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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 19
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Das Jahr 1848

I.

Am 27. Mai 1848 veröffentlichte Zacharias Topelius in seiner Zeitung ein Gedicht, das er den »Morgensturm im Frühling« nannte.

Auf einem einsamen, fernen Berge steht ein schwacher, umherirrender Windhauch und schaut über ein trübes, nebeliges Land hin. Umhertreibende Nebelgebilde wogen dicht unter seinem Fuß dahin, schwere, dichte Wolken haben sich auf der Ebene gelagert und versperren der Freude des Tages, dem holden Sonnenschein und dem rosigen Schimmer der Hoffnung den Weg. Und der schwache Windhauch bittet den Königsadler der Klüfte, ihm seine Schwingen zu leihen, er bittet den Wolf des Ödlandes um seine scharfen Hauer, den Blitzstrahl der Wolken um ihr Schwert, damit er die Macht bekomme, durch die Welt zu stürmen, alle Nebel zu zerstreuen, alle Wolken zu vertreiben, alle Schatten zu verjagen und für das Licht und das Leben Platz zu schaffen.

Obgleich noch schwach wie ein Seufzer von Jungfrauenlippen, wirft sich der Windhauch von dem Berg herunter, und siehe, sein junger Mut verleiht ihm Riesenkräfte! Er kommt daher auf rauschenden Adlersflügeln, er haut seinen Wolfszahn in die Dunstgebilde, er zerspaltet mit Blitzeskraft die wogenden Nebelheere. Auf Erden gibt es keine noch so gewaltige Kraft, die ihm widerstehen konnte, die düsteren Schatten der Wälder und die furchtsamen Scharen der Wolken entfliehen vor seinem Blick. Zuletzt, wenn er durch die Welt gesaust ist, weit umher des Lichtes Werk fördernd, wenn die dankbaren Blumen des Tales und das Vogelgezwitscher im Haine und der Menschen frohe Gesänge seine Taten preisen, dann läßt er die starken Schwingen sinken, und ermattet zieht er sich in eine Kluft zurück, wo er in stillem Frieden schlummern kann.

Das war ein kraftvolles, schönes Gedicht. Wer es las, atmete auf wie von einer schweren Last befreit. Unwillkürlich fühlte man sich vergewissert, daß es auch für die Menschenwelt einen Frühling gibt, ebenso wie für Wiesen und Haine. Aus den Wolken hervor vernahm man den Flügelschlag eines großen Befreiers. Der Dichter hatte dessen Namen nicht genannt, aber man flüsterte ihn sich gegenseitig zu: die Revolution. Wer anders sollte der starke Wind sein, der alle Nebel und Dünste zerstreute?

Am 24. April 1847 veröffentlichte Zacharias ein neues Frühlingslied. Er nannte es »Der blaue Rand am Meere«.

In diesem Gedichte schildert er, wie er von einem Bergesgipfel am Meeresstrande weit über Buchten und Meerengen hinschaut. Rings um ihn her schmelzen die Schneewehen, eine Anemone wagt sich im Schutze von trockenem Laub aus der Erde hervor, die Sonne scheint, der Frühlingssturm verjagt die Wolken, überall spürt man den beginnenden Frühling; nur das Meer mit seiner weiten Wasserfläche liegt noch unbeweglich da. Der Riese, der den Felsengrund der Erde zum Erbeben bringen kann, schläft in Ketten. Er allein weiß nichts von der Stunde seiner Freiheit.

Doch nein! Weit draußen schimmert im Glanz der Sonne ein hellblauer Rand. Dort hebt und senkt sich die Wellenlinie, dort werfen weiße funkelnde Schaumkronen ihre Perlen den Morgenwölkchen entgegen, dort hat das Meer mit seiner Befreiung begonnen, von dorther rollt drohender Donner unter dem festen Eise heran. Noch einmal müssen die jungen, kampflustigen Wogen Sturm laufen. Die Eisdecke, die sich auf sie gelegt hat, soll zerbrechen. Ein offenes Meer soll noch einmal das klare Himmelsblau widerspiegeln.

