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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 21
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Der Ring

In Zacharias Topelius' Gehirn gab es einen verschlossenen Raum, eine heilige Schatzkammer, wo er sein höchstes Kleinod, sein großes Epos, das Heldengedicht aufbewahrte, das seinen Namen unsterblich machen sollte. Von den Schätzen dieser geheimen Kammer wurde nie etwas für die Zeitung verwendet. Niemand durfte von ihrem Vorhandensein etwas ahnen, ehe das Werk, das da bearbeitet und ausgeführt wurde, so weit war, um unter die Menschen hinausgesandt zu werden.

Jeden freien Augenblick, den sich Zacharias verschaffen konnte, beschäftigte er sich mit der Geschichte des Ringes. Immer wieder ging er sie genau durch, freute sich an ihr, erzählte sie sich selbst wieder und wieder und fühlte mit immer größerer Gewißheit, daß sie, wenn es ihm gelang, sie so wiederzugeben, wie sie in seiner Seele lebte, eine Freudenquelle für sein ganzes Volk werden würde.

Ein paar Jahrhunderte lang hatte dieser mächtige Talisman einem Heiligenbild in dem finnischen Kloster in Nådendal gehört. Aber zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts war er dem Kloster von einem Manne gestohlen worden, der sich auf finnische Zauberkünste verstand, und dieser Hexenmeister hatte ihn später einem Bauernmädchen geschenkt, das ihn während seiner letzten Krankheit pflegte.

Von dem Augenblick an, wo sich das junge Mädchen den Ring an den Finger steckte, trat in seinem Leben eine merkwürdige Wendung ein. Sie war die Tochter des mächtigen Großbauern Aron Bertila, der zu Ende des vorigen Jahrhunderts in den finnischen Bauernaufständen mitgekämpft hatte, um das Land von seinen Unterdrückern und Aussaugern, den Adeligen, zu befreien und es unter die unmittelbare Herrschaft des schwedischen Königs zu bringen. Das königliche Haus hatte Bertila auch belohnt und ihm in Storkyro, dem fruchtbarsten Teil von Österbotten, vier Höfe geschenkt.

Der Ehrgeiz des finnischen Bauern aber war dadurch keineswegs befriedigt. Es dauerte nicht lange, so verlangte er von dem König von Schweden, er solle seine Tochter Meri unter die Dienerinnen der Königin aufnehmen. Auch dieser Wunsch wurde ihm erfüllt, und jetzt erwartete er ganz bestimmt, der älteste Sohn des Königs, der junge ritterliche Gustav Adolf, werde sich in seine schöne Tochter verlieben und sie mit der Zeit zur Königin machen, genau so wie ein paar Jahrzehnte zuvor König Erich XIV. die schöne Korporalstochter Karin Månsdotter auf Schwedens Thron erhoben hatte.

Da die junge Meri Bertila nicht nur schön, sondern auch Eigentümerin des Glücksringes war, sah es anfangs aus, als sollten sich die Hoffnungen ihres Vaters erfüllen. Gustav Adolf, der seinem Vater auf den schwedischen Thron gefolgt war, entflammte in heißer Liebe zu ihr, bei Hofe fing man schon an, ihre Erhebung zu prophezeien und zu befürchten, aber dann führte sie selbst ihren Untergang herbei. Als der junge König nach Polen in den Krieg mußte, zog das junge Mädchen, das ihn innig liebte, den Ring vom Finger und gab ihn Gustav Adolf, damit sein Leben gegen jede Gefahr geschützt sei.

Von da an hatten die Tage des Glücks für Meri ein Ende. Während Gustav Adolf im Felde weilte, wurde sie nach Finnland zurückgeschickt, und als der König aus dem Felde zurückkehrte, schien er sie vergessen zu haben. Da es ihr nicht gelungen war, Königin zu werden, hatte sie bei ihrem Vater daheim ein schweres Dasein. Kurz nach ihrer Heimkehr schenkte sie einem Kinde das Leben, aber Aron Bertila hatte dafür gesorgt, daß nur sein treuester Diener davon erfuhr. Das Kind gab er für sein eigenes aus, und Meri durfte sich dem Sohne gegenüber weder als seine Mutter zu erkennen geben, noch ihm kund tun, wer sein wirklicher Vater war.

