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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 6
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Kuddnäs

Jetzt habe ich von dem kleinen Jungen zu berichten, der am 14. Januar 1818 geboren wurde und bei der Taufe seines Vaters Namen erhielt, so daß nun also ein neuer Zacharias Topelius Dieser Zweig der Familie Toppelius schreibt sich nur mit einem p. Anmkg. d. Üb. da war.

Nicht umsonst war das Kind am Felixtage auf die Welt gekommen. Dieser Zacharias war tatsächlich der glücklichste Junge, der in sieben Königreichen aufzutreiben gewesen wäre. Kein noch so vornehmer Prinz hätte es besser haben können.

Gleich zu Anfang seiner irdischen Laufbahn wurde er von nicht weniger als drei Dienerinnen zärtlich geliebt und aufs sorgfältigste umhegt; diese drei taten alles, was in ihren Kräften stand, das Kind gründlich zu verwöhnen. Zwei davon waren aus der Gegend von Nykarleby und sprachen schwedisch wie der Hausherr und die Hausfrau auf Kuddnäs auch, aber die dritte war aus dem finnischen Bezirk der Uleåborger Gegend. Dieses Mädchen hatten die Eltern nur deshalb kommen lassen, damit der Junge bei ihr finnisch sprechen lerne, was der Vater für durchaus notwendig hielt in diesem Lande, wo der größte Teil der Landbevölkerung diese Sprache redete; aber der Kleine zog es vor, sein Kindermädchen seine Sprache zu lehren, und erreichte das, was er wollte. Insofern war der Unterricht der finnischen Brita ein Mißerfolg; aber auf um so besseres Erdreich fiel all das, was sie ihm von Hexenmeistern und Trollen, vom Trollberg Rustekais, vom Trollrenntier mit den vergoldeten Hörnern und von Hiisi, dem furchtbaren Bergkönig zu berichten wußte.

Als der Junge soweit herangewachsen war, daß er sich außer dem Hause frei bewegen durfte, nahmen ihn die Knechte und die dem Hause Unterstehenden sehr oft mit zu ihrer Hantierung. Er wurde nicht auf die Seite geschoben wie andere kleine Kinder, weil er ihnen in den Weg lief und sie hinderte, im Gegenteil! Da sich sein Vater niemals unter seinen Leuten sehen ließ, wurde der Junge gleich von Anfang an als der »kleine Herr« behandelt. Der Müller begrüßte ihn freundlich in seiner Mühle, der Schmied in seiner Schmiede, der Knecht in seinem Stalle, der Bauer in seiner Scheune. Er durfte Pferde auf die Weide treiben, durfte mit ins Heuen fahren, ja, er durfte es sogar mit dem Dreschflegel und der Axt probieren. Alles, was auf dem Hofe geschah, interessierte den kleinen Mann aufs lebhafteste, und die Leute, die das sahen, gaben ihm im Scherz den Beinamen Hofvogt. Das ließ er sich gerne gefallen; aber noch stolzer wurde er an einem Herbstabend, wo ihn die Fischer, die im Flusse Felchen fingen, zu ihrem Netzkönig ernannten. Denn viel höher als Heueinfahren oder Kartoffellegen schätzte er von seiner frühesten Kindheit an alles, was zu dem edlen Fischerhandwerk gehörte.

In allem und jedem war der Herrenhof Kuddnäs ein herrlicher Boden, auf dem Kinder heranwachsen konnten. Da gab es keine Staatszimmer, die die Kinder nicht betreten durften; frei und ungebunden konnten sie sich in allen sechs Zimmern des Erdgeschosses, sowie in den zwei Giebelzimmern eine Treppe hoch bewegen. Am besten aber hatten sie es doch auf dem großen Bodenraum, wo sie umhertollen und tun und treiben durften, was sie nur immer wollten, Versteck spielen oder Puppenhochzeiten feiern und Theater spielen. Da oben gab es ein paar dunkle Gespensterecken, denen man nie ohne Angst und Schauder nahe kam, aber doch immer ein gewisses Wohlbehagen dabei empfand.

Auch an Spielplätzen im Freien war hier kein Mangel. Da war der große Hofraum, wo man sich im Sommer an den herrlichsten Fangspielen ergötzte, im Winter aber Gänge im Schnee aushob und sich ganze Schneehäuser baute. Da war auch der Garten mit seinen Erdbeeren und Stachelbeeren. Da war außerdem der wolkenhohe Himmelberg, den man im Winter auf dem Schlitten schwindelnder Eile hinabsauste. Und vor allem war da der Fluß Lappo, und der übertraf wahrlich die andern Spielplätze.