Das war wiederum ein herrliches Gedicht, und wiederum brachte es dem finnischen Volke Frühlingsstimmung mit. So wahr, als sich das Meer jedes Jahr frei macht, so wahr war es auch, daß der Riese, der jetzt noch in seinen Ketten schlummerte, erwachen und sich einen Weg zur Freiheit bahnen würde. Und die Stunde war vielleicht nicht mehr so weit entfernt. Der Dichter sah den blauen Rand am Meere. Und was es war, das schienen plötzlich alle andern auch mit jubelndem Herzen zu sehen und zu glauben.

Zacharias hatte auch Grund genug, einen neuen europäischen Frühling vorauszusagen. Das Jahr 1848 war im Anzug, und es trat nicht auf die Bühne, ohne ein paar vorbereitende Sturmwinde über die Welt hinbrausen zu lassen. Mit welchem Jubel wurden sie doch von der Jugend und den Dichtern begrüßt! Das Leben würde wieder reich und mächtig werden, wie zu den großen Zeiten vor fünfzig und sechzig Jahren. Man hatte davon reden hören. Damals war Knospenzeit und Sturmzeit und Freudenzeit gewesen. Damals atmete man die Luft mit vollen Zügen ein, die Welt war jeden Tag neu. Was die Frühlingsflut des Jahres 1789 an Nebeln und Dunkelheit nicht hatte fortschaffen können, das, was sich seither an Bürden und Lasten aufs neue gebildet hatte, das sollte nun verschwinden.

Aber war denn nicht eine Gefahr damit verbunden, wenn man diese Lieder vom Frühling der Freiheit sang, die mit wahrem Jubel aufgenommen wurden, die ebenso willkommen waren, wie der wirkliche Eisgang im Frühling? Ich meine nicht die Gefahr, daß die hohe Obrigkeit verstehen könnte, was unter den Worten verborgen lag, und die Sänger nach Sibirien schicken würde, diese Gefahr hatte weniger Bedeutung, nein, ich denke jetzt an die Gefahr, daß Zacharias' eigene Landsleute ihn nur zu gut verstehen und ihn selbst als einen Morgensturm, als einen Führer in dem kommenden Freiheitskampf betrachten würden.

Aber so etwas hätte eigentlich einem Manne von seinen Plänen passen können. Das ist kein starker Umsturz, den ein Reformator verlangt. Republik oder Kaiserreich, Alleinherrschaft oder Demokratie, was geht ihn das im Grunde genommen an? Er will eine ruhige Veränderung der Seelen. Er will Ordnung und Gesetzmäßigkeit, weil dies das Heilsame und Richtige ist, und er haßt Zügellosigkeit ebensosehr wie Unterdrückung. Was hat er zu gewinnen durch Umsturz und Zerstörung? Oh, er ist der sorgsame Hüter des Alten, aber er liebt zugleich auch das Neue. Er weiß, ja, er weiß, das Vermoderte verschwindet von selbst und das Gute wächst am besten ohne Hagelstürme.

Eines wußte Zacharias Topelius in erster Linie: was er wollte, lag im Bereich des Möglichen. Jetzt hatte er seinen Rosengarten täglich um sich, nicht einen erdichteten, keinen weit entfernt liegenden, sondern einen heimatlichen, innerhalb seines eigenen Reiches. Seit sie verheiratet waren, hatten Emilie und er sich in voller Einigkeit und unbegrenztem Vertrauen aneinander angeschlossen. Je besser er die Geliebte kennen lernte, desto mehr Gutes entdeckte er bei ihr, und dieselbe Erfahrung machte seine Frau in Beziehung auf ihn. Alle beide verstanden die Kunst, die Tage wohl in acht zu nehmen und sie schön und freundlich zu gestalten. Sie schmückten das tägliche Leben nicht nur mit guter Laune und Eintracht, sondern auch mit Musik, Poesie und fröhlichem Verkehr. Als später Kinder kamen und das Lallen junger Stimmen sowie die unsicheren Schritte kleiner Füße in der Wohnung laut wurden, kann man sich nicht verwundern, wenn Zacharias Topelius den Rosengarten verwirklicht sah und nicht daran zweifelte, daß ein ebensolcher Segen seinem ganzen Volk zuteil werden könne.