Da es dem stolzen finnischen Bauernkönig nicht geglückt war, seiner Tochter Schwedens Krone aufs Haupt zu setzen, begann er zu überlegen, ob sie nicht das des Enkels schmücken könne. Mit zwölf Jahren schickte er ihn nach Schweden hinüber und ließ ihn dort wie einen jungen Adeligen erziehen. Kaum war er erwachsen, sandte er ihn nach Deutschland in den Krieg, damit er unter Gustav Adolfs Augen kämpfe. Und noch einmal sah es aus, als sollten die Pläne des Alten in Erfüllung gehen. In der Schlacht bei Breitenfeld gelang es dem jungen Gustav Bertila oder Bertel, wie er sich von jetzt ab nannte, sich besonders hervorzutun, und nachdem der Kampf zu Ende war, wollte ihn der König belohnen, indem er ihn in den Adelstand erhob. Aber da überreichte der junge Mann Gustav Adolf einen Brief von Aron Bertila. In diesem Brief unterrichtete der Alte den König davon, wer Bertel war, verbot ihm aber zugleich, ihn jemals in den Adelstand zu erheben. »Erkenne ihn an, mach' ihn zum Kronprinzen von Schweden. Etwas Geringeres kann ich nicht annehmen!« schien er dem König zurufen zu wollen. Der König tat indes nichts dergleichen. Er beförderte den Jüngling zum Leutnant bei der Ståhlhandskeschen finnischen Reiterei, und nachdem er sich bei der Eroberung von Würzburg noch einmal ausgezeichnet hatte, ernannte er ihn zu einem Offizier seiner Leibwache.

Aber bei eben dieser Einnahme des prächtigen bischöflichen Schlosses, das Würzburg beherrschte, hatten die Schweden das Glück gehabt, eine wichtige Persönlichkeit gefangen zu nehmen, nämlich ein wunderschönes Fräulein mit dem stolzen Namen Regina von Emmeritz. Sie war am Hofe des Bischofs, einem Verwandten von ihr, erzogen worden und eine Schülerin der Jesuiten, eine Schülerin, die den Protestantismus von ganzer Seele haßte und gerade in diesem ketzerischen König den gefährlichsten Feind ihres Glaubens sah. Auch hatte sie beim Bilde der heiligen Jungfrau geschworen, ihm, sobald sich ihr Gelegenheit dazu böte, den Dolch in die Brust zu stoßen. Sie wollte die Judith werden, die den nordischen Holofernes überwinden würde.

Als aber diese fanatische junge Dame den König in der Nähe sah, als sie Zeugin seines Edelmutes und seiner Gerechtigkeit wurde, erhob sich ein furchtbarer Kampf in ihrem Herzen. Sie konnte seinem Glück und seinem Zauber nicht widerstehen. Sie mußte ihn gegen ihren Willen lieben.

Um diesen Helden nicht umbringen zu müssen, sah sie keinen andern Ausweg, als in einer Privataudienz den Versuch zu machen, ihn zu bekehren. Aber leider entdeckte jemand während dieser Unterredung, daß sich Reginas Beichtvater mit einem Dolche unter der Kutte im Zimmer versteckt hatte. Da geriet Gustav Adolf in Zorn. Auf seinen Befehl wurde der Beichtvater gefangen gesetzt, das schöne Mädchen aber sollte in das Korsholmer Schloß nach Finnland gebracht und da von der ein strenges Regiment führenden Frau Märta erzogen werden.

All dies hatte zur Folge, daß die Pläne des alten Bertila mißglückten. Der König glaubte, der junge Bertel habe sich von der schönen Gefangenen betören lassen, er entfernte ihn aus seiner Nähe und schickte ihn zu den Ståhlhandskeschen Reitern zurück. Wohl hatte der König insofern recht, als Bertel Regina liebte, aber irgendeinen Anteil an dem Mordversuch des jesuitischen Beichtvaters hatte er nicht, das war ein ganz falscher Verdacht.

Regina wurde wirklich nach Finnland gesandt und auf Korsholm untergebracht, während Bertel am Lech und bei Nürnberg sein Bestes tat, die Gunst des Königs wieder zu gewinnen. Zu einer Versöhnung kam es zwar nicht, aber in der Nacht vor der Schlacht bei Lützen erinnerte sich der König an seinen Sohn. Er erzählte dem Herzog Bernhard von Weimar Bertels Geschichte und bat ihn, falls ihm, dem König, am nächsten Tage etwas zustoßen sollte, seinem Sohne einen kleinen kupfernen Ring zu übergeben, den er dem Herzog jetzt in Verwahrung gab.

