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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 7
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Uleåborg

In den alten schwedischen Landstädten gibt es noch heute Gehöfte von recht altertümlicher Bauart, die aber doch keinen besonders wohnlichen und zweckdienlichen Eindruck machen. Rings um einen freien Platz herum, der aber manchmal so groß sein kann wie ein Marktplatz, läuft ein hoher Bretterzaun mit einem breiten Tor nach der Straße. Auf jeder Seite des Tores, das meist mit Schnitzwerk und mit eisernen Beschlägen geschmückt ist, steht ein kleines Haus, das nicht höher als der Plankenzaun ist und ganz niedrige Fenster, nur eine oder allerhöchstens zwei Stuben, einen Flur und eine Eingangsveranda hat. In diesen kleinen Torhäuschen wohnt die Familie, während der große Platz entweder ganz unbebaut ist oder auch nur von einem Wirtschaftsgebäude eingenommen wird.

Ob diese Bauart früher in nordländischen und finnischen Kleinstädten sehr gang und gebe war, könnte heute wohl nur sehr schwer festgestellt werden. Es sieht indes so aus, als ob Michael Toppelius' elterliches Besitztum an der Limingostraße in Uleåborg, dieselbe Straße, die später den Namen Marktstraße erhielt, in der oben beschriebenen Art gebaut gewesen wäre, denn in der Vermögensaufnahme nach dem Tode der Hausfrau gab es ein Haus mit einer Kammer »südlich vom Tor« und ein anderes mit »Laden und Kammer nördlich« davon. Dieses Gehöfte hatte einen sehr großen Hofplatz, ganze vierhundertundsiebzehn Meter im Umfang, und darauf gab es einen Viehstall, Pferdestall, Scheunen, Badestube und mehrere Bretterschuppen, aber außer den beiden Torhäuschen kein Wohnhaus.

Die Töchter wohnten sicherlich im Hause »nördlich vom Tor«, wo sie einen Kramladen hatten, der Vater Michael aber bewohnte demnach in dem südlich gelegenen Hause wahrscheinlich die Kammer, deren Fenster nach der Straße lagen. Wer würde sich nicht gerne vorstellen, daß der gute Michael die Wände in seiner einfachen Wohnung reich mit Engeln, Aposteln und schönen paradiesischen Landstraßen bemalt hätte; aber es ist auch wohl möglich, daß es ihm nie eingefallen war, Farben und Arbeitszeit für sein eigenes Vergnügen anzuwenden. Eines weiß man indes, je älter er wurde, desto leibhaftiger standen die lieben, himmlischen Gestalten vor seinem inneren Auge, und dies machte ihm wohl die Heimat schöner und strahlender, als je ein Maler mit seinem Pinsel sie hätte schmücken können.

Im Jahre 1820 arbeitete der Alte noch in einer seiner österbottnischen Kirchen, und er war da so frisch, daß man ihm wenigstens ein hundertjähriges Leben prophezeit hätte. Im nächsten Jahre jedoch, an einem Tag im Dezember, ließ er seine Kinder zu sich rufen, alle miteinander: die Söhne Calle und Gustaf, seine Töchter Brite Cajsa, Greta und Lisette, außerdem Gustafs Frau, Marie, geborene Calamnius, die Schwester der Doktorin von Nykarleby. Als alle versammelt waren, teilte er ihnen seinen nahe bevorstehenden Tod mit, ein Schlagfluß werde seinem Leben ein Ende machen. Die Herbeigerufenen, die ihn vollständig angekleidet, bei voller Gesundheit und vollem Verstand vor sich sahen, konnten seiner Aussage kaum Glauben beimessen; aber kaum hatte der Alte allen ein zärtliches Abschiedswort gesagt, dann noch ein paar Gebete gesprochen und die ersten Verse eines geistlichen Liedes gesungen, als ihm ein Schlagfluß die Sprache und die linke Seite lähmte.