Er war ja nur ein armer Zeitungsredakteur, und seine Einkünfte waren sehr schmal. Um sich seinen Unterhalt zu verdienen, mußte er die Stelle eines Lehrers am Lyzeum in Helsingfors annehmen, er mußte sich kleine Ämter verschaffen, wie zum Beispiel das eines Hilfsbibliothekars an der Universität, und er mußte den Text für das Werk von »Finnland in Bildern« schreiben. Nach allgemeinen Begriffen hatte er sicherlich keine guten Tage. Seine Wohnung war mit den schon recht abgenützten Sachen seines Studentenzimmers und mit alten auf Auktionen ersteigerten Tischen und Stühlen ausgestattet. Ein Flügel war allerdings da, aber er war gemietet, und Frau Emilie hatte lange Zeit keinen bessern Spiegel als den, der in der alten Schreibkommode war. Krankheit und Tod unterließen es auch nicht, bei ihnen einzukehren, aber niemals unterließ man es bei Zacharias Topelius, sich über das Schöne und Angenehme im Leben zu freuen. Das gab Zacharias auch Kraft, in seiner Zeitung seine ganze Liebenswürdigkeit zu entfalten. Er hätte wirklich das Recht gehabt, seinen Lesern zuzurufen: »Seht mich an, ihr Finnen! Ihr werdet finden, daß das Leben nicht arm oder schwer oder unfreundlich oder kalt zu sein braucht!«

Indes versuchte Zacharias nicht ausschließlich nur durch die Zeitung das Leben, das ringsumher geführt wurde, umzuschaffen. Er selbst gab die Anregung zu einer Menge Unternehmungen, die jetzt in der finnischen Hauptstadt ins Leben traten, und förderte sie dann auch nach besten Kräften, wie zum Beispiel den akademischen Leseverein, den Frauenhilfsverein für arme Kinder, den finnischen Kunstverein. Schon seit mehreren Jahren war Zacharias auch ein tätiges Mitglied in der finnischen Literaturgesellschaft sowie in dem Verein Pro fauna et flora fennica. Alles, was seinen Zwecken dienlich war, konnte seiner lebhaften Unterstützung sicher sein.

Eine große und reiche Tätigkeit übte er auch unter seinen österbottnischen Kameraden aus. Die Wiedervereinigung war wirklich zustande gekommen, und Zacharias blieb bis zum Jahr 1847 stellvertretender Kurator für die ganze Abteilung. Während dieser Zeit zeigte es sich, daß er überraschend gut auch mit den zum mindesten gesagt halsstarrigen Landsleuten umzugehen verstand. Er versuchte die jugendliche Kraft edlem Streben zuzuführen, es gelang ihm durch Einführung zweckmäßiger Zerstreuungen, das gewohnheitsmäßige Trinken einzuschränken, ja er wagte es sogar, den österbottnischen Übermut zu dämpfen, indem er den jungen Leuten vorhielt, daß man sich nicht allein mit dem Glanz vergangener Studentengenerationen brüsten, sondern zuerst und vor allem versuchen sollte, sich selbst einen guten Namen zu erwerben.

Wenn er aber auf diese Weise tatsächlich eine große Macht über die Jugend hatte, so beruhte das in erster Linie darauf, daß man in ihm den geborenen Freiheitskämpfer sah, in ihm, der die finnische Marseillaise und die Frühlingslieder gedichtet hatte. Sollte sich späterhin sein Freiheitsideal anders ausweisen, als das der Jugend, so konnte es bei dem erzürnten Kreise der Kameraden gar leicht zum Bruche kommen.

Ein geheimes Mißtrauen hatte sich ohnedies schon in diesen Kreis eingeschlichen. Topelius war ja von Saima als Angeber bezeichnet worden, und die Erinnerung daran war nicht vollständig tot. Man fand ihn auch bei mehreren Gelegenheiten recht vorsichtig, recht zurückhaltend. Aber eine wirkliche Veranlassung, sich an die schleichende Verleumdung zu erinnern, hatte sich bisher nicht gefunden. Dann aber kam das Jahr 1848, das große Jahr der Freiheit, das tolle Jahr, das neue Jahr 1789, wie Topelius es nannte.

Ein Thron um den andern wurde von Umwälzungen erschüttert, und die Begeisterung der Jugend flammte hoch empor. Der Revolutionstaumel kroch immer weiter, wie Feuer im Heidekraut. Man sah es nicht, bis es plötzlich hell aufloderte. An einem Tage war es da, an dem andern dort. Man sah die Zeichen davon in Stockholm. Es schien nicht unmöglich, daß es bis nach Helsingfors weiterkroch.

