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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 15
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Die Helsingforser Zeitung

Im Spätherbst des Jahres 1841 lag in Helsingfors eine alte Klatschbase auf dem Totenbette. Es stand wirklich sehr schlecht mit ihr, und niemand erwartete, sie je wieder einmal in der Buchhandlung von Wasenius zu sehen, wo sie sich ihrer Gewohnheit gemäß regelmäßig an jedem Mittwoch und Samstag einfand, um von da mit ihrem Neuigkeitskram in der ganzen Stadt umherzuwandern. Aber das muß man zugeben, wenn man ganz aufrichtig sein will, über den in Aussicht stehenden Todesfall herrschte in Helsingfors kein großer Kummer. Das gab man allerdings zu, daß die Kranke in ihren jungen Tagen mit recht angenehmen Überraschungen kommen konnte, ein Staatsratstitel da, ein Wladimirorden dort, aber das gehörte schon lange der Vergangenheit an. Jetzt in der Gebrechlichkeit des Alters lief sie meist nur in der Stadt herum und erzählte Skandalgeschichten, die sie aus alten französischen Journalen zusammengesucht hatte. Wenn jemand gegen dieses Vorgehen Einspruch erheben wollte, wurde sie überdies unverschämt. So alt sie auch war, oder vielleicht gerade deshalb, konnte sie nie einen Fehler einsehen. Sie mußte das letzte Wort haben, und wenn sie sich auch Jahr und Tag über dieselbe Sache herumstreiten mußte.

Niemand ist so verlassen, daß er gar keinen Freund hätte, und die arme Kranke hatte tatsächlich an dem Universitätsbuchhändler und Buchdruckereibesitzer Konsul Wasenius einen Beschützer, der ihre einstigen Verdienste nicht vergaß, sondern sie in jeder Weise am Leben zu erhalten suchte.

»Meine Freundin,« sagte er zu ihr, »du bist weder abgelebt noch altersschwach, aber du hast eine schlechte Kost, das versichere ich dir. Du mußt dich nach einer neuen Köchin umsehen. Das ist alles, was dir not tut.«

Und ohne weiter zu fragen oder ihre Ansicht abzuwarten, sah er sich selber nach einer Person um, die den Haushalt der alten Dame besorgen und ihr selbst zu Gesundheit und neuem Leben verhelfen könnte.

Er war darauf vorbereitet, recht lange suchen zu müssen, ehe er jemand fände, der die allergeringste Lust hätte, sich um eine Persönlichkeit anzunehmen, deren Kräfte aufs äußerste heruntergekommen und deren Ruf ungemein schlecht war. Aber siehe, Anfang Dezember bekam er in seinem Arbeitszimmer plötzlich den Besuch eines sehr schmucken jungen Herrn, der eine Manuskriptrolle unter dem Arme trug. Er nannte seinen Namen und seine Lebensstellung, sagte, er möchte sich gerne während der Zeit, die er noch bis zu einem Lizentiatexamen studieren müsse, seinen Unterhalt selbst verdienen und stellte dem Konsul in aller Untertänigkeit anheim, ob dieser ihm die offene Stelle anvertrauen wolle.

Konsul Wasenius, der mit einer großen Menge Menschen zu tun gehabt hatte und außerdem ein recht kluger aufgeweckter Mann war, ließ seine Augen auf dem Besucher ruhen, um zu sehen, welchen Eindruck er ihm mache. Die Augen waren tief wie Seen, aber es lag ein recht gefährlicher Glanz darin, der auf der Oberfläche glitzerte. Um den Mund schwebte ein schelmisches Lächeln; im übrigen waren die Gesichtszüge fein und gut ausgemeißelt, das ganze Aussehen war von der Art, die im einen Augenblick schön, im nächsten aber häßlich ist. Die Gestalt war mittelgroß, aber mager und schlank, so daß der junge Mann den Eindruck von etwas Unkörperlichem, beinahe von einem Schatten machte.

Dem Konsul fuhr flüchtig der Gedanke durch den Kopf, er habe nicht einen gewöhnlichen Menschen vor sich, sondern ein Wesen, von dem er in der Eile nicht angeben konnte, welcher Art es wirklich sei. Es war kein Wichtelchen, kein Nöck, kein Troll, sondern eher etwas, das der Luft angehörte. Einen Augenblick fragte er sich, ob nicht unter dem Rock Flügel versteckt seien, aber gleich darauf lächelte er über seinen Einfall. Er nahm sogleich seine Vernunft am Zügel und begann mit dem Bittsteller zu verhandeln.

