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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Bei Runeberg

Eigentlich hätte der junge Zacharias Topelius jetzt, nachdem er mit der Schule fertig war, um sich auf das Abiturium vorzubereiten, das Gymnasium in Åbo besuchen und dort drei Klassen durchmachen müssen. Aber er fürchtete, er werde in Åbo wieder nur in der Schule büffeln und geistlose Dinge auswendig lernen müssen, was ihn in seinem Studium eher hindern als fördern würde. Konnte er hingegen bei einem tüchtigen Lehrer allein Stunden nehmen, wie einst in der südlichen Giebelstube auf Kuddnäs, so hoffte er sein Abiturium in weit kürzerer Zeit als in drei Jahren machen zu können. Es glückte ihm wirklich, seine Mutter davon zu überzeugen, daß dies der beste Ausweg sei, und so begannen sie nach einem geeigneten Lehrer zu suchen.

Der erste, den sie um Rat fragten, war Vetter Franz Michael, jetzt Pfarrer des Orisberger Hüttenwerkes im südlichen Österbotten. Er, der erst kürzlich die Universität verlassen hatte, konnte ihnen vielleicht eine passende Persönlichkeit nennen. Und siehe, Franz Michael riet ihnen sofort, sich an einen jungen Magister Runeberg aus Jakobstadt zu wenden, mit dem er selbst in Wasa die Schule besucht hatte. Runeberg sei jung verheiratet, schrieb er, wohne in Helsingfors und habe als Assistent im Konsistorium eine bescheidene Anstellung, von der er aber unmöglich leben könne. Soviel er, Franz Michael, gehört habe, wolle er durch die Aufnahme von Pensionären und durch Stundengeben seine Einkünfte erhöhen.

Dies war für Zacharias wie geschaffen, und nach einer Unterredung mit der Mutter und dem Onkel war sein Entschluß gefaßt. Der Vetter übernahm sämtliche Verhandlungen; es wurde ausgemacht, daß Zacharias, bis er sein Abiturium gemacht hatte, bei Runebergs wohnen sollte, gegen eine Entschädigung von fünfhundert Reichstalern für Wohnung, Kost, Licht, Heizung, Bedienung und Unterricht. Das war für damals sehr viel; aber wenn alles nach Wunsch ging, war es doch noch billiger als ein dreijähriger Aufenthalt in Åbo.

Im Herbst des Jahres 1832 machte der vierzehnjährige Zacharias seine erste Reise nach Helsingfors. Ach, der Weg nach Uleåborg war ihm schon sehr lang vorgekommen, aber was war das im Vergleich zu der fünfzig Meilen weiten Reise nach der Hauptstadt? Und jetzt hieß es nicht nur durch das flache, offene Küstenland fahren, jetzt mußte er auch durch die einsamen Wälder des Tavastlandes, wo noch Räuber in den Felsenhöhlen hausen sollten. Dank der Welterfahrung, zu der ihm seine lieben Romane in so reichem Maße verholfen hatten, bewaffnete er sich mit ein paar Pistolen und saß dann, während sie durch den dichtesten Wald fuhren, mit gespanntem Hahn da. In den Gasthäusern ging er nie schlafen, ohne sorgfältig unter das Bett und hinter den Ofen zu schauen, um sicher zu sein, daß sich kein finnischer Rinaldo Rinaldini im Zimmer versteckt hätte. Aber alles lief gut ab, und er kam wohlbehalten in Helsingfors an.

Magister Runeberg wohnte im Osten der Stadt in einem neugebauten Hause an der Ecke der Konstantin- und Manègestraße. Das junge Ehepaar hatte hier eine große, schöne Wohnung von neun Zimmern zu billigem Preis bekommen, weil das Haus bei der letzten Choleraepidemie in Helsingfors als Krankenhaus benützt worden war und der Hausbesitzer es seitdem nur schwer hatte vermieten können. Dank der vielen Räume konnten die jungen Eheleute jetzt zwei Zimmer vermieten und in drei weiteren sechs Jungen als Pensionäre aufnehmen. Dann blieben ihnen noch immer vier Zimmer zum eigenen Gebrauch.

Als Zacharias aus Nykarleby eintraf, waren sie eben erst eingezogen, sein Zimmer war sogar nicht ganz in Ordnung, und so mußte er in der ersten Nacht im Eßzimmer schlafen.

Nachdem er sich am andern Morgen angekleidet hatte und dann fertig in dem großen Zimmer stand, ohne recht zu wissen, was er anfangen sollte, fiel sein Blick auf einen Stoß ganz neuer und ganz gleichgroßer Bücher, die in einer Ecke lagen.

Er ging hin und nahm eines davon in die Hand, das konnte er unmöglich lassen; das Buch enthielt ein Gedicht mit dem Titel »Die Elchjäger«, verfaßt von Johann Ludwig Runeberg.

