Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > F. Scott Fitzgerald >

Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 20
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
Schließen

Navigation:

IX

Violet atmete einmal laut und heftig und veränderte unvermittelt ihren Ausdruck. Schließlich kam Dick, trennte Barban mit sicherem Instinkt von dem Ehepaar McKisco und zeigte sich McKisco gegenüber außerordentlich unwissend und neugierig in bezug auf Literatur, wodurch er ihm das Gefühl der Überlegenheit gewährte, das er nötig hatte. Die anderen halfen ihm, die Lampen hinauftragen – wer würde nicht gern Lampen hilfsbereit durch das Dunkel tragen? Auch Rosemarie half mit und beantwortete währenddessen geduldig Royal Dumphrys unerschöpfliche, neugierige Fragen über Hollywood.

Jetzt – dachte sie – habe ich mir ein Alleinsein mit ihm verdient. Er muß das wissen, denn seine Lebensregeln sind die gleichen, die Mutter mich gelehrt hat.

Rosemarie hatte recht – alsbald trennte er sie von der Gesellschaft auf der Terrasse, und sie waren allein miteinander, bewegten sich vom Hause fort, nach der Strandmauer zu mit Schritten, die sie zuweilen vorwärtstrieben, zuweilen stocken ließen.

Sie schauten über das Mittelmeer. Tief unten trieb das letzte Ausflugsboot von den Isles des Lérins über die Bucht, so wie Luftballons am vierten Juli unbehindert in den Himmel fliegen. Es trieb zwischen den schwarzen Inseln dahin.

»Ich verstehe, daß Sie so von Ihrer Mutter sprechen, wie Sie es tun«, sagte er. »Ihr Verhalten Ihnen gegenüber ist famos, finde ich. Sie verfügt über eine gewisse Weisheit, die in Amerika selten ist.«

»Mutter ist vollkommen«, sagte sie mit Inbrunst.

»Ich habe mit ihr über einen Plan gesprochen, den ich habe – sie meinte, wie lange Sie beide in Frankreich bleiben, hinge von Ihnen ab.«

»Von Ihnen«, hätte Rosemarie fast laut gesagt.

»Und da hier doch Schluß ist –«

»Schluß?« fragte sie.

»Nun ja, mit diesem Teil des Sommers. Vorige Woche ist Nicoles Schwester weggefahren, morgen fährt Tommy Barban, Montag fahren Abe North und Mary. Vielleicht wird es diesen Sommer noch Spaß geben, aber mit diesem besonderen Spaß ist Schluß. Ich will, daß er plötzlich aufhört, statt gefühlvoll dahinzuschwinden – darum habe ich diese Gesellschaft gegeben. Aber was ich sagen wollte, ist folgendes: Nicole und ich wollen nach Paris, um Abe North zu begleiten, der nach Amerika fährt – und nun möchte ich wissen, ob Sie mit uns kommen wollen.«

»Was hat Mutter gesagt?«

»Sie hielt es für eine gute Idee. Sie selbst will nicht mitkommen. Sie möchte, daß Sie ohne sie fahren.«

»Ich habe Paris nicht gesehen, seit ich erwachsen bin«, sagte Rosemarie. »Ich würde es furchtbar gern zusammen mit Ihnen wiedersehen.«

»Das ist nett von Ihnen.« Bildete sie es sich nur ein, daß seine Stimme plötzlich metallisch klang? »Wir interessierten uns natürlich vom Augenblick an, als Sie an den Strand kamen, sehr für Sie. Diese Vitalität! Wir waren überzeugt, sie gehöre zum Beruf – besonders Nicole glaubte es. Eine Vitalität, die sich nie an einer einzelnen Person oder Menschengruppe verbrauchen würde.«

Ihr Instinkt sagte ihr deutlich, daß er sie sachte zu Nicole hindirigierte; aber sie leistete Widerstand und sagte ebenfalls mit Festigkeit:

»Ich wollte auch alles über Sie wissen – besonders über Sie persönlich. Ich sagte Ihnen schon, daß ich mich in Sie verliebt habe, als ich Sie das erstemal sah.«

So ging sie frisch auf ihr Ziel los. Aber die Weite des Raumes zwischen Himmel und Erde hatte sein Gemüt abgekühlt, den Impuls ausgelöscht, der ihn veranlaßt hatte, sie hierherzuführen, und brachte ihm nun ihr gar zu offenkundiges Verlangen zum Bewußtsein, ihren inneren Kampf mit einer ungeprobten Szene und ungewohnten Worten.

Er versuchte also; in ihr den Wunsch zu erwecken, wieder zum Haus zurückzukehren, doch das war schwierig, und er wollte sie auch nicht verlieren. Sie fühlte nur die Ablehnung heraus, als er aufgeräumt scherzend sagte:

»Sie wissen nicht, was Sie wollen. Gehen Sie hübsch zu Ihrer Mutter und fragen Sie, was Sie eigentlich wollen.«

Das traf. Sie berührte ihn und spürte das weiche Tuch seines dunklen Anzuges wie ein Meßgewand. Es war, als ob sie auf die Knie fallen wollte, und aus dieser Stellung schoß sie ihren letzten Pfeil ab:

»Sie sind für mich der wundervollste Mensch, den ich kenne – außer meiner Mutter.«

»Sie sehen mich durch eine romantische Brille.«

Sein Lachen begleitete sie bis zur Terrasse, wo er sie an Nicole ablieferte ...

Viel zu bald wurde es Zeit zu gehen, und Divers waren ihnen behilflich, schnell fortzukommen. In Divers großen Isotta kamen Tommy Barban mit seinem Gepäck – er übernachtete im Hotel, um den frühen Zug zu erreichen –, Frau Abrams, das Ehepaar McKisco und Campion. Earl Brady wollte Rosemarie und ihre Mutter auf dem Weg nach Monte Carlo absetzen, und Royal Dumphry fuhr mit ihnen, weil Divers Wagen besetzt war. Unten im Garten brannten immer noch die Laternen über dem Tisch, an dem sie gespeist hatten, als Divers nebeneinander in der Pforte standen. Nicole, zart überhaucht, erfüllte die Nacht mit Anmut, und Dick verabschiedete sich namentlich von jedem einzelnen. Rosemarie erschien es sehr schmerzlich, wegzufahren und sie in ihrem Haus zurückzulassen. Wieder machte sie sich Gedanken, was Frau McKisco wohl im Badezimmer gesehen haben mochte.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.