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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 21
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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Es war eine klare, dunkle Nacht, wie in einem Korb von einem einzelnen stillen Stern niederhängend. Die Hupe des vorderen Wagens klang durch den Widerstand der dicken Luft gedämpft. Bradys Chauffeur fuhr langsam; das Schlußlicht des anderen Wagens tauchte von Zeit zu Zeit an Straßenbiegungen auf – dann gar nicht mehr. Aber zehn Minuten später kam es wieder in Sicht, und zwar stillstehend am Straßenrand. Bradys Chauffeur verlangsamte die Fahrt, aber alsbald setzte sich der andere Wagen sachte in Bewegung, und sie überholten ihn. Im Moment, als sie an ihm vorbeifuhren, hörten sie ein Stimmengewirr aus dem Inneren der Limousine und sahen, daß Divers Chauffeur grinste. Dann fuhren sie weiter, durchmaßen schnell die sich abwechselnd folgenden Schichten von Finsternis und durchsichtiger Nacht und glitten schließlich in einer Reihe von Serpentinen zu dem Vorbau von Gausses Hotel hinab.

Rosemarie schlummerte drei Stunden, dann lag sie wach, im Mondlicht schwebend. Unter der Hülle sinnlich erregender Dunkelheit malte sie sich die Zukunft aus mit allen Möglichkeiten, die zu einem Kuß führen konnten, allerdings zu einem so verschwommenen Kuß wie Filmküsse es sind. Sie veränderte mit Bedacht ihre Lage im Bett – das erste Zeichen von Schlaflosigkeit in ihrem Leben – und versuchte, die Angelegenheit mit den Augen ihrer Mutter zu betrachten. Wenn sie das tat, war sie oftmals über ihre Erfahrung hinaus klug und erinnerte sich an Dinge aus früheren Unterhaltungen, die, nur halb vernommen, in ihr haftengeblieben waren.

Rosemarie war im Geist der Arbeit erzogen worden. Frau Speers hatte die spärlichen Hinterlassenschaften der Männer, die sie als Witwe zurückgelassen hatten, auf die Ausbildung ihrer Tochter verwandt, und als diese mit sechzehn Jahren aufblühte und stolz ihr außergewöhnliches Haar trug, war sie schleunigst mit ihr nach Aix-les-Bains gefahren und unangemeldet in das Appartement eines amerikanischen Produzenten eingedrungen, der sich zur Erholung dort aufhielt. Als der Produzent nach New York fuhr, fuhren sie mit. Auf diese Weise hatte Rosemarie ihre Aufnahmeprüfung bestanden. Der sich daraus ergebende Erfolg und die Aussicht auf seine relative Beständigkeit hatten Frau Speers veranlaßt, Rosemarie heute abend mit wenigen Worten folgendes zu sagen:

»Du bist zum Arbeiten erzogen worden, nicht dazu, unbedingt zu heiraten. Nun, da du die erste Nuß zum Knacken bekommen hast – und es ist eine große Nuß –, mach dich daran und laß alles, was auch geschehen mag, deiner Erfahrung zugute kommen. Verletze dich oder ihn – was auch geschehen mag, es kann dir nicht schaden; denn wirtschaftlich gesehen bist du ein Junge und kein Mädchen.«

Rosemarie hatte außer über die unbegrenzte Vollkommenheit ihrer Mutter nie viel nachgedacht, darum raubte ihr dieses endgültige Abtrennen der Nabelschnur den Schlaf. Eine falsche Dämmerung verbreitete sich über den Himmel und drang durch die hohen französischen Fenster, und sie erhob sich und schritt auf die Terrasse hinaus, warm bis zu ihren nackten Füßen. Die Luft war voll geheimnisvoller Laute, ein unverdrossener Vogel zwitscherte in regelmäßigen Abständen, wie in boshaftem Triumph, in den Bäumen über den Tennisplätzen. Schritte folgten einem gewundenen Fahrweg hinter dem Hotel, änderten ihren Klang auf der Aschenstraße, dem Schotterweg, den Zementstufen, dann verkehrte sich der Ablauf, während sie sich entfernten. Jenseits der tintigen See und weit oben auf dem schwarzen Schattenberg wohnten Divers. Sie dachte an beide miteinander, hörte sie immer noch ein Lied singen, sanft wie aufsteigender Rauch, wie eine Hymne, in Zeit und Raum verloren. Ihre Kinder schliefen, ihre Pforte war zur Nacht geschlossen.

Sie ging hinein, zog ein leichtes Kleid und weiße Leinenschuhe an, trat wieder durch ihre Fenstertür und schritt über die Terrasse zur Eingangspforte, und zwar ging sie schnell, denn sie merkte, daß noch andere Privatzimmer, in denen man schlief, auf die Terrasse mündeten. Als sie eine Gestalt entdeckte, die auf der breiten weißen Treppe des Haupteingangs saß, blieb sie stehen; dann sah sie, daß es Luis Campion war und daß er weinte.

Er weinte heftig und geräuschlos, und sein Körper zuckte wie der einer weinenden Frau. Die Szene einer Rolle, die sie im Jahr vorher gespielt hatte, kam ihr unwillkürlich in den Sinn; sie trat zu ihm und berührte seine Schulter. Er stieß einen kleinen Schrei aus, bevor er sie erkannte.