Zacharias wußte zwar schon von seinem Vetter Franz Michael, daß Runeberg für Zeitungen Gedichte verfaßte und auch schon eine Gedichtsammlung in Buchform herausgegeben hatte; aber dies war das erste von Runebergs Werken, das Zacharias in der Hand hielt. Natürlich konnte er sich nicht enthalten, in das noch nicht aufgeschnittene Buch hineinzuschauen und darin zu lesen. Aber während er noch ganz darein vertieft war und weder sah noch hörte, trat Runeberg ins Zimmer und fragte, was er da lese.

Der Junge fühlte, daß er dunkelrot wurde. Rasch legte er das Buch weg und bat um Entschuldigung, so gut er es in seiner Verlegenheit konnte.

Runeberg betrachtete ihn einen Augenblick schweigend. Zacharias war ein hochaufgeschossener, magerer Junge mit dunkeln, an den Ohren nach vorne gestrichenen Haaren; durchaus kein hübscher Junge mit seiner großen Nase und seinen eingefallenen Wangen, aber durch seine unergründlichen dunklen Augen und einen hübschen Zug um den Mund trotzdem ein anziehender junger Mensch. Und Runeberg dachte gewiß, dieser Junge sehe eher aus wie das eingeschüchterte Kind armer Leute, als wie der verwöhnte Sohn des berühmten, reichen Arztes von Nykarleby.

Tiefbeschämt ließ Zacharias diese Besichtigung über sich ergehen. Plötzlich aber flog ein gütiges Lächeln über die scharfgeschnittenen Züge des Magisters. Er hatte wohl entdeckt, daß er einen jungen Träumer vor sich hatte, dessen Seele sich in der Welt der Bücher leichter zurechtfand als in der Wirklichkeit.

»Behalte das Buch, wenn es dir Freude macht!« sagte Runeberg.

Und damit hatte der Magister natürlich Zacharias Herz gewonnen. Der fremde Junge fühlte, daß er gerne da sein werde. Auch er hatte den langen, mageren Magister genau angesehen und war zu dem Ergebnis gekommen, es sei gewiß ein Glück, wenn man mit einem solchen Manne unter einem Dache wohnen dürfe.

Am selben Tag erlebte Zacharias noch etwas Merkwürdiges. Er war fortgegangen, um sich die Stadt zu betrachten, und kam zwei Stunden zu spät zum Mittagessen wieder zurück. Anstatt nun von Runeberg wegen seiner Unpünktlichkeit ausgescholten zu werden, lachte er nur über Zacharias Mißgeschick, und seine Frau gab ihm trotzdem noch etwas zu essen. O ja, er war sicherlich zu guten, freundlichen Menschen gekommen, das war Zacharias nun ganz klar.

Nachdem der »Saal« fertig eingerichtet war, stand mitten darin der Eßtisch mit den Stühlen rund herum, an der einen Wand ein Sofa mit einem kleineren Tisch davor, außerdem an den Wänden noch ein paar einfache Bücherregale. Ein Klavier oder gar Bilder an den Wänden gab es nicht. Es war ein großer Raum mit fünf Fenstern, aber er hatte auch die verschiedensten Aufgaben zu erfüllen; denn er war sowohl Eßzimmer als auch Schulstube und Gesellschaftsraum. Auf der einen Seite davon lagen das Schlafzimmer, die Küche und die zwei vermieteten Räume, auf der andern die vier kleinen Zimmer, von denen eines Runebergs selbst, eines Zacharias und sein Stubengenosse, der Lizentiat Samuel Barck, eines die beiden Brüder Krabbe – die die Universität besuchten – und eines die zwei kleinen Lateinschüler Örn bewohnten.

Jedes Eckchen war besetzt, und vor allem war Barck ein großer Krakeeler, dem die kleinen Örns nicht viel nachgaben. Zacharias mußte im stillen Frau Runeberg beistimmen, als sie eines Tages beim Mittagessen sagte: »Gott gnade dem, der so eine Menge Jungen zu versorgen hat! Es sind die unbändigsten Gesellen, die ich je gesehen habe.« Hoffentlich rechnete sie ihn, der nicht mehr ins Lyzeum ging, sondern mit der Schule schon fix und fertig war, nicht mehr zu diesen »Gesellen«.

In den allerersten Tagen widmete sich Zacharias hauptsächlich der Besichtigung der Stadt. Er fand sie schöner und sehenswerter, als er gedacht hatte.

Helsingfors war im Jahr 1812 zu Finnlands Hauptstadt ernannt worden, und im Jahre 1827 nach dem Brande von Åbo siedelte auch die Universität dahin über. Noch ums Jahr 1830 war es eine sehr kleine Stadt, die sich nur über den östlichen Teil der langen und ziemlich ausgedehnten, in einer scharfen Spitze endenden Halbinsel, die ihr zum Wohnsitz angewiesen worden war, ausbreitete. Aber durch die Bemühungen von J. A. Ehrenström und dem berühmten Architekten Engel machte die Stadt damals schon einen großartigen Eindruck. Der von Norden kommende Reisende war höchst überrascht von der mehr als zwei Kilometer langen Unionstraße, die ihn bald durch einen Berg, bald auf hohen Dämmen, bald auf einer langen Brücke zuerst zum Mittelpunkt und dem Herzen der Stadt, dem schönen Senatorenplatz, und dann zu der breiten, stattlichen, mit Bäumen bepflanzten Esplanade und dem Marktplatz führte. Nach dem Vorbild des Gustaf-Adolf-Platzes in Stockholm hatte Ehrenström auf der Schmalseite des Senatorenplatzes zwei mächtige Gebäude, das Senatsgebäude und die Universität, einander gerade gegenüber errichten lassen. Auf der östlichen Längsseite stand noch das alte Rathaus aus dem Jahre 1770, aber daneben wurde jetzt die stattliche, trotz ihres russischen Namens lutherische Nikolaikirche gebaut, und dieses Gotteshaus versprach mit seiner großartigen Treppenanlage und mit seinen prächtigen Kuppeln außerordentlich zu der Verschönerung des Platzes beizutragen.