Am folgenden Tag fiel Gustav Adolf, Herzog Bernhard aber, der den Ring bei sich trug, führte das Heer zum Siege.

Da der Herzog indes den großen Wert des Ringes nicht kannte, kümmerte er sich nicht um ihn, und so gelang es demselben Jesuiten, der den König hatte umbringen wollen, den Ring zu stehlen. Kaum aber war der Ring auf die päpstliche Seite hinübergekommen, so gewannen die kaiserlichen Truppen die Schlacht bei Nördlingen, und es fehlte nicht viel, so hätten sie die Schweden ganz aus Deutschland vertrieben.

Der kecke, hochbegabte Jesuit, der den Ring gestohlen hatte, hielt nun den Zeitpunkt für gekommen, den ganzen Norden wieder unter die Herrschaft des Papstes zu bringen. Deshalb begab er sich als herumziehender Quacksalber verkleidet nach Finnland, kehrte im Vorbeifahren auf Korsholm ein, befreite sein schönes Beichtkind aus der Gefangenschaft und reiste dann mit ihm zur Festung Kajaneborg, wo Schwedens großer Geschichtschreiber Johannes Messenius gefangen gehalten wurde, weil er in dem Verdachte päpstlicher Umtriebe stand. Fast wäre es dem Jesuiten geglückt, ihn zu überreden, seine Geschichtschreibung auf eine für die Gegenrevolution höchst vorteilhafte Weise zu verfälschen, doch Messenius' tapfere Gattin vereitelte diese Pläne. Wer weiß, ob ihr das gelungen wäre, wenn der Jesuit nicht damals gerade einen Meineid geschworen hätte, der die Macht des Ringes schwächte. Kurz darauf traf auch der junge Bertel, der jetzt geadelt worden war und den Namen Bertelsköld trug, in Kajaneborg ein, und als der Jesuitenpater zu entfliehen suchte, ertrank er im Uleå. Seine Leiche wurde gefunden, sie trug eine Schnur um den Hals, an der ein kleiner kupferner Ring hing; dieser Ring wurde jetzt von Bertelsköld als rechtmäßig erworbenes Gut an sich genommen. Hier oben in Kajaneborg warb er um Regina, deren Aufenthalt er unter unzähligen Gefahren ausfindig gemacht hatte, und es versteht sich von selbst, daß sie ihm jetzt, wo er den Ring in Händen hatte, ihr Herz schenken mußte.

Einen aber konnte der Ring nicht bezwingen, nämlich den alten Bauernkönig in Storkyro. Als der Enkel mit einem adligen Namen und mit einer ausländischen Fürstentochter als Gattin zurückkehrte, befahl ihm Bertila, den Bertel noch immer für seinen Vater hielt, den Adel abzulegen, sonst werde er ihn enterben. Als sich Bertelsköld weigerte, dies zu tun, erklärte der Alte, er werde nun den früheren Kampfgenossen des Enkels, Larsson, zu seinem Erben ernennen, falls dieser darauf eingehe, Bauer zu bleiben.

Doch vollständig verleugnete der Ring auch bei dieser Gelegenheit seine Macht nicht. Bertelskölds Mutter, außer sich über die Härte ihres Vaters, trat vor, erkannte ihren Sohn an, klärte ihn über seine wahre Herkunft auf, unterrichtete ihn von der Macht des Ringes und gab ihm ihren Segen.

Der Bauernkönig hingegen schenkte seinem Erben die eigene abgenützte Axt als Unterpfand des Glücks, dem Enkel aber, der jetzt der verhaßten Klasse der Herrenmenschen angehören wollte, schleuderte er seinen Fluch entgegen.

