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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 25
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Der Rosengarten

Viele von den Schweden, die im letzten Jahrhundert geboren wurden und in irgendeiner Weise teil an dessen Leben nahmen, haben gewiß noch in frischer Erinnerung, wie Zacharias Topelius zu jener Zeit eine literarische Großmachtstellung in Schweden einnahm. Damals war es, daran erinnern wir uns genau, ganz selbstverständlich, daß sein Name bei hoch und nieder, bei jung und alt bekannt war, bekannt nicht nur wie der irgendeines andern Mannes, der etwas Tüchtiges geleistet hat, sondern so, daß jeder einzelne diesen Namen von einem Strahlenkranz geliebter, angenehmer Erinnerungen umgeben sah.

Der finnische Dichter hatte, schon ehe wir anfingen, die Unternehmungen unserer Zeit zu überschauen, seinen wohlerworbenen Thron eingenommen. Wir Schweden hatten nichts mit seiner Erhöhung zu tun, wir hatten nur die Tatsache anzuerkennen. Aber zu den teuersten Erinnerungen, die wir von unserer Jugend her aufbewahren, gehört das Bild dieses Mannes, der mit unerschütterlicher Anspruchslosigkeit und niemals versagender Selbstbeherrschung einen hervorragenden Platz einnahm. Alle Huldigungen, alle Lobsprüche alle Aufmerksamkeiten, alle Ehrenzeichen, alle Geschenke, alle Adressen, alle Anerkennungen waren außerstand, ihm ein einziges Wort der Selbstüberhebung oder der Vermessenheit zu entlocken. Dieser friedvolle Genius, der immer gleich unbezwinglich demütig blieb, übte auf uns alle einen Zauber aus von derselben Art, wie eine Gestalt aus einer Legende.

Selbstverständlich wußte er doch, daß er mit seiner freundlichen Art nicht nur sein eigenes Volk, sondern den ganzen Norden beherrschte, vor allem ganz Schweden. O, er wußte es wohl, selbst auf dem abgelegensten Herrenhofe wurde keine Festlichkeit gefeiert, ohne daß am Klavier, »Der reisende Student«, oder »Es saß ein Vogel im Lindenzweig« vorgetragen wurde, ohne daß »Sing! Sing!« oder andere seiner Lieder auf dem Programm gestanden hätte. In den Schulen stolperte der Anfänger mit Hilfe von Pikka Matti oder Bullerbasius durch die ersten schweren Zeiten, während der Jüngling auf seinem Gymnasium sowie das junge Mädchen, das im Familienkreise aufwuchs, mit demselben Entzücken ihre besten historischen Kenntnisse aus den »Erzählungen des Feldschers«. holten. Bei der Prämienverteilung im Frühjahr wurden die »Heideblumen« oder »Neue Blätter« an die begabtesten Schüler verschenkt. Mancher betrübte Vater flüsterte am Grabe seines Sohnes das Gedicht »Ein kleiner Knabe«, und viele unglückliche Liebende trösteten sich mit den Worten aus dem »Winterweg«.

»Und wenn die Lieb' in dieser Welt das höchsten Machtgebot,
Die sich geschieden von der Sünd', von Leid und Nacht und Tod,
Sie bauen eine Brücke sich von Welt zu Welt und wissen,
Daß Liebe eint mit Liebe sich ohn' Sehnen und Vermissen.«

Wenn das königliche Theater zu Stockholm einen vaterländischen Theaterabend geben wollte, dann ging »Regina von Emmeritz« über die Bretter. Wollte man durch einen Basar in irgendeiner Kleinstadt Geld verdienen, so ließ man die jungen Herren und Damen aus den besten Familien »Dornröschen« oder den »Blauen Vogel« aufführen. Und sollte in Kinderstuben und Schulzimmern Theater gespielt werden, dann wurde unter unerhörtem Jubel »David und Goliath« oder »Seid gut gegen die Armen« eingeübt.

Die Herausgeber der Weihnachtsalmanache waren verzweifelt, wenn sie ihren Lesern nicht ein paar kleine lyrische Sachen von Topelius darbieten konnten. Unter den Weihnachtsgeschenken erschien der leuchtend rote Band »Kindergeschichten« so selbstverständlich, daß man nicht einmal zu fragen brauchte, ob er auch da sei. Die Topeliussche Leier erklang bei der Heimkehr der Vegafahrer aus dem fernen Eise, sie sang beim Eintritt ins neue Jahr, sie begleitete uns im Schmerz und in der Freude.

