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Zärtlich ist die Nacht

F. Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht - Kapitel 12
Quellenangabe
authorF. Scott Fitzgerald
titleZärtlich ist die Nacht
publisherLothar Blanvalet Verlag
yearo.J.
translatorGrete Rambach
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161022
projectid1a533beb
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Zweites Buch

I

Im September war Doktor Diver zum Tee bei Baby Warren.

»Es ist ein unbesonnener Schritt«, sagte sie. »Ich weiß nicht, ob ich Ihre Motive richtig verstehe.«

»Wir wollen es lieber unterlassen, uns unangenehme Dinge zu sagen.«

»Schließlich bin ich Nicoles Schwester.«

»Das gibt Ihnen nicht das Recht, unangenehme Dinge zu sagen.« Es verwirrte Dick, daß er so vieles wußte, was er ihr nicht sagen konnte. »Nicole ist reich, aber deshalb bin ich noch kein Abenteurer.«

»Das ist es eben«, betonte Baby eigensinnig. »Nicole ist reich.«

»Wieviel Geld hat sie denn genau?« fragte er.

Sie fuhr hoch, aber er versetzte mit leisem Lachen: »Sehen Sie jetzt, wie albern das ist? Ich würde gern mit einem Mann in Ihrer Familie sprechen –«

»Ich habe über alles zu entscheiden«, beharrte sie. »Nicht, daß wir Sie für einen Abenteurer hielten. Wir wissen nicht, wer Sie sind.«

»Ich bin Doktor der Medizin«, sagte er. »Mein Vater ist Geistlicher im Ruhestand. Wir haben in Buffalo gelebt, und meine Vergangenheit ist für Nachforschungen zugänglich. Ich habe in New Haven studiert und erhielt anschließend ein Rhodes-Stipendium. Mein Urgroßvater war Gouverneur von Nordkarolina, und ich bin ein direkter Nachkomme von dem verrückten Anthony Wayne.«

»Wer war der verrückte Anthony Wayne?« fragte Baby mißtrauisch.

»Der verrückte Anthony Wayne?«

»Ich finde, in dieser Angelegenheit gibt es schon genug Verrücktheit.«

Er schüttelte resigniert den Kopf, gerade als Nicole auf die Hotelterrasse heraustrat und sich nach ihnen umsah.

»Er war zu verrückt, um so viel Geld zu hinterlassen wie Marshall Field«, sagte er.

»Das ist alles ganz gut und schön –«

Baby hatte recht und wußte es. Ihr Vater wäre bei einer Gegenüberstellung fast jedem Geistlichen überlegen gewesen. Sie waren eine amerikanische Herzogsfamilie ohne Titel – ihr bloßer Name, in ein Hotelregister eingetragen, unter ein Empfehlungsschreiben gesetzt oder angesichts einer schwierigen Situation erwähnt, rief in den Menschen eine psychologische Wandlung hervor, und diese Veränderung wiederum hatte ihr Standesbewußtsein entwickelt. Diese Tatsachen hatte sie von den Engländern erfahren, die sie seit Hunderten von Jahren kannten. Was sie aber nicht wußte, war, daß Dick zweimal drauf und dran war, ihr diese Heirat vor die Füße zu werfen. Die Situation rettete für diesmal nur, daß Nicole ihren Tisch entdeckte, weiß, frisch und jung und mit dem Septembernachmittag um die Wette strahlend.

 

Guten Tag, Herr Rechtsanwalt. Wir fahren morgen auf eine Woche nach Como und dann wieder nach Zürich zurück. Darum möchte ich, daß Sie und meine Schwester die Sache regeln, weil es uns einerlei ist, wieviel für mich ausgesetzt wird. Wir werden zwei Jahre lang sehr still in Zürich leben, und Dick hat genug, um uns zu ernähren. Ja, ja, Baby, ich bin praktischer, als du denkst – ich werde es nur für Garderobe und so benötigen ... Oh, das ist mehr, als – kann der Grundbesitz wirklich so viel für mich abwerfen? Ich weiß, ich werde nie imstande sein, so viel auszugeben. Hast du auch so viel? Warum hast du mehr – wohl weil man mich für untüchtig hält? Schön, dann mag mein Anteil sich anhäufen ... Nein, Dick weigert sich, auch nur das Geringste damit zu tun zu haben. Ich werde für uns beide großtun müssen. Baby, du hast ja überhaupt keine Ahnung, wie Dick wirklich ist – Wo muß ich unterzeichnen? Oh, es tut mir leid.

... Ist es nicht spaßig und einsam, beieinander zu sein, Dick? Keine andere Zuflucht als neben dir. Sollten wir uns nur lieben und lieben? Ach, aber ich liebe am stärksten; ich weiß genau, wenn du dich von mir entfernst, wenn es auch nur ein wenig ist. Ich finde es herrlich, so zu sein wie jeder andere auch. Den Arm auszustrecken und dich ganz warm neben mir im Bett zu finden.