Er lebte danach noch zehn Tage; aber am 28. Dezember in der Frühe sah Gustaf Toppelius, der im Zimmer neben seinem Vater schlief, daß das Licht sacht erlosch. In demselben Augenblick hörte er jemand aus dem Krankenzimmer rufen: »Lieber Gott, was ist mit den Lichtern?«

Drei Lichter waren zu gleicher Zeit erloschen, und ehe sie aufs neue angezündet waren, war auch die Seele des Greises entflohen, und er hatte zur letzten Ruhe seine Augen für immer geschlossen.

Bei diesem letzten Zusammensein des alten Michael mit seinen Söhnen und Töchtern, wo er ihnen seine bevorstehende Heimfahrt verkündigte, hatte er sie auch ermahnt, das große Unglück, das sie bald treffen werde, mit Ergebung zu tragen. Und auch diese Voraussagung ging sehr bald in Erfüllung: fünf Monate nach dem Todesfall, im Mai 1822, wurde die ganze Stadt Uleåborg. die damals ungefähr fünfzehntausend Einwohner zählte, durch eine gewaltige Feuersbrunst in Asche gelegt. Die Kirche und der Glockenturm wurden fast ganz zerstört; und das Feuer verschonte auch das Rathaus, das Lazarett, das Armenhaus, den Pfarrhof, das Schulgebäude und die Rektorwohnung ebensowenig, wie alle die andern sich im Privatbesitz befindlichen Häuser.

Das alte Toppeliusische Familiengehöfte brannte auch bis auf den Grund nieder; aber gleich wie die ganze Stadt wurde auch dieses in überraschend kurzer Zeit wieder aufgebaut. Doktor oder besser gesagt Professor Gustaf Toppelius, denn bei der Versetzung nach Finnland hatte er vom König von Schweden den Professortitel erhalten, baute sich an Stelle der vorherigen Torhäuschen ein schönes Wohnhaus an der Großen Marktstraße, und für die Geschwister wurde eine Wohnung im Hofgebäude eingerichtet. Des alten Kramladens scheinen die Schwestern überdrüssig geworden zu sein; dafür halfen ihnen die Brüder, eine Leihbibliothek einzurichten. Von den vielen Kindern des alten Michael Toppelius war eine Tochter schon vor dem Vater gestorben, im Jahr 1823 folgte ihm Brite Cajsa und im Jahr 1827 Calle. In das Hofgebäude zogen also nur Greta und Lisette, und diese zwei standen der Leihbibliothek in Uleåborg vor.

Wenn man bedenkt, daß diese Bücherei, die aus mehr als tausend Bänden bestand, aus dramatischen Werken, Romanen, Gedichtsammlungen, literarischen Jahrbüchern und historischen Arbeiten, zu jener Zeit in dem alten Hofe der Toppelius' in Uleåborg eingerichtet wurde, so kann man fast nicht anders, als sich sehr darüber verwundern. Man möchte darin ein Werk dahingegangener Geister sehen, die noch immer ihre irdische Wohnstätte umschwebten und mit beschützender Zärtlichkeit ein Kind überschatteten, das Aufklärung über seine Gaben notwendig hatte und der Leitung bedurfte, um seinen rechten Beruf zu finden.

Denn so fügte sich die Kette des Schicksals zusammen, daß der kleine Junge von Kuddnäs, der nach seines Vaters Ansicht zum Arzt und Landwirt berufen war, nur zwei Jahre nach dem Tage, wo die große Bücherei ihren Platz auf den Regalen in der Wohnung seiner Tanten bekommen hatte, nach Uleåborg kam. Im Jahr 1829 wurde er zu Anfang des Sommersemesters hingeschickt, um die dortige Elementarschule zu besuchen, weil es in dem kleinen Nykarleby keine solche gab, und er sollte bei seinem Oheim, dem Professor Gustav Toppelius wohnen.

