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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 17
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Gegner

I. Der Despotismus.

Als Zacharias Topelius die Redakteurstelle an der Helsingforser Zeitung antrat, mag es ihm zumute gewesen sein wie einem Krieger des Mittelalters, wenn er das Ritterschwert empfing. Jetzt hatte er die Waffe in der Hand, die ihm helfen würde, die Welt so zu gestalten, wie er sie haben wollte.

Sein Ritterschwert aber war, wenn man so sagen darf, eines der kleinsten und unbedeutendsten. Die Helsingforser Zeitung war ein ganz kleines Blatt, das zweimal in der Woche erschien. Das Format war nicht ganz so groß wie ein Bogen Briefpapier, es hatte auf jeder Seite zwei Spalten und natürlich nicht mehr als vier Seiten. Die Hälfte des Raumes, und gar oft noch mehr, wurde stets von Familiennachrichten und Geschäftsanzeigen eingenommen, die auf der ersten und letzten Seite standen. Die vier Spalten auf den weniger beachteten Innenseiten aber durfte der Redakteur nach besten Kräften ausfüllen. Doch ist zu bemerken, daß der enge Raum bedeutend erweitert wurde, weil die ganze Zeitung im kleinsten Druck erschien und die einzelnen Spalten sich nicht auf Kosten der andern ausbreiten durften.

Der Redakteur der Helsingforser Zeitung hatte keine Mitarbeiter, er mußte allein für alles einstehen. Schon daraus kann man ersehen; wie außerordentlich bescheiden das ganze Unternehmen war. Aber andererseits hatte dies auch einen Vorteil, Topelius konnte sein Blatt ganz und gar nach eigenem Ermessen redigieren. Er konnte ohne irgendeinen Einspruch seinen eigenen Plan verfolgen.

Diesen Plan, über den er sich vom ersten Augenblick an klar war, setzte er jedoch nicht als Wahlspruch unter den Zeitungstitel, sondern das bisherige Quid verum usw. blieb unverändert stehen. Auch anderweitig sprach er seine Absichten nicht mit dürren Worten aus; aber sie lebten in der Tiefe seiner Seele und drückten allmählich allem, was er schrieb, ihr Gepräge auf. Vielleicht gewöhnte er sich auf diese Weise daran, nur noch selten allein des Dichtens wegen zu dichten. Er war Volkserzieher, wenn er dichtete, und Dichter, wenn er erzog. Dies war so tief in seiner eigenen Natur begründet, daß man fast daran zweifeln konnte, ob er eine Arbeit, wenigstens eine in Prosa geschriebene, für wirklich gut hielt, wenn darin die erzieherischen, anregenden Gedanken fehlten.

Ein gutes Einvernehmen zwischen sämtlichen Bewohnern des Landes scheint ja in erster Linie notwendig zu sein, wenn ein Land in einen Rosengarten verwandelt werden soll. Und zu diesem Zweck müssen die Menschen vor allem gegenseitig miteinander bekannt werden und die guten Eigenschaften ihrer Landsleute kennen lernen. Aber statt dessen stehen sich Stadt und Land meist völlig fremd gegenüber.

Doch siehe: schon am 22. Januar 1842 teilte die Helsingforser Zeitung mit, daß sich auf einem Pfarrhofe im nördlichen Finnland eine kleine Akademie gebildet habe, etwas Ähnliches, wie Hugo Löwenstjerna in seinem Jagdschloß eingerichtet hatte, obgleich in Beziehung auf die Hand, die das Protokoll führte, ein großer Unterschied bestand. Die Mitglieder der oben genannten Akademie waren die vier Kinder des Pfarrers: Henrik, Emma, Thilda und Marie. Der junge Henrik, der zugleich seines Vaters Vikar war, hatte versprochen, in der Zeitung zu berichten, was auf seiner Akademie vorgehe, und er hielt dieses Versprechen treulich. Bald schilderte er ein Gespräch über Runebergs Weihnachtsabend, bald ein solches über das Verhältnis der Frauen zur Politik. Zum Dank für diese Beiträge erhielt der oben erwähnte Henrik hie und da einen Brief aus Helsingfors, worin ein Besuch des Thronfolgers, sowie ein oder das andere aus dem Theaterleben der Hauptstadt beschrieben waren.

Voller Spannung beobachtete der junge Redakteur, wie diese Versuche, Stadt und Land miteinander bekannt zu machen, von dem Publikum aufgenommen wurden. Das Leben seiner Zeitung war ja immer noch in Gefahr zu erlöschen. Alles hing davon ab, ob der Leserkreis ihn verstehen, sich über seine gute Absicht freuen und ihn unterstützen würde. Die Allgemeinheit begriff von dieser guten Absicht sicher herzlich wenig. Die meisten fanden, die Helsingforser Zeitung werde ungefähr wie eine von Kindern herausgegebene, selbstgeschriebene Zeitung redigiert. Aber das alles sei doch entschieden besser, als das bisherige erbitterte Zeitungsgeschrei und die unanständigen Geschichten. Nein, die Abonnenten nahmen nicht ab, im Gegenteil, sie nahmen zu!

Zacharias hatte also weder einen Fortschritt noch einen Mißerfolg zu verzeichnen. Immerhin löste sich nach einem halben Jahre Herrn Henriks Akademie auf. Ihre Berichte waren vielleicht ein wenig zu schwerfällig und zu ausgeglichen gewesen. Im nächsten Herbst machte indes Zacharias einen neuen Versuch.

In den Rosengärten der ganzen Welt ist es Sitte, daß man harmlos und vergnügt, ohne jede Steifheit und Feierlichkeit miteinander verkehrt. Und einen solchen liebenswürdig vertraulichen Ton suchte Zacharias jetzt unter den Lesern seines Blattes einzuführen. Anstatt kalt und trocken die kleinen und großen Ereignisse zu berichten, schilderte er sie vergnügt und lustig in Briefen an einen Leutnant Leopold, der in Grusien in russischen Diensten stand und große Sehnsucht nach Neuigkeiten aus seiner Heimat hatte. Auf diese Weise konnte Zacharias ohne Angst, seine Leser zu ermüden, jeden Monat in einem Briefe, den die Zeitung dem Leutnant sandte, von allem möglichen erzählen: vom Wetter und den Ernteaussichten, von den Vorstellungen umherziehender Schauspieler, von Ernennungen, von Promotionen, von den neuesten Moden, vom Kirchenbesuch, alles in einer muntern, gefälligen Mischung.

Natürlich erregte auch das manchen Anstoß. Es gab Menschen, die eine so familiäre Behandlung durch ihre Zeitung einfach nicht ertrugen. Aber es gab auch eine ganze Anzahl anderer, denen das Spaß machte und die im stillen dachten: »Dieser junge Mensch an der Helsingforser Zeitung berichtet seine Neuigkeiten wirklich in recht netter Art. Warum können wir andern nicht ebenso offen und natürlich sein wie er?«

Tatsächlich waren diese Briefe ein großer Fortschritt. Man fing an, einander zu fragen: »Hast du den letzten Leopoldsbrief gelesen? Hast du gemerkt, was über den und den darin stand?« – Oder es hieß auch: »Eigentlich wollte ich die Helsingforser Zeitung schon lange abbestellen, aber dieser Briefe wegen werde ich mich wohl auch noch fürs nächste Jahr darauf abonnieren.«

Die Jahreswende 1842–43 zeigte ein erfreuliches Ergebnis: die Zahl der Abonnenten war fortgesetzt im Steigen. Die Zeitung hatte also unter dem neuen Redakteur im ersten Jahr ihr Leben gefristet.

Und der neue Redakteur verfolgte seinen Plan unentwegt weiter. Selbstverständlich muß man in einem Rosengarten alles von der besten Seite betrachten, alles Gute, das geschieht, bemerken, sowie alles unterstützen, was das Leben reicher und angenehmer machen kann. Deshalb herrschte in der Helsingforser Zeitung auch jedesmal Jubel und Freude, wenn die Ernte im Lande gut ausfiel, wenn ein schönes Bild gemalt wurde, wenn ein neues Dampfschiff seine erste Fahrt antrat, wenn ein gutes Theaterstück aufgeführt wurde, wenn eine hervorragende Dichtung im Druck erschien. Alle, alle sollten es in einer so freundlichen Welt, die Zacharias erschaffen wollte, gut und angenehm haben. Mit großem Eifer suchte er seinen Lesern einzuprägen, daß die Arbeiter von ihren Vorgesetzten gut behandelt werden müßten, daß aber auch hinwiederum die Dienstboten ihrer Herrschaft das Leben nicht zu sauer machen dürften. Außerdem sollte jeder, der reich war und selbst herrlich und in Freuden lebte, nicht vergessen, daß der arme Lazarus auch ein wenig Vergnügen brauche.

Und damit alles gut werde, sollte der Teil der Bevölkerung, der finnisch sprach, auch in dieses Paradies mit hineingenommen werden. Er sollte sich durchaus nicht als ein Kind armer Leute fühlen dürfen, das vor dem Gatter stehen bleiben mußte und nur durch die Latten hineinschauen durfte. Gerade die Gebildeten hätten die Pflicht, sich der Sache ihres finnischen Bruders anzunehmen und ihm Gelegenheit zu geben, die reichen Anlagen auszubilden, die in dem Volk, das so herrliche Gedichte wie die Kalevala und Kanteletar hervorgebracht hatte, unbedingt schlummern mußten.

Dies alles ließ sich nach der Ansicht des jungen Redakteurs ganz leicht durchführen. Es gehörte ja nur ein klein wenig guter Wille dazu. Überhaupt schien die Helsingforser Zeitung anzunehmen, es lasse sich alles, was geschehen mußte, um die Welt so zu machen, wie sie sein sollte, mit Geduld und Freundlichkeit durchsetzen, genau so, wie ein Gärtner seine Bäume nicht aus Zorn beschneidet, sondern um sie schöner und fruchtbarer zu machen.

Unter diesen menschenfreundlichen Bestrebungen lebte die Helsingforser Zeitung noch ein Jahr. Wohl machte sich der eine oder der andere über den sechsundzwanzigjährigen Redakteur lustig, der so weise und so wohlmeinend war, aber trotzdem merkten sich die Leute doch eine ganze Anzahl der Vorschläge, die er ihnen ans Herz legte.

Er selbst aber war höchst ärgerlich, weil seine Absichten vereitelt, seine Ideen unterdrückt wurden, weil er sich selten offen aussprechen durfte und die Wirkung seiner Worte fast gleich Null war, weil er einen Gegner hatte, der ihn in allen Bewegungen hinderte.