Auch dort wartete die Jugend auf eine große Umwälzung, die alles das umstürzen würde, was in Wien 1815 aufgestellt worden war, man erwartete den Fall von König- und Kaiserreich. Freiheit für alle unterdrückten Völker erwartete man, vor allem für das finnische.

Auch Topelius fühlte Freiheitsjubel in seiner Seele; aber was er hoffte, war nicht ganz dasselbe, was die Jugend erwartete. Nach ihm sollten alle ungesetzlichen Eingriffe, sollten Zensur und Tyrannei aus dem öffentlichen Leben verschwinden, damit man endlich zu voller Ordnung und bewußter Sicherheit zurückkehren könnte. Gleichzeitig erkannte er die unerhörte Gefahr, die für die Universität, ja fürs ganze Land dadurch entstehen würde, wenn unter den finnischen Studenten zu große Teilnahme für die Freiheitsbestrebungen zutage treten sollten.

Im Frühjahr lenkte er in seinen Leopoldsbriefen wiederholt die Aufmerksamkeit auf die Vorteile, die die Finnen unter dem russischen Zepter genössen. Vor allem Frieden, aber auch die Möglichkeit zu wirtschaftlichem und kulturellem Vorwärtskommen. Die Kräfte des Landes wüchsen, sagte er, und sie müßten geschont werden, damit die Finnen einstmals als Führer der verwandten Nomadenvölker im Osten auftreten könnten, für die Völker, die von den Finnen ihre Befreiung aus Unwissenheit und Barbarei erwarteten.

Zu gleicher Zeit trat er in der österbottnischen Abteilung wie ein Kämpe für Maßhalten und verständiges Vorgehen ein. Unter dem Einfluß des Freiheitsrausches gab es da beständige Zusammenstöße mit der Obrigkeit. Topelius war jetzt nicht mehr Kurator, aber er gehörte der Abteilung noch an, und er suchte durch erneute Warnungen den jungen Leuten begreiflich zu machen, wie gefährlich die Zeiten seien und daß jetzt mehr als gewöhnliche Vorsicht notwendig sei.

Da fing man an, sein Auftreten mehr und mehr verdächtig zu finden. Das war nicht das, was man von dem Freiheitsdichter erwartet hatte.

Dann ließ Zacharias in einem seiner Feuilletonartikel ein paar Worte über das finnische Phlegma fallen. Es verleugne sich nicht, obgleich die Welt in Flammen stehe. Er habe Studenten ganz friedlich beim Karten- und Schachspiel oder bei einer Unterhaltung über den akademischen Leseverein sitzen sehen, während neuangekommene ausländische Zeitungen, die von der Februarrevolution in Frankreich berichteten, ungelesen auf dem Tisch lagen.

Dies sieht eigentlich wie eine Äußerung von recht geringer Bedeutung aus; aber nun war wohl das Maß voll, und der kleinste Tropfen brachte es zum Überlaufen. Die Österbottninger, die recht wohl wußten, daß sie sich selbst sowie auch die ganze Studentenschaft aufs allerhöchste für den Durchbruch des Freiheitsgeistes in der Welt draußen interessierten, nahmen Zacharias' Äußerung sehr übel, Sie glaubten allerdings, Topelius habe ihnen einen Dienst erweisen wollen, indem er der Obrigkeit einzubilden versuchte, sie seien ruhig und gleichgültig; aber auf solche Weise in Schutz genommen zu werden, mißfiel ihnen im höchsten Grade. Und bei der nächsten Abteilungszusammenkunft zogen sie ihn zur Verantwortung.

Ein Nationskamerad stand auf und erklärte, nach einer Besprechung mit den andern Studentenabteilungen wünsche man eine Erklärung von Topelius. Was er denn mit seiner Äußerung über das Phlegma der Studenten im letzten Leopoldsbrief gemeint habe? Ob es seine Absicht gewesen sei, die Obrigkeit auf falsche Fährte zu leiten? Er wisse doch besser als irgend sonst jemand, daß die ganze Studentenschaft politisch in hohem Grad interessiert sei.

Es sieht aus, als sei Topelius auf einen solchen Angriff ganz und gar nicht vorbereitet gewesen. Er, der sonst so gut fühlte, was in der Luft lag, hatte keinen Verdacht gehabt. Nichts hatte er aus Blicken und Mienen herauslesen können.