Man kann wirklich nicht ohne ein Gefühl der Wehmut an alle diese kleinen Jungen vom Lande denken, die aus ihrem gesunden, einfachen Leben im Elternhause herausgerissen werden, um in die Städte zu Schulzwang und Heimatlosigkeit geschickt zu werden. Man kann sich wohl vorstellen, wie klein und hilflos sie sich fühlen müssen, wie sie mit Angst ihre Kameraden betrachten, weil diese so gut wissen, wie sie sich anstellen müssen, während sie sich selbst verloren und verlassen fühlen; oder wie sie an den Abenden in ihrem Bett liegen, immer an die Heimat denkend und ausrechnend, wie viele Tage bis zu den Weihnachtsferien oder dem Frühjahrsschulschluß noch vergehen müssen.

So etwas kann natürlich nützlich und abhärtend sein, aber wahr und gewiß ist, daß solche arme kleine Burschen oftmals Dinge durchmachen müssen, die große Leute nicht ertragen könnten.

Was nun den kleinen Zacharias Topelius betrifft, so erging es ihm wie gewöhnlich besser als den meisten andern solcher kleinen Jungen. Er brauchte in seiner ersten Kindheit nicht von seiner Heimat getrennt zu werden, sondern durfte bis zu seinem vollendeten elften Jahre in das südliche Giebelzimmer auf Kuddnäs in die Schule gehen mit seinem eigenen Vater als Schuldirektor, dem guten Herrn Blank als Lehrer und seiner Schwester Sofie und den Bäschen Lithén als Schulkameraden. Als er seine erste Schulreise machte, saß die Mutter selbst bei ihm im Schlitten und begleitete ihn bis nach Uleåborg, wo sie ihn den Verwandten übergab, die ihn vom ersten Augenblick an herzlich willkommen hießen. Und was die Schule betrifft, so hatte er von Hause eine gute Grundlage mitgebracht, daß er sowohl die Vorklasse als auch die erste Klasse überspringen und gleich in die zweite Klasse eintreten durfte. Ja, er wurde überdies der Primus der Klasse und erhielt sich diesen Platz ohne Schwierigkeit, da es sich herausstellte, daß er schon den ganzen vorgeschriebenen Lehrgang dieser Klasse durchgemacht hatte.

Aber trotzdem hatte er es vielleicht schwerer, als viele seiner andern Schicksalsgenossen. Die andern waren vielleicht ganz und gar nicht in einem Lustgarten aufgewachsen, und sie hatten es auswärts nicht schwerer als daheim. Der kleine Märchenprinz von Kuddnäs dagegen mußte in verschiedener Beziehung seiner Natur Zwang antun oder, wenn man so sagen will, neue Seiten aus seiner Natur herausschaffen, um mit dem Leben zurechtzukommen.

Dies soll indes durchaus nicht aus Mitleid und Bedauern gesagt sein. Im Gegenteil, solches und anderes ist ja unvermeidlich, wenn etwas aus dem Menschen werden soll.

Bei dem Oheim in dem neuen, schönen Hause, wo es ein ganzes Stockwerk von lauter großen Festräumen mit seinen Möbeln gab, wo die Hausfrau eine gefeierte Schönheit und der Hausherr ein so weltgewandter, geistreicher Herr von so vornehmem Wesen war, daß er für Zacharias das Vorbild eines Hofmannes, eines Günstlings des Königs wurde, so oft er sich eine solche Persönlichkeit vorstellen wollte, ja, da konnte es dem kleinen Zacharias wohl gut gehen; aber ganz unmöglich war es ihm, sich unbefangen und zu Hause zu fühlen. Er wurde schüchtern und ängstlich und dachte nur immer daran, wie er sich benehmen solle, um alles recht zu machen, und wohlerzogen und tadellos zu erscheinen. Der Oheim hätte vielleicht nichts dagegen gehabt, wenn er ein wenig kecker und ausgelassener gewesen wäre, die Tante wäre herzlicher zu ihm gewesen, wenn er sich offenherziger und zärtlich vertraut gezeigt hätte; aber so etwas konnte ihm ja nicht einfallen. Wie es nun war, so gingen der Oheim und die Tante ihren Beschäftigungen und Vergnügungen nach, ohne sich viel um den kleinen Hausgenossen zu kümmern, der auf diese Weise recht einsam und auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen war.