Keine finnische Zeitung durfte damals gedruckt werden, ohne daß ein Zensor den Text durchgelesen und sein »Imprimatur« darunter gesetzt hatte. Und Zacharias' Zensor war ein ernster, bedächtiger Mann, der weniger als sonst irgend jemand den heitern, ungezwungenen Ton der Helsingforser Zeitung verstand. Er schien nicht glauben zu wollen, daß sich jemand so viel Mühe gab, nur um alltägliche, unschuldige Dinge auf eine angenehme Weise zu sagen. Ja, er hatte den Redakteur im Verdacht, er versuche gefährliche, aufhetzende Lehren, gebührend überzuckert und unkenntlich gemacht, zu verbreiten.

Im Frühjahr 1842 ging in Helsingfors das Gerücht, man dürfe in Finnland auf den Besuch des allgemein beliebten Thronfolgers, Großfürst Alexander, rechnen, und Topelius erkundigte sich bei dem Zensor, ob es erlaubt sei, seine Freude darüber schon vorher in der Zeitung zu äußern. Sofort bekam der Zensor Angst, die Worte »Freude äußern« könnten sich auch böswillig auslegen lassen. Daß Zacharias den Thronfolger wirklich lieben und sich auf seine Ankunft freuen könne, das fiel ihm nicht im Traume ein. Kurz angebunden gab er ihm zur Antwort, die Helsingforser Zeitung müsse dieses Sichfreuen aufschieben, bis die Sache im Regierungsblatt erwähnt worden sei. Und da sich dieses für den fürstlichen Besuch keineswegs so zu interessieren schien wie Zacharias, konnte der junge Redakteur das Ereignis erst erwähnen, nachdem sich der Großfürst schon einen ganzen Tag in der Stadt aufgehalten hatte.

Ein andermal wollte Zacharias in der Zeitung kurz erwähnen, daß ein russischer Soldat draußen bei Sveaborg im Eise eingebrochen sei. Da wurde der arme Zensor ängstlich. Wer konnte wissen, ob das in dieser aufhetzenden Geheimsprache nicht bedeutete, die ganze russische Herrschaft sei unter das Eis geraten? Er verbot die Nachricht, und damit Zacharias sich nicht zu öfteren derartigen Verirrungen hinreißen lasse, warnte er ihn schnell mit den Worten:

»Solltest du von dem von Wölfen gefressenen russischen Postillion gehört haben, so behalte diese Neuigkeit für dich! Ein russischer Soldat darf nicht von Wölfen gefressen werden.«

Unendliche Sorge bereitete es dem Redakteur und dem Setzer, wenn die Zeitung gerade vor dem Druck vom Zensor mit völlig durchstrichenen Seiten zurückkam. Wo sollte man nur in der Eile einen neuen Text hernehmen? Da hieß es, alte Novellen hervorsuchen; mochte es noch so ein Plunder sein, wenn das Blatt nur voll wurde.

Aber dies war noch das wenigste.

Zacharias hatte einen Artikel über das Postamt gebracht, der eigentlich nur Worte des Lobes enthielt. Er hatte vom Zensor auch »Imprimatur« bekommen; aber nach ein Paar Wochen traf vom Generalgouverneur selbst der strenge Befehl ein, die finnischen Zeitungen dürften nichts über ein kaiserliches Amt schreiben, nicht einmal etwas Wohlwollendes.

Man kann sich den jungen Weltverbesserer vorstellen, der das blanke Schwert in der Hand hielt und es nicht schwingen durfte!

Er durfte keine Beamten tadeln, er durfte an nichts, was die Regierung tat, etwas aussetzen. Er durfte, durfte, durfte nicht.

Es hieß sich anpassen, sich in verblümten Worten ausdrücken, sich der Fabeln, Gedichte, Rätsel, kurzum lauter leichter Sachen zu bedienen, die der Zensor nicht so ängstlich und sorgfältig prüfen zu müssen glaubte wie die langen Prosaartikel. Ein finnischer Journalist der damaligen Zeit mußte offenbar auch ein wenig Dichter sein.

Am ersten April des Jahres 1843 hatte Zacharias einen langen Artikel gebracht, in dem der Teufel erwähnt wurde. Vermutlich meinte der Zensor, auch diesen Fürsten in Schutz nehmen zu müssen, denn gerade vor dem Druck war der ganze Artikel gestrichen worden. Rasch wurde eine eingesandte Erzählung dafür gesetzt, aber die Zeitung erschien doch eine Stunde später als sonst, und das Publikum unterließ es durchaus nicht, seine Unzufriedenheit über das unpünktliche, schlechte Blatt offen auszusprechen.

Und siehe, in der nächsten Nummer erschien in gebundener Rede folgende Entschuldigung der Redaktion:

»O teures Publikum, das uns so wohl geneigt,
Am Samstag par hazard hat sich bei uns gezeigt
Ein Vorkommnis – um eine ganze Stunde kam
Das Blatt zu spät heraus; das schuf gar vielen Gram.
Ein gräßliches Gedräng fand vor dem Laden statt,
Von allen, die sich gern geholet dort das Blatt.
»Nicht da?« – »Nicht da?« – »Hat man so etwas je vernommen?
Selbst Sie, Aufwärter, sind so ganz umsonst gekommen?
Der holden Jungfraun Schar? All die ehrsamen Leute?
Doch halt – jetzt wird mir klar, Anfang April ist heute!
Ein kleiner Streich also?« – Ja, und er ist geglückt.
Wir haben, Publikum, dich in April geschickt!
Der einz'ge Schlüssel ist's zu dem, was man gesehen.
Vergebt! Was an uns liegt, es soll nicht mehr geschehen!«

Als das finnische Publikum diese Verse las, wußte es sofort, wo der Schlüssel des Rätsels zu finden war. Nur der Zensor schien nichts verstanden zu haben. Wenigstens verhielt er sich diesmal still.

Aber hinter alldem verbarg sich im Grunde genommen nur jene Macht, die sich der Zensur bediente, um ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten. Nicht gegen einen mehr oder minder unvernünftigen Zensor mußte Zacharias seinen Zorn wenden, sondern gegen den russischen Despotismus.

Die Finnen nahmen unter allen von Rußland unterdrückten Völkerschaften eine ganz besondere Stellung ein. Sie wurden allerdings von einem russischen Generalgouverneur regiert, aber der diesem mit seinem Rate zur Seite stehende Senat bestand aus Finnen. Sprache, Religion, Unterrichtswesen, Gesetzgebung hatten sie unangetastet behalten dürfen, zu Beamten und Offizieren wurden die Söhne ihres Landes ernannt.

Dies waren unschätzbare Vorteile, und jeder Finne hätte es für ein Verbrechen gehalten, sie durch einen übereilten Schritt zu gefährden. Auch Zacharias hegte ganz und gar keine solchen Absichten. Er verfolgte keine politischen, sondern nur kulturelle Ziele, und gerade das Bewußtsein seiner vollkommenen Ungefährlichkeit dem Selbstherrschertum gegenüber steigerte vielleicht noch seinen Zorn darüber, daß er daran gehindert wurde, für das Gute, das er fördern wollte, zu wirken.

Eine übermäßige Ängstlichkeit und ein beständiges Mißtrauen stellten sich ihm auf dem Weg entgegen, den er wandeln wollte, und gar manches Mal rauchte ihm der Kopf vor Zorn über alle die dummen, ärgerlichen Verordnungen.

An einem Abend des Herbstes 1844 wohnte er einer Theatervorstellung bei: Eine deutsche Truppe führte ein Stück auf, in dem die Marseillaise gesungen wurde, und als Zacharias heimkam, war er noch immer berauscht von dem jungen Wein der Freiheit, der in diesen Tönen braust. Er konnte die aufpeitschende, hinreißende Melodie nicht wieder loswerden, und unter ihrem Einfluß begann er eine finnische Marseillaise zu dichten:

»Es geht ein Ruf voll Freiheitsahnung
Durch alle Welt, durch Süd und Nord.
Wer, Brüder, folgt des Rufes Mahnung?
Wer zieht zum Kampf, zum Siege fort?
Groß ist die Jugendkraft, die glühend
Ihr Schicksal selber schafft,
Kämpft für ihr Volk, begeistrungsprühend,
Dem sie die Fesseln bricht mit Kraft.
Für heil'ger Freiheit Gut,
Gibt sie ihr Herzensblut!
Für Suomis Volk gibt gern sie dar
Den letzten Lebenshauch,
Der Name lebt, die Tat fürwahr
In Lied und Sage auch!

Auf tapfre Söhne Suomis! Allen
Winkt Kampf für freien Geist!
Die schweren Fesseln müssen fallen,
Auf die der Väter Schatten weist!
Zwei Mächte Suomis Seele brachten
In schnöde Sklaverei.
Wie Schwedens Bildung wir verachten,
Woll'n bleiben wir von Rußland frei!
Auf pflanzen das Panier
Für Geistesfreiheit wir!
Für Suomis Sprache, Volk und Land
Und seiner Zukunft Macht,
Zerbrechen wir der Fesseln Band,
Das uns zu Sklaven macht!«

Als ihm diese Worte rasch wie eine Erleuchtung durch den Sinn flogen, war ihm, als sei ihm nun gewisse Genugtuung geworden für die unzähligen Male, wo er sich einem tyrannischen Machtspruche hatte fügen müssen, von jenem verhängnisvollen Augenblick vor vielen Jahren an, wo die Österbottnische Abteilung geteilt wurde, bis zu dem letzten Eingriff des Zensors.

Er sang die Verse, während er sie verfaßte. Er war merkwürdig erregt, aber zugleich auch stolz und mutig, und stand ganz und gar im Banne seines Freiheitsmarsches. Er war bereit, nach Sibirien zu gehen, um gerade diese aufrührerischen Worte aussprechen, um Schweden und Rußland sowie dem alten und dem neuen Herrscher zurufen zu dürfen, daß Finnlands Knechtschaft zu Ende sei und daß es seine Fesseln hasse.

Dieses Lied erschien natürlich nicht in der Zeitung, aber es wurde unter den Studenten bekannt und von ihnen mit Begeisterung gesungen. Der erste Vers so oft wie möglich, der zweite nur, wenn man der Zuhörer »sicher« war. Bald erfuhren auch die Behörden, daß die Studenten eine neue Marseillaise sangen, und das rief große Bestürzung hervor. Topelius wurde darauf aufmerksam gemacht, daß er, wenn seine Urheberschaft des Liedes bekannt würde, auf eine Haussuchung und Gefängnisstrafe, ja vielleicht sogar auf Sibirien gefaßt sein müsse.

Nun mußte Zacharias sich selbst ernstlich ins Gebet nehmen und sich fragen, was er wolle. War er wirklich bereit, in die Verbannung oder in das Gefängnis zu gehen, nur um seinen Haß gegen Zensoren und Gewaltherrscher offen aussprechen zu können?

Sollte er sein Leben nicht für ernstere Aufgaben, für edlere Taten aufsparen? Mußte er sich ins Verderben stürzen, um einem unmöglichen Trotze Luft zu machen?