Man muß sich nun daran erinnern, daß er sich hier in dieser Abteilung ebenso sicher fühlte wie ein Kind im Elternhause. So viel Zeit hatte er hier geopfert, so viel Anteilnahme bewiesen; er war Bibliothekar, Zeitungsredakteur, Dichter, Kurator, Protokollführer gewesen. Hier hatte er seinen großen Vortrag gehalten, hier sang man seine Lieder, trug man seine Gedichte vor. Hier war ihm freundschaftlich gehuldigt worden, er war der Freund und Bruder der Mitglieder, kannte alle die jungen und die alten. Hier konnte er weniger als an irgend einem andern Ort auf der weiten Welt erwarten, Feindschaft und Verdächtigungen zu begegnen.

Er, der nicht die Beredsamkeit des wirklichen Redners hatte, um blitzschnell eine niederschmetternde Antwort zu geben, erhob sich nun, ohne recht zu wissen, was er sagen sollte. Er sagte, er könne eigentlich keine andere Erklärung geben, als daß er in der Zeitung berichtete, was er selbst gesehen habe.

Aber während er diese Worte äußerte, sah er, wie die Stimmung ringsum eigentlich war. Er sah, daß die Kameraden mit mürrischen, feindlichen Gesichtern dasaßen. Da verstand er, was hinter diesem Überfall lag: man hielt ihn für einen Spion und Angeber. Nein, er stand hier nicht mehr unter Freunden. Er sprach zu einer Schar harter Richter. Diese Männer fühlten nichts für ihn, erinnerten sich an nichts von dem, was er für die Abteilung gewesen war.

Er hatte zuerst das ganze als eine Bagatelle behandeln wollen; aber nun änderte er seine Absicht. Nun fragte er ganz empört die Abteilung, ob sie meine, die Ehre der Studentenschaft sei durch seine Äußerung gekränkt worden.

Darauf erhielt er sofort zur Antwort, ja, gerade das sei die allgemeine Ansicht.

Da erhob er sich abermals und erklärte, wenn dies der Fall sei, so könne er nicht länger in der Abteilung bleiben und er sage ihnen allen hiemit Lebewohl.

Er erwartete wohl, zurückgehalten zu werden. Kurator Fredrik Cygnäus stand auch gleich auf und bat ihn, doch zu bleiben und seinen Entschluß zurückzunehmen; aber sonst rührte sich keiner. Alle Landsleute saßen noch immer mit denselben kalten, mürrischen Richtermienen da.

Demzufolge änderte Zacharias seinen Entschluß nicht, sondern entfernte sich aus der Versammlung. Zu Hause angekommen, ja, da fand er die Worte, die ihm in der ersten Überraschung gemangelt hatten. Er schrieb sie nieder, und bei der nächsten Zusammenkunft wurden sie vom Kurator vorgelesen. Die Österbottninger hörten diese Erklärung an, die von der Liebe zu der Abteilung und den Kameraden erfüllt war, aber sie rührte sie nicht. Das Mißtrauen hatte sich zu fest gefressen, und die Erklärung wurde ohne weiteres zu den Akten gelegt.

Immerhin gab es welche, die versöhnen wollten. Der Kurator und einige andere gaben eine Abschiedsfeier für Topelius, und allmählich glich sich alles wieder aus. Man lud ihn zu allen Abteilungsfesten ein, und er kam auch dazu. Ob er wieder in die Abteilung zurückkehren wolle, diese Frage wurde allerdings nicht gestellt.

Und es ist wohl möglich, daß ein Rest von Verdacht in den Herzen zurückblieb. Man fragte, ob nicht am Ende doch eine Art Schuldgefühl hinter seiner schnellen Flucht aus der Abteilung gelegen habe. Der eine und andere nahm sich auch vor, diesen Zeitungsredakteur im Auge zu behalten.

II.