Auf diese Weise gingen von Bertilas Hof zwei Gegensätze aus: der Bauer mit der Arbeitsaxt und der vornehme Herr mit dem Glücksring. Und zwischen diesen, so hieß es, würden erbitterte Kämpfe sein, bis sich die Nachkommen von beiden in Liebe vereinten. – – –

Dies war die Einleitung und der Anfang zu der Geschichte des Ringes, aber Zacharias hatte während jener merkwürdigen Nacht in Åbo viel mehr von dessen Schicksalen geschaut. Er hatte sie die ganze Zeit von Schwedens Großmacht an bis zu den Unglückstagen Karls XII. verfolgt, hatte den Ring unter den Parteiführern der Freiheitszeit wirken sehen, bis er in die Hände Gustavs III. gelangte und diesem zu seiner ersten, glücklichen Revolution verhalf.

Gleichzeitig hatte Zacharias damals den Kampf der bürgerlichen Klassen, die Ehre und das Elend des Krieges, Mißernten und Seuchen, Wiederaufbau und abermaligen Zusammenbruch, Abenteuer und Umwälzungen aller Art geschaut.

Fast geblendet von diesem überwältigenden Anblick, hatte er anfangs gedacht, er brauche das, was er erfahren hatte, nur einfach niederzuschreiben. Aber er merkte bald, wie viel mehr Arbeit das erforderte. Für den Leser, der die Ereignisse nicht vor Augen hatte, waren unbedingt Berichte, Beschreibungen, tausenderlei Erklärungen notwendig. Auch die Form der Dichtung war Zacharias noch vollständig unklar. Die Versuche, die er machte, entsprachen nicht dem Bilde, das in ihm lebte. Die Zauberkraft, die Anmut fehlten.

Nein, dieser Aufgabe war er noch nicht gewachsen, das fühlte Zacharias deutlich. Er, dessen Zeit durch hunderterlei Aufträge zersplittert wurde, konnte sich zu dieser großen Arbeit nicht genügend sammeln.

Glücklicherweise aber entwickelten sich bei seiner Tätigkeit als Journalist wie als Lehrer gerade die für ihn so notwendigen Kräfte, und so wurde er sozusagen für seine große Aufgabe erzogen. Die Kinder und die Zeitungsleser hatten denselben Abscheu vor allem Langatmigen. Sie zwangen ihn, sich an Abwechslung, Schnelligkeit, Beweglichkeit zu gewöhnen. Außerdem wurde von beiden Seiten verlangt, daß er sich eines Stiles bediente, der auch von weniger begabten Menschenkindern verstanden werden konnte. Hauptsächlich der beschränkte Platz in der Zeitung lehrte ihn, darauf zu achten, keine Zeile zu vergeuden, jeder Satz mußte einen anschaulichen, wirklichen Inhalt haben.

Die Meisterschaft im Erzählen scheint er indes durch seine Märchen errungen zu haben. Ende der vierziger Jahre gab er mehrere kleine Märchensammlungen heraus, und durch diese lernte er, schlicht und natürlich zu berichten. Sicherlich gab er diese Sagen und Märchen ursprünglich nur heraus, um die Kleinen zu lehren, wie sie die Welt lieblich, schön und barmherzig machen könnten. In seinen Büchern war nicht viel von den gewöhnlichen Märchenabenteuern zu finden. Da zogen keine Helden umher, die die Menschen haufenweise totschlugen, keine schlauen Köpfe konnten sich Glück und Reichtum erschleichen.

Er erzählte meist von den wirklichen Erlebnissen kleiner finnischer Knaben und Mädchen, behielt aber den Sagenstil in seiner ganzen Schönheit bei, nur mit einem ihm eigenen Zusatz von Wärme und Innigkeit. Höchstwahrscheinlich kam er während der Erzählung dieser Sagen auf den Gedanken, daß das große Heldengedicht am besten von einem schlichten alten Manne vorgetragen würde, der in einem Kreis guter Freunde voller Gemütlichkeit und Wohlbehagen von den wunderbaren Schicksalen des Ringes berichtete.

Seit der Zeit der Saimaverfolgung hatte Zacharias die Leser seiner Zeitung öfter durch kürzere Novellen unterhalten. Dadurch bekam er Übung darin, die Fäden der Intrige so zu verschlingen, daß der Leser bis zum letzten Augenblick in Spannung erhalten wurde. Das machte ihm besondere Freude. Ja, man möchte fast sagen, er habe die Kunst unnötig weit getrieben.