Der kaiserliche Palast und die russische Kirche auf der einen Seite, die flachen, befestigten Holme, die den Namen Sveaborg trugen, gerade im Süden davon auf der andern, das alles zusammen verlieh der Stadt jene oft wehmütige Anziehungskraft, die gewisse Städte haben, wo neues und altes aufeinander prallen, wo die Erinnerung an die Vergangenheit noch lebendig ist und die Zukunft schon ihr Recht auf den Besucher ausübt.

Nach kurzem schon begann Zacharias ernstlich mit seiner Arbeit und ging zu einer geregelten Tagesordnung über.

Jeden Morgen Schlag sieben Uhr wurde aufgestanden, von acht bis zehn hatte er dann mit fünf andern Abiturienten bei Runeberg Unterricht. Das war ihm die liebste Zeit des Tages, denn der Magister war ein vorzüglicher Lehrer. Er verlangte nur das notwendigste Auswendiglernen, dagegen gab er nicht nach, bis die Schüler das ganz genau begriffen hatten, was ihnen vorgetragen wurde. Seine kraftvolle, geniale Persönlichkeit übte einen außerordentlichen Einfluß auf sämtliche Schüler, insbesondere auf Zacharias aus, der ein ganz unwillkürliches Verständnis für die Größe seines Lehrers hatte. Warum hätte er sich da nicht alle Mühe geben sollen, bei einem solchen Lehrer sein Bestes zu leisten? Wer hätte bei ihm, diesem Prachtmenschen, ein Stümper bleiben wollen?

Zacharias merkte bald, daß Runeberg die Weltgeschichte besonders liebte, er aber war in diesem Fach in Uleåborg nur nach »Regners Begriffen«, einem guten alten Lehrbuch, unterrichtet worden, das in numerierte Fragen und Antworten eingeteilt war und das Studium der Weltereignisse genau so trocken machte wie eine Katechismusausgabe. Deshalb hatte der Junge bisher immer geglaubt, Geschichte sei nichts weiter als eine Aufzählung von Namen und Jahreszahlen; jetzt aber gingen ihm plötzlich die Augen dafür auf, und er begann, um die von dem Magister in ihm geweckte Lust nach historischen Kenntnissen zu befriedigen, Fryxells schwedische Geschichte mit solchem Fleiß zu studieren, daß kaum ein Tag verging, an dem er ihr nicht mehrere Stunden widmete.

Nach dem Vormittagsunterricht ging Zacharias meist gleich an die Aufgaben für den nächsten Tag. Auch das Studium der Weltgeschichte erledigte er fast immer vor dem frühzeitigen Mittagessen. Dann hatte er den ganzen Nachmittag frei wie in seiner Schulzeit.

Aber er war ja von Uleåborg her daran gewöhnt, sich selbst zu beschäftigen. Hier wie dort las er Romane, schrieb Abschnitte für die »Kleine Bibliothek«, spielte mit Papierpuppen und schrieb fleißig nach Hause. Außerdem gewöhnte er sich jetzt das Rauchen an, was den Genuß der einsamen Stunden unbedingt erhöhte. Und wenn er des Daheimsitzens müde war, suchte er seinen früheren Hauslehrer, Herrn Blank, auf, der in der finnischen Kaserne bei einem Hauptmann Thuneberg wohnte und dessen Jungen unterrichtete. Manchmal trank Zacharias auch Tee in einer kleinen Teestube, deren Inhaberin sich in komischer Weise mit ihm unterhielt. Sie sprach Schwedisch ungefähr wie Brita daheim Finnisch, und schon deshalb suchte Zacharias gerne die Teestube am Markt auf. Außerdem spielte und stritt er mit Barck und den kleinen Örns, und dazwischen besuchten ihn einige Studiengenossen; dann plauderten sie, spielten Kille Ein Kartenspiel. und zündeten ein lustiges Feuer im Ofen an.

O ja, in dieser Stadt gab es allerdings mehr Abwechslung für einen einsamen Jungen als in Uleåborg! Ein paarmal war Jahrmarkt, und dann wanderte Zacharias hinaus, um sich das Leben und Treiben dort anzusehen, in irgendeinem Stande Bier zu trinken und Obst und andere Näschereien zu kaufen. Sonntags aber wohnte er öfters dem merkwürdigen russischen Gottesdienste bei, fuhr mit dem Schlitten durch die Stadt oder begab sich nach Sveaborg, um sich die Festung zu betrachten. Außerdem hatte die Stadt nicht weniger als vier Konditoreien und wurde überdies sehr häufig und lange von durchreisenden Schauspielertruppen besucht.