Jetzt hatte er ein Ziel vor Augen, eine Aufgabe zu erfüllen. Er mußte das Verantwortungsgefühl des Mannes an Stelle der aufflammenden Begeisterung des Jünglings treten lassen.

II. Der Pietismus.

Es war in der Silvesternacht, und Zacharias Topelius hatte sich ans Klavier gesetzt, um ein geistliches Lied zu singen, wie er das seit langer Zeit bei jedem Jahreswechsel tat.

Das Jahr, das zu Ende ging, war das Jahr 1843, das neue, das diese Nacht am Gesichtskreis auftauchte, sollte 1844 heißen. Zacharias hatte den Silvesterabend bei Emiliens Verwandten, Kommerzienrat Borgströms, verbracht, aber jetzt war er schon ein paar Stunden daheim in seinem Zimmer. Er hatte Briefe von seiner Braut und seiner Mutter zusammengebunden, hier und da eine Seite gelesen, dann an Emilie geschrieben, und zuletzt hatte er das neue Jahr mit einem Gebet und Lied begrüßen wollen.

Aber er konnte sein Lied kaum zu Ende singen. Er war nicht in der rechten Stimmung. In seiner Seele kämpften Groll und Empörung. Er fühlte nichts von Dankbarkeit oder Ergebung, er wollte mit Gott ins Gericht gehen.

»Was hast du aus Nykarleby, was hast du aus Kuddnäs gemacht?« wollte er fragen. »Warum hast du meine Vaterstadt und mein Elternhaus nicht in deinen Schutz genommen? Ich sage dir, es gibt auf deiner ganzen Erde keinen Ort, wo ein besseres Leben geführt wurde.«

Zacharias stand auf und trat an den Schreibtisch, wo die zusammengebundenen Briefe lagen. Seine Hände legten sich schwer darauf nieder.

»Ich könnte blutige Tränen weinen,« murmelte er. »Wie ist es nur möglich, ach, wie ist es nur möglich, daß ein barmherziger Gott so viel unnötiges, unverschuldetes Leiden nicht abwendet?«

Erst vorhin, während er die Briefe durchgesehen hatte, war dieser unvernünftige Zorn in ihm aufgestiegen. Er konnte den Sinn dessen, was geschah, nicht verstehen. Ihm war, als richte Gott das beste seiner Geschöpfe zugrunde.

»Nicht Emiliens wegen zürne ich!« rief er aus. »Es handelt sich um meine alte Mutter. Sie, sie ist dieses ganze Jahr hindurch verfolgt und gequält worden.«

Er zog eine Schublade des Schreibtisches auf und nahm ein Paket Briefe vom vorhergehenden Jahr heraus.

»Damals fing es an,« murmelte er.

Während er in den Briefen blätterte, fühlte er, wie seine Hände zitterten, und er bekam Angst vor seiner eigenen Erregung.

»Nimm dich in acht, Zacharias, tritt deinem Gott nicht als Feind gegenüber!« warnte er sich selbst. »Der Pietismus hat sich doch über ganz Finnland ausgebreitet. Warum sollte er nicht auch nach Nykarleby kommen?«

Er ließ die Briefe auf den Tisch fallen. Ach ja, der Pietismus hatte sich wirklich über ganz Finnland ausgebreitet, und er war auch in Nykarleby nichts Neues. Schon seit sechs bis sieben Jahren war er dort aufgetreten, aber meist nur unter Handwerkern und Dienstboten. Freilich, die Tochter des zweiten Pfarrers, Sofie Fonselius, sowie ein paar kaufmännische Angestellte waren auch von der Bewegung ergriffen worden, sonst aber von den gebildeten Leuten niemand.

Im Herbst 1842 jedoch hatte der zweite Pfarrer einen der ersten Pietisten, N. G. Malmberg, als Vikar erhalten. Er schien ein begabter Prediger zu sein, und im Anfang waren offenbar sowohl Zacharias' Mutter als auch die ganze Stadt höchst zufrieden mit ihm gewesen. Jetzt sei das Kirchengehen doch endlich eine Freude und eine Erbauung, schrieb sie. Um die pietistischen Lehren, die Malmberg einfließen lasse, brauche man sich ja nicht zu kümmern. Jeder vernünftige Mensch wisse doch, daß das Lesen guter Romane oder in Ehren ein Tänzchen zu machen oder sich ein wenig zu putzen, wenn man unter Menschen gehe, keine Sünde sei. Jedenfalls brauche sich der Mensch, der überhaupt ein anständiges, einwandfreies Leben führe, kein besonderes Frömmigkeitsschild umzuhängen.

Ja, so weit war alles recht gut und schön gewesen; aber Malmberg hatte noch nicht oft gepredigt, als die Doktorin zu befürchten begann, seine Verkündigung mache einen zu tiefen Eindruck auf Sofie. Diese lasse sich von Anna Lena, die sich schon seit Jahren der Bewegung angeschlossen hatte, Bücher zum Lesen geben, auch besuche sie öfter Mamsell Fonselius, mit der sonst keines der jungen Mädchen zu verkehren pflege.

Über das alles war die Doktorin sehr bekümmert gewesen. Sie hatte von andern Orten gehört, wie traurig es oft war, wenn der Pietismus Eingang gefunden hatte. Kinder empörten sich gegen ihre Eltern, Frauen gegen ihre Männer. Gewiß, sie wollte Sofie nichts in den Weg legen, aber sie hatte Angst, von ihren eigenen Kindern verurteilt zu werden, wie so viele Eltern in dieser Zeit.

Als Zacharias den Brief gelesen hatte, in dem die Mutter über das alles schrieb, hatte er sehr wohl bemerkt, daß sie im letzten Satz die Mehrzahl angewendet hatte. Ihr war gewiß vorgeschwebt, wie treulich er und Sofie seit ihrer Kindheit zusammengehalten hatten. Und deshalb dachte sie jetzt, wenn eines von ihnen zum Pietismus überginge, müsse es das andere auch tun.

Was Sofie betraf, so hatte sie auch recht behalten. Schon nach kurzer Zeit hatte die Tochter sie um Erlaubnis gebeten, zu Malmberg gehen und mit ihm über ihre Seligkeit sprechen zu dürfen. Wohl hatte es der Mutter einen Stich ins Herz gegeben, als die Tochter mit dieser Bitte an sie herangetreten war, aber sie hatte sie gehen lassen. Sie hatte sich vom ersten Augenblick an fest vorgenommen, nicht so töricht zu handeln wie andere Eltern und sich zwischen ihre Kinder und deren Sehnsucht nach der ewigen Seligkeit zu stellen. Wohl konnte sie trotzdem die Liebe der Tochter verlieren, wenn diese Pietistin wurde, aber es sollte nicht durch ihre Schuld geschehen. Sofie hatte bei der Heimkehr erzählt, der Prediger habe eine Rede gegen das vierte Gebot gehalten, er habe sich selbst als Beispiel angeführt und erzählt, in welch bitterm Kampf er mit seiner eigenen Mutter gelebt habe. Nein, man dürfe den Eltern nicht nachgeben, habe er gesagt, selbst wenn sie vor Kummer darüber sterben sollten.

Jawohl, die Doktorin hatte Grund zur Sorge. Sofie sei zwar jetzt noch still und fügsam, aber wie solle es werden, wenn sie sich den Erweckten ernstlich anschlösse?

Zacharias preßte die Lippen zusammen. Der Gedanke, wie sehr die arme Mutter darunter litt, wenn sie sehen mußte, wie ihr Kind Schritt um Schritt von ihr losgerissen wurde, dieser Gedanke war wirklich sehr bitter für den armen Zacharias.

In einem Brief hatte die Doktorin berichtet, wie jetzt in Nykarleby gepredigt wurde. Als sie das letzte Mal in der Kirche gewesen sei, habe der Pfarrer anfangs sehr schön bibelfest gesprochen, so daß auch sie sich dabei wohl gefühlt habe. Aber dann habe er gesagt, diese Worte seien nur für die Bekehrten, keineswegs aber für solche, die nur in die Kirche gingen, weil alle andern das auch täten. Dann sei eine Ermahnung für die gekommen, die auf dem Weg der Besserung schon so weit vorgeschritten seien, um zu Vater, Mutter und Schwester zu sagen: »Weiche von mir!« Und zuletzt habe er noch mit dem höllischen Feuer und dergleichen gedroht, so daß sie die Kirche mit schlechteren Gefühlen verlassen als betreten habe.

O dieser Prediger, dieser Prediger! Zacharias hörte ihn förmlich, wie er in seinem jugendlichen Fanatismus reife Menschen, die unzählige Prüfungen des Lebens ehrenvoll bestanden hatten, verdammte. Er hatte sich selbst einmal diesen Schwärmern anschließen wollen. Aber seiner Mutter hätten sie niemals zu nahe treten dürfen! Und jetzt waren ihm die Augen geöffnet.

Wie rührend hatte die Mutter gekämpft, um sich die Liebe ihrer Tochter zu erhalten! Auf jede Weise war sie bestrebt gewesen, liebevoll und entgegenkommend zu sein. Einmal hatte sie sogar einer Versammlung der Erweckten beigewohnt. Sie war mit Sofie von einer der bekehrten Familien zum Kaffee eingeladen worden, und als sie hinkamen, war plötzlich eine ganze Menge Menschen da, die in dem Eßzimmer reihenweise hintereinander saßen. Die Doktorin merkte sofort, daß sie in eine Betstunde gelockt worden war, aber sie hatte sich ruhig dareingefunden und war ohne große Geschichten zu machen dageblieben.

Malmberg war an diesem Tage selbst erschienen. Er las eine Predigt von Nohrborg vor und sprach über sie, außerdem wurden im Laufe des Abends unzählige von den Zionsliedern gesungen. Die Doktorin wurde Malmberg vorgestellt; sie unterhielt sich ein wenig mit ihm, und Sofie war sehr glücklich, wenn auch zugleich etwas ängstlich, ihre Mutter könne sich mit irgendeinem Wort vergessen. Diese aber hatte dem großen Manne gegenüber nicht das geringste Herzklopfen, und es ging alles gut.

Die Doktorin ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Gesellschaft, in die sie geraten war, zu studieren. Sie war erstaunt darüber, daß es hier fast wie in jeder andern Gesellschaft zuging. Der Hausherr hatte eine Rede auf Malmberg gehalten, der Nykarleby verlassen sollte, und Malmberg hatte darauf erwidert. Höchst merkwürdig aber berührte es die alte Dame, daß die Herren auf dem Sofa des Eßzimmers saßen, während die Damen den demütigen Teil der Gesellschaft bildeten. Die Herren trugen Busennadeln und Uhrketten wie sonst auch, ihre Damen aber hatten alle Schmuckstücke abgelegt und sahen aus wie Dienstmädchen.