Aber diese Novellen hatten trotzdem bis zum Jahr 1849 nicht allzuviel Platz in der Zeitung einnehmen dürfen. Den Platz brauchte er für seine Leopoldbriefe, für seine großen erläuternden Artikel, für literarische Anmeldungen, politische Überblicke, für die Aufforderungen an die große Menge zum Besten gemeinnütziger Unternehmungen, für Zeitungsfehden, mit einem Worte für alles, was eine mit ihrer Zeit fortschreitende Zeitung enthalten muß. Von diesem Jahr an aber wurde die Preßfreiheit aufs äußerste eingeschränkt. Jetzt wollte man alles gut machen, woran man es vorher hatte fehlen lassen, und keiner gefährlichen Zeitrichtung erlauben, zu Worte zu kommen. Jede Erörterung. jedes Politisieren, jede Neuigkeit aus dem Auslande hatte ein Ende. Und sicherlich begann Zacharias in heller Verzweiflung, weil ihm die bisherigen Gebiete nun verschlossen waren, seine erste größere Novelle, »Der alte Baron auf Rautakylä,« zu veröffentlichen.

Das war indes noch nicht das große Werk, das Heldengedicht. Noch war Zacharias dafür nicht reif. Was er jetzt schrieb, war eine Charakterstudie.

Vielleicht wurde der Inhalt der Erzählung einigermaßen durch die Ereignisse der letzten Zeit hervorgerufen, durch den Eindruck, den der zerstörende Einfluß der Alleinherrschaft in Finnland auf die Umgebung machte. Er schilderte das Dasein des glänzenden, vornehmen Glücksritters aus der Zeit Gustav III., der in der Blüte seiner Jahre rücksichtslos jede Gelegenheit benutzt hatte, Reichtum, die Gunst des Königs und alles das zu erlangen, was sich sein Herz wünschte, alles, was er sich für sein höheres Alter als wünschenswert dachte. Aber Leere, Gewissensbisse, lächerliches Begehren, jammervolle Gebrechen, kindische Eitelkeit, schmachvolle Feigheit, Haushälterinnentyrannei, eine niedrig gesinnte Umgebung, Verwahrlosung und Hinfälligkeit – all das hatte er für seine alten Tage über sich heraufbeschworen, das war das ganze Glück, das er sich durch seine Verbrechen erworben hatte.

Aber das, was über diese Gestalt zu sagen gewesen wäre, war damit nicht erschöpft. Dieser elende, hinfällige Mensch hatte sich in der Erzählung, und vielleicht noch mehr in der dramatischen Form, die 1850 herauskam, in seiner Persönlichkeit noch etwas von dem Glanze beizubehalten vermocht, der am Hofe des Zauberkönigs, wie Gustav III. genannt wurde, herrschte. Unter all seinem Elend sah man hie und da eine Welt von Verfeinerung und Schönheit, von leichtfertigen Scherzen und ausgesucht vornehmem Benehmen hervorschimmern. Er zog sich auf diese Weise nicht nur die Verachtung zu, sondern erwarb sich auch ein wenig Mitgefühl.

Der Versuch fiel sehr gut aus. Verschiedene Übertreibungen im Gange der Begebenheiten wurden allerdings getadelt, aber der Charakter des Barons war sehr gründlich studiert und glänzend durchgeführt, und so verstand sich der Erfolg von selbst. Und da die Zeiten andauernd jede ernste journalistische Tätigkeit verhinderten, fuhr Topelius auf dem eingeschlagenen Wege fort.

Aber auch dieses Mal hielt er den Zeitpunkt noch nicht für gekommen, das große Werk herauszugeben. Doch kam jetzt etwas, das ein unmittelbarer Vorläufer genannt werden konnte, nämlich ein historischer Roman, der den Titel »Die Herzogin von Finnland« trug.

In Åbo lebte im siebzehnten Jahrhundert ein armer Studiosus, Isaak Alanus, der bei seinem Verwandten, dem Bürgermeister Merthen, das Gnadenbrot aß und die schöne Bürgermeisterstochter Eva mit schüchterner, geduldiger Hingebung liebte. Diese Eva, das schönste und begabteste junge Mädchen in ganz Åbo, behandelte Isaak wie einen Bruder, aber sie wollte viel zu hoch hinaus, um sich in einen buchgelehrten jungen Menschen zu verlieben. In ihrer Kindheit war ihr prophezeit worden, sie werde einen berühmten Mann heiraten; so träumte sie von einem Leben in den höchsten Kreisen, wollte Fürstin, wollte Königin werden. Als sie bemerkte, daß Isaak Alanus sie liebte, befahl sie ihm, in die Welt hinauszuziehen und etwas Rühmenswertes, etwas Hervorragendes zu vollbringen. Wenn er alsdann mächtig und berühmt zurückkehre, sagte sie, dann werde sie ihn lieben.

