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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Michael Toppelius

Ungefähr hundert Jahre nach der Zeit, wo Christof Toppelius in russische Gefangenschaft geraten war, brach wieder Krieg zwischen Schweden und Rußland aus, und wieder hatte er, sogar unter denen, die nicht an den Schlachten teilnahmen, Not und Jammer, Pestilenz und jähe Todesfälle im Gefolge.

In Uleåborg, auf dem alten Erbgut an der Limingostraße wohnte damals Christofs Sohn, Michael Toppelius, ein froher, freundlicher, arbeitsamer und gottesfürchtiger alter Mann, der von Beruf Kirchenmaler war und in den Tagen seiner vollen Kraft viele Kirchen seines Landes mit frommen, erbaulichen Bildern geschmückt hatte. Als der Krieg ausbrach, war er schon ein alter Mann, der sich seinen Lebensunterhalt mit seiner Arbeit nicht mehr verdienen konnte und demzufolge vollständig verarmt war. Bis dahin hatte er indes der Zukunft ohne zu große Sorge entgegengesehen, weil er viele fürs Lebens wohlausgerüstete Kinder hatte, die ihn sicher nicht im Elend verkommen lassen würden, wenn sie es nur selbst soweit brachten, ihm helfen zu können.

Die größten Hoffnungen aber setzte Michael auf seinen ältesten Sohn Johan Gabriel; der schon Kaplan in Ilmola im südlichen Österbotten war.

Er war allerdings verheiratet, hatte vier Kinder und war überdies kränklich; aber der Vater hoffte, er werde bald als Propst auf einer reichen Pfründe in einem großen Pfarrhofe wohnen, dort selbst gute Tage genießen und dann gewiß imstande sein, Vater und Geschwistern eine hilfreiche Hand zu bieten.

Auch zwei andere Söhne, Zacharias und Gustaf, hatten sich für einen gelehrten Beruf entschieden. Beide befanden sich zurzeit in Schweden und studierten Medizin. Noch war keiner von ihnen fertig, aber sie waren doch schon so weit, daß sie selbst für ihren Unterhalt sorgen konnten. In der allerletzten Zeit hatten sie überdies angefangen, ihren Vater schon ein wenig zu unterstützen.

Zu Hause hatte Michael Toppelius außerdem noch einen Sohn und drei Töchter. Der Sohn war nicht viel nütze und von schwachem Charakter, aber die Töchter waren klug und unternehmungslustig, und so hatten sie einen kleinen Kramladen eröffnet, um auf diese Weise der schlimmsten Not zu steuern.

Der Krieg hatte noch nicht lange gedauert, da bekam Michael Toppelius gar traurige Nachricht von seinem ältesten Sohne. Im Kirchspiel Kauhajoki, das nahe bei Ilmola lag, war ein russischer Transport von einer Bauernschar ausgeplündert worden. Um diese Frechheit zu bestrafen, wurde eine russische Kosakentruppe nach Kauhajoki geschickt, und diese raubte nicht weniger als dreißig Höfe aus und brannte sie dann bis auf den Grund nieder. Im Hofe Knuuttila, der Johan Gabriels Schwager gehörte, wurde der Besitzer mitten in der Nacht durch Schüsse und Bajonettstiche ermordet. Sein Knecht wurde auf der Stelle erschossen, sein Schwiegervater mit Peitschen geschlagen und gefesselt in Gefangenschaft weggeführt, und seine Frau mußte mit ihren Kindern in die Wälder fliehen. Und genau ebenso war in allen den andern niedergebrannten Höfen verfahren worden.

Als diese Nachrichten Ilmola erreichten, zog Johan Gabriel mit seinen Dorfbewohnern nach Kauhajoki, um den ratlosen Flüchtlingen beizuspringen. Man führte sie nach Ilmola und nahm sie in seinen Häusern auf, jeder half nach seinem Vermögen. Zu Johan Gabriel kamen seine Schwägerin, ihre Kinder und ihre Eltern, und sie hatten so Schreckliches zu berichten, daß die Feder sich sträubt, es niederzuschreiben.