Das wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, aber es führte zu beständigen kleinen Reibereien. Sofie wollte ihre Boa nicht mehr anziehen, weil Mamsell Fonselius gesagt hatte, ihr schaudere jedesmal, wenn sie die Schlange um Sofiens Hals sehe. Und einen braunseidenen Hut, den die Doktorin ihrer Tochter zu Weihnachten geschenkt hatte, setzte diese erst auf, als sie sah, daß die Mutter ernstlich die Geduld zu verlieren drohte.

Das Schlimmste aber kam, als Sofie anfing, ihr Haar glatt auszukämmen. Hierdurch erfuhr ganz Nykarleby, daß sie Pietistin geworden war. Und als es bekannt wurde, daß diese Richtung, die jede Lebensfreude zu unterdrücken drohte, auf Kuddnäs Eingang gefunden hatte, entstand in allen Familien, wo es junge Mädchen gab, große Angst, diese könnten durch Sofiens Beispiel angesteckt werden. Die Doktorin und ihre Tochter sahen sich plötzlich von allen verlassen und gemieden, wie wenn sie die Pest hätten. Niemand wagte zu ihnen zu kommen, niemand lud sie zu sich ein.

Ganz sicherlich hätte die Doktorin nach wie vor alles mitmachen können, wenn sie gewollt hätte, aber sie wollte sich in keiner Weise von ihrer Tochter lossagen, das verstand Zacharias sehr wohl. Lieber sollten die Menschen glauben, sie huldige auch dem Pietismus. Was kümmerte sie das, wenn sie nur ihr Kind behielt! Sie wußte nur zu gut, daß »die Freunde« bloß nach einer Gelegenheit suchten, sie voneinander zu trennen.

Ihre Mutterliebe versagte keinen Augenblick, im Gegenteil, sie suchte mehr denn je ihr Kind in jeder Weise zu beschützen, ihm zu helfen. Sie wußte, daß alle Leute über sie beide klatschten und schwatzten, und da nicht nur Turdins, sondern auch die alte Frau Backmann bei ihr wohnten, wurde ihr natürlich jedes dieser Gerüchte zugetragen. Das tat ihr der Tochter wegen leid, und sie verheimlichte ihr das meiste Gerede, aber sie fürchtete, Sofie höre doch noch mehr als genug.

Wie war es möglich, daß Sofie das nicht erkannte, daß sie von so viel Liebe und Zartheit nicht gerührt wurde? Über einen Punkt schrieb die Mutter nie, aber Zacharias las es trotzdem zwischen den Zeilen: Sofiens Herz hatte sich wirklich von der Mutter abgewendet. Sie wagte ihre Nächsten nicht mehr zu lieben. Im Frühling des Jahres 1843, während dieser lange, schmerzhafte Kampf der Mutter noch weiterging, war der Professor aus Uleåborg mit seiner Frau nach Kuddnäs gekommen. Den alten Herrn hatten zwei Dinge dahin geführt. Sein Schwager, der Ratsherr Lithén, war in Konkurs geraten, und der Professor mußte bei dem Konkurs eine Forderung geltend machen. Zugleich wollte er sich davon überzeugen, wie es mit der Gemütsverfassung seiner Nichte stand, ob sie wirklich, wie das Gerücht meldete, von dem pietistischen Wahnsinn befallen sei.

Er versuchte, Sofie den Kopf zurechtzusetzen, indes dabei ging es ihm schlecht, denn jetzt bekam er es mit der Doktorin zu tun. Sie erklärte dem Schwager, daß er, der meine, der Mensch brauche als Führer nichts weiter als seine gesunde Vernunft, kein Recht habe, sich in religiöse Angelegenheiten zu mischen. Es sei entschieden besser, wenn er seinem eigenen Sohn ins Gewissen rede, der weit und breit behaupte, es gebe keinen Gott.

Die Mutter hatte den älteren Herrn wirklich zum Schweigen gebracht. Aber Sofie, wie viel mochte sie verstanden haben? Was für ein merkwürdiges Christentum war dies nur, das einem Kind verbot, eine solche Mutter zu lieben? Sofie ging nach wie vor zu ihren pietistischen Freunden und ließ die Mutter mit ihrer Sorge und Sehnsucht allein.

Zacharias erhob die Arme und seufzte tief, es klang fast wie ein Stöhnen. Unversehens drang ein Wort aus dem grauen Altertum über seine Lippen: »Grunzen müßten die Ferkel, wenn sie wüßten, was der alte Eber leidet!« In diesem Augenblick verstand Zacharias, was damit gemeint war.

Was für ein Gedanke: Die Mutter im Streit mit den Verwandten, im Streit mit ihren alten Nykarlebyer Freunden! Sie, die ihren Kindern so viele Freuden bereitet hatte, einsam in ihrem Hause sitzend, aus dem die Musik, fröhliches Lachen und jede unschuldige Zerstreuung verbannt war! Und Laienprediger und andere »Erweckte« ihr einziger Verkehr! Und die Luft um sie her gleichsam erfüllt von Zionsliedern, von Seelennot, von Erweckungsgeschichten!

Aber mitten in der großen Angst, die Zacharias der Mutter wegen umtrieb, kam ihm ein tröstlicher Gedanke: Ein Wesen gab es noch, das Freude und Sonnenschein nach Kuddnäs brachte, das der alten Frau das zu geben versuchte, was ihr die eigene Tochter nicht mehr schenken konnte.

Zwar auch Emilie hatte schon die harte Hand des Pietismus fühlen müssen. Sofie war bisher immer ihre beste, liebste Freundin gewesen. Nun, nach der Bekehrung, hatte sie Emilie aufgegeben, gerade wie ihre Mutter auch. Erst wenn beiden die richtige Erleuchtung zuteil werde, könne sie ihnen ein kleines Plätzchen in ihrem Herzen einräumen.

Emilie hatte ihre beste Freundin verloren, aber damit war es nicht genug. Ganz Nykarleby war wie umgewandelt. Mit dem einst so gemütlichen gesellschaftlichen Verkehr war es aus. Traf man jetzt einmal zusammen, so wurde nur gestritten und disputiert, dazwischen unerträglich spioniert und die Gesinnung, die Worte und Taten des Nächsten mißtrauisch überwacht.

Eines Sonntags hatte Malmberg beim Vormittagsgottesdienst gegen die sündhaften Vergnügungen am Sabbat gesprochen. Und am Nachmittag hatte wirklich eine Tanzunterhaltung in der Stadt stattgefunden. Aber man hätte meinen können, es tanzten Wachspuppen. Jedes Leben, jede Freude fehlte. Paarweise hatten sich die jungen Mädchen in die Ecken verkrochen und über die ernste Predigt geredet. Eine solche Langeweile, wie sie jetzt in Nykarleby herrschte, konnte sich Zacharias gar nicht vorstellen.

Der Kaufmann Isaak Lindquist, ein Mann vom alten Schlage, war natürlich ein großer Gegner der neuen Lehren und wetterte kräftig über die Schwärmerei. Auch mit ihm war Emilie in Streit geraten, als sie sich eines Tages erlaubt hatte, Sofie Topelius zu verteidigen und zu sagen, diese tue ganz recht, wenn sie in erster Linie an ihre Seele denke. Da war ihrem Vater plötzlich der Gedanke gekommen, sein zukünftiger Schwiegersohn könne vielleicht dieselben Ansichten haben wie die Schwester, und er hatte aufs bestimmteste erklärt, wenn dies der Fall sei, wäre es das beste, Emilie bereite sich darauf vor, die Verlobung aufzulösen.

Emilie hatte mit großer Angst an Zacharias geschrieben und sich erkundigt, ob er ein Pietist sei. Sie sei keineswegs sicher, was für eine Antwort sie bekommen werde, schrieb sie. Er gehe ja jeden Sonntag in die Kirche, und einmal habe er zu ihr gesagt, er denke daran, Pfarrer zu werden. Aber so wenig gottesfürchtig es auch klingen möge, sie hoffe doch von ganzem Herzen, er werde nicht zu den Pietisten gehören, denn dann dürfe sie nicht an ihm festhalten.

Hierüber hatte Zacharias sie sehr leicht beruhigen können, aber ihrer Umgebung vermochte er die einstige Gemütlichkeit nicht wiederzugeben. Wenn Emilie nach Kuddnäs hinauskam, war Sofie, ach, so hart, so verständnislos! Nicht einmal über Zacharias konnte sie mit ihr sprechen. Einmal hatte Emilie die Ärmste ganz verzweifelt weinen sehen, weil sie so unrecht tue, nicht von ihrer Mutter wegzuziehen. Sie wisse, es könne nicht so fortgehen, es müsse bald zum Bruch kommen. Allmählich kam Emilie nur noch nach Kuddnäs, wenn sie Sofie abwesend wußte. Dann suchte sie die Doktorin auf, die mit ihren schweren Gedanken allein in ihrer Stube saß. Mit ihr sprach sie von Zacharias, sie lachten und weinten zusammen, und wenn Emilie nach der Stadt zurückwanderte, nahm sie sich fest vor, sobald sie mit Zacharias verheiratet war, die alte Frau für das schadlos zu halten, was sie jetzt durchmachen mußte.

Ja, hierin stimmte Zacharias völlig mit ihr überein, aber er fühlte zugleich deutlich, daß sie den Platz der einzigen Tochter in dem Herzen seiner Mutter nie würden ausfüllen können.

Wie eine Frostnacht, die nur Verwelken und Sterben hinterläßt, war der Pietismus über Nykarleby hingegangen. Mit jedem Briefe, den Zacharias in diesem Jahre empfangen hatte, war ihm klarer geworden, wie sehr die Verwüstung fortschritt.

Und wie um dem Zerstörer die Arbeit zu erleichtern, waren noch andere Unglücksfälle dazu gekommen. Mehrere Familien hatten ihren Konkurs anmelden müssen. Und zwar nicht nur Lithéns, sondern auch Zacharias' Schwiegervater. Doch hatte Isaak Lindquist einen günstigen Vergleich anbieten können, während es sich bei Lithéns um einen wirklichen Zusammenbruch handelte. Um sich vor den Sorgen daheim zu retten, hatte sich Rosalie dem Pietismus in die Arme geworfen, Mathilda aber zog es vor, sich mit ihrem treuen Verehrer, Albert Dyhr, zu verloben. Kaum ein Mensch, am allerwenigsten Zacharias, konnte sich denken, daß dies etwas anderes als eine Vernunftheirat sei.

Als Zacharias in den Sommerferien dieses Jahres daheim gewesen war, hatte er sich kaum noch zurechtfinden können. Er selbst war ja über das Zusammensein mit Emilie glücklich gewesen, aber sonst – was für eine Veränderung! Ein Kuddnäs ohne Freude, ohne Friede und Harmonie! Ein Nykarleby ohne Feste, ohne Gemütlichkeit, ohne ein kindlich vergnügtes Sommerleben! Als er wieder abreiste, hatten ihm alle leid getan, die er in diesen traurigen Verhältnissen zurücklassen mußte.