Gehaßt zu sein, wo man sich geliebt geglaubt, verachtet, wo man geehrt zu sein meinte, übel gesehen, wo man sich für einen willkommenen Gast gehalten hatte, das war das Bittere, das Zacharias durchmachen mußte. Er versuchte darüber wegzukommen, indem er an die Dummheit und Grausamkeit der Kameradenschar dachte, er versuchte das ganze Erlebnis mit stolzer Verachtung zu betrachten und sich zu sagen: »Sieh, so sind die Menschen!«

Aber dabei blieb er glücklicherweise nicht stehen. In demütiger Selbstprüfung fing er an zu überlegen, ob die Schuld am Ende nicht allein bei den Jungen liege. Wie, wenn er selbst die erste Veranlassung zu dem Mißverständnis gegeben hätte? Er prüfte seine Lieder und konnte sich nicht verhehlen, daß sie Revolution und gewaltsamen Umsturz prophezeit hatten. Ja, wenn man so wollte, konnte man wohl glauben, daß er mit dem freundlichen linden Lüftchen, das Riesenkraft erhielt und ausging, um alle Macht der Finsternis zu sprengen, sich selbst gemeint hatte.

War sein Gedicht auf diese Weise gedeutet worden, dann konnte er die Enttäuschung begreifen, die er der jungen Schar bereitet hatte, und er brauchte sie nicht zu verachten, nicht zu schlimm von ihr zu denken.

Auf diese Weise war es ihm möglich, das Friedenszeichen anzunehmen, das die Österbottninger ihm schenkten, indem sie ihn einluden, als Gast der Abteilung die Maifeier der Studenten mitzumachen, die am dreizehnten Mai drei Werst vor Helsingfors auf der Gumtäckter Wiese gehalten werden sollte.

Und noch mehr. Weil er imstande war, so ohne alle Überhebung seinen eigenen Mißgriff einzusehen, konnte er wieder ein Frühlingslied dichten. Es war ihm ein wahres Bedürfnis, seine Stellung klarzulegen, mit Landsleuten und Kameraden so zu sprechen, daß sie verstehen mußten was er wollte und was er nicht wollte.

An dem Tage, wo die Maifeier der Studenten stattfinden sollte, lag eine festliche, feierliche Stimmung über der ganzen Stadt. Seit dem Jubelfest hatte man kaum etwas Ähnliches empfunden. Es war alter Brauch, daß die Studenten das Maienfest feierten, aber seit zwölf vollen Jahren war diese geliebte Feier verboten gewesen. Jetzt, mitten im Revolutionsjahr, war sie erlaubt worden! Man hatte es wohl für klüger gehalten, die Jugend sich vergnügen und allerlei Spiele machen zu lassen; das war sicher besser, als wenn sie daheim saßen und aufrührerische Pläne schmiedeten. Am Nachmittag gegen drei Uhr machte sich der Zug der Studenten nach dem Festplatz auf den Weg. Sänger marschierten an der Spitze und sangen das taktfeste Lied: »Sitzest im Hochsitz, hochedler Häuptling.« Die ganze Stadt war in Bewegung, alles wollte den Zug sehen, und eine große Menge Menschen zog mit bis nach Gumtäckt, um die Reden zu hören und den Spielen zuzusehen.

Die Erwartungen, womit alle diese Menschen zur Stadt hinauszogen, wurden auch nicht enttäuscht.

In den Scharen befanden sich viele, die die Helsingforser Zeitung von diesem Tage mitgenommen hatten, um ihren Bekannten ein Gedicht zu zeigen, das darin stand; es trug den Titel: Frühling 1848. Man las es, während man auf den Festzug wartete. Man las es, während man hinauszog, man drängte sich zu zwei und drei um das Zeitungsblatt zusammen, las es bebend und mit angehaltenem Atem. Es war ja gerade das, was man selbst dachte, was man an einem solchen Tag, in einer solchen Zeit gerne gesagt hätte.

»Er kommt, er kommt, der wilde Sturm
Im wallenden Nebelflor,
Es ballet sich düster ein Wolkenturm,
Und Schatten ziehen davor.
Es schaudert die Seele der Erde,
Und Blut färbt das Himmelstor.

Es fallen wie Rohr in der sausenden Luft
Die Tannen in Riesenpracht,
Der Mächtige achtet nicht Farbe noch Duft,
Nicht Altar, nicht Glanz noch Macht.
An der Seite der Waldesfürsten,
Sinkt die Blume in Todesnacht.

Ich steh' auf granitenem Klippenstein,
Der unter dem Fuße bebt.
Ich seh' in das brandende Meer hinein,
Das drohend die Wogen hebt.
Fahl schimmert die düstere Wolke,
Die über der Klippe schwebt – – –«

All das war eigentlich nichts anderes, als was Topelius auch früher schon gesagt hatte, obgleich es jetzt kraftvoller und wirksamer hervortrat, doch plötzlich wechselte das Gedicht den Rhythmus und den Ton.