Ach, der linkische, schüchterne Student fühlte nur zu deutlich, so etwas zu leisten, dazu fehlten seiner Seele die Schwingen! Sein einziger Trost war, daß Eva Merthen ihren sämtlichen Freiern dieselbe Antwort gab. Zu allen, die sich ihr mit Liebeserklärungen nahten, sagte sie: »Zieh hinaus! Werde ein Held, eine Art König, dann werde ich dir meine Hand schenken.«

Während das junge Mädchen noch in seinen verwegenen Träumen fortlebte, kam der Krieg des Jahres 1740. Überall wurden die Schweden von den Russen zurückgedrängt. Åbo wurde eingenommen, und der Anführer des russischen Kriegsheeres, der schottische General Keith, schlug sein Hauptquartier da auf.

Isaak Alanus floh während dieser Heimsuchung aus der Stadt. Er rief die Landbevölkerung zu den Waffen, kämpfte an der Spitze einer Freischar und suchte Åbo zu befreien. Dies sollte sein großes Werk, die Heldentat werden, wodurch er die Geliebte zu erringen hoffte.

Aber alles kam anders, als er erwartet hatte. Er selbst wurde bald von den Russen festgenommen, und als er ins russische Hauptquartier kam, wartete seiner eine entsetzliche Überraschung. Seine Geliebte hatte wirklich ihren Helden gefunden. Der feindliche Befehlshaber, der außerordentlich edle, hervorragende Jakob Keith, hatte ihr Herz gewonnen: die stolze Eva Merthen lebte im deutschen Hauptquartier als seine Geliebte.

Eva verhalf Isaak zur Freiheit, sie selbst aber blieb bei Keith in Åbo bis zum Friedenschluß, und während dieser Zeit erhielt sie den Spitznamen »die Herzogin von Finnland«. Doch muß hier bemerkt werden, daß sich Zacharias' Heldin ihren Landsleuten gegenüber tadellos benahm. Sie milderte die Schrecken des Krieges, beugte Ungerechtigkeiten vor, und durch ihr Dazwischentreten wurde dieser Krieg weit weniger verderbenbringend für das Land als der vorhergehende.

Der Roman, zu dem Topelius diesen guten Stoff verwendet hatte, erregte große Bewunderung. Man merkte ihm vielleicht an, daß Topelius noch kein vollendeter Erzähler war. So meinten viele, die Begegnung zwischen Isaak und Eva komme zu früh. Isaak Alanus war der junge Zacharias Topelius selbst. Die Worte, mit denen er Eva Vorwürfe machte, weil sie ihr Vaterland im Stich gelassen und die Liebe eines Feindes erwidert hatte, waren ihm aus dem Herzen gesprochen. Jedermann merkte, daß dies für den Verfasser der Höhepunkt des Romans war. Alles, was noch folgte, fesselte ihn nicht mehr so, ja, am Schlusse begnügte er sich mit einem einfachen Bericht der Ereignisse. Dem edlen Keith legte er viele schöne Worte in den Mund, aber vollkommen lebendig hatte er diese Gestalt doch nicht darzustellen vermocht.

Dennoch freute sich alles über die vortreffliche Schilderung der Stadt Åbo und ihrer Bewohner, die Zacharias am Anfang der Erzählung gebracht hatte. Ein Festmittag bei Bürgermeister Merthen sowie eine Kaffeegesellschaft auf Runsala – man möchte fast sagen Alörn – draußen vor Åbo hätten nicht besser beschrieben werden können. Diese lebendige und anmutige Art des Erzählens rief allgemeine Bewunderung hervor, dieser Roman galt für das Beste, was Topelius bisher geschrieben hatte.

Nach solch einem entscheidenden Erfolge wagte Topelius, nun sehr gut vorbereitet und nach allen Seiten unterrichtet, mit der Veröffentlichung der Geschichte des Ringes zu beginnen.