Warum aber sollte, warum mußte das so sein?

Er fühlte, wie der Geist des Aufruhrs wieder über ihn kam. Diese Pietisten waren ja vor allem andern Gottes Diener, Gottes Sache war es, für die sie kämpften; er hatte sie bisher stets hoch geschätzt, ja gewünscht, er hätte die Kraft, es ihnen gleich zu tun.

In dem Zusammentreffen, das jetzt stattgefunden hatte, war fast etwas Unheimliches. Er hier unten in Helsingfors suchte durch seine Zeitung die sanften Sitten, die unschuldigen Freuden, das gemütliche Leben seiner Geburtsstadt zu verbreiten, und zur selben Zeit wurde diese von dem großen Freudenverjager heimgesucht. Gottes Geißel, der Pietismus, ging haßerfüllt und verheerend über sie hin.

Wieder bekam Zacharias Angst vor sich selbst. »Ich bin auf dem besten Wege, ein Feind Gottes zu werden!« rief er.

Aber plötzlich konnte er sich alles zurechtlegen. Jetzt sah er klar. Und ein großes Glücksgefühl stieg in ihm auf.

»Gott liebt diese Asketen, diese Quälgeister der andern Menschen nicht mehr als ich,« sagte er.

Und wieder wurde er froh, er sprang auf und begann mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. Wie hatte er nur je glauben können, die Pietisten seien die wahren Erben des Reiches Gottes, sie, die alles Schöne haßten, die die heiligsten Bande lösten, sie, die engherzigen Selbstgerechten, die sich zum Richter über die Taten ihrer Nächsten aufwarfen, die die Menschen mit unnötigen neuen Geboten quälten?

»Gott haßt sie!« rief Zacharias aus.

»Nein, nein, er haßt sie nicht,« verbesserte er sich sofort, »er liebt sie wegen ihres Eifers und Ernstes! Aber Gott hat niemals gesagt, ihr Weg sei der einzige, der zu ihm führe. Gott sei Lob und Dank für die Einsicht, daß es mir nicht verboten ist, die ganze Schöpfung zu lieben!«

Er trat ans Fenster, zog den Vorhang zurück und schaute hinaus. Am Tage hatte er einen großartigen Blick auf die Stadt und die Schären, jetzt sah er nur das nächtliche Dunkel; aber er wußte, daß eine große, schlummernde Welt da vor ihm lag.

»Mein Weg zu Gott ist ein anderer,« sagte er lächelnd, »ich will dies alles in einen Rosengarten verwandeln.«

In Gedanken versunken blieb er am Fenster stehen. Er dachte daran, daß sein Ziel eigentlich nichts anderes sei, als eine Rückkehr zu den ältesten Träumen der Menschheit. Aber waren die Träume der Menschheit nicht immer der Wahrheit am nächsten gekommen?

Sollte nicht jener schöne Traum aus dem Morgen der Zeiten, sollte der Traum vom Paradiese nicht bedeuten, daß die Menschheit einst in Frieden und Eintracht in einem Lustgarten leben solle? Nicht so natürlich, als ob sie auf den armseligen Standpunkt des Wilden zurückkehren sollte, nein, alles, was sie an Bildung und Wissen, an Schönheit und Reichtum auf ihrer Wanderung durch diese irdische Wüste erworben, das sollte sie sicherlich durch die Paradiesespforte mit hineinnehmen.

»Das ist das richtige,« murmelte Zacharias. »Da gibt es kein Ausschließen, keinen Unterschied, keine Verdammnis. Dafür will ich jederzeit kämpfen.«

Jetzt aber, wo er seinen Standpunkt gefunden hatte, konnte er plötzlich mit verständnisvoller Teilnahme an seine arme Schwester denken. War es wirklich ein Wunder, daß sie zu den Pietisten gegangen war? Sie war eine hungernde Seele gewesen, was aber hatte ihr das eintönige Alltagsleben in der kleinen Stadt geboten? Sie hätte ernste Pflichten, ein reichbewegtes Leben gebraucht, um ihre Zeit auszufüllen. Da sie es nun nirgend anders finden konnte, war sie eine leichte Beute der Schwärmerei geworden. Ja, das begriff Zacharias sehr gut.

Er begriff auch die Berechtigung der ganzen Bewegung, fühlte aber trotzdem, daß sie durch etwas Höheres, Größeres, allgemein Menschlicheres ersetzt werden müsse.

Aber was für ein Schicksal erwartete ihn wohl, wenn er das einzuführen versuchte, was höher, größer war? Ringsum im Lande herrschte die engherzige Lehre. Sie wurde in den Kirchen gepredigt, in den Familien, bei den Versammlungen im Freien. Überall trennte sie den Erlösten von dem Nichterlösten. Überall verwies sie den, der der Welt angehörte, in den tiefsten Sündenpfuhl!

Er hingegen wollte alles, was auf Erden war, umarmen. Er wollte nichts verwerfen, wollte nur alles aufrichten, heben, Gott gefällig machen.

Noch einmal schaute er hinaus. Jetzt sah er die Stadt, die niedrigen Schären, einen schmalen, glänzenden Streifen des Meeres.

Und der Anblick dieses weiten Raumes flößte ihm neuen Mut ein.

»Auch ich stehe auf einer hohen Kanzel,« dachte er. »Auch meine Stimme wird in meinem ganzen Vaterlande gehört.«

Dann ging er zu seinem Schreibtisch und begann jene neue Welt, von der er träumte, zu schildern.

»Hier gibt es keine sichtbare Kirche, die Dogmen fallen weg, nur der Glaube, die Hoffnung und die Liebe bleiben, und ihr Geist regiert. Aber aus Büchern kann man sie nicht kennen lernen, und ihre Namen kennt niemand, obwohl ihr Wesen alle durchdringt.

Hier gibt es keinen Staat in dem Sinne, daß das geschriebene Gesetz bindet und die auserwählte Macht richtet oder Gerechtigkeit übt, sondern die Notwendigkeit des Gesetzes hat sich mit der Freiheit vermählt, und daraus ist eine Gerechtigkeit hervorgegangen, die keine Vorschriften, kein Urteil und keinen Zwang braucht, weil sie stets will, was sie soll.

Hier gibt es kein persönliches Eigentum, nicht deshalb, weil der Staat alles eingezogen hätte, denn es gibt keinen Staat, sondern weil alles allen gehört. Wessen Eigentum ist das Licht, die Luft, die Wärme? Und doch gehört es allen miteinander zu eigen, die auf dieser Erde sind.

Hier gibt es endlich weder Kunst noch Wissenschaft, jede gleichsam für sich allein, denn Wahrheit und Schönheit, Licht und Farbe vereinigen sich im Glanz der Sonne, und Wissen, Können und Wollen sind ewig eins.«

III. Der Nationalismus.

Im Herbst des Jahres 1842 kehrte der Dozent Johan Wilhelm Snellman nach einem dreijährigen Aufenthalt im Auslande nach Finnland zurück. Er kam als ein berühmter Mann heim, nachdem er sich in Schweden als Schriftsteller und in Deutschland als Philosoph besonders hervorgetan hatte. Doch nicht genug damit. In dem Gepäck, das er vom Auslande mitbrachte, befand sich etwas, das er höher schätzte, als alle andern Güter, die er während seiner Reise erworben hatte. Darin befand sich eine Idee von unschätzbarem Werte für sein Vaterland, und der Zweck seiner Heimkehr war, diese Idee in die Tat umzusetzen.

Auf die allereinfachste und kürzeste Weise ausgedrückt war sein Plan der, Finnland müsse ein vollkommen finnischer Staat werden, nicht wie jetzt ein schwedisch-finnischer mit der Betonung auf den ersten der beiden Worte.

Auf seinen Reisen hatte Snellman beobachtet, wie man in Ländern, die unter einer Fremdherrschaft seufzten, Freiheit und Unabhängigkeit dadurch wiederzugewinnen suchte, daß man in deren ältester, bis jetzt aber unterdrückten Bevölkerung das Nationalbewußtsein weckte.

So hatte man in Böhmen unter den Tschechen, in Irland unter den Iren eine nationale Bewegung in Gang gesetzt. In Finnland, wo draußen auf dem Lande ein uralter finnischer Stamm fortlebte, ohne an der Bildungsarbeit teilzunehmen oder einen Einfluß auf die Verwaltung auszuüben, mußte man sich jetzt vor allem der Erweckung und Erziehung dieser Bevölkerung widmen. Ihre Sprache mußte die Sprache des ganzen Landes werden, ihre besonderen Anlagen und Neigungen mußten die Bildung des ganzen Landes durchdringen, sich in Kunst und Literatur äußern, das Ziel dieser Bewegung aber mußte natürlich die Entstehung und Verwirklichung eines finnischen Staates sein.

An einen freien finnischen Staat konnte natürlich noch nicht gedacht werden, wenn aber eine einheitliche finnische Nation entstand, würde das Land immerhin etwas in der Welt bedeuten. Europa würde es nicht mehr als eine schwedische, vom Mutterland losgerissene Provinz betrachten. Seine finnische Sprache würde beweisen, daß es ein Staat für sich war. Worauf es also in erster Linie ankam, war, daß anstatt der schwedischen die finnische Sprache die Landessprache werde.

Die Iren wie die Tschechen litten in dem Kampf um ihr Volkstum unter der Schwierigkeit, daß die Sprache, die sie aus ihrem Lande verdrängen wollten, von ihren Herren gesprochen wurde; aber so stand es in Finnland nicht. Die schwedische Sprache hatte jetzt da keinen mächtigen Beschützer mehr, sie behielt ihre hervorragende Stellung nur aus historischen Gründen. Vielleicht würde es die russische Regierung nicht einmal ungern sehen, wenn die schwedische der finnischen Sprache weichen müßte. Nichts würde mehr dazu beitragen, die schwedischen Sympathien abzuschwächen, die bei dem überwiegenden Teil der Bevölkerung noch immer fortlebten.

Als Snellman Finnland verließ, war allerdings davon gesprochen worden, daß etwas für die finnische Bevölkerung geschehen müsse, aber das waren meist durch Mitleid oder sonst ein schönes Gefühl hervorgerufene, flüchtige Äußerungen gewesen. Er hatte sie für leere Phrasen ohne jegliche Bedeutung gehalten. Kein Mensch hatte damals schon gesagt, gerade die Finnen müßten den Grundstock der Nation bilden, ihre Sprache müsse von allen gesprochen, Finnland müsse ein durch und durch finnischer Staat werden.