Nach Schweden pflegten Gerüchte und Botschaften darüber zu kommen, wie sehr man in Finnland das Schwedentum verachte und wie die von schwedischer Geburt dort drüben ihre schwedischen Namen nicht mehr beibehalten oder ihre schwedische Sprache nicht mehr sprechen wollten. Als der Groll darüber uns zu Kopfe steigen wollte, trafen immer von Topelius beruhigende, erklärende, gerechte Worte ein. Während vieler Jahre war er derjenige, welcher, obgleich er selbst einer der Erwecker der finnischen Rasse gewesen war, das beste Verbindungsglied zwischen den schwedischen Stämmen auf beiden Seiten des Bottnischen Meeres bildete.

Und das wußten wir auch: als der finnische Skalde nach Stockholm kam, wurde er am Landungsplatze von schwedischen Schulkindern mit Jubel und Hochrufen begrüßt. Wenn ein Schwede nach Finnland reiste, dann war ein Ausflug nach dem Topeliushaus, Björkudden, eines der ersten Ziele, und der Ausflug wurde später in unseren Zeitungen mit entzückten Worten beschrieben. Wir waren besser darüber unterrichtet, wie Zacharias Topelius sein Leben unter Arbeit, Fischfang und häufigen Reisen nach der Hauptstadt verbrachte, als wie es einem unserer eigenen großen Männer erging.

Unsere Schriftsteller schickten ihm ihre Bücher zu, und unsere Kleinen kritzelten mit steifen Fingerchen einen Dank für Erzählungen und Reime aufs Papier. Seine großen Tage, sein siebzigster, sein achtzigster Geburtstag waren auch in Schweden Festtage. Telegramme, Geschenke, Briefe und Zeitungsartikel gaben ihm zu verstehen, daß er wahrlich der Skalde des ganzen schwedischen Volkes war.

Aber wie geliebt und geehrt Zacharias Topelius bei uns auch war, so wußten wir doch sehr wohl, daß die Stellung, die er in Schweden einnahm, nicht zu vergleichen war mit der Rolle, die er unter seinen Landsleuten spielte.

Auch unter ihnen wirkte er wohl vor allem als Dichter; aber seine Dichtung stand in so nahem und innigem Zusammenhang mit den wechselnden Schicksalen des Volkes, daß er in weit höherem Grade als irgendein Staatssekretär oder Senator des ganzen Volkes Sprecher und Stellvertreter zu sein schien.

Wenn ein Unternehmen ins Werk gesetzt wurde oder ein Neubau vollendet war, dann rief man die Topeliussche Muse, um ein Festgedicht zu erhalten, und das wußte man auch, daß damit ein guter Geist das Werk unter seinen Schutz genommen hatte. Topelius' Prologe bei den Promotionen sandten die neuen Magister mit Worten an ihre Arbeit, die den jungen Gelehrten die Forderungen des Vaterlandes ans Herz legten. Seine Schulmärsche, seine Studentenlieder waren die Mahnung des finnischen Bodens an die jungen Leute, mutig und hoffnungsvoll zu sein. Finnen, die sich lange in fremden Ländern aufgehalten hatten, wurden bei ihrer Rückkehr mit einem Gedicht aus seiner Hand empfangen, das ihnen zeigte, daß das Vaterland ihre Arbeit dankbar verfolgt hatte. Kein hervorragender finnischer Mann wurde zu Grabe getragen, ohne daß sein Lob von dem Sänger gesungen wurde, den Finnland offenbar selbst auserwählt und zu seinem Redner gemacht hatte.

Wenn sein Land von dem gefährlichsten seiner Feinde, dem zerstörenden Frost, heimgesucht wurde, dann war es Topelius, der wie einer von den Propheten Israels seine Stimme erhob und im Namen des ganzen Volkes Abbitte vor dem Herrn tat, der anerkannte, daß man in Überfluß und Wohlleben gesündigt hatte und nun um Schonung flehte. Wenn aus fremden Ländern Hilfe für die Notleidenden geschickt wurde, war abermals er derjenige, der für das Land das Wort führte und dessen Dank in die Welt hinausschickte.