... Bitte, wollen Sie meinen Mann im Krankenhaus anrufen. Ja, das kleine Buch geht sehr gut – es soll in sechs Sprachen herauskommen. Eigentlich sollte ich die französische Übersetzung besorgen, aber ich bin zur Zeit so müde – ich habe Angst umzufallen, ich bin so dick und schwerfällig – wie ein mißratener Pudding, der nicht aufrecht stehen kann. Das kalte Hörrohr an meiner Brust und mein einziger Gedanke ›Je m'en fiche de tout‹. – Ach, im Krankenhaus die arme Frau mit dem leichenblassen Baby, viel lieber tot. Ist es nicht schön, daß wir jetzt zu dritt sind?

... Das scheint mir unvernünftig, Dick – wir haben allen Grund, die größere Wohnung zu nehmen. Warum sollen wir uns kasteien, nur weil mehr Warrensches als Diversches Geld vorhanden ist. Oh, vielen Dank, cameriere, aber wir haben uns anders entschlossen. Der englische Geistliche hat uns gesagt, Ihr Wein hier in Orvieto sei ausgezeichnet. Er läßt sich nicht verschicken? Wahrscheinlich haben wir deshalb niemals etwas von ihm gehört, denn wir sind Weinliebhaber.

... Die Seen sind im braunen Lehm versunken, und die Berghänge haben richtige Bauchfalten. Der Photograph hat uns mein Bild gegeben, wo mein Haar auf der Fahrt nach Capri über den Rand des Bootes hängt. ›Leb wohl, Blaue Grotte‹, sang der Bootsmann, ›ich kehr' bald wie–ie– der.‹ Und dann ging es an dem heißen, tückischen Schienbein des italienischen Stiefels entlang, und der Wind pfiff rings um die unheimlichen Schlösser, während die Toten von den Bergen oben herabblickten.

... Dieses Schiff ist hübsch, wenn wir gemeinsam mit den Absätzen darauf klappern. Das ist die zugige Ecke, und jedesmal, wenn wir umkehren, stemme ich mich gegen den Wind und ziehe meinen Mantel fest um mich, ohne mit Dick aus dem Takt zu kommen. Wir singen sinnloses Zeug:

»Oh – oh – oh – oh –
Andere Flamingos als ich,
Oh – oh – oh – oh –
Andere Flamingos als ich –«

Das Leben mit Dick macht Spaß – die Leute in den Liegestühlen sehen uns an, und eine Frau versucht zu hören, was wir singen. Dick hat genug vom Singen, also mach allein weiter, Dick. Allein wirst du anders gehen, Liebster, in dickerer Luft wirst du dir deinen Weg durch den Schatten der Stühle, durch den niedertropfenden Rauch der Schornsteine bahnen. Du wirst fühlen, wie dein eigenes Spiegelbild an den Augen derer entlanggleitet, die dich anblicken. Du bist nicht länger isoliert, aber ich glaube, du mußt mit dem Leben in Berührung kommen, damit es dir Sprungbrett wird.

Auf dem Querbalken dieses Rettungsbootes sitzend, blicke ich seewärts und lasse mein Haar flattern und leuchten. Unbeweglich erscheine ich gegen den Himmel, und das Boot ist dazu da, meine Gestalt in die blaue Finsternis der Zukunft hinauszutragen; ich bin Pallas Athene, die ehrfurchtsvoll in den Bug einer Galeere geschnitzt ist. Die Wasser laufen durch die Waschräume, und das achatgrüne Schaumgeriesel kräuselt sich und plätschert am Heck.

... Wir sind in diesem Jahr viel gereist – von Woolloomooloo Bay nach Biskra. Am Rande der Sahara gerieten wir in eine Heuschreckenplage hinein, und der Schofför erklärte freundlich, es seien Hummeln. Nachts hing der Himmel tief herab und war erfüllt von der Gegenwart eines fremdartigen, wachsamen Gottes. Oh, der arme, kleine nackte Ouled Nail; in der Nacht ertönten Senegaltrommeln und Flöten und das Klagen der Kamele, und die Eingeborenen tappten in Schuhen herum, die aus Autoreifen gemacht waren.

Aber damals hatte ich wieder meine Zustände – ob Eisenbahn oder Strand, das war alles eins. Darum ging er mit mir auf Reisen; aber nachdem mein zweites Kind, mein kleines Mädchen, Topsy, geboren war, wurde wieder alles finster.