Als Snellman zurückkehrte, hatte das Jubelfest die Gemüter erweckt. Die Übersetzungen der Kalevala hatten ihnen den Wert des finnischen Stammes gezeigt, und Snellmans Gedanke lag dem, was die Führer des Volkes wollten, nicht mehr so ganz fern. Der oder jener hatte ihn vielleicht schon unter vier Augen ausgesprochen, aber in seiner ganzen Tragweite war er doch noch nicht erörtert worden.

Kaum hatte Snellman den Fuß auf Finnlands Boden gesetzt, so trachtete er auch schon danach, sich eine Zeitung zu verschaffen, durch die er seine Gedanken in die Welt hinausschicken könnte. Sein erster Plan war, an der Helsingforser Zeitung Mitredakteur zu werden. Diese wurde ja jetzt von Topelius redigiert, der ihm als ein freundlicher, entgegenkommender junger Mensch von früher her bekannt war. Mit ihm würde er wohl leicht zusammenarbeiten können.

Er teilte also dem Herausgeber der Zeitung, Konsul Wasenius, mit, daß er in die Redaktion einzutreten wünsche. Aber Wasenius kannte Snellman als einen streitlustigen, aufsässigen Menschen, und so schlug er ihm seine Bitte ab. Er unterschätze die außerordentlichen Fähigkeiten des Bewerbers keineswegs, aber er sei mit seinem bisherigen Redakteur zufrieden. Topelius sei allerdings noch jung und unerfahren, aber er habe die Zeitung nach Wasenius' Ansicht in seinem ersten Jahre gut redigiert und verspreche das Beste für die Zukunft.

So mußte sich denn Snellman eine andere Zeitung verschaffen, und während er darauf wartete, erkundigte er sich, ob er an der Universität eine Anstellung bekommen könnte. Er wußte, in Deutschland galt er für einen der begabtesten Schüler des großen Hegel, und deshalb war er berechtigt, auf einen guten Empfang an Finnlands Hochburg der Gelehrsamkeit zu hoffen. Aber es ging ihm hier wie bei Wasenius. Auch an der Universität erkannte man seine Gelehrsamkeit und seine außerordentlichen Fähigkeiten an, aber seine Streitsucht und Oppositionslust waren auch da nicht unbekannt. Man erklärte ihm, alle Stellen seien besetzt, und bat ihn zu warten, bis eine solche frei werde.

Hingegen war die Rektorstelle an der Schule in Kuopio frei, und als Snellman, um nicht stellenlos zu sein, ein Gesuch einreichte, wurde dieses sofort bewilligt. Höchst wahrscheinlich sah man den gefährlichen Mann nicht ohne ein Gefühl der Erleichterung nach diesem entlegenen Orte ziehen.

Selbstverständlich verfolgte Snellman sowohl in Helsingfors als auch in Kuopio sehr genau, wie Topelius seine Zeitung redigierte.

Er, der einen so großen Plan mit sich herumtrug, er, der wußte, was für Umwälzungen dieser nach sich ziehen, was für ein Knirschen und Klirren er hervorrufen würde, wie sollte der die berühmten Leopoldsbriefe würdigen können? Er maß sie mit seinem großen Maßstab, und sie wurden zu schriftstellerischen Spielereien, zu einem Gefasel, womit man Kinder unterhält.

Nachdem er sich so ein Urteil über Zacharias' Fähigkeiten als Zeitungsredakteur gebildet hatte, mag es ihn wohl gewundert haben, als er bemerkte, daß dieser wirklich ein hohes Ansehen genoß, selbst da, wo man größere Ansprüche machte. So erfuhr Snellman, daß die Nordösterbottninger im Herbst des Jahres 1843 Zacharias während der Auslandsreise des Ordinarius zum stellvertretenden Chargierten ausersehen hatten. Snellmann, der selbst österbottnischer Chargierter gewesen war, wußte, auf was für Eigenschaften diese männlichste aller Landsmannschaften Wert legte. Und er war höchst überrascht, daß sich die Studenten mit einem Topelius hatten begnügen wollen.

Möglicherweise wirkte auch eine Abhandlung, die Topelius in diesem Jahre verfaßte, in gewissem Sinne aufreizend auf den Rektor in Kuopio.

Zu Anfang des Sommers 1843 hatte Zacharias eine Reise nach Schweden gemacht. Er hatte dieses Land von jeher geliebt und war mit den überspanntesten Erwartungen hingereist, die dann natürlich enttäuscht wurden.

Nun war ja das Schweden der vierziger Jahre geradeso wie Finnland erst ein erwachendes Land; aber wenn Zacharias die rechten Männer getroffen hätte, solche, die die großen sozialen Reformen jener Zeit durchsetzten, dann hätte die Verstimmung vermutlich nicht so groß werden müssen. Die Schicksalstücke, die so gern Mißverständnisse zwischen Schweden und Finnland entstehen läßt, hatte es wohl so eingerichtet, daß Zacharias keinen Schweden kennen lernte, der seinen Erwartungen entsprach.

Jetzt brachte er von seinem Besuch in Schweden den Eindruck mit, er habe ein Theater ohne Schauspieler gesehen.

Er hatte Stockholm besichtigt und den Lobreden über diese Stadt nur beistimmen können; aber wo waren die großen Männer, die die Paläste auf den Holmen erbaut, wo waren die Staatsmänner, die auf den Bänken des Ritterhauses gesessen hatten?

Er sah den Tiergarten, aber wo weilten die begeisterten Sänger, die dessen Schönheit besungen hatten, wo war der übersprudelnde Geist, dem man selbst einen kleinen Rausch verzeiht?

Er sah Hammarby, aber jener Linné, der seine Schüler ausgesandt hatte, die Ernte der Wissenschaft aus allen Ländern einzuheimsen, er war für immer dahingegangen. Er sah Gripsholm, aber wo waren jetzt die mächtigen Nachkommen Gustav Vasas, die einst von der Herrschaft über die Ostsee träumten und stets auf der Hut vor dem Moskowiter waren?

Er sah Uppsala, aber ohne einen Rudbeck, ohne einen großzügigen Träumer, der Schweden zu einer Urheimat aller Bildung machen wollte.

Er sah Sko, aber kein berühmter Feldherr hielt in seinen Prunksälen Hof.

Schweden sah er, aber wo waren die Schweden, das Volk seiner Träume, seiner Ehre, seiner Liebe?

Den einzigen unter ihnen, der dem Wunschbild entsprach, das sich Topelius von einem echten, wirklichen Schweden gemacht hatte, ihn verfolgten sie mit Spott und Hohn.

Almquist, ihn, der ritterliche Taten und Pracht ebenso liebte wie Ernst und Armut, ihn, der stark und reich, arm und demütig zugleich war, ihn, der nachdenklich und leichtsinnig, der in die Welt alles Schönen eingedrungen war, ein König, der plötzlich kleinen Kindern Unterricht gab, ein Priester, der das blitzende Schwert eines Kriegers schwang, ihr größtes Genie, den einzigen Schweden, ihn verstanden sie nicht, ihn verleugnete dieses Volk der Mittelmäßigkeit.

Und ebensowenig, wie die Schweden Almquist verstanden, ebensowenig verstanden sie Finnland.

Sie hatten erwartet, die Finnen würden sich unter der russischen Herrschaft unglücklich und unterdrückt fühlen, und wenn man ihnen dann sagte, dieses Land, das sie nicht hatten verteidigen können, genieße jetzt wenigstens den Segen des Friedens, es werde keineswegs unterdrückt, sondern von seinen eigenen Beamten, nach eigenen Gesetzen regiert, so freuten sie sich nicht über solche Nachrichten. Finnland sollte sich nirgends anders glücklich fühlen können, als nur allein unter schwedischer Herrschaft.

Vielleicht war dieses ihr Gefühl menschlich, aber es war nicht groß, war nicht klug. Die Schweden früherer Zeiten hätten die Sache anders angesehen.

Als Zacharias nach Finnland zurückkehrte, wendete sich sein Herz mit mehr Wärme denn je seinem finnischen Volke zu. Er schrieb sofort einen Aufsatz, der den Schweden die Augen öffnen und ihnen den jetzigen Standpunkt der Finnen zeigen sollte. Dieser Aufsatz, der den Titel trug: »Hat das finnische Volk eine Geschichte?«, verneinte die aufgestellte Frage, soweit es sich um die Zeit vor dem Jahre 1809 handelte. Bis zu diesem Jahre nahm Finnland die bescheidene Stellung einer schwedischen Provinz ein; eine ausgeprägte, bewußte Nationalität gab es da nicht, und demnach auch keine Geschichte in höherem Sinne. Nach 1809 hingegen war Finnland ein Land für sich geworden, indem Rußlands Herrscher ihm den Rang eines mit dem Zarenreich verbundenen Staates zugestanden hatte. Das Land hatte jetzt die Möglichkeit, sein Nationalgefühl frei zu entwickeln und dadurch auch die Möglichkeit zu einer eigenen finnischen Geschichte.

Dieser Aufsatz, der am neunten November 1843 bei der Semesterfeier der Österbottninger zuerst vorgelesen und dann in der Nationszeitung veröffentlicht wurde, erregte sowohl in Finnland als auch in Schweden großes Aufsehen, und man kann sich denken, welchen regen Anteil Snellman an dessen Inhalt nahm. Seine Freude wird sicher nicht allzu groß gewesen sein, als er hier schon die Ideen ausgesprochen sah, die er unter seinen Landsleuten hatte verbreiten wollen. Wenn Topelius von dem finnischen Volke sprach, meinte er die finnische Bevölkerung, wenn er Finnlands Sprache erwähnte, meinte er die finnische, wenn er von Finnlands Geschichte redete, war es wieder das Schicksal der finnischen Bevölkerung, das er dabei im Auge hatte. Für ihn schien es nichts anderes zu geben, als das finnische Element. Man konnte sagen, in dieser Abhandlung war Snellmans großer Gedanke über den einigen finnischen Staat schon ausgesprochen.

Endlich, im Januar 1844, brauchte Snellman kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. Nun schickte er von Kuopio zwei Zeitungen in die Welt hinaus, die eine auf Finnisch, Mahaanihen ystävä oder »Der Freund des Landwirts« genannt, die andere auf Schwedisch mit dem Namen Saima.

Die finnische Zeitung übergab er bald einem Mitarbeiter, in der Saima aber rückte er jetzt mit jenen ernsten Forderungen heraus, die in ihrer Strenge und Übertriebenheit ruhig mit dem Pietismus verglichen werden können. Da wurde von jedem gebildeten Mann in Finnland verlangt, er solle der Sprache entsagen, in der er erzogen worden war und die er sein ganzes Leben gesprochen hatte. Dann wurde der Wunsch ausgesprochen, jeder solle auf die Vorrechte verzichten, die er bisher als Angehöriger eines germanischen Stammes zu haben meinte, um statt dessen einen Volksstamm zu heben und zu unterstützen, den man bisher für stumpf und unbedeutend gehalten hatte. Und schließlich wurde erklärt, es sei notwendig, die Beziehungen zu dem Lande, dem Finnland seine Kultur verdanke, abzubrechen, und dafür mit den rohen finnischen Stämmen wie Samojeden, Ostjaken und andern Herdenvölkern, die noch auf Rußlands und Sibiriens Steppen umherzogen, Verbindungen anzuknüpfen.