Johan Gabriel selbst war weder verwundet noch zerschlagen worden, aber seine Krankheit, ein gefährliches Lungenleiden, verschlimmerte sich nach dem grausigen Ereignis und der beständigen Angst, in der er von jetzt an leben mußte, in beängstigendem Grade.

Aus Furcht vor heranziehenden Feinden mußte er sich lange Zeit nach dem Unglück in Kauhajoki in einer Hütte im Walde verborgen halten. Da war er zwar in Sicherheit vor den Russen, aber statt dessen fand die rote Ruhr, die damals meist im Gefolge der Kriegsheere einherzog, den Weg zu seiner Freistatt; sie raubte ihm drei von seinen Töchterchen und ließ nur ein einziges Kind übrig, einen Sohn, namens Franz Michael.

Nach all diesem hörte Johan Gabriel auf, gegen den Tod anzukämpfen, und im September 1818, vierzehn Tage, nachdem seine drei Töchterchen wie Blumen von der Sichel abgemäht dahin gesunken waren, verließ auch er die Schrecknisse dieser Welt.

So hatte der Alte in Uleåborg durch den Krieg seinen Sohn verloren, auf den er als auf die beste Stütze seines Alters gerechnet hatte.

Sehr geringe Hoffnung hatte er auch in jener Zeit, seine beiden andern in Schweden studierenden Söhne jemals wiederzusehen. Beide waren mit in den Krieg gezogen. Zacharias war Arzt bei der Schärenflotte, die im Sommer und Herbst des Jahres 1809 mehrmals den Versuch machte, Truppen in Finnland zu landen. Gustaf tat Dienst auf der Korvette Camilla, die die Handelsschiffe zwischen Stockholm und Göteborg zu begleiten hatte, um sie vor dänischen Kapern zu schützen.

Und immer düsterer gestalteten sich auch die Verhältnisse in der nächsten Umgebung des alten Toppelius. In Uleåborg drehten sich die Gespräche um nichts anderes mehr, als um Einquartierungen und Aushebungen. Und mit der gewöhnlichen Not des Krieges zugleich stellte sich auch die teure Zeit ein. Wer zuvor etwas besessen hatte, wurde leicht reich, aber den Armen erging es schlimmer als je zuvor. Mit der zunehmenden Not nahm auch die Unehrlichkeit überhand. Zaunpfähle wurden als Brennholz verkauft, und wer ein Pferd besaß, mußte es wohl versteckt halten, damit es ihm nicht gestohlen wurde.

Im Spätherbst 1808 fror das Schiff, auf dem Zacharias Toppelius Dienst tat, in den Stockholmer Schären ein und konnte nicht wieder loskommen. An Bord konnte man sich nicht gegen die Kälte schützen, und als der junge Arzt endlich an Land kam, war er lebensgefährlich krank. Die Korvette Camilla war auch eingefroren, aber weiter südlich im Öresund. Nach vielen Abenteuern zündete der Kapitän das Schiff an, damit es nicht in die Hände des Feindes fallen konnte, aber die ganze Besatzung des Schiffes geriet in dänische Gefangenschaft.

Ungefähr zu derselben Zeit, da solches Unglück den Söhnen von Michael Toppelius widerfuhr, fiel ganz Finnland in Rußlands Gewalt, und die Verbindung mit Schweden wurde abgesperrt. Keinerlei Nachricht gelangte von da nach Uleåborg, und während des ganzen Jahres 1809 wurden Zacharias und Gustaf von Vater und Geschwistern als tot betrauert. Erst im Jahre 1810 erfuhr der Vater, daß seine Söhne allen Gefahren glücklich entgangen waren und sich in voller Gesundheit in Stockholm befanden. Ein paar Monate vorher war von der Kanzel der Friede verkündigt worden. Jetzt hätte man also erwarten können, daß der Alte sehr beglückt und erfreut gewesen wäre und ganz überzeugt, daß seine Sorgen und die Heimsuchung nun ihr Ende erreicht hätten.