Jeden Abend schrieb Zacharias in sein Tagebuch, was sich unter Tags ereignet hatte; keine Gefühlsduseleien, sondern nur ganz schlicht, was er erlebte. Zuerst tat er es in Erinnerung an die Ermahnungen seines Vaters, bald aber wurde es ihm eine liebe Gewohnheit. Und um sich während des Schreibens gleichsam selbst eine Freude zu bereiten, benutzte er dazu nicht nur Buchstaben, sondern auch Figuren. Die Teestubeninhaberin zum Beispiel bezeichnete er immer mit einem kleinen, trippelnden alten Mütterlein, ein Haus mit vielen Fenstern stellte die finnische Kaserne vor, und statt des Namens seines Studiengenossen Elving Elv = Fluß, Ving = Flügel. zeichnete er einen Fluß und einen Flügel hinein, was dem Sinne des Wortes buchstäblich entsprach.

Im Laufe des Herbstes gab es für ihn dann zwei neue Zerstreuungen. Daheim auf Kuddnäs kam seine Mutter auf den Gedanken, er solle Tanzstunden bei Mamsell Arppe nehmen. Sie schrieb ihm darüber, und er ging gern auf den Vorschlag ein. Anfangs fand er es zwar nicht gerade erfreulich, denn Mamsell Arppe war streng und ungeduldig, aber je gewandter er wurde, desto mehr Freude hatte er daran. Und nach Weihnachten, als die Tanzstunden zu Ende waren, ging er mit Herrn Blank zu verschiedenen Picknicks und lernte da die jungen Damen der Hauptstadt kennen. Aber sein Herz blieb Mathilda Lithén treu. Es gab in ganz Helsingfors kein junges Mädchen, das sich mit ihr vergleichen ließ, ja, er hätte fast gesagt, er ziehe die bescheidenste junge Dame in Nykarleby der vornehmsten in Helsingfors vor.

Die andere Abwechslung bestand darin, daß er und sein Stubengefährte sich zusammen ein Klavier mieteten. Denn wenn dieser Barck auch noch so ein »Schauerbock« und Spaßmacher war, so fehlte es ihm doch keineswegs an Begabung. In der Musik hatte er es nie soweit gebracht, die Noten richtig zu lernen, aber er konnte alles, was er hörte, sofort auswendig nachspielen. Und Zacharias wiederum war jetzt kein Feind der Musik mehr, wie einst in Uleåborg, sondern es war ihm fast ein Bedürfnis geworden, ein Klavier zum Phantasieren zu haben.

Es mag vielleicht so aussehen, als habe sich Zacharias in Helsingfors von Anfang an wohler gefühlt als in Uleåborg, aber hierüber läßt sich nicht so leicht urteilen. Das Traumleben, das er in dieser kalten, winterlich dunkeln Stadt geführt hatte, war ihm sehr lieb geworden. Alle die Dichterwerke in der Bibliothek der Tanten hatten eine Zauberwelt um ihn her geschaffen, einen leuchtenden Lustgarten mit persönlich auftretenden Bäumen und sprechenden Vögeln, wo sein Geist ebenso heimisch gewesen war, wie in der Kindheitsumgebung rings um Kuddnäs.

Hier in Helsingfors versuchte er seine literarischen Gewohnheiten beizubehalten. Er hatte seine geräuschlose Beschäftigung mit der Feder und den Büchern, hatte den wundervollen Rosengarten der Poesie in den Lärm und das Getriebe der Knabenpension mitnehmen wollen, und in gewisser Beziehung tat er es wohl auch; aber in jene ruhige Traumstimmung konnte er sich hier nicht mehr hineinversetzen. Er wurde beständig gestört; der junge Sonderling durfte nicht friedlich hinter den Hecken seines Gartens leben.

Unglückseligerweise war Samuel Barck, sein Stubengenosse, der unehrerbietigste Mensch in ganz Helsingfors. Zacharias' erste Bekanntschaft mit ihm war ja keineswegs unangenehm gewesen. Barck hatte Zacharias reichlich mit Bonbons und Zuckerwaren bewirtet, und nachmittags hatten sie dann miteinander die Teestube besucht; aber bald genug zeigte der gnädige Herr, wie er in Wirklichkeit war.