Das hatte er bisher noch niemals nötig gehabt. Im Anfang ging es schlecht, dann aber besser und immer besser. Und sich selbst unterhalten können, ist eine gute Gewohnheit, die man sich nicht zu frühzeitig aneignen kann.

In der Schule konnte er ja noch viel weniger daran denken, sich gehen zu lassen. Man muß wissen, daß es in einer solchen Einrichtung in jener Zeit nichts anderes gab als Zwang und Drangsal. Überdies ging es durchaus nicht an, sich natürlich wehleidig und empfindlich zu zeigen, sondern jeder kleine Knirps mußte sein möglichstes tun, so unangefochten wie ein Spartaner aufzutreten. Schon der Gedanke daran, wie sehr die andern ihn verachten und verhöhnen würden, wenn er gejammert hätte, weil er an den dunklen Wintermorgen bei vierzig Grad Kälte in die Schule gehen mußte, war etwas Furchtbares. Ein neues Schulhaus war seit dem großen Brande noch nicht gebaut worden, sondern man saß in einem schlechten, gemieteten Lokal; aber dem Schüler wäre es nicht gut gegangen, der über Zug oder Feuchtigkeit geklagt hätte. Und der Unterricht in der Uleåborger Schule wurde nicht im Geiste eines Porthan erteilt, o nein, es mußte immerfort gebüffelt und auswendig gelernt werden; aber man mußte eben alles nehmen, wie es war, und sich gar keine Gedanken darüber machen, ob es langweilig sei. Und wenn man nicht eine einzige Stunde das ewige Latein loswerden konnte, sondern auch noch die lateinische Grammatik lateinisch und die hebräische Grammatik lateinisch und Benzelius' Religion lateinisch lernen mußte (außer den lateinischen Autoren selbst), dann mußte man das ganz einfach mit Mut und Standhaftigkeit ertragen.

Und vor allem mußte man im Umgang mit den Kameraden Spartaner sein. Es war entschieden am allerbesten, alle die Schneeballen und Püffe, die dem Ankömmling zuteil wurden, weil er im Verdacht stand, ein »Muttersöhnchen« zu sein, mit stolzer Verachtung hinzunehmen. Man mußte die Tränen zurückhalten, mußte die Zähne zusammenbeißen und wieder zuschlagen, so gut man eben konnte. Daß man »Kikeriki« genannt wurde, das mußte man mit in den Kauf nehmen; auch mußte man sich daran gewöhnen, eine kecke und männliche Sprache zu führen und durfte nicht vor dem einen oder andern Fluche zurückschrecken.

Ebenso mußte man dem schönen, aufmunternden Hochgefühl entsagen, das einem das Bewußtsein, einen gleichalterigen Freund und Vertrauten zu besitzen, gibt. Die Kameraden waren starke, lustige und anständige Burschen, sie schnitten bei den Kämpfen mit den Straßenjungen und beim Ballwettspiel am ersten Mai glänzend ab. Eine Schneefestung konnten sie wie richtige Helden stürmen und verteidigen; aber keiner von allen war wie Alexander Lithén, dem man den Arm um die Schulter legen und seine innersten Gedanken anvertrauen konnte.

Genau wie mit den Jungen erging es dem kleinen Zacharias auch mit den Mädchen. Der Oheim und die Tante nahmen ihn bisweilen mit auf Bälle und in Gesellschaften. Aber die jungen Mädchen in Uleåborg waren nicht wie die in Nykarleby, nicht so bieder und gemütlich, nein, kein einziges war da, das neben Mathilda Lithén in einem Atemzug hätte genannt werden können.