»Was gibt's?« Ihre Augen waren klar und gütig und betrachteten ihn ohne grausame Neugier. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Niemand kann mir helfen. Ich wußte es. Ich allein bin schuld. Es ist immer dasselbe.«

»Was ist los – wollen Sie es mir erzählen?«

Er blickte sie prüfend an.

»Nein«, entschied er. »Wenn Sie älter sind, werden Sie erfahren, was Menschen leiden müssen, wenn sie lieben. Todesqualen. Es ist besser, jung und unwissend zu sein, als zu lieben. Ich habe es schon früher erlebt, aber nicht so wie diesmal – so durch Zufall –, gerade als alles sich gut anließ.«

Sein Gesicht schien abstoßend in dem erwachenden Licht. Nicht mit dem leisesten Zurückweichen ihres Körpers oder der Bewegung des kleinsten Muskels verriet sie ihren Abscheu vor etwas, dem sie keine Deutung zu geben vermochte. Aber Campions Sensibilität spürte es, und er wechselte das Thema ziemlich plötzlich.

»Abe North ist hier irgendwo.«

»Was? Er ist doch bei Divers geblieben!«

»Ja, aber er ist hier – wissen Sie nicht, was geschehen ist?«

Plötzlich öffnete sich ein Fensterladen im zweiten Stock, und eine englische Stimme fauchte vernehmbar:

»Hören Sie gefälligst auf zu reden!«

Rosemarie und Luis Campion gingen schuldbewußt die Treppe hinunter zu einer Bank auf dem Weg zum Strand.

»Sie haben also keine Ahnung, was passiert ist? Die ausgefallenste Sache –« Er wurde lebhafter, jetzt, da ihn seine Enthüllung in Anspruch nahm. »Nie habe ich etwas so plötzlich kommen sehen – ich habe jähzornige Menschen immer gemieden, sie regen mich so auf, daß ich mich manchmal tagelang ins Bett legen muß.«

Er blickte sie triumphierend an. Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

»Meine Liebe«, stieß er hervor, indem er ihren Oberschenkel mit der Hand berührte. Dann, wie um zu zeigen, daß dies keine plumpe Vertraulichkeit bedeuten sollte, lehnte er sich mit dem ganzen Körper gegen sie – denn er war seiner selbst sicher. »Es wird ein Duell stattfinden.«

»Was?«

»Ein Duell mit – wir wissen noch nicht, womit.«

»Wer wird sich duellieren?«

»Ich will von Anfang an erzählen.« Er holte tief Atem, dann sagte er in einem Ton, als ob er ihr ihre Unwissenheit nicht als Manko anrechnen wollte: »Sie waren ja im anderen Auto. Nun, auf eine Art haben Sie Glück gehabt – es hat mich mindestens zwei Jahre meines Lebens gekostet. Es kam zu plötzlich.«

»Was kam?« fragte sie.

»Ich weiß nicht, wie es anfing. Zuerst fing sie an zu reden –«

»Wer?«

»Violet McKisco.« Er dämpfte seine Stimme so, als ob Menschen unter der Bank wären. »Aber erwähnen Sie ja nichts Divers gegenüber, denn er bedrohte jeden, der etwas verlauten lassen würde.«

»Wer?«

»Tommy Barban. Also sagen Sie nicht, daß ich es überhaupt erwähnt habe. Jedenfalls hat keiner von uns herausbekommen, was Violet zu erzählen hatte, denn er unterbrach sie andauernd, und dann mischte sich ihr Mann ein, und jetzt gibt's ein Duell. Heute früh – um fünf Uhr – in einer Stunde.« Plötzlich seufzte er, weil er an seinen eigenen Kummer dachte. »Ich wünschte fast, daß ich es wäre. Jetzt wäre es einerlei, wenn ich getötet würde, da ich nichts mehr habe, wofür ich leben kann.« Er brach ab und wiegte sich vor Schmerz hin und her.

Wieder öffnete sich oben der Fensterladen, und dieselbe englische Stimme sagte:

»Also das muß jetzt augenblicklich aufhören!«

Gleichzeitig kam Abe North, leicht abwesend wirkend, aus dem Hotel und bemerkte sie, weil sie sich gegen den weißen Himmel über der See abhoben. Rosemarie bewegte warnend den Kopf, bevor er sprechen konnte, und sie begaben sich zu einer anderen Bank weiter unten an der Straße. Rosemarie merkte, daß Abe ein wenig betrunken war.

»Was tun Sie hier?« fragte er.

»Ich bin gerade aufgestanden.« Sie wollte lachen, entsann sich aber der Stimme oben und unterließ es.

»Die Nachtigall hat Sie nicht schlafen lassen«, meinte Abe und wiederholte: »Wahrscheinlich hat die Nachtigall Sie nicht schlafen lassen. Hat diese Kränzchenschwester Ihnen erzählt, was sich zugetragen hat?«

Campion sagte mit Würde:

»Ich weiß nur, was ich mit meinen eigenen Ohren gehört habe.«

Er stand auf und ging schnell davon; Abe setzte sich neben Rosemarie.

»Warum behandeln Sie ihn so schlecht?«

»Habe ich das getan?« fragte er erstaunt. »Er hat hier den ganzen Morgen herumgeflennt.«

»Nun, vielleicht ist er über irgend etwas traurig.«

»Vielleicht.«

»Was ist mit dem Duell? Wer wird sich duellieren? Mir schien, daß in dem Wagen etwas nicht in Ordnung war. Stimmt das?«

»Es ist natürlich Quatsch, aber es scheint zu stimmen.«

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