Barck ließ Zacharias' Sachen nie in Ruhe und ärgerte ihn fortwährend durch seine Unordentlichkeit und seine Rücksichtslosigkeit. So fuhr er zum Beispiel an einem Sonntagmorgen nach Sveaborg und nahm Zacharias' Roman Demoniana mit, auf dessen Lesen sich Zacharias an diesem Ruhetag besonders gefreut hatte. Ein andermal hatten die kleinen Örns und Zacharias als Gespenster verkleidet die Dienstmädchen erschrecken wollen, aber Barcks Dazwischenkommen verdarb den ganzen Spaß. Da Barck noch das Lizeum besuchte, durfte er noch nicht rauchen, aber er entlehnte beständig Zacharias' Pfeife und rauchte trotzdem. Schließlich kam er auch noch auf den Gedanken, faulkrank zu werden, und Zacharias hatte ihn bei sich daheim, als er gerade gehofft hatte, ungestört arbeiten zu können. Barck glaubte das alleinige Recht zu haben, auf dem einzigen Sofa zu liegen, um sich da zu rekeln, und sein Stubengenosse hätte ihn nur mit Gewalt von da vertreiben können. Und Barck klatschte! Als Zacharias einmal etwas über die Dienstmädchen gesagt hatte, lief er sofort in die Küche hinaus und bereitete seinem Kameraden Unannehmlichkeiten.

Einmal, als Zacharias zu einem Picknick gehen wollte, konnte er sein einziges Paar langer schwarzer Strümpfe nicht finden, und so mußte er auf das Tanzen verzichten. Er gab sich auch zufrieden und ging statt dessen mit Barck in die Teestube. Doch man kann sich denken, wie rasend er wurde, als Barck nach der Heimkehr die verschwundenen Strümpfe aus seinem Bett hervorzog. Es war ihm zu langweilig gewesen, allein zu Hause zu bleiben, und so hatte er die Strümpfe versteckt.

Aber man darf ja nicht glauben, Zacharias habe das alles ganz geduldig und gottergeben hingenommen. Barck bekam Prügel, wenn er sich zu Bett legte, und Prügel, wenn er aufstand. Er wurde gar oft zum Zimmer hinausgeworfen, wurde mit Schneebällen durch das ganze Straßenviertel gejagt und böse zugerichtet. Da gab es keine Gnade. Zacharias hatte das bestimmte Gefühl, er müsse dem andern zeigen, daß er keine verstudierte Memme sei, sondern sich sein Recht zu verschaffen wisse.

Trotzdem war Barck nicht die geringste Besserung anzumerken, man konnte ihm einfach nicht beikommen. Und es läßt sich denken, was aus den schönen, einsamen Träumereien wurde, da Zacharias mit einem solchen Galgenstrick zusammenwohnen mußte.

Als Weihnachten herannahte, wollte Barck nach Hause fahren, und Zacharias, der in Helsingfors blieb, freute sich auf eine schöne, stille Zeit. Aber am Tag vor seiner Abreise hatte sich Barck in ein kleines Hundescheusal verliebt und es mit zu Runebergs gebracht. Er wollte sich in den Weihnachtsferien daheim mit dem kleinen Vieh die Zeit vertreiben und versuchte, es in einen Regenmantel gewickelt, mit in den Schlitten zu schmuggeln; aber dieser Plan wurde entdeckt; Mirka wurde in Helsingfors zurückgelassen, und natürlich mußte sich Zacharias um den armen Hund annehmen, der vor Sehnsucht jaulte und ebenso störend war wie Barck selbst. Zuerst brummte Zacharias darüber, daß ihn der Stubengenosse nie in Ruhe ließ, nicht einmal, wenn er abwesend war; aber bald befreundete er sich mit dem Hunde, und er hatte während der einsamen Weihnachtsfeiertage viel Freude an ihm.

Da aber Zacharias nicht wie sonst in jener Welt aufgehen konnte, die große Geister und weise Männer um ihn her hatten erstehen lassen, fühlte er manchmal, daß seine Seele hungerte. In diesem Winter hatte er oft bitteres Heimweh nach seinem Elternhause und nach Mathilda; er vermißte seinen verstorbenen Freund Alexander Lithén und war bisweilen so schwermütig, daß er gerne aus diesem Leben geschieden wäre.

Was ihm in erster Linie einen gewissen Ersatz für das gestörte Phantasieleben bot, war natürlich der Verkehr mit den Kameraden.

Doch zog ihn weniger die Gesellschaft Gleichaltriger an, als vielmehr der Verkehr mit Älteren, vor allem mit richtigen Studenten, deren Gesprächen er eifrig zuhörte. Da war er zum erstenmal Zeuge von dem Meinungsaustausch und den ewigen Wortgefechten der Jugend über alle die großen Fragen des kommenden Lebens, über die Liebe, den Beruf, das Vaterland, ganz abgesehen von dem Hin- und Herreden über die sogenannten Tagesereignisse an der Universität, oder die letzten Zänkereien in der österbottnischen Abteilung, oder die Eigenheiten von dem und jenem Professor, oder die Aussichten der Studenten bei dem bevorstehenden Examen, mit einem Wort über alles, was zu der neuen Welt gehörte, in die Zacharias bald Zugang zu erlangen hoffte.

Aber er sammelte in diesen Kreisen nicht nur Kenntnisse, die geradezu notwendig für ihn waren, sondern er bekam auch Geschmack am Kartenspiel.