Nein, nein, Zacharias war nun ganz auf sich selbst angewiesen, er mußte sich allein helfen und der Welt eine tapfere Miene zeigen. Sein Vater hatte ihn das freilich lehren wollen, aber er hatte keine solche Abhärtung zustande gebracht, wie sie ihm da an dem neuen Orte zuteil wurde.

Man möchte sich wohl fragen, wie er das alles hätte durchmachen können, wenn er nicht seine Tanten und deren Bücher gehabt hätte?

Wenn er quer durch das Haus seines Onkels und über einen angepflanzten Hof ging, so war er schon bei den beiden alten Tanten, den unverheirateten Schwestern seines Vaters. Ach, und sie waren schlicht und freundlich, und in ihren drei kleinen Zimmern war es immer merkwürdig behaglich und heimatlich. Da vergaß Zacharias dann vollständig, sich in acht zu nehmen und sich gut aufzuführen, da wurde er kindlich vergnügt und froh und warmherzig und zum Spielen jederzeit bereit, so wie er von Natur aus angelegt war.

Da wurden die guten Pfannkuchen für ihn gebacken, da durfte er sich Sirupbonbons kochen, und da wurden ihm Geschichten erzählt. Die Tanten berichteten vom Großvater und von seinem eigenen Vater, wie dieser in seiner Jugend gewesen war. Und Tante Grete war in jenem merkwürdigen Jahre 1792 bei Verwandten in Schweden auf Besuch und sogar am sechzehnten März bei jenem verhängnisvollen Maskenball im Opernhaus gewesen, wo König Gustaf III. von Anckarström ermordet worden war, und sie konnte es nicht lassen, immer und immer wieder davon zu erzählen.

Hier drüben bei den Tanten gab es ja ohnedies das beste und vornehmste in ganz Uleåborg, nämlich die Leihbibliothek.

Man wird es begreiflich finden, daß sich der Junge schon vom ersten Tage an, wo er die Tanten besuchte, auf die Leihbibliothek stürzte; er las dann Buch um Buch und machte so mit der Zeit die Bekanntschaft mit allen den tausend Bänden. Mit den Räuberromanen fing er an, dann folgten alle die andern Bände nach, Gedichtsammlungen, Jahrbücher, die gewaltigen Memoirenwerke, Florians sentimentale Romane; die Lehrgedichte der schwedischen Aufklärungszeit, alles, alles miteinander wurde durchgelesen. Miltons verlorenes Paradies wanderte in dasselbe Gehirn, das kurz vorher die Räuberromane Abellino oder den schwarzen Jonas verschlungen hatte. Goethes Iphigenia und Homers Ilias und Odyssee fanden eine gnädige Aufnahme, nachdem der Junge den Robinson und Gullivers Reisen beendigt hatte. Den Tanten fiel es gar nicht ein, dem kleinen Neffen das Lesen zu verbieten, wenn die Bücher doch da waren und er sie unterhaltend fand. Und übrige Zeit hatte er. In der Schule zu Uleåborg wurden die Aufgaben meist im Schulzimmer während der Unterrichtsstunden erledigt, da hatte Zacharias alle Nachmittage frei.

Er las und las. Und die Welt wurde groß und weit, in hellem Märchenglanze erstrahlend. Die Schicksale der Menschen verbanden sich zu der wunderbarsten Kette, und die Charaktere der Menschen entschleierten sich vor ihm bald heldenhaft groß, bald niedrig und bestialisch. Vergangene Reiche, deren Dasein Zacharias kaum geahnt hatte, erstanden und vergingen unter seinen Augen. Schönheit und Liebe offenbarten sich ihm in ihrer Macht und ihrem Reiz, ein ganz neues, unfaßbares Leben tat sich vor ihm auf, und die Dichtung, deren Zauberkraft all dies heraufbeschwören konnte, wurde zu dem wunderbarsten von allen den wunderbaren Dingen, die Zacharias nach und nach kennen lernte.