»Sie wissen, Herr Magister, um was es sich handelt,« begann er. »Der Helsingforser Zeitung muß neues Leben eingeblasen werden. Sie ist ganz am Umkippen. Ich glaube, wir haben jetzt nur noch fünfhundert Abonnenten, und vor ein paar Jahren hatten wir bis zu elfhundert.«

Der Besuch versicherte, er sei vollständig auf dem laufenden, aber der Konsul fuhr doch in seinen Darlegungen fort. Er sagte, er habe die Zeitung ins Leben gerufen, damit sie ein Nachrichten- und Anzeigeblatt sei, denn ein solches brauche man durchaus in Finnland; die Allgemeinheit habe sich auch wohlwollend dazu gestellt, besonders so lange die Zeitung die ersten Nachrichten von Ernennungen und Beförderungen habe bringen können. Allerdings habe man sie ein Wurst- und Käseblatt genannt, aber das habe doch wahrlich nichts zu bedeuten! Mittlerweile aber habe die Regierung verboten, die offiziellen Neuigkeiten mitzuteilen, ehe sie in dem Regierungsorgan gekommen seien, und danach seien die Abonnenten ausgeblieben. Der jetzige Redakteur habe dem Leserkreis auch nichts Verlockendes zu bieten gewußt, er habe im Gegenteil einen großen Teil der Zeitungsleser mit seinen unanständigen französischen Novellen und mit seiner langweiligen Polemik vertrieben.

Der dunkle junge Herr erklärte, er kenne die Zeitung seit vielen Jahren und sei mit ihrem Betrieb und der Art ihrer Wirksamkeit vollständig vertraut. Auch er mißbillige die Übersetzungen aus dem Französischen und meine, wenn die Zeitung das unnütze Gezänk aufgeben und sich statt dessen zum Grundsatz machen würde, für die vaterländischen Ideen zu arbeiten, weiten Kreisen Bildung zugänglich zu machen, die Sitten zu verbessern – – –

Wasenius unterbrach den Redenden mit einem etwas ungeduldigen Achselzucken.

»Sie wollen gewiß aus meiner alten Klatschbase eine alte Schulmamsell machen, Herr Magister?«

»Gewiß nicht, Herr Konsul, ich will sie lieber zu einer Gärtnerin machen, die die Finnen lehren soll, ihr Land in einen Rosengarten umzuwandeln.«

Darauf erwiderte der Konsul nichts. Er schwieg und betrachtete prüfend das Gesicht des vor ihm Stehenden. Es war jung und alt zugleich, gereift und doch kindlich. Noch einmal glitt der Gedanke, keinen wirklichen Menschen vor sich zu haben, durch sein Gehirn.

»Das ist natürlich so eine Art Schwärmer,« dachte er, und er fühlte sich eigentlich sehr geneigt, ihn abzuweisen. Andererseits aber war die Not groß, schriftstellernde Leute waren selten in Finnland, und seine Zeitung konnte kaum erwarten, ein anerkanntes Talent werde sich ihrer annehmen.

»Haben Sie schon etwas geschrieben?« fragte er, um auf einfache Weise zu einer Entscheidung zu kommen. Darauf wurde dem Konsul die Papierrolle mit einer Verbeugung überreicht, und dann entfernte sich der Bewerber.

Als der Konsul die Rolle auswickelte, enthielt sie eine Beschreibung der Landschaft Österbotten, die bei der letzten Semesterfeier in der Österbottnischen Abteilung vorgelesen worden war.

Der Herr Konsul vertiefte sich in das Schriftstück: Ernst, Klarheit, gute Kenntnisse, fließender Stil. Alles, was er sich wünschen konnte. Aber noch immer fühlte er sich unschlüssig. Das oben erwähnte Aussehen des Bewerbers war ihm noch immer unverständlich.

In der nächsten Nacht hatte Konsul Wasenius einen wundervollen Traum. Er vermeinte, in dem Birkengehölz vor Kajsaniemis Wirtshaus zu stehen, aber wie wunderbar hatte sich dieses verändert und verschönt! Die hohen weißen Birkenstämme standen da, wie er sie immer gesehen hatte, aber an den Stämmen hinauf und bis in die Spitzen der Zweige hinaus waren sie von blühenden Rosen umschlungen. Die Wege entlang wuchsen kleine Rosenbäume, deren Zweige sich gegeneinander neigten und ein blühendes Dach bildeten; alle Gebüsche waren in mächtige Rosenwäldchen verwandelt, überall auf den Rasenplätzen blühten Rosensträucher mit großen und kleinen gelben, weißen, rosa und dunkelroten Blüten ganz übersät.

Der Konsul stand höchst betreten vor all dieser Blumenpracht; doch dann sah er etwas noch Entzückenderes:

An einem großen Rosenbusch wichen plötzlich die Zweige und Blätter rauschend auseinander, und aus einer dunkeln Torwölbung, die sich dadurch gebildet hatte, tauchte eine Schar kleiner Elfen auf. König und Königin gingen mit tänzelnden Schritten an der Spitze, und ein langer Zug reich gekleideter Herren und Damen folgte ihnen. Kein Zweifel war möglich, es waren Oberon und Titania, die mit ihrem Hofstaat in Kajsaniemis Park zogen, um sich am Sommersonnwendfest an einem Tanze zu erfreuen.