Denn es wurde tatsächlich noch mehr gespielt als geredet, und zwar nicht nur so unschuldige Spiele wie »Paß auf« oder »Mylli Matti« wie daheim auf Kuddnäs, sondern richtige Hasardspiele wie »Bonaparte«, »Halb Zwölf« und »Kille«, wobei es sich um richtige Geldgewinne handelte.

Zacharias tat mit. Anfangs allerdings nur vorsichtig, aber bald mit richtigem Eifer und mit Leidenschaft. Er spielte vormittags, er spielte auch nachmittags und konnte diesem Vergnügen fast ebensowenig widerstehen, wie einst in Uleåborg dem Romanlesen.

Man spielte meist in dem Zimmer der Brüder Krabbe. Dorthin kamen auch fremde Studenten; es wurde Punsch getrunken und bis tief in die Nacht hinein gezecht und gekartelt. Das beliebteste Kartenspiel war Kille, der Verlust oder Gewinn betrug an einem Abend oft mehrere Reichstaler.

Zacharias wurde wohl von verschiedenen Seiten gewarnt. Herr Blank bat ihn inständig, doch das Spielen um Geld aufzugeben; aber da er kurz darauf die Stadt für längere Zeit verließ, hatte seine Warnung so gut wie keine Wirkung. Von dem Onkel in Uleåborg bekam Zacharias einen Brief, worin das Kartenspiel zwar nicht gerade erwähnt war, Zacharias aber doch ernstlich aufgefordert wurde, das hohe Ansehen, das sich die Familie erworben hatte, nicht zu verscherzen. Auch von dem Vetter Franz Michael traf ein ermahnender Brief ein.

Einmal, als Zacharias in Ermanglung besserer Spieler mit Barck und den kleinen Örns eine Partie Kille spielte, trat Runeberg ins Zimmer. Sie mußten sofort aufhören, die Lateinschüler erhielten einen Rüffel, zu Zacharias aber sagte der Magister kein Wort. Er hielt es offenbar für recht harmlos, daß er mit diesen Knirpsen spielte. Hätte er aber etwas von dem Spielen in dem Zimmer der Brüder Krabbe gewußt, dann wäre es ihm wohl anders ergangen.

So kartelten sie denn lustig weiter, namentlich zu Anfang des Frühjahrsemesters. Und Zacharias merkte in seinem Eifer gar nicht, daß er auf einen falschen Weg geraten war.

Aber dann kehrte Herr Blank endlich von seiner Reise zurück. Er war unter anderm auch in Nykarleby gewesen und hatte der Doktorin auf Kuddnäs von Zacharias Leben in Helsingfors erzählt. Nun brachte er ihm einen ermahnenden Brief von der Mutter, sowie jenen Brief von seinem Vater mit, den dieser auf dem Sterbebett an seinen Sohn geschrieben hatte.

Und da gingen dem Jungen die Augen auf. Er zitterte, als er das schreckliche Ungeheuer entdeckte, das in seiner Seele wohnte, und nahm sich nun fest vor, es sofort zu zähmen und zu bändigen. Der Spielteufel sollte nicht länger Herr über ihn sein. Er verbrannte die Karten, die er in seinen Schubladen hatte, und als die Kameraden am nächsten Abend wieder spielten, schaute er ihnen nur zu.

Um seine freie Zeit nützlich anzuwenden, besuchte er jetzt Professor Bonsdorffs Vorlesungen über Chemie und nahm auch Turnstunden.

Aber außer dem, was ihn fast auf ernste Irrwege geführt hätte, bot sich ihm in Helsingfors auch etwas wirklich Schönes und Großes, das ein Ersatz werden konnte für das Glücksgefühl, mit dem er sich einst in das Paradies der Bücher gestürzt hatte.

Anfangs stand Zacharias dem verehrten Runeberg nicht näher als irgendeiner von den andern Kostgängern; aber schon nach kurzem faßte er sich ein Herz und fragte, ob er sich nicht von den Regalen im Speisesaal Bücher zum Lesen nehmen dürfe, und dieses literarische Interesse des Jungen führte die beiden näher zusammen. Es scheint fast, als habe der Magister Zacharias schon im Verdacht gehabt, daß er nicht nur ein Bücherwurm war, sondern auch selbst Reime schmiedete, denn er sagte einmal warnend zu ihm: »Halte dich frei und bleibe dir selber treu! Wirf dich nie weg und lies von andern nur soviel, daß du dich selbst nicht verlierst!«

Runeberg merkte recht wohl, daß Zacharias ihm brennend gern etwas zu Gefallen tat, und deshalb machte er ihm manchmal die Freude, ihn um einen kleinen Dienst zu bitten, wie einen Brief auf die Post zu tragen oder dergleichen. War aber jemand im Hause krank, dann wurde Zacharias durch das Vertrauen geehrt, sich mit den Pflegenden in die Nachtwachen zu teilen. Alles das zeigte ihm, daß Runeberg Vertrauen in ihn setzte und ihn fast zur Familie rechnete, und das erfüllte ihn mit Stolz und einem überwältigenden Glücksgefühl.