Seine Schwester Sofie und die Lithénschen Kinder, die kaum wußten, daß es so viele Bücher in der Welt gab, taten ihm von Herzen leid, weil sie nichts von diesen kühnen, edlen Helden und von den Abenteuern der schönen, liebenden Frauen lesen konnten. Vielleicht, so dachte er, könnte er versuchen, sie in der Weise an seinem Reichtum teilnehmen zu lassen, daß er einen kleinen Auszug aus dem Inhalt der allerschönsten Bücher machte und ihn ihnen nach Nykarleby schickte. Dadurch bekämen ja auch sie eine kleine Bücherei, und es würde wohl ganz zutreffend sein, diese Sammlung dann die »Kleine Bibliothek« zu nennen.

Gedacht, getan. Aber da das Papier teuer war, mußten die Bücher in sehr kleinem Format und nicht sehr großer Seitenzahl herausgegeben werden; dadurch wurde der Inhalt freilich etwas sehr zusammengedrängt, und die richtigen Verfasser wären vielleicht ein wenig erschrocken, wenn sie zu Gesicht bekommen hätten, wozu sie den Anstoß gegeben hatten. Aber auf Kuddnäs wurden die Büchlein gut aufgenommen; alles, was Zacharias nach Hause schicken konnte, fand reißenden Absatz, sowohl Canongates Chronika von Walter Scott, als auch »Der furchtbare Drache« von einem noch unbekannten Schriftsteller, der sich Z. T–s unterzeichnete.

Aber mit diesen Auszügen aus den Büchern der Leihbibliothek war es noch nicht genug. Zacharias versuchte sich auch vorzustellen, wie die auftretenden Helden ausgesehen haben konnten. Er zeichnete sie, malte sie an und schnitt sie aus. Nach und nach machte er sich eine ganze Sammlung solcher Papierpuppen; aber er zeigte sie außer seinen beiden guten Tanten keinem Menschen, weil er Angst hatte, ausgelacht zu werden, wenn es bekannt würde, daß er mit Puppen spielte.

Immerhin war dies natürlich kein albernes Spiel mit gewöhnlichen Puppen, sondern diese waren seine Personen, die nicht allein aus Romanen, sondern auch vom wirklichen Weltentheater und dem großen Bereiche der Weltgeschichte stammten, und die, in den Fußbodenritzen aufgestellt, einander fechtend und Urteil sprechend, Reden haltend und Schläge austeilend gegenüber gestellt wurden. Zuletzt kam eine große Schere herbei, gleichsam von der Hand einer Schicksalsgöttin geleitet, und damit schloß das Schauspiel ab, das am nächsten Tag wieder vorgeführt wurde und dem einsamen Jungen über manche einsame Stunde hinweghalf.

Diese Leihbibliothek bereitete ihm tatsächlich so viel Vergnügen, so viel Zerstreuung, daß sie ihn mit dem Leben auf dem ödesten Platz des ganzen Erdenrunds ausgesöhnt haben würde. Aber leider hatten seine Eltern in Nykarleby erfahren, daß er völlig im Lesen von Romanen aufgehe, und darüber waren beide im höchsten Grade entsetzt.

Sowohl der Vater als auch die Mutter schrieben ihm und befahlen ihm, dieses Lesen einzustellen. Hervorragende Werke wie »die Geduld« von Valerius oder Miltons »Paradies« dürfe er natürlich lesen, aber ein solches Verschlingen von Romanen hielten sie für Seele und Leib gleich schädlich.

Er müsse sich überwinden, wie er das ja schon öfter getan habe, und das Romanlesen aufgeben, das ihn vollkommen zugrunde richten könnte.

Um ihm auf den richtigen Weg zu helfen, wurde ihm erlaubt oder gewissermaßen befohlen, Klavierstunden zu nehmen und reiten zu lernen. Sie dachten, dadurch werde er nicht mehr so viel Zeit für unnütze Zerstreuungen übrig haben.

