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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 3
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Zacharias Toppelius

Vor ungefähr zweihundert Jahren herrschte in Finnland große Not. Weit umher war durch den Krieg alles verwüstet, Städte und Dörfer gingen in Flammen auf, die Ernte wurde niedergetreten und die Menschen gingen zu Hunderttausenden zugrunde, durchs Schwert, durch den Hunger und durch furchtbare Krankheiten, und viele, viele entflohen auch aus dem Lande. Wo man hinschaute, lauter Elend, Seufzen und Weinen, Jammer und Trauer, Asche und Blut, und die, so am längsten hofften, wußten schließlich nicht mehr, worauf sie noch hoffen könnten. Denn Gottes Geißel ging über das Reich hin und fiel auf das arme Land nieder; die Schrecken jener Zeit werden niemals vergessen werden.

Bei soviel Unglück geschah es, daß viele Familien auseinandergerissen und weit umher zerstreut wurden. Die einen wurden in Feindesland getrieben, andere entflohen in Wälder und Einöden, ja, weit in die Ferne nach Schweden; eine Gattin wußte nichts mehr von ihrem Manne, ein Bruder nichts von seiner Schwester und eine Mutter nichts von ihren Kindern; sie hatten keine Ahnung, ob die Ihrigen noch lebten oder tot waren.

Als dann endlich Frieden wurde und die Überlebenden wieder in ihre Heimat zurückkehrten, gab es nur ganz wenige Familien, die nicht einige von den Ihren vermissen oder betrauern mußten. Gleichwie wir in dem Märchen vom Ritter Blaubart lesen, daß die junge Gattin ihre Schwester auf den Turm schickte, von wo man weit umherschauen konnte, und sie dann der Ausschauhaltenden beständig zurief: »Anna, siehst du jemand kommen?« so fragte gar mancher in seiner einsamen Hütte, wo man nichts von den verlorenen Lieben gehört hatte: »Siehst du niemand kommen? Siehst du noch niemand kommen?« Und meistens lautete die Antwort: »Niemand! Niemand!«

Aber bisweilen ging es doch wie in dem Märchen vom Ritter Blaubart. Weit draußen auf dem Wege ward eine kleine Staubwolke sichtbar; die Wolke kam näher und näher herbei, und schließlich erkannte man eine Schar Flüchtlinge, die ihre Angehörigen suchte. Dann schauten die Augen von Vater und Mutter sehnsüchtig nach ihren Lieben aus, und fanden sie sie endlich nach vielen Jahren wieder, so herrschte da eine Freude, wie wenn das Leid gar nicht gewesen wäre; die Hütten wurden in aller Eile wieder aufgerichtet, die Felder trugen neue Ernte, und eine neue Zeit brach an nach all den vergangenen Sorgen.

Während des langen Krieges war ein armer Junge aus Uleåborg, Christof Toppelius, mit seiner Mutter und Schwester in eine entlegene Waldhütte in der Mohuser Einöde geflohen. Dort fristeten sie kümmerlich ihr Leben. Sie fingen Fische in einem nahe gelegenen Teich und legten Schlingen für die Tiere im Walde. Aber schließlich wurden sie auch da von dem Feinde aufgespürt. Eine Schar Kosaken kam auf dem Waldwege dahergeritten; sie ergriffen den Jungen vor den Augen der Mutter und sprengten mit ihm auf und davon.

Diese Kosaken nahmen den Jungen mit sich nach Rußland und verkauften ihn da an einen Bojaren, der ein Günstling des Zaren war und ein Gut in Ingermanland besaß. Dort wurde der Junge gut behandelt, er durfte sogar Klavierspielen lernen, und eines Tages, als der Zar Peter als Gast auf dem Gute weilte, wurde der Junge hereingerufen, um dem Herrscher etwas vorzuspielen.

Aber mitten im Überfluß und Wohlergehen konnte der Junge doch Vater und Mutter und Heimatland nicht vergessen. Es erging ihm, wie einst den gefangenen Juden in Babylon, die ihre Harfen an die Weiden hingen und in dem fremden Lande nicht singen und spielen und nicht tanzen konnten.

Als dem Jungen dann zu Ohren kam, daß in Finnland wieder Frieden herrschte und daß alle, die konnten und wollten, dahin zurückkehren durften, wurde ihm das Heimweh übermächtig, und eines Tages, als er mit dem Abcbuch unter dem Arm in die Schule wanderte, entwich er in einen großen Wald und hielt sich da bis zum Abend verborgen. Als es Nacht war, wanderte er fort, immer in der Richtung, wo er an dem Augustabend die Sonne hatte untergehen sehen. Und auf diese Weise, bei Nacht weiter wandernd und sich bei Tage versteckt haltend, erreichte er endlich eine Landstadt im südlichen Finnland. Da lag ein Schiff zum Ausfahren nach Stockholm bereit, und der Schiffer nahm den Flüchtling mit an Bord.

Und siehe, als der Junge in Stockholm bei der großen Schiffbrücke an Land stieg, standen da einige Frauen und spülten Linnen. Eine von ihnen betrachtete den eben Angekommenen genau und fragte ihn auf finnisch: »Woher kommst du?«

»Von Uleåborg,« antwortete der Junge.

»Dann bist du mein Sohn Christof,« lautete die Antwort.

Und die Frau war in der Tat die Mutter des Jungen; wie so viele andere war sie in die Hauptstadt geflohen und verdiente sich da ihren Unterhalt im Tagelohn durch waschen und scheuern für andere Leute.

Nachdem sich nun Mutter und Sohn auf diese Weise wiedergefunden hatten, kehrten sie miteinander nach Finnland zurück. Der Sohn übernahm seines Vaters Hof an der Limingostraße und erwarb auch die Äcker und Wiesen vor der Stadt wieder, die zuvor seiner Familie gehört hatten. Er wurde Schreiber auf dem Zollamt und beschäftigte sich auch etwas mit Malen und mit Musik. In der Friedenszeit, die jetzt angebrochen war, durfte er sein Leben in ziemlichem Wohlstand verbringen, und bei seinem Heimgang hinterließ er den Seinen einen geachteten und geehrten Namen.

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