Wohlverstanden, das beste am Flusse war, daß er so veränderlich und lebendig war. Er war gut und böse zugleich. Er trug im Sommer des Jungen Rindenschiffchen und winzige Boote aus Schotenhülsen auf seinen Wassern, und im Herbst schenkte er wohl fünfzig bis sechzig Felchen auf einen Fischzug, im Winter breitete er sich als eine spiegelglatte Eisfläche aus, herrlich geeignet zum Schlittschuhlaufen; aber dann im Frühjahr – ja, da war es aus mit seiner Gutmütigkeit! Und woher kam das? Er war vielleicht des langen Liegens unter einer festen Eisdecke überdrüssig geworden. Er hörte vielleicht, daß es von den Dächern tropfte und daß die Stare zwitscherten, und da wußte er, nun war der Frühling ins Land gezogen, er selbst aber lag in der Gewalt des Winters noch vergessen da! Als er endlich frei wurde, o, da war nicht gut mit ihm umgehen! Wild schäumend und brausend brach er los, riß Stege weg, nahm kleine Heuschuppen mit fort und stieg drohend über seine Ufer. Und während er also raste, war der Junge ganz außer sich vor Glück über das große Ereignis. Nicht eine Minute konnte er sich vom Ufer losreißen, er mußte den Fluß beobachten, mußte sehen, was geschehen würde.

Eines gehörte mit zu des kleinen Jungen Vorrechten: er war nicht darauf angewiesen, nur immer im Freien in Hof und Feld zu spielen und allein da seine Erfahrungen zu machen, o nein, der ganze Ort Nykarleby stand zu seiner Verfügung! Dort wohnte ja der Großvater Turdin, der seines Mütterchens Stiefvater war, mit der Großmutter Turdin, einer herzlieben alten Dame. Da wohnte sein Onkel, der Kaufmann Calamnius und der Ratsherr Lithén, der mit der Tante Christina, der Schwester seines Mütterchens, verheiratet war. In Nykarleby waren überdies die Basen Rosalie und Mathilda Lithén, sowie deren Bruder, der Vetter Alexander, die alle drei seine besten Freunde und liebsten Spielgefährten waren. Auch noch viele andere Onkel und Tanten und entferntere Verwandte wohnten dort. O ja, für den kleinen Zacharias war das gar nicht so übel, daß er mit der ganzen Stadt ein wenig verwandt war.

Infolgedessen standen ihm denn auch die alten Kaufmannshäuser jederzeit offen, von dem kleinen Kramladen im Erdgeschoß mit seinen Schubladen voll Rosinen und dem Sirupfaß an bis zu der großen Festwohnung im ersten Stock, wohin Zacharias zum Weihnachtsschmause geladen wurde. Er durfte sehen, was sich in den Schlitten der alten Bauern befand, wenn sie auf den großen von Ställen, Scheunen und Lagerhäusern umgebenen Hofplätzen abgeladen wurden. Im Frühjahr sah er, wie die mit Teertonnen, Lachsfässern und Butterkübeln schwerbeladenen Schiffe nach Schweden abfuhren, im Herbst, wenn die Auslandsfahrer zurückkehrten, war er dabei, sie mit Schüssen aus Drehbassen und lautem Hurrarufen zu begrüßen.

Auch in einer andern Beziehung erging es dem kleinen Zacharias Topelius vortrefflich: seine Eltern waren nicht übertrieben besorgt um ihn, sondern ließen ihn, solange er nur nichts Unrechtes tat, ungehindert spielen, wo er am liebsten wollte und was er am liebsten wollte, sowie auch mit wem er am liebsten wollte. Spielgefährten gab es genug. Außer den Lithénschen Kindern waren die Jungen des Apothekers Svahn da, ebenso Küster Finnströms Buben, sowie des Schmieds Josua. Und wenn diese nicht mitkommen konnten, so hatte er ja immer noch seine Schwester Sofie. Diese war allerdings zwei Jahre jünger als Zacharias und wurde deshalb als Spielgefährtin im allgemeinen noch für zu klein erachtet, aber sie war eine ausgezeichnete Vertraute und eine unverbrüchlich ergebene Untertanin.

