes seelisches und gefühlsmäßiges Rüstzeug verfügen, das weiter zurückreichte als das Gedächtnis. Man mußte sich an Weihnachten erinnern können, an Postkarten mit dem Kronprinzen und seiner Verlobten, an kleine Cafés in Valencia und Biergärten Unter den Linden, an standesamtliche Trauungen, an Derby-Besuche und an Großvaters Backenbart.«

»General Grant hat sich diese Art der Kriegführung im Jahr fünfundsechzig in Petersburg ausgedacht.«

»Falsch – er erfand bloß die Metzeleien in großem Stil. Diese Art der Kriegführung haben sich Lewis Carrol und Jules Verne ausgedacht und derjenige, der ›Undine‹ geschrieben hat, außerdem kegelschiebende Landgeistliche und Matrosen in Marseille und Mädchen, die in württembergischen und westfälischen Seitengäßchen verführt wurden. Dies war eine Liebesschlacht: ein Jahrhundert der Liebe des Mittelstandes wurde hier zunichte gemacht. Es war die letzte Schlacht sterbender Ideale.«

»Du möchtest diese Schlacht wohl auf D. H. Lawrence abschieben?« fragte Abe.

»Hier hat sich meine wunderbare, herrliche, sichere Welt in einem großen Ausbruch von hochexplosivem Idealismus in die Luft gesprengt«, klagte Dick hartnäckig weiter. »Stimmt es nicht, Rosemarie?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie mit ernstem Gesicht. »Du weißt alles.«

Sie blieben hinter den anderen zurück. Plötzlich kam ein Schauer von Erdbrocken und Steinen auf sie herab, und Abe schrie aus der nächsten Traverse:

»Der Geist des Krieges kommt wieder über mich. Ich habe hundert Jahre Ohio-Idealismus in mir und werde diesen Graben bombardieren.« Sein Kopf tauchte über dem Wall auf. »Ihr seid tot – kennt ihr die Spielregeln nicht? Das war eine Granate.«

Rosemarie lachte, und Dick hob eine Handvoll Steine auf, um Vergeltung zu üben, legte sie aber wieder hin.

»Ich kann hier mit diesen Dingen nicht scherzen«, sagte er, wie um Entschuldigung bittend. »Die silberne Schnur ist zerschnitten, und der goldene Napf ist zerbrochen, aber ein alter Romantiker, wie ich es bin, kann nichts dazu tun.«

»Ich bin auch romantisch.«

Sie entstiegen dem sauber wiederhergestellten Graben und fanden sich einem Gedenkstein für die Toten von Neufundland gegenüber. Rosemarie brach plötzlich in Tränen aus, als sie die Inschrift las. Wie die meisten Frauen hatte sie es gern, wenn ihr gesagt wurde, wie sie fühlen sollte, und es gefiel ihr, daß Dick ihr sagte, welche Dinge spaßig und welche traurig waren. Aber vor allem wollte sie, daß er wußte, wie sehr sie ihn liebte, jetzt, da diese Tatsache alles andere in den Schatten stellte.

Bald darauf bestiegen sie ihren Wagen und machten sich auf den Rückweg nach Amiens. Ein feiner warmer Regen fiel auf das kümmerliche Buschwerk und das Unterholz, und sie fuhren vorbei an ganzen Bergen von ausgegrabenen Blindgängern, Geschossen, Bomben und Granaten, von Ausrüstungsgegenständen, Helmen, Bajonetten, morschem Leder und Flintenschäften, die seit sechs Jahren in der Erde geruht hatten. Und unvermittelt, hinter einer Straßenbiegung, tauchten die weißen Kuppen eines Meeres von Gräbern auf. Dick ließ den Chauffeur halten.