Der Junge antwortete ihnen, er werde ihre Bestimmungen genau befolgen, und er hatte auch sicher die gute Absicht, Wort zu halten.

Aber jetzt mußte er mit etwas kämpfen, das stärker war, als alles, wogegen er bisher angekämpft hatte. Dies hier war weit schlimmer als das Hergeben eines Rodelschlittens. Es hieß, seine Seele der Nahrung berauben, nach der diese lechzte.

Soviel ist gewiß – heiße Kämpfe wurden ausgefochten, aber sein ganzes Sinnen und Trachten war auf die Bücher gerichtet. Seine Seele hungerte und dürstete, und da er nicht begreifen konnte, daß er sich oder andern durch das Lesen schadete, setzte er sich nicht so eifrig zur Wehr wie sonst.

Sich selbst zu überwinden, das vergaß er trotzdem nicht.

Er war einmal auf einem Jahrmarkt gewesen und hatte da zwei Flaschen Bier getrunken. Wegen dieser Sache bekam er von zu Hause jammervolle Briefe. Wozu nur? Darum brauchten sie daheim nicht so viele Worte zu machen. Das Biertrinken konnte er ebensogut lassen.

Es war ihm höchst langweilig, in der Schule Russisch zu lernen. Und er hätte Gründe genug finden können, diese Stunden zu schwänzen. Aber er hielt das schließlich doch auch noch aus.

Ebenso fiel ihm das allsonntägliche Kirchengehen recht sauer, wenn es doch hieß, man habe diesen ganzen Tag frei; ja, das fiel ihm schwer, aber er fand sich auch darein.

Und dann die Klavierstunden! Sie waren wirklich qualvoll, da er diese Zeit seiner Ansicht nach zu etwas viel Erfreulicherem hätte anwenden können; doch er konnte sich ja auch dabei überwinden.

Nur dem Durchlesen der ganzen Bibliothek seiner Tanten vermochte er nicht zu widerstehen. Denn das wäre keine Selbstüberwindung, sondern eine Selbstvernichtung gewesen, und das wollten die Eltern sicher nicht.

Drei und ein halbes Jahr, bis zum Schlusse des Frühjahrssemesters 1832, gab er sich in der Uleåborger Schule alle Mühe. Dann war er mit der letzten Klasse der Realschule fertig, und da es in der Stadt kein Gymnasium gab, hatte er nichts mehr da zu tun.

Ganz allmählich hatte er sich an die Schule und an das fremde Haus gewöhnt. Auch außer der Wohnung der Tanten und ihrer Bibliothek war ihm vieles lieb geworden; aber die Besuche daheim waren doch die ganze Zeit über das Allerschönste gewesen.

Nun war er die dreißig, oder ganz genau gerechnet, achtundzwanzig Meilen, die Uleåborg von Nykarleby trennen, sechsmal hin und her gefahren, und er hatte also die eintönige Küste von Österbotten gründlich kennen gelernt. Der Weg bot wenig Abwechslung oder Zerstreuung; aber was für eine Freude war es doch, wenn er Kuddnäs endlich von der Straße aus erblickte, wenn er die Allee hinauffuhr, vor der Haustür aus dem Wagen springen, Mutter und Schwester Sofie begrüßen und zu dem Vater hineineilen konnte, um ihm die Hand zu küssen, und dann wie ein Sturmwind in die Küche hinauszusausen, um Brita, Stina und Anna Lena ausgelassen herumzuschwenken. Wie herrlich, wenn er dann die Scheune und den Stall und das Hühnerhaus und den Schafstall und den Schweinekoben besichtigte, und wenn er zuletzt schnell ins Espenwäldchen hinübersprang, um die Arme um die lieben dortigen Freunde seiner Kindheit zu schlingen und ihre grauweiße, glänzende, glatte Rinde zu küssen.

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