Man kann sich wahrlich nur darüber verwundern, wieviel Freundliches und Gutes den kleinen Jungen überall umgab, wie merkwürdig viel Glück und frisches, frohes Leben und lehrreiche Vorkommnisse auf ihn einwirkten. Ganz besonders war es das Leben im Elternhause, das ihm nur edle und gute Vorbilder gab. Keinen Fluch hörte er daheim, und zwischen Vater und Mutter wurde nie ein böses Wort gewechselt. Wahrlich, wenn er ein Königskind aus einem Märchen gewesen wäre, das, um mit der Schlechtigkeit der Welt nicht in Berührung zu kommen, in einem von hohen Mauern umgebenen Lustgarten heranwächst, er hätte nicht mehr und nicht besser beschützt sein können, als er es in dem freundlichen Winkel von Finnland, wo er seine Kindheit verbrachte, war.

In den allerersten Kinderjahren war es natürlich die Mutter, der seine ganze Liebe galt. Sie war es ja, die ihm half und ihn erzog. Im übrigen war sie auch geradeso, wie eine Mutter sein soll, damit ihre Kinder sich bei ihr glücklich fühlen und sie über alles lieben können. Sie war zeit ihres Lebens keine Schönheit gewesen, sah aber sehr gut und gütig aus, und warmherzig und klug, fleißig und tüchtig war sie von Charakter. Von ihr strömte die Fröhlichkeit und die Sicherheit aus, die das ganze Haus erfüllte und das Leben für ihre Kinderlein so leicht machte.

Die junge Frau Doktor Topelius auf Kuddnäs war eine ausgezeichnete Hausfrau, aber sie gehörte zu denen, die mehr können, als Essen kochen und Strümpfe stopfen. Sie sang ihren Kleinen Franzéns Kinderlieder vor, schnitt ihnen Papierpuppen aus, half ihnen Sirupbonbons kochen und den zerbrochenen alten Vater Noah wieder heil machen. An den Winterabenden, wenn sie beim flackernden Ofenfeuer saßen, erzählte sie ihnen, wie sie in ihrer Jugend mit ihrer Großmutter auf den Jahrmarkt gegangen und da selbst in der Marktbuden gestanden hatte, weil die Kaufmannsfrauen damals, wenn sie auch sehr vermögend waren, überall selbst mit Hand anlegten. Von Stockholm, Finnlands früherer Hauptstadt, wußte sie auch allerlei zu erzählen. Sie war ja zwei Jahre dort in Pension gewesen. Und vom letzten Krieg konnte sie sich auch noch an vieles erinnern. Im Hause ihres Stiefvaters, das damals das größte in ganz Nykarleby gewesen war, hatte sie sowohl die berühmtesten Männer jener Zeit, Adlerkreutz und Döbeln, Kulneff und Demidoff, gesehen; ja, sie hatte überdies geholfen, ein Festessen für das Leckermaul Klingspor zu bereiten.

Ach ja, das war sicher und gewiß, die Kinderlein waren während der langen Krankheit des Gatten für die junge Frau ihr bester Trost und ihre Zuflucht, und ebenso war es auch bei den Kindern!

Bei alledem entwickelte sich natürlich der kleine Junge schnell und wurde ein energischer und tüchtiger kleiner Mann. Mit sechs Jahren war sein Wissen geradezu erstaunlich, wie man gleich hören wird.

Lesen konnte er zwar noch nicht, aber dafür konnte er vieles andere. Er konnte das Hüpfhäschenspiel, konnte auf dem Kopfe stehen, Purzelbäume schlagen, mit den Fingern schnalzen, Schlittenfahren, Schneeballen werfen, Kickeriki schreien und den Hofhahn damit ärgern, Wiegenpferd reiten, belegte Butterbrote essen und Buttermilch trinken.

Aber wie es bei Märchenprinzen zu gehen pflegt, die in mauerumgrenzten Gärten aufwachsen, so ging es auch mit dem kleinen Jungen auf Kuddnäs. Er fing an zu glauben, die ganze Welt sei nur seinetwegen da und er könne sich genau so aufführen, wie es seiner kleinen Herrlichkeit beliebte, ohne an andere denken zu müssen.

Aber seinem lieben Mütterchen war das gar nicht recht, daß er sich als ein solcher anmaßender kleiner Kerl zeigte, und sie züchtigte ihn, so gut sie konnte; doch war es gar nicht leicht für sie, ihn zu bändigen und folgsam zu machen. Dabei darf man indes eines nicht vergessen: sie wollte ihren Mann mit solchen Kleinigkeiten, die sie ihrer Ansicht nach allein bewältigen sollte, nicht beunruhigen. Dem Vater waren seine Kinder ganz gewiß außerordentlich wichtig: er hatte vorgeschrieben, daß sie durch kalte Übergießungen abgehärtet, an einfache Kost gewöhnt, ordentlich und folgsam sein sollten und sich niemals einer Lüge schuldig machen dürften; aber das konnte die Mutter doch nicht erwarten, daß er zu einer Zeit, wo er von seinem eigenen Unglück selbst noch wie gelähmt war, die Kraft habe, auch noch einen unartigen Jungen zu erziehen.