Dies sei ein hoher Preis, aber er müsse bezahlt werden, damit Finnland ein Staat werde und in der Welt endlich etwas bedeute, schrieb Snellman.

Was war das Land jetzt? Nach Saima befand es sich in der schlimmsten Lage, die man sich denken konnte. Es hatte keine eigene Literatur, was davon vorhanden war, war nur ein Nebenflüßchen des schwedischen Stromes. Seine ganze Bildung hatte es entliehen, sie wurzelte nicht in der eigenen Bevölkerung. Die Mehrzahl des Volkes war eine träge, unwissende Masse. Finnland war ein Land der Armut, der Unwissenheit, ohne jede Unternehmungslust. So schrieb Saima. Und warum? Nur weil es kein Selbstbewußtsein hatte! Um diesem Übel abzuhelfen, gab es nur eines: Verzicht auf alles Schwedische, Bevorzugung des Finnischen, Übergang zu einem einigen finnischen Staat!

Das Befolgen dieser Lehre war vielleicht ebenso schwer, wie ein Entsagen auf alle Freuden dieser Welt um der Seligkeit willen, aber es fehlte ihr deshalb doch nicht an Anhängern. Finnlands Jugend lockte die eine Verkündigung ebensosehr wie die andere. Gar viele folgten auch hier dem Ruf und brachten das Opfer. Die Arbeit an der Aufrichtung eines ganzen vernachlässigten Volksstammes hatte etwas Hinreißendes. Viele schworen feierlich, nie mehr Schwedisch zu sprechen, viele zogen unter die finnische Bevölkerung hinaus, um an ihrer Aufklärung und Aufrüttelung zu arbeiten.

Zacharias Topelius, der seit dem Jubelfest überzeugter Nationalist war, begrüßte Saimas Predigt voller Freude und Zustimmung. Aber mit dem ihm angeborenen Gefühl für Wahrheit und Gerechtigkeit glaubte er doch gegen Saimas Behauptung, daß das Bestehende keinerlei Wert habe, Einspruch erheben zu müssen. Seiner Meinung nach konnte das Ideal der Zukunft erreicht werden, ohne daß man alles zu verwerfen brauchte, was schon errungen worden war.

Ob es ein Irrtum ist, wenn man annimmt, daß es Snellman unerträglich fand, als der kleine Hahn von der Helsingforser Zeitung auch ein Wörtchen mitreden wollte? Es war keineswegs Neid, was sich in ihm regte, nur ein Gefühl der Ungeduld darüber, daß ein Genie, das er nicht richtig zu schätzen vermochte, ihm auf seinem Sondergebiet helfen und sogar Ausstellungen und Verbesserungen vorbringen wollte. Snellman war ein entschiedener, willensstarker Mensch, seine Forderungen waren an Männer gerichtet, an ebenso starke und ernste wie er selbst. Von einer so kindlich geschriebenen Zeitung, von einem so jugendlichen Redakteur brauchte er keine Hilfe.

Dies scheint wenigstens die wahrscheinlichste Erklärung dafür zu sein, warum Snellman in Saima fast vom ersten Augenblick an über Topelius mit der bittersten Feindschaft herfiel. Er machte ihm geradezu den Vorwurf, den Fortschritt des Landes zu hindern. Bei seinen ewigen Lobliedern auf das Bestehende könne das Land unmöglich vorwärtskommen. Wie solle da das Volk aufwachen? Er schläfere es mit seinen Lobhudeleien ein.

Zacharias bekam von Snellman unverblümt zu hören, wie er über seine Leopoldsbriefe, über seine ganze Schriftstellerei dachte. Kindisch, läppisch, nannte er sie. Daß die Helsingforser Zeitung unter seiner Leitung das angesehenste Blatt des Landes geworden war, sei nur ein Beweis von dem schlechten Geschmack der großen Menge, schrieb er. Eine Zeitung, die nicht für eine politische Ansicht kämpfe, sei nichts. Aber Snellman wußte auch, warum Zacharias' Zeitung keine eigenen Ansichten hatte. Sie war nicht frei, war nur dazu da, ihrem Herausgeber einen guten Verdienst zu verschaffen.

Das alles kam Zacharias höchst überraschend. Snellman gehörte seinem Helsingforser Bekanntenkreis an, und er war ihm scheinbar stets freundlich gesinnt gewesen. Sein jetziger Zorn aber war nicht nur ein zufälliger Ausbruch. Zacharias konnte keine Saimanummer öffnen, ohne darin einen oder gar mehrere Angriffe gegen sich zu finden. Snellman verspottete seine Abonnementsanmeldungen, ritt auf einzelnen Worten herum, stichelte und bekrittelte, erklärte, Zacharias schreibe über Dinge, von denen er nichts verstehe, kurzum, er versuchte ihn unablässig auf das grausamste in den Augen der Leute herabzusetzen.

Zacharias ließ sich das natürlich nicht gefallen. Er wehrte sich, wie er sich in Uleåborg droben gewehrt hatte, als ihn die rohen Schulkameraden quälten. Aber das war keine leichte Aufgabe. Saima hatte von Anfang an einen vornehmen, überlegenen Ton angeschlagen. Sie hielt sich für das einzige wirklich vaterländische Blatt, und sie hatte eine außerordentliche Gewandtheit, die Menschen dahin zu bringen, alles mit ihren Augen zu sehen.

Dazu kam noch, daß sich Zacharias selbst ein wenig von Saima blenden ließ. Er unterzog sich einer strengen Selbstprüfung: und er fragte sich, ob es mit seinem nationalen Treubekenntnis irgendwo hapere, weil Saima so wenig Gutes an ihm ließ. Er hatte vielleicht seine Überzeugung nicht deutlich genug ausgesprochen.

In diesem Jahre wurde er gebeten, die Festschrift zu der Frühjahrspromotion zu verfassen. Dies war ein ehrenvoller und sehr anerkennender Auftrag. Jetzt hieß es, diese Gelegenheit zu einer klaren und deutlichen Aussprache zu benutzen.

Sein Gedicht begann mit einem Stimmungsbild aus einem finnischen Urwald. Uralt, moosbewachsen, unbeweglich stehen die Föhren da, unbeweglich und still liegt der Gebirgssee zu ihren Füßen; der Sturm braust über sie hin, ohne ihre dunklen Massen in Bewegung zu setzen, Winter wie Sommer bleiben sie dieselben. Die Blumen des Waldes wachsen zu ihren Füßen, sie sehen sie nicht. Sie sind unveränderlich, unempfänglich, kennen weder Feind noch Freund, weder Kummer noch Freude.

Diese Bäume aus grauer Vorzeit sind ein Sinnbild der unberührten vorweltlichen Menschen, die in Finnlands Bauernhütten wohnen, jener Rasse, die noch frisch und gesund ist, die, unberührt von der Unruhe der Zeiten, noch heute ihre vorzeitlichen Gedanken bewahrt.

Einer dieser Gedanken, den der Sänger diesem Volk aus grauer Vorzeit abgelauscht hat, ist, daß der Gesang die Mutter aller Weisheit ist.

Dies aber veranlaßt ihn, sich erstaunt zu fragen, wie es komme, daß dem armen Suomiland die Gabe des Gesanges zuteil geworden sei: »Kalt brechen deine Tage an, traurig schimmern deine Heiden, doch dein Sang ist warm wie Sonne.« Und um dies zu erklären, verfaßte er das Gedicht, wie der Gesang nach Finnland kam.

Der junge Väinämöinen war eines Tages in den Hainen des Väinöhofes geboren worden, am nächsten Tag schmiedete er sich ein Füllen und ritt mit diesem aufs Meer hinaus, auf weite offene Meeresteile, wo »er mit Worten Holme schafft, Grund und Felsen läßt entstehen«.

Aber ehe das Gedicht weitergeht, will es erst sagen, wo der Väinöhof, das Heim des jungen Riesensohnes, seinen Platz auf der Erde hatte.

Er lag in Altai, am Herzen der Welt. Und das Meer, das der junge Mann befahren hatte, war die große, grenzenlose Heide, »wo des Hengstes Hufe sich nicht nässen, des Pferdes Glieder nicht sich feuchten«. In dem Bereich dieser Wüsteneinöden, dort auf der weiten Tundra, von Kem im Osten nach Kymmene im Westen irrte dann Väinös Sohn wohl über hundert, ja vielleicht achthundert Sommer lang umher, und während dieser Zeit hinterließ er seine Söhne an den Flußläufen. Nach vielen Hunderten zählten diese Söhne, ein Nomadenvolk, das an den Grenzen und aus den Oasen dieses unermeßlichen Wüstenmeeres ausgesetzt wurde, Kalevalas und Väinös Geschlechter, die verlassene, traurige, sturmgepeitschte Wolke der Einöde.

Aber nach diesem achthundertjährigen Umherirren wurde Väinämöinens Heimatort von einer schweren Dürre heimgesucht. Die Bajkalzedern starben aus, die Sargaantilopen verschmachteten, selbst der Väinämöinen litt Durstesqualen. Er wanderte nach Angara, nach dem Vallmo. Ach, auch das Wasser dieses Flusses war verdunstet, und er klagte bitter darüber, daß er, der starke und vielwissende, nicht einmal einen Tropfen Wasser schaffen könne. Da hörte er plötzlich eine Silbertaube auf einem Zweige gerade über seinem Haupte singen: »Wenn du kenntest des Gesanges Quelle, müßtest du nicht vergehen vor Durst am Ufer des Angara. Du würdest Fluten aus dem Fels hervorlocken, Quellen aus dem Gestein.«

Doch in demselben Augenblick, da die Silbertaube also gesungen hatte, war sie auch schon verschwunden. Und da machte Väinämöinen sich auf, sie zu suchen. Er suchte sie von Kem bis Ob, von Katunga bis Tschulin; von Om bis Tara, er wanderte über den Ural und suchte in Kunda bei den Schlupfwinkeln des Marders, suchte am Suchona, dem Flusse der Enten, bei Saimas kühlen Schwanenwogen, an Päjänäs goldschimmernden Fjorden.

Hier in Suomis Land fand Väinämöinen endlich den Vogel; er fing ihn ein, setzte ihn in ein silbernes Bauer und befahl ihm, ihn singen zu lehren.