Aber wohlgemerkt, dies war der Friedensschluß, der Michael Toppelius und alle Finnen mit ihm zu russischen Untertanen machte. So froh er darum auch war, daß die Söhne noch lebten, so konnte er doch nur mit Angst daran denken, daß die beiden, die in Schweden wohnten, sich von jetzt ab in einem fremden Lande befanden. Er konnte durchaus nicht versichert sein, daß sie nach Finnland zurückkehren wollten, um sich dadurch unter die russische Gewaltherrschaft zu begeben.

Es verging auch ein Monat nach dem andern, aber nirgends war ein Anzeichen zu erblicken, nach dem man auf die Heimkehr der Söhne hätte schließen können. Sie gaben allerlei Gründe an, sagten, sie könnten erst zurückkehren, wenn sie richtige Ärzte geworden seien, und damit mußte sich der Vater ja auch zufrieden geben. Aber eines wußte er: Je länger es dauerte, desto schwerer wurde es für die Söhne, Schweden zu verlassen, wo sie ihre Ausbildung erhalten hatten und wo eine gute Zukunft ihrer wartete.

Die Monate wurden zu Jahren. Die Gestalt des Alten wurde gebückt und neigte sich dem Grabe zu; aber von den Söhnen war weder etwas zu sehen noch zu hören. Jetzt hätte er gerne Späher ausgeschickt und gefragt: »Siehst du niemand kommen? Siehst du noch niemand, gar niemand?«

Doch siehe, im Herbst 1811 kehrte wirklich der ältere Sohn Zacharias nach Finnland zurück! Er hatte sich in Stockholm als tüchtiger und erfolgreicher Arzt schon einen Namen gemacht. Großer Erfolg und ein ausgedehntes Arbeitsfeld erwarteten ihn in Schweden; aber das Vaterland zog und zog und ließ ihn nicht los, und als ihm dann die Stelle eines Stadtarztes in Nykarleby angeboten wurde, nahm er den Ruf an.

Das war eine große Befriedigung für den Vater; aber möglicherweise war es doch auch eine Enttäuschung, weil Zacharias sich in Nykarleby niederließ, was für den, der ihn von Uleåborg besuchen wollte, eine dreißig Meilen weite Reise bedeutete. Der Alte hätte für sein Leben gern einen Sohn auf dem alten Hofe an der Limingostraße schalten und walten sehen, damit das Erbgut vor dem vollständigen Verfall bewahrt würde.

Aber dazu war wenig Aussicht vorhanden, denn daß Gustaf, der andere Sohn, auch wiederkehren werde, das wagte der alte Vater kaum zu hoffen. Zacharias war ein Mann von einfacheren Anlagen, er kannte keinen andern Ehrgeiz, als seinen Nebenmenschen zu helfen. Er befand sich überall wohl, wo er das Bewußtsein hatte, daß man ihn brauchte. Gustaf dagegen war von anderer Art. Auch er war ein tüchtiger Arzt, aber gleichzeitig ein fröhlicher Gesellschafter, der überall, wo er auch immer hinkam, geliebt und verehrt wurde. Er war nicht schwermütig, wie so viele Finnen, sondern dem Festlichen und Frohen zugeneigt.

»Er bleibt in Schweden,« sagten die Leute zu dem alten Vater, »dorthin paßt er am besten.«

Im Jahre 1815 jedoch wurde Gustaf zum Stadtarzt in Uleåborg ernannt, und da zog auch er nach Finnland hinüber.

Denn es erging diesen beiden Brüdern genau wie ihrem Großvater Christof, der sich von seiner glücklichen Gefangenschaft in Rußland unter großen Gefahren bis zu seinem zerstörten Heimathofe durchgeschlagen hatte. Auch diese beiden Nachkommen hatten das Heimweh nach dem Vaterlande nicht überwinden können; in Armut und Unglück – gerade da lockte es sie unwiderstehlicher denn je zuvor.

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