Doch siehe, eines Tages vermißte der Vater ein Petschaft, das sonst immer seinen ganz bestimmten Platz auf seinem Schreibtisch hatte. Beinah gleichzeitig merkte die Mutter, daß ihr ein silberner Fingerhut fehlte, und Schwester Sofie konnte ihr Bernsteinherz nicht wiederfinden. Ach, was war das ein eifriges, aber erfolgloses Suchen! Dann wichtige Beratung, wie es möglich gewesen sei, daß sich ein Dieb ins Haus geschlichen hatte. Zum Schluß wurde auch der kleine Zacharias ausgefragt, und da kamen die Sachen sehr bald zum Vorschein. Sie wurden aus einem Schneehaufen im Hofe herausgegraben, wo der Junge sich seine geheime Schatzkammer angelegt hatte.

Kein Gedanke beunruhigte ihn, daß er etwas Ungehöriges getan habe. Er hatte eben an dem Tag »Räuber« gespielt, und ein Räuber mußte sich doch anderer Menschen Eigentum holen und es verstecken.

Er kam mit einer Vermahnung davon und mußte versprechen, so etwas nie wieder zu tun. Aber von dem Augenblick an verwunderte sich der Vater immer wieder darüber, daß sich sein Junge seiner Phantasie so zügellos überlassen konnte.

Bald gab es wegen des Jungen neue Aufregung. Er war seiner Mutter ungehorsam gewesen, und sie hatte ihn zur Strafe dafür in eine dunkle Speisekammer gesperrt. Damit war es nun nicht gefährlich, etwas anderes war viel schlimmer: Während der Kleine da im Dunkeln saß, konnte er die Marmeladentöpfe und Kuchenkasten auf den Regalen unterscheiden, und da bildete er sich ganz plötzlich ein, er sei der Hans, der zu der Hexe im Pfefferkuchenhäuschen kam und dem alles mögliche Leckere und Gute angeboten wurde. Und als Folge davon zeigte es sich, als der Junge aus dem Arrest herauskam, daß er einen Marmeladentopf von dem Brett heruntergenommen und ihn ratzekahl ausgegessen hatte.

Ja, da gab es einen neuen Arrest an einem sichern Platz, und diesmal erschien der Mutter die Sache überaus ernst; sie mußte dem Vater mitgeteilt werden. Dieser erkannte darin dieselbe Lust, sich irgendeinem Einfall ohne jegliche Überlegung hinzugeben, und mit immer größerem Interesse suchte der Vater zu ergründen, was in der jungen Seele wohnte.

Beim Eisgang hatte der Junge eines Tages wie gewöhnlich am Ufer gestanden, um den Fluß zu bewundern, und zum Mittagessen war er mit tropfnassen Füßen nach Hause gekommen. Man wechselte ihm Strümpfe und Schuhe, und mit vielen Ermahnungen, nicht wieder so weit ans Ufer heranzugehen, daß er aufs neue naß würde, durfte er wieder hinaus. Aber der Fluß und die Eisschollen waren zu verführerisch, und als der kleine Zacharias zum Abendbrot wiederkehrte, waren seine Strümpfe und Schuhe noch nässer als am Vormittag.

Da wurde Zacharias' Mutter sehr böse; sie schlug ihn mit dem nassen Strumpf um die Ohren und sagte, sie sei tief betrübt, weil man sich nie auf ihn verlassen könne.

Der Vater hörte den Auftritt, rief den Jungen zu sich und fragte ihn, warum er ungehorsam gewesen sei. Ach, er habe ja gemeint, er selbst sei ein Fluß, und da habe er doch über den Uferrand hinausgehen und Grasbüschel und Erdschollen mit sich fortreißen dürfen.

Der Kranke hörte ihm ruhig und auch recht ernst zu, aber seine Frau merkte wohl, daß ihn des Sohnes Seitensprung nicht eigentlich beunruhigte; ja, es kam ihr fast vor, als ob er sich darüber freute.