»Niemand kann dich singen lehren,« sagte der Vogel; »aber geh an einem Abend, wenn die Sonne sinkt, allein hinaus auf die Heide und trag' ein Leid in deinem Herzen. Dann wird der Gesang von selbst in deiner Brust erwachen, denn der Gesang ist aus Leid entsprungen.«

Diese Rede konnte der edle Väinämöinen nicht verstehen. Er grämte sich, daß er Altai mit allen seinen Schätzen aufgegeben hatte, um einem Vogel nachzujagen, und tiefes Heimweh bemächtigte sich seiner Seele. Und siehe, eines Abends, als er mit diesem Leid im Herzen über die Heide wanderte, trat das Lied auf seine Lippen, die Macht des Wortes wurde in seiner Seele geboren und

»Sonne sank und hob sich strahlend,
Wüste schmückte sich mit Blumen,
Kummer wandelt sich in Lieder.
Weich ward nun der wilde Väinö,
Und der Weise Väinämöinen
Gab für Gold nicht, nicht für Silber
Hin das Lied, das ihn beseligt.«

Auf diese Weise war das Lied nach Finnland gekommen. Dort war es in unschuldiger Kindheit aufgewachsen, war zur Weisheit des Mannes herangereift und feierte, noch jung, an diesem Tage sein lenzliches Fest, wo die jungen Väinäsöhne lorbeerbekränzt wurden.

Und jetzt zum Schlusse sprach der Sänger zu diesen von ihrem Volk. »In Nacht gehüllt war seine Vergangenheit, sagte er, aber die Lebenden von heute sahen dennoch liebevoll zurück auf dessen Kindheitstage und auf die Urheimat und die Stammgenossen. Und der Ruf, der sich jetzt an Irlands Flüssen, in Böhmens und Ungarns Gebirgen erhebe, der Ruf, daß die Völker wieder jung werden und zu der Sprache ihrer Jugend zurückkehren sollten, dieser Ruf habe einen starken Widerhall zwischen Suomis Bergen geweckt.

»Ein Volk! Ein Land! Ein Lied und eine Sprache und eine Wissenschaft!
Von Meer zu Meer, von Herz zu Herz geht dieses Wort.
Aus eignen Quellen Suomis Fluten rinnen,
Aus eignen Quellen seine Zukunft auch!«

Damit hatte Zacharias seine Rede abgeschlossen. Ein Volk, ein Land, eine Sprache! Das konnte nicht mißverstanden werden. Das schwedisch sprechende Finnland war für ihn nicht vorhanden.

Aber Saimas Zorn konnte durch nichts besänftigt werden. Alles, was die Helsingforser Zeitung darlegte, wurde lächerlich gemacht, wie bisher auch. Sie glaubte nicht, daß es Zacharias mit seinem finnischen Bekenntnis Ernst gewesen sei. Sie glaubte ganz bestimmt, die Begeisterung des Dichters habe Worte gesprochen, die in dem eigenen Innern des jungen Zeitungsredakteurs keinen Raum hätten.

Und Saima hatte auch Grund, so zu denken, denn Zacharias konnte nicht stillsitzen und ruhig mitanhören, wenn gesagt wurde, Finnland habe keine Literatur, die finnische Presse spreche nur von Kleinkram und Plunderwaren, das Land habe in den sechshundert Jahren seiner schwedischen Untertänigkeit nichts gelernt, die gegenwärtigen Zustände zeugten nur von Verfall und Rückständigkeit. Gegen all dies stand er auf und verteidigte das, was tatsächlich und wahr war, widersprach strengen Theoretikern aufs bestimmteste, weil es seiner Berechnung nach so sein mußte.

Auf solche Weise zwang Saima durch seine Halsstarrigkeit im Laufe dieses Jahres Zacharias noch einmal, sich ernstlich zu prüfen, was er eigentlich wollte. War er bereit, für dieses Wort: »ein Volk, eine Sprache, ein Land«, zu leben und zu sterben?

Und stimmte diese harte, trennende und einschränkende Richtung mit der Regel, die er für seine Handlungsweise hatte feststellen wollen, überein? Warum sollte das eine von diesen beiden Völkern, die auf finnischem Boden wohnten, nicht mehr mitgerechnet werden? Würde das gute Werk nicht eher gefördert werden, wenn die Rechte und Verdienste der Schweden anerkannt wurden? War es nicht Wahrheit, wenn man sagte, finnischer Geist mache sich im Lande geltend, welche Sprache auch immer da benützt würde? Warum also nicht dankbar das behalten, was schon da war? Es war vielleicht kein Mangel, es war vielleicht ein Reichtum.

Nie wollte Zacharias es aufgeben, für das vernachlässigte Volk zu arbeiten. Er hoffte, in künftigen Zeiten würden die Finnen zu einem Volke zusammenschmelzen, aber er wollte nicht mehr den unwirtlichen, kargen Weg des Nationalismus gehen, an dem keine Rosen wuchsen.

In seiner Neujahrsnummer von 1845 brachte er einen Aufruf an »die finnischen Mütter«. Seine ganze Seele legte er hinein. Wer diesen Aufruf las, mußte sich sagen, daß hier ein Mann sprach, der das finnische Volk von ganzem Herzen liebte. Und jedenfalls wurden keine unberechtigten Forderungen gestellt, nichts, was unmöglich durchgeführt werden konnte.

An die Mütter, an sie, die die ersten Schritte der jungen Menschenkinder leiten, wagte er eine Bitte zu richten, die Bitte, ihre Kinder so zu erziehen, daß sie das finnische Vaterland lieben lernten.

In Finnland war damals nämlich die ganze Klasse der Standespersonen, neun Zehntel der Bürgerschaft und die Handwerker in den Städten, sowie eine zahlreiche Landbevölkerung längs der Küsten, nach Sprache und Bildung Schweden. Ein großer Teil der Jugend im Lande hörte im Elternhaus niemals ein finnisches Wort sprechen, ja wußte kaum, daß die Bevölkerung des Landes in der Hauptsache finnisch war. In der Schule lernten die Jungen die Sprache vieler Länder, nicht aber die ihres eigenen Landes. Niemand hatte dieser Jugend je gesagt, daß dieses Volk wunderbar schöne Lieder und Sagen hatte. Als erwachsen betrachteten diese jungen Leute die finnischen Volksmassen, die so tief unter ihnen standen, mit gleichgültigen Blicken, ja sie schämten sich fast, sich als Landleute zu erkennen zu geben.

Und jetzt bat Zacharias die Mütter, diejenigen zu sein, die eine Änderung in diesen Verhältnissen herbeiführten.

Niemand verlangte von ihnen, ihren Kindern die schwedische Sprache zu verbieten. Die schwedische Bildung sollte ihnen nach wie vor lieb und wert bleiben dürfen, nur was ganz einfach und natürlich war, verlangte man: sie sollten ihre Kinder schon von klein auf die finnische Sprache lernen lassen. In den Händen der Mütter sollte es liegen, die getrennten Völker zu vereinen. Damit wäre alles gewonnen; Schweden und Finnen würden miteinander verschmelzen. Das Vaterland würde einer neuen Zeit entgegengehen, einer Zeit voll Einigkeit und Frieden.

Was Zacharias betraf, so war für ihn damit der Standpunkt gefunden, von dem er nie mehr zurückzutreten brauchte; aber Saima war ihm darum, daß er seine Stellung verändert hatte, nicht weniger gram. Sie fuhr fort, ihn zu tadeln und zu schelten. Saima meinte, in Zacharias den Vertreter einer Richtung oder einer Anlage zu sehen, die sie aus dem finnischen Wesen austreiben wollte. Vielleicht war Zacharias, ohne daß er es wußte, für Saima der Vertreter für das Sanfte, Liebenswürdige, Maßvolle, für das in bestem Sinne Schwedische, das sie mehr fürchtete, als Tatendurst und Überpatriotismus, weil Saima im Innersten wußte, daß sie diesem gegenüber zu kurz kommen mußte.

Aber jetzt hatte Saima die Oberhand, das war ganz deutlich. Das Ohr des Volkes hörte auf sie. Wen Saima mit Verachtung überschüttete, war schon fast ein geschlagener Mann.

Immerhin gab es damals auch solche, denen Zacharias herzlich leid tat. Man glaubte, er werde unter der Verfolgung ermatten, und man bat Saima, ihn doch zu schonen.

Aber Saima machte in derselben Weise fort, bald mit großen Artikeln, bald mit kleinen Hieben.

Zacharias' Mutter auf Kuddnäs gab den Sohn verloren. Von nun an las sie keine Zeitung mehr. Sie konnte es nicht ertragen, ihn so schlimm behandelt zu sehen.

Konsul Wasenius dagegen erinnerte sich oft an jenen Traum, der ihn dazu gebracht hatte, Zacharias als Redakteur anzustellen.

Wohl hatte er schon lange aufgehört, Zacharias für ein Wesen zu halten, das mit den Geistern in der Natur verwandt war, sondern er sah in ihm ein gewöhnliches Menschenkind. Aber jetzt, während des Kampfes, trat bei ihm etwas hervor, das wirklich an einen liebenswürdigen, eigensinnigen, mutwilligen, spielerischen kleinen Puck erinnerte. War er nicht ein Weisalbe mit Flügeln an den Schultern, der hoch oben in einem Zweig schaukelte, wenn man ihn drunten auf der Erde jagte? War er nicht ein wirklicher Puck, der den Mücken auf seiner Schalmei zum Tanze aufspielte, wenn seine Zuchtmeister es versuchten, ihn ins Joch zu spannen?

Man hielt ihn für schachmatt. Man glaubte, er sei niedergeschlagen. Er aber fand nur mit jedem Tag neue Auswege. Aus dem Lustgarten seines Geistes holte er Blumen, mit denen er seine Zeitung unermüdlich schmückte. Es waren keine Buschbohnen und auch kein rotblühender Klee, nein, diese Blumen waren von dem Geschlechte der Novellen, vom Geschlechte der Sagen, der Scharaden, vom Geschlechte der Gedichte. Man meinte, er sei traurig, sei dem Weinen nahe; er aber lächelte nur immer liebenswürdiger, seine Feder flog mit immer größerer Leichtigkeit übers Papier. Er lernte, er kam vorwärts.

Im Herbst 1846 wurde indes Saima auf höheren Befehl eingezogen, und damit hörte der Kampf auf.

Aber Snellman klagte Zacharias an; er behauptete, Zacharias habe Saima in Petersburg angegeben. Er hatte den Verdacht, Zacharias habe sich um jeden Preis seines Feindes entledigen wollen.

Diese Anklage wurde zwar kaum von irgend jemand geglaubt. Aber trotzdem! Alles andere, was Saima gegen Zacharias hatte ins Werk setzen wollen, hatte sich in Segen verwandelt, in Erfahrung, in Entwicklung. Dies letzte aber wurde ein Samenkorn, das wuchs und sich mit der Zeit zu einem Baum mit giftigen, mörderischen Früchten entwickelte.

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