Da Zacharias über Weihnachten und Ostern in der Stadt blieb, kam er Runeberg und dessen Frau näher als die andern Pensionäre. Er durfte einen jener denkwürdigen Weihnachtsabende bei Runeberg miterleben, wo sich im Saal die Gäste drängten und unzählige Geschenke verteilt wurden, die alle mit den lustigsten kleinen Gedichten ausgestattet waren. Dabei war die Unterhaltung so geistreich, daß Zacharias an diesem einzigen Abend mehr Witze hörte, als bisher in seinem ganzen Leben.

In diesem Jahre gab Runeberg die Gedichtssammlung heraus, in die »Das Grab in Perrho« aufgenommen war. Zacharias hatte noch nie etwas so Hinreißendes gelesen. Er fand kaum Worte vor Bewunderung. Ja, welch ein ungewöhnliches Glück war es doch für einen jungen Menschen, der die Bücher so über alles liebte, daß er auf seinem Lebensweg mit einem wirklichen Dichter zusammentraf und Gelegenheit bekam, diese seine jugendliche Begeisterung einem der hervorragendsten unter den großen Geistern schenken zu dürfen!

Und das, was dem kleinen Zacharias so merkwürdig vorkam, war, daß dieser bedeutende Mann sich als ein so vergnügter, gesunder Mensch auswies, der frei von jeder Kleinlichkeit war. Wenn Zacharias einmal auf einer Studentenkneipe gewesen war und da eine Menge neuer Duzbrüder gewonnen hatte, begriff der Magister, warum Zacharias am nächsten Tag nicht zum Unterricht kommen konnte, und er machte keine große Sache daraus, denn er wußte nur zu gut, daß bei jedem solchen Bruderschafttrinken das Glas bis auf die Neige geleert werden mußte. Fand aber zwischen den Jungen im Hofe eine Schneeballenschlacht statt und griffen sie dabei auch die Vorübergehenden an, dann stand Runeberg auf seiner Treppe und lachte laut über sie, oder er beteiligte sich gar selbst an ihrem Spiel.

Und Runeberg war überdies ein guter Mensch! Zacharias entging es natürlich nicht, daß er und seine Frau sehr sparsam leben mußten; aber er unterstützte trotzdem seine Mutter in Jakobstadt treulich, und das Honorar für seine letzten Gedichte überwies er sofort den Notleidenden in Österbotten.

Über Runebergs Schreibtisch hing eine alte Geige. Er hatte wohl früher darauf gespielt, benützte sie aber jetzt nie mehr; denn er wurde mit seiner vielen Arbeit ohnehin fast nicht fertig. Seit Barck und Zacharias sich aber ein Klavier angeschafft hatten, kam er bisweilen, wenn Barck ausgegangen war, herein und setzte sich ans Klavier. Zu Zacharias sagte er dann nur: »Lern weiter, du!«

Hierauf begann er zu spielen, langsam, gleichsam tastend und suchend. Er entlockte dem Instrument ganz besondere Melodien, die noch kein Mensch gehört hatte und die auch nie auf ein Notenblatt aufgeschrieben worden sind. Sie waren sein eigen, stammten von ihm selbst. Und der Junge, der ihm andächtig zuhörte, wagte nicht zu sagen, wie schön er sie fand oder wie wunderbar es ihm zumute wurde, während er dieser Musik zuhörte.

Während er so lauschte, fühlte er, daß der Mann an dem Klavier, der so arm war, daß er den ganzen Tag Jungen unterrichten, schriftliche Aufgaben verbessern und eine Zeitung redigieren mußte, dennoch seine Welt für sich hatte, in der er lebte, ohne sich stören zu lassen, eine eigene herrliche Welt voll lichter Gedanken und Gestalten, keine von andern geschaffene Welt, sondern das Werk seines eigenen Geistes, sein ganz persönliches Eigentum.

Zacharias spürte, daß er und andere sich gerade deshalb zu diesem Manne hingezogen fühlten, weil er über einen solchen Reichtum verfügte, und er dachte, was für ein Glück es doch für ihn sei, ihm so nahe gekommen zu sein, daß er sich so wie jetzt in die lichtere Welt, in der der andere lebte, mit hineinschleichen konnte. Das war kein Ergehen mehr in dem dichtbelaubten Lustgarten, in den ihn die Romane versetzt hatten, sondern es war ein Wandern in einer mächtigen Allee von riesengroßen Bäumen mit einem strahlenden Himmel darüber; auf der einen Seite wuchsen die blühenden Bäume des Lebens und auf der andern die vielfach verzweigten, knorrigen Stämme der hohen Bäume der Wissenschaft.

In der Nähe eines solchen Menschen zu weilen, bedeutete mehr als Glück und Freude: es verlieh auch Kraft und Gesundheit. Dies empfand Zacharias deutlich, solange Runeberg spielte, und er saß fast anbetend dabei, brachte es aber natürlich nicht übers Herz, Runeberg etwas davon zu sagen.

Er wünschte sich wohl auch, es möchte einst um ihn her ebenfalls eine Welt erstehen, die nur ihm gehörte und von keinem andern entlehnt war, aber vorläufig freute er sich, im Schatten der mächtigen Baumkronen zu wandeln, die in dem Garten des andern wuchsen.