Meistens waren es auch nicht gewöhnliche Bubenunarten, die den Sechsjährigen anfochten, sondern er litt an einem Übermaß von Phantasie. Aber das war für seine Umgebung fast noch beschwerlicher. Denn wenn er das eine Mal ein Lappenmann auf der Wolfjagd war, das andere Mal Klein-Karin, die in der mit Nägeln gespickten Tonne den Abhang hinunterrollen mußte, oder wieder ein anderes Mal ein Entdeckungsreisender, der sich in die hohen Schneewehen des Zuckerlandes begab, so konnte man vor irgend etwas Unerwartetem und höchst Überraschendem nie ganz sicher sein.

Der Doktor griff nach dem gewöhnlichen Heilmittel gegen die überfließende Einbildungskraft: er schickte seinen kleinen Jungen in die Schule zu Tante Sahlbom in Nykarleby, denn er wußte, daß die Wissenschaften die besten Zügel für die Phantasie sind.

Eines Tages war die Mutter bei einem Begräbnis gewesen, und als sie heimkam, brachte sie eine prächtige große Safranbrezel mit, die die Kinder unter sich teilen sollten. Die Brezel war wunderschön, mit vielen Korinthen darin, und sobald sie geteilt war, dachten die Kinder an nichts anderes, als den Leckerbissen zu versuchen. Aber ehe sie die Brezel zum Munde führen konnten, fragte sie der Vater, ob sie mit dem Aufessen nicht lieber bis zum nächsten Tage warten wollten.

Diese Frage war für die Kinder eine höchst unangenehme Überraschung, das sah der Vater wohl, und so fügte er rasch hinzu, daß die Brezel ihr Eigentum sei und sie es damit halten dürften, wie sie selbst wollten, aber er meine doch, es wäre nett, wenn sie sie bis zum nächsten Tag aufheben würden. Da legte Schwester Sofie ihren Teil sofort weg, und Zacharias sagte, er wolle es auch so machen, vorher aber möchte er doch ein paar von den Korinthen herauszupfen, um zu sehen, wie sie schmeckten. Aber o weh, als er die Korinthen gekostet hatte, legte er die Brezel nicht mehr weg. Er kostete und kostete und hörte nicht auf, bis auch die letzte Brosame verkostet war.

Der Vater saß daneben, sah zu, und ein etwas betrübtes Lächeln zog über sein Gesicht, aber er sagte kein Wort.

Einige Zeit nachher an einem kalten Wintertag wollte der kleine Zacharias ausgehen. Er lief im Zimmer umher und suchte eifrig nach seinem Mantel und seinen Fausthandschuhen.

»Kannst du nicht ohne sie ausgehen?« fragte der Vater. »Aus einem verzärtelten Jungen wird nie ein rechter Mann, das weißt du wohl?«

Und wohlverstanden, diesmal ging es nicht wie mit der Safranbrezel. Der Junge ging seiner Wege, ohne weiter nach Mantel und Fäustlingen zu suchen, und er kam auch nicht wieder zurück, um sie zu holen. Er fuhr Schlitten und blieb tapfer draußen, obgleich ihm die blaugefrorenen Finger sicherlich tüchtig weh taten.

Der Vater verwunderte sich vielleicht doch mehr darüber, als er zuerst gedacht hatte. Der Junge kam ihm eigentlich gar nicht stark vor. Er war ziemlich groß für sein Alter, hatte aber zarte, feine Glieder. Er mußte also zäher und ausdauernder sein, als man von ihm erwartet hätte.

Doktor Topelius stellte seinen Kleinen wieder und wieder auf die Probe. Bisweilen gelang es dem Jungen, ein Vergnügen aufzugeben oder sich einen Leckerbissen zu versagen, aber bisweilen fiel die Probe auch jämmerlich schlecht aus.

»Überwinde dich selbst!« sagte der Vater zu ihm. Er hatte eine große Vorliebe für Sinnsprüche und wendete sie sowohl zu seinem eigenen Trost als zur Aufmunterung anderer sehr häufig an. Die Regel, die er seinem Sohne fester als jede andere einprägen wollte, damit sie ihm ein geistiges Testament werde und ein unerschütterliches Erbe bleibe, war gerade der Ausspruch: »Überwinde dich selbst!«

Eines Tages war Wettschlittenfahren auf dem Himmelsberg. Schmieds Josua auf seinem Rodelschlitten Flink und Zacharias auf seinem ausgezeichneten, heißgeliebten Moppe wollten um die Wette rodeln. Josua fuhr zuerst, aber Moppe war hurtiger als der andere Schlitten. Er holte Flink in der Mitte des Hügels ein, als er gerade eine gefährliche Biegung nach dem steilen Abhang zu machte. Moppe fuhr geradeswegs auf seinen Nebenbuhler, und Flink und Josua rollten den Abhang hinunter. Flinks Kufen gingen entzwei, Josua selbst brach einen Arm und verstauchte sich einen Fuß. Aber er war ein guter Freund und machte Zacharias keine Vorwürfe, sondern entschuldigte ihn und lobte den Schlitten Moppe, weil er seinen Flink eingeholt hatte.