»Doch schön wie je in seinem Zauberscheine,
Senkt auf Suomi neu der Lenz sich nieder,
Ein Hauch von Frieden geht durch alle Haine,
Und auch dem Norden kehrt die Schwalbe wieder.

Hell wird's, wo trüb die düstern Nebel liegen,
Ich sehe Wüsten sich mit Grün bekleiden,
Und Eisen, sonst geschärft zu blut'gen Kriegen,
Zum Pflug verwandelt, stilles Glück bereiten.

Denn Lenz ist es nicht nur in Hain und Auen,
Die Geisteswelt auch sieht er vor sich offen,
Die Erde strahlt, den Himmel sieht man blauen,
Denn jeder Lenz hat neu die Kraft, zu hoffen.«


Schließlich rief der Dichter seinem Lande zu:

»Sei wachsam! Stark! Laß Mühsal dich nicht reuen,
Wie Dunst die flücht'gen Stunden sich verzehren.
Die Stürme, die ringsum die Welt erneuen,
Sie kommen, um den Horizont zu klären!«

Es wurde ein großer Sieg. Man verstand den Dichter. Man fühlte wie er, daß Finnland glücklich, daß es in beständigem Aufstieg begriffen war, daß es durch Festhalten an kluger Besinnung imstande sein werde, sein Schicksal zu verbessern, ohne von dessen Windstößen und Wirbelstürmen erschüttert zu werden, die für Völker von andern Charakteren und andern Anlagen anscheinend notwendig sind.

Kaum aber waren die Verse zu Ende gelesen, noch stand man unter dem Eindruck der schönen Worte, der klugen Gedanken, so trat schon etwas Neues ein. Man war jetzt an der Stadtgrenze angelangt. Die Sänger sangen nicht länger das nichtssagende »Sitzest im Hochsitz«; denn jetzt stieß die Regimentsmusik zu ihnen, und nun wurde zum erstenmal Runebergs von Pacius in Musik gesetztes »Unser Land« angestimmt. Der Komponist war selbst zugegen und leitete Gesang und Musik.

Man wagte kaum zu atmen, als diese Worte, diese Melodie erklangen. Alle hatten Tränen in den Augen, hatten die Hand ihres Nachbarn ergriffen und lauschten dem Hohenlied der Vaterlandsliebe.

Endlich langten sie auf dem großen freien Platz an, wo ein Festmahl mit Spielen, Reden und Gesängen stattfinden sollte. Ein Rednerpult war aufgestellt, und auf dieses richteten sich aller Blicke. Über ihm wehte eine große weißseidene Fahne, in die der finnische Löwe eingestickt war. Auch sie war neu, ein Geschenk der Helsingforser Damen für Finnlands Studenten. Aber niemand sah in ihr eine der üblichen Studentenfahnen, für alle war sie ein Symbol des Vaterlandes. War ihr jetziges öffentliches Flattern im Frühlingswind nicht ein Zeichen dafür, daß das ganze Land seine Freiheit nicht durch Gewalt, sondern durch die unwiderstehliche Macht seiner Vaterlandsliebe gewinnen würde?

Im Laufe des Tages kam noch eine letzte Überraschung: Fredrik Cygnäus' Rede auf das Vaterland. Nie vorher hatte dieser hervorragende Redner so hinreißend gesprochen. Er befreite seine Zuhörer von allem, was ihre Herzen bedrückte. Er setzte ihnen den Sinn der Vergangenheit auseinander, er erklärte ihnen die Zukunft. Er hob sie über sich selbst hinaus, machte sie glücklich.

Dies rief allgemeine Begeisterung hervor. Niemand dachte mehr an das eigene erbärmliche Ich. Alle fühlten, welche Ehre es ist und welche Größe darin liegt, ein Mensch zu sein, ein Geschöpf, das von einem großen Gedanken ergriffen werden, für ein hohes Ziel leben, sich für einen schönen Traum opfern kann.

Und nachdem der Redner geendet hatte, erklang noch einmal Runebergs:

»Entrückt sind wir in Himmelsglanz, in Goldgewölk
im Blau – – –«

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