Der Träumende beglückwünschte sich eben zu dem wunderbaren Zufall, der ihn in dieser Nacht in Kajsaniemis Park geführt hatte, als er eine gewisse Unruhe in dem Zuge bemerkte. Man schaute sich um, man flüsterte, man fragte sich gegenseitig. Es war deutlich zu erkennen, man vermißte jemand. Und der Konsul verstand sofort, wer das war, dem die Nachfrage galt. Das war natürlich Puck, der Musikant und Spaßmacher, der Freund aller Elfen, der Schutzherr aller Rosen. Der mußte notwendig bei der Veranstaltung sein. Was sollte man wohl an Oberons Hof ohne Puck anfangen?

Plötzlich stieß Titania einen Ruf aus und deutete hinauf in eine von Kajfaniemis weißen Birken. Sofort wendeten sich alle Elfen dahin und der Konsul Wasenius mit ihnen; alle richteten die Blicke auf ein und denselben Platz.

Und da saß wirklich Puck ganz außen auf einem schwankenden Zweig. Der Schelm hatte sich ordentlich herausgeputzt: auf seinem Kopf saß eine Studentenmütze, dazu trug er Hosen und Weste, Hemdkrause und Manschetten von unbeschreiblicher Schönheit und Feinheit. Den Rock hatte er abgeworfen, wie die Studenten zu tun pflegen, wenn sie arbeiten, und an den Schultern stachen kleine, bunte Schmetterlingsflügel durch das weiße Hemd heraus.

Wirklich, diesen kleinen Mann da droben sitzen zu sehen, war ein höchst possierlicher Anblick. Er saß mit gekreuzten Beinen, ernsthaft damit beschäftigt, mit einer großen Gänsekielfeder ein auf seinem Knie liegendes Blatt Papier mit Buchstaben zu bekritzeln.

Dem Anscheine nach vollständig ahnungslos, daß der ganze Hof des Königs Oberon da unten stand und ihn betrachtete, fuhr er unbekümmert in seiner Arbeit fort.

»Was hat er nur vor? Was hat er sich nun für einen Schabernack ausgedacht?« fragten sich die Elfen untereinander.

»Ach,« rief eine von ihnen, »ich weiß es, ich weiß es! Er schreibt für seine Zeitung. Puck ist Zeitungsredakteur geworden. Nun bekommen wir eine Zeitung an Oberons Hof.«

Darauf kletterte die ganze Gesellschaft mit unbegreiflicher Leichtigkeit und Behendigkeit den Birkenstamm hinauf. Bald standen sie alle bei Puck und guckten ihm über die Achsel in das Blatt.

Nun hob der Schreibende den Kopf, um die Zudringlichsten zurückzuweisen, und da erkannte Konsul Wasenius auf der Stelle das schmale Gesicht mit der dunkeln Hautfarbe, den tiefen Augen und dem wechselnden Mienenspiel wieder. Er hatte es übrigens beinahe erwartet. Puck war niemand anderes, als der junge Magister, der sich bei ihm als Bewerber für den Zeitungsposten gemeldet hatte.

In seiner Überraschung eilte er nun auch näher hinzu, um in das Blatt Papier zu sehen, das der kleine Knirps auf seinem Knie festhielt. Und wahrhaftig, stand da nicht ganz oben auf der Seite mit großen, verzierten Buchstaben:

Helsingforser Zeitung.

In jeder Nummer der wirklichen Zeitung las man unter dem Titel einen lateinischen Spruch von würdigem, schönem Inhalt.

Quid verum atque decens curo et rogo. Ich kümmere und befleißige mich um das, was wahr und anständig ist. Der Konsul hatte den Wahlspruch einstens selbst ausgewählt und wollte keinen andern für sein Unternehmen.

Aber hier hatte der Kleine mit dem Gänsekiel etwas ganz Neues geschrieben. Ich verspreche und schwöre, dieses Land in einen Rosengarten zu verwandeln.

Und kaum hatte der Konsul das Geschriebene gelesen, als Puck sich auch schon nach ihm umdrehte und ihm eine lange Nase machte.

Da brachen alle Elfen in ein unwiderstehliches Gelächter aus. Der Konsul hätte ihnen gerne gesagt, sie brauchten ihn nicht auszulachen, denn er sei kein versteinerter alter Mann, sondern finde dies alles gerade so komisch wie sie selbst. Aber das eigensinnige Gelächter wollte kein Ende nehmen, und schließlich wurde der Konsul so verlegen und ärgerlich, daß er erwachte.

Aber in demselben Augenblick fühlte er auch deutlich, alles weitere Zögern war unnötig. Wenn er wirklich den Puck der Elfen an seiner Zeitung anstellen konnte, dann mußte sie selbstverständlich zu neuem Leben erwachen.

Am nächsten Tag teilte er dem Magister Zacharias Topelius mit, daß er zu Neujahr die Stelle als Redakteur der Helsingforser Zeitung antreten könne.

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