»Da ist das Mädchen wieder – und sie hat immer noch den Kranz.«

Sie beobachteten, wie er ausstieg und zu dem Mädchen hinging, das mit einem Kranz in der Hand unschlüssig an der Pforte stand. Ihr Taxi wartete. Es war ein rothaariges Mädchen aus Tennessee, das sie am selben Morgen im Zug kennengelernt hatten. Sie kam aus Knoxville, um ein Erinnerungszeichen auf das Grab ihres Bruders zu legen. Tränen des Verdrusses liefen über ihre Wangen.

»Das Kriegsministerium muß mir eine falsche Nummer gegeben haben«, jammerte sie. »Es stand ein anderer Name darauf. Seit zwei Uhr suche ich danach, und es sind so viele Gräber.«

»Nun, ich an Ihrer Stelle würde den Kranz auf irgendein Grab legen, ohne nach dem Namen zu sehen«, riet Dick.

»Meinen Sie, daß ich das tun sollte?«

»Ich meine, das wäre in seinem Sinne.«

Es wurde dunkel, und es regnete stärker. Sie legte den Kranz auf das erste Grab jenseits der Pforte und nahm Dicks Vorschlag an, ihr Taxi zu entlohnen und mit ihnen nach Amiens zu fahren.

Rosemarie vergoß wieder Tränen, als sie von dem Mißgeschick hörte – alles in allem war es ein tränenreicher Tag gewesen, aber sie fühlte, daß sie etwas gelernt hatte, wenn sie auch nicht recht wußte, was es war. In der Erinnerung kamen ihr diese Nachmittagsstunden alle glücklich vor – es war eine jener ereignislosen Zeitspannen, die lediglich ein Bindeglied zwischen vergangenen und zukünftigen Freuden zu sein scheinen, bis man erkennt, daß sie die Freude an sich waren.

Amiens war eine Stadt, der man die einstige Pracht noch immer ansah, obwohl sie unter dem Krieg gelitten hatte wie manche Bahnhöfe: die Gare du Nord und Waterloo Station in London. Bei Tage ist man deprimiert von solchen Städten mit ihren kleinen Gemüsekarren von vor zwanzig Jahren, die über das Kopfsteinpflaster der großen, grauen Plätze vor der Kathedrale fahren, und selbst dem Wetter scheint etwas von der Vergangenheit anzuhaften, verschwommenes Wetter, wie auf alten Photographien. Aber nach Dunkelwerden gewinnt das Bild alles zurück, was das französische Leben angenehm macht: die munteren Straßenmädchen, die Männer, die mit ihrem ewigen »voilà« in den Cafés disputieren, die Pärchen, die sich allesamt irgendwohin treiben lassen, wo sie billig auf ihre Kosten kommen. Indes sie auf den Zug warteten, saßen sie in einem großen Gewölbe, das hoch genug war, um dem Rauch, dem Geschwätz und der Musik einen Abzug nach oben zu gewähren, und zuvorkommend stimmte die Kapelle »Ausgerechnet Bananen« an; sie klatschten, weil der Dirigent so zufrieden mit sich selbst aussah. Das Mädchen aus Tennessee vergaß seinen Kummer, amüsierte sich und fing mit tropischem Augenrollen und Händetatschen einen Flirt mit Dick und Abe an. Sie neckten es ein wenig.

Sie überließen das, was noch übrig war von den württembergischen Regimentern, der preußischen Garde, den Alpenjägern, den Fabrikarbeitern aus Manchester und den ehemaligen Eton-Schülern, seinem immerwährenden Auflösungsprozeß unter dem warmen Regen und fuhren mit der Eisenbahn nach Paris. Sie aßen Butterbrot mit Mortadella und schönem Landkäse, der in der Bahnhofswirtschaft zubereitet worden war, und tranken Beaujolais. Nicole war zerstreut, biß sich unaufhörlich auf die Lippen und las immer wieder im Führer durch das Schlachtfeld, den Dick ihr mitgebracht hatte. Eigentlich hatte Dick aus der ganzen Besichtigung eine flüchtige Angelegenheit gemacht, hatte sie so lange für sie vereinfacht, bis sie anfing, eine entfernte Ähnlichkeit mit seinen Gesellschaften zu bekommen.

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