Am 29. Oktober 1851 fing der alte Feldscher Andreas Bäck an, diese Geschichte den Lesern der Helsingforser Zeitung zu erzählen, und vom ersten Tag ab war der Erfolg gesichert. Da gab es kein Zögern, keine Unsicherheit mehr, da verschmolzen Dichtung und Wahrheit in eins. Da wurde das Schauspiel vergangener Zeiten mit einer nie vorher gekannten Frische und Munterkeit entrollt, ohne jenen modrigen Geruch und die Grabesluft, die dem Vergangenen so leicht anhaftet. Da redete ein Erzählergenie, das vor Glück über die errungene Vollendung und seinen innern Reichtum offenbar nie mit Erzählen aufhören mochte.

Trotzdem gab es auch jetzt noch Schwierigkeiten, die Topelius nicht überwinden konnte. Er war immer mit Arbeit überhäuft und fand so nur selten die richtige Muße zu der zeitraubenden Arbeit, die Gespräche in dem Geist und der Sprache der damaligen Zeit wiederzugeben. Dergleichen kann man nicht von einem Schriftsteller verlangen, der noch schreibt, während der Junge aus der Druckerei schon vor der Tür auf diesen Zeitungsbeitrag wartet. Zacharias' Personen mußten sich oft damit begnügen, in seiner und nicht in ihrer eigenen Sprache zu reden. Diesem Mangel wurde indes durch den ganz besondern Reiz abgeholfen, den er jenen Gestalten, die er liebte, zu verleihen wußte, sowie durch den tiefen Abscheu, den er vor denen, die er selbst haßte, bei andern hervorzurufen verstand.

Überhaupt – niemand konnte eine Seite dieses Unterhaltungsteiles lesen, ohne die eigentümliche Zauberkraft zu spüren, die die Bücher eines Menschen zu eigen haben, der seine Arbeit liebt und glücklich darüber ist, seine Helden und Heldinnen auf ihren wechselvollen Lebenswegen begleiten zu dürfen.

In den Jahren 1852 und 1853 erschien der erste Teil und ein großes Stück von dem zweiten. Dann traten beständig Unterbrechungen in der Veröffentlichung ein, und erst 1866 wurde der fünfte und der letzte Teil vollendet.


Es war im Jahr 1871, als »die Erzählungen des Feldschers« zum erstenmal in mein Elternhaus kamen. Ich war damals dreizehn Jahr alt und wußte von der schwedischen Geschichte nicht viel mehr, als was ich einem sehr bescheidenen historischen Lesebuch entnommen hatte. So wurde mir hier die Geschichte meines Volkes zum erstenmal so dargestellt, daß ich fühlte, wie erhaben und ehrenvoll, wie reich an tüchtigen Männern, wie voll von schweren Entbehrungen, voll von hervorragenden Taten diese Geschichte ist! Ja, da erst erfuhr ich, daß die Schweden ein jeder Gefahr trotzendes, heldenmütiges Volk gewesen sind.

Jahraus, jahrein versammelten wir uns damals, wenn es Abend wurde, mit unseren Handarbeiten um die Lampe, die mitten auf dem runden Tische im Eßzimmer stand. Jahraus, jahrein würzten wir uns diese Arbeiten mit dem Vorlesen von Romanen. Wir waren keine Fremdlinge in der Welt der Poesie, wann aber hatten wir je vorher ein Buch gelesen wie dieses? Nie hatten wir die Abendstunden so herbeigesehnt wie jetzt, nie jemand so bewundert, wie Gustav Adolf, nie jemand so gehaßt, wie Pater Hieronymus, nie für jemand so geschwärmt, wie für diese göttliche Regina.

Wir kannten Fähnrich Ståhls Sagen aufs Tüpfelchen genau – und schon durch sie hatten wir Finnland lieben lernen. Jetzt aber, nachdem uns der Feldscher von seinem geliebten Vaterlande erzählt hatte, fühlten wir ebenso wie er eine fast qualvolle Zärtlichkeit für dieses Vaterland. Und unaufhörlich beweinten wir, daß dieses Land nicht mehr zu Schweden gehörte, unaufhörlich haßten wir jene Macht, die es uns geraubt hatte, unaufhörlich wünschten wir ihm Glück als Lohn für jene Treue, die es uns in vergangenen Zeiten bewiesen hatte.

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