War er nicht der Repräsentant des Vaterlandes, als er den finnischen Schulen ihre beiden Lesebücher schenkte? War er nicht gleichsam der Stellvertreter des Vaterlandes, als er seinen Zeitgenossen von den vergangenen Schicksalen des Landes erzählte und zugleich für jeden Fortschritt der Gegenwart fordernde Worte fand? War es nicht endlich in ihrem Namen, daß er versuchte, zwischen schwedisch und finnisch zu vermitteln, dem Alten die Ehre zu geben und dem Neuen das Recht zu leben, einzuräumen?

Eines wußten wir allerdings: bis zum Jahre 1877 lebte in Finnland ein noch Größerer als er, einer von den höchsten Meistern der Dichtkunst; aber Runeberg war seit vielen Jahren ans Krankenlager gefesselt. Und auch wenn ihn Krankheit nicht daran verhindert hätte, würde ihm die Art seiner Begabung doch nicht erlaubt haben, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Er zog sich ängstlich vor Ruhm zurück. Er, der durch sein stattliches Äußere und seine geistreiche Unterhaltung der berufene geistige Führer seines Landes hätte sein sollen, hatte sich niemals überwinden können, diese Stellung einzunehmen.

Sein treuer und bewundernder Schüler, der Mann mit dem unbedeutenden Aussehen, war es, der den Mantel aufheben durfte, den der andere hatte liegen lassen. Für seine Landsleute zeigte er sich sicherlich in seinen letzten Jahren als ein guter Hausgeist, ein Schutzengel, man wollte ihn überall dabei haben, sein Beifall bedeutete Glück. Man freute sich, daß er lebte, man ahnte, daß Finnlands Gedeihen auf eine geheimnisvolle Weise mit seinem Dasein zusammenhing.

Für uns alle, die wir jene Zeit miterlebt haben, schien der alte Mann auf Björkudden in einer wunderbaren, verzauberten Welt zu leben. Es war ihm gelungen, alle, die in seine Nähe kamen, umzuwandeln, so daß sie alle Härte ablegten und ihm nur Liebe und Freundlichkeit darbrachten. In seinem eigenen Lande, in Schweden, ja im ganzen Norden hatte er nur Freunde. So weit es Menschen beurteilen können, mußte man glauben, erlebe in einem Rosengarten des Friedens und der Freude.

Aber war es genug für ihn, daß er auf diese Weise um sich selbst her eine geheiligte Freistatt hatte errichten können? War es das, was er in den Träumen seiner Jugend erstrebt hatte?

Nein, gewiß nicht! Was er wünschte und begehrte für sein eigenes Land und für jedes und alle Reiche der Welt war mehr: sie sollten bevölkert sein von Menschen, die vom Anfang des Lebens an auf das Wohl ihrer Seele bedacht waren, die deren Boden bebauten, ihr Nahrung zuführten und ihre Schönheit erhöhten. Alle, alle sollten aus dem weiten Land ihrer Seele ein Paradies schaffen, wo unaufhörlich köstliche Früchte reiften, wo Quellen aus dem Boden hervorsprudelten, wo unschuldige Spiele über lachende Felder hingingen, wo Tiger und Hirsche Seite an Seite ruhten, wo die Luft über schimmernden Höhen in blauer Reinheit und von holden Düften erfüllt schwebte, wo der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis ihre mächtigen Wipfel wölbten, wo Engel an den Pforten Wache hielten und wo Gottes Stimme gehört wurde.

Denn ein solcher Meister des inneren Lebens war er von seinen Kinderjahren an bis zum Schmuck des Silberhaares unter unablässiger Arbeit geworden. Wenigstens will es uns mit den trüben Augen so vorkommen, wenn wir die Herrlichkeit seiner Seele in Versöhnlichkeit, in Freude, in Friede, in Seelenruhe, in dem Reichtum seines wohltuenden Wesens hervorschimmern sehen.

Wenn es ihm nicht gelungen ist, bei mehr als einer kleinen Zahl, ja vielleicht bei keinem den Rosengarten der Seele ausblühen zu lassen, so darf ihm das nicht verdacht werden, denn das steht nicht in dem Vermögen eines einzelnen Menschen. Seit Jahrtausenden haben die Menschen dafür gearbeitet, neue Generationen werden neue Jahrtausende hindurch für dasselbe Ziel weiterarbeiten.

Uns aber tut es not, zu wissen, daß die Arbeit nicht vergeblich, daß das Ziel nicht unerreichbar ist, und alle die, so uns durch ihr Leben und ihre Werke eine Bürgschaft dafür sind, sie haben wohl ihre Aufgabe erfüllt.

 

Ende

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