... Wenn ich nur meinem Mann schreiben könnte, der es für richtig befunden hat, mich zu verlassen und mich Leuten zu überantworten, die nicht Bescheid wissen. Du sagst, mein Baby sei schwarz – das ist absurd, das ist ganz gemein. Wir sind nur nach Afrika gegangen, um Tungad zu sehen, da Archäologie mein Hauptinteresse im Leben ist. Ich habe es satt, nichts zu wissen und immerzu daran erinnert zu werden.

... Wenn ich wieder gesund bin, möchte ich ein famoser Mensch werden wie du, Dick – ich möchte Medizin studieren, wenn es nicht zu spät ist. Wir müssen mein Geld ausgeben und ein Haus haben – ich habe Wohnungen satt, in denen ich auf dich warte. Du magst Zürich nicht und du hast hier keine Zeit zum Schreiben und du sagst, es sei ein Eingeständnis von Schwäche, wenn ein Wissenschaftler nicht schreibt. Und ich werde das ganze Wissensgebiet durchackern und etwas herauspflücken und das gründlich studieren; dann habe ich etwas, woran ich mich klammern kann, wenn ich wieder einen Zusammenbruch habe. Du wirst mir helfen, Dick, dann werde ich mich nicht so schuldig fühlen. Wir wollen an einem warmen Strand wohnen, wo wir zusammen braun und jung werden können.

... Dies wird Dicks Arbeitshaus werden. Der Gedanke kam uns beiden gleichzeitig. Wir waren ein dutzendmal an Tarmes vorbeigekommen, und wir fuhren hier herauf und fanden die Häuser leer bis auf zwei Ställe. Wir ließen den Kauf durch einen Franzosen tätigen; aber die Marine schickte sofort Kundschafter her, als sie hörte, daß Amerikaner einen Teil des Bergdorfes gekauft hätten. Sie suchten überall zwischen dem Baumaterial nach Kanonen, und schließlich mußte Baby das Auswärtige Amt in Paris in unserem Interesse mit Telegrammen bombardieren.

Im Sommer kommt kein Mensch an die Riviera, wir werden also gelegentlich Gäste haben und arbeiten. Ein paar Franzosen sind hier – Mistinguette kam vorige Woche und war erstaunt, daß das Hotel offen war, außerdem Picasso und der Autor von ›Pas sur la bouche‹.

... Dick, warum hast du uns als Herr und Frau Diver eingetragen statt als Doktor Diver und Frau? Warum wohl – es ging mir gerade durch den Kopf. – Du hast mich gelehrt, daß Arbeit alles ist, und ich glaube dir. Du hast immer gesagt, ein Mensch besitzt Kenntnisse, und wenn er aufhört, Kenntnisse zu besitzen, unterscheidet er sich nicht von anderen, und es kommt für ihn darauf an, zur Macht zu gelangen, bevor er aufhört, Kenntnisse zu besitzen. Wenn du die Dinge auf den Kopf stellen willst – schön –, aber muß deine Nicole dir, auf den Händen gehend, folgen, Liebling?

... Tommy sagt, ich sei schweigsam. Nachdem ich das erstemal gesund geworden war, habe ich spät in der Nacht viel mit Dick geredet; wir beide saßen aufrecht im Bett und zündeten uns Zigaretten an, dann, später, tauchten wir aus der blauen Dämmerung hinab in die Kissen, um unseren Augen das Licht fernzuhalten. Manchmal singe ich und spiele mit den Tieren, und ich habe auch einige Freundinnen – Mary, zum Beispiel. Wenn Mary und ich uns unterhalten, hört keiner dem anderen zu. Unterhaltung ist Männersache. Wenn ich spreche, bilde ich mir oft ein, daß ich Dick bin. Ich bin sogar schon mein Sohn gewesen, so weise und bedächtig, wie er ist. Manchmal bin ich Doktor Dohmler, und es kann sogar vorkommen, daß ich dein Aussehen habe, Tommy Barban. Tommy ist, glaube ich, verliebt in mich, aber sanft und beruhigend. Und das genügt, damit er und Dick sich gegenseitig mißfallen. Alles in allem geht es so gut wie noch nie. Ich befinde mich unter Freunden. Ich bin hier an dem stillen Strand mit meinem Mann und meinen beiden Kindern. Alles ist in Ordnung, wenn ich nur mit der Übersetzung dieses verflixten Rezeptes für Huhn à la Maryland ins Französische zurechtkäme. Meine Zehen sind warm im Sand.

»Ja, ich werde mich umsehen. Wieder neue Leute – ach, das Mädchen – ja. Wem, meintest du, sieht sie ähnlich? ... Nein, wir haben sie nicht gesehen, wir haben nicht oft Gelegenheit, hier drüben die neuen amerikanischen Filme zu sehen. Rosemarie wer? Nun, für den Juli sind wir sehr fashionable – das kommt mir merkwürdig vor.«

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