Das Ganze war wirklich schon schlimm genug für Zacharias, aber als er dem Vater das Ereignis mitteilte, wurde es noch schlimmer für ihn.

»Und jetzt liegt Flink mit zerbrochenen Kufen da,« sagte der Vater. »Woher soll Josua nun einen neuen Schlitten bekommen?«

In des Knaben Herz begann es zu arbeiten, denn er verstand wohl, was der Vater meinte. Aber Moppe war sein Stolz, seine Liebe, sein alles; Moppes Verdienst war es ja, daß er sich allen anderen Jungen überlegen fühlte. Ein harter Kampf entspann sich in des Knaben Seele; aber nach drei Tagen erhielt Josua den Schlitten zum Trost, weil er mit seinem gebrochenen Arm zu Bett liegen mußte.

Und als dies geschah, war der Vater so glücklich, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Jetzt brauchte er sich um die Zukunft seines Sohnes keine Sorgen mehr zu machen. Er wußte, sein lebhaftes, phantasiereiches, hochbegabtes Kind würde ein guter Mensch werden und seinen Namen mit Ehren tragen, weil er die Kraft hatte, sich selbst zu besiegen.

Ein immer größeres Interesse fühlte der kranke Vater für diesen seinen einzigen Sohn. Man kann ja sehr wohl begreifen, daß ein Mann, dessen eigene glänzende Laufbahn plötzlich abgebrochen worden ist, einen jungen Sohn mit ganz andern Augen betrachtet als ein Vater, der selbst in einem tätigen Beruf steht. Für den gebrochenen Arzt auf Kuddnäs wurde die Ausbildung der jungen Seele das Hauptinteresse seines Lebens. Wenn er seinen Sohn ansah, dachte er sicherlich:

»Du mußt werden, was ich selbst nicht habe werden können. Du mußt erreichen, was ich nicht erreicht habe!«

Der Vater war es auch, der ausgezeichnete Erzieher nach Kuddnäs berief: zuerst den Sohn seines Bruders Franz Michael und später den Studenten Blank von Wasa. Der Vater selbst richtete den Unterricht im Geiste Porthans, des berühmten finnischen Gelehrten und Historikers ein, nicht nach dem alten Schlendrian, sondern lebendig und anschaulich.

Aber zugleich lehrte er seinem Sohn das Höchste von allem: selbst an seiner Ausbildung zu arbeiten. Sehr frühzeitig schon kam der Kleine zu dem Verständnis, daß in seinem Innern eine hungernde Seele wohnte, die unerbittlich gesättigt werden mußte. Der Vater weckte des Kindes Beobachtungskraft, indem er ihn daran gewöhnte, ein Tagebuch zu führen und Aufzeichnungen zu machen. Dadurch wurde der Junge ein fürsorglicher Sammler, ja ein Konservator im eigentlichen Sinne des Wortes, nicht nur von Insekten und Vogeleiern, sondern von kostbaren geistigen Gütern. Erfahrungen, Auftritte, kleine Erlebnisse, Einfälle, der Inhalt von Büchern, kurz gesagt, alles, was das Leben mit sich bringt, wurde aufbewahrt und gut gehütet. Wohl waren die ersten Versuche äußerst kindlich und einfach, aber der Anfang wurde gemacht, der Same ausgesät.

Unter dieser Arbeit mit seinem Sohne war, ohne daß er sich das vorher überlegt hatte, dem Vater selbst ein großer Trost geworden. Sein eigener Geist war aus der Lähmung herausgerissen worden, in die ihn sein Unglück versetzt hatte. Jetzt war er kein toter und geschlagener Mann mehr. Er lebte, er hatte einen Sohn, der seinen Mantel aufheben würde, der an seiner Statt der große Arzt werden sollte, dem das Volk zujubeln würde, der große Ackerbauer, der dem Volke das Brot gab. Sein Werk würde leben, mit Finnland ging es aufwärts! Ob dies durch ihn geschah oder durch seinen Sohn, das war gleichgültig.

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