Diese bei solcher Musik verbrachten Stunden gehörten zu den schönsten Erinnerungen, die Zacharias von Runebergs mitnahm.

Gegen Ende des Winters, gerade als im April der erste Frühling anbrach, sagte der Magister, Zacharias könnte vielleicht sein Abiturium schon in diesem Frühjahr machen.

Das war Zacharias eine ebenso willkommene wie unerwartete Nachricht. Er hatte gemeint, er könnte unmöglich in weniger als drei Semestern fertig werden. Aber nun, nachdem er dies gehört hatte, kam er nicht mehr in Versuchung, seine Zeit mit Kartenspielen zu vertrödeln. Trotz der schönen Frühlingszeit, die jetzt anbrach, ließ er sich nur ganz selten von einem seiner Kameraden zu den einfachen Vergnügungsorten vor der Stadt hinauslocken. Geschah es aber je einmal, dann ging er fast gegen seinen Willen mit.

Jetzt wurde täglich eine Unmenge Geschichte, Mathematik, Lateinisch, Geographie, Logik, Deutsch, Französisch, kurz alle Fächer, wieder durchgenommen.

Am achtundzwanzigsten Mai, als alles durchgegangen war, übergab Runeberg Zacharias sein Zeugnis, und er sprach auch ein paar Worte über seine Pflichten als akademischer Mitbürger, sowie als Diener der Wissenschaft. Voll freudiger Rührung und die Seele erhoben von den Worten seines großen Lehrers, setzte sich Zacharias am Abend an seinen Schreibtisch und verlieh seinen Gedanken Ausdruck:

Eng ist die Welt, die Heimat des Menschen; doch strebt er
Weit darüber hinaus an ein Ziel, dem nichts Sterbliches nahet,
Strebet nach Wissen und Denken, die beide unendlich und ewig.
Aber der Geist der Weisheit erfreut sich darob und entzündet
Heiß in der menschlichen Seele des Wissens Begierde die machtvoll
Wachsend sich dehnet und schwillt und geführt vom lebendigen Geiste
Wege sich bahnet und forschend dringt immer weiter und weiter,
Still zuweilen wohl stehet, doch allein dem Tode nur weichet;
Weichet, doch nimmer ihm fällt, dieweil die unsterbliche Seele
Unvergänglich und frei, in Ewigkeit folgt ihren Bahnen!
So kann ihr Ziel sie erreichen, dem Sterbliches nimmermehr nahet,
Und der unendliche Geist sich mit der Unendlichkeit einen.

Dies wurde gleichsam ein Denkmal der Umwandlung, die in seiner Seele während der Zeit unter Runebergs Leitung vor sich gegangen war.

Am Tag vorher hatte er Professor Melartin, dem Rektor der Universität, mit seinem Zeugnis seine Aufwartung gemacht, um sich zum Examen anzumelden. Auch bei dem Inspektor der österbottnischen Abteilung, Professor Hällström, und bei dessen stellvertretendem Chargierten, Magister Stahlberg, war er gewesen. In den nächsten Tagen folgten noch mehrere derartige Besuche und am vierten Juni dann die Abiturientenprüfung, die Zacharias gut und ehrenvoll bestand.

Hierauf blieb er noch eine Woche in Helsingfors. Er bekam von dem Rektor seine Studentenmatrikel, wurde in die österbottnische Abteilung aufgenommen und hielt seinen Studentenschmaus. Dazu hatte er vier Magister, in erster Linie natürlich Runeberg, sowie zwölf gute Freunde eingeladen. Die Bewirtung bestand aus einer Punschbowle, belegten Broten, Bier und Schnäpsen, Pfeifen und Tabak. Runeberg erwies dem fünfzehnjährigen Novizen den Freundschaftsdienst, ihn beizeiten unter den Arm zu nehmen und mit ihm heimzugehen, um ihn vor allen gefährlichen Brüderschaften zu retten.

Ein paar Tage später war Zacharias zur Abreise fertig, und Schlag drei Uhr am Nachmittag kam der Postwagen.

Aber der Magister war nicht zu Hause, und der Junge wollte nicht abfahren, ohne sich bei ihm bedankt und ihm Lebewohl gesagt zu haben. Das Pferd mußte warten, während er selbst mit den andern Runeberg suchte. Aber er war nicht zu finden, und Stunde um Stunde verging. Als es halb sechs Uhr war, konnte man nicht länger warten. Und Zacharias mußte abreisen, ohne seinem Lehrer seinen Dank aussprechen zu können.

Vielleicht war es ihm deshalb in den kommenden Jahren immer, als habe er Runeberg gegenüber noch eine gewisse Schuld, die er abtragen müsse. So oft ein Fest zu Ehren von Finnlands großem Dichter abgehalten wurde, war Zacharias dabei und huldigte seinem lieben Magister, und meist führte er dann selbst das Wort. Sein Dank galt den Musikstunden, der Einführung in die Weltgeschichte und der Offenbarung der wunderbar schönen Welt dieses großen Geistes.

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