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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 12
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Lyrik

l.

Schwester Sofie hatte eine gute Freundin, namens Emilie Lindquist. Diese war ziemlich musikalisch und kam öfters nach Kuddnäs hinaus, um mit Sofie, die ihr Klavier auch sehr liebte, vierhändig zu spielen. Emilie war ein liebes, braves kleines Mädchen, aber sie war vier Jahre jünger als Zacharias, und er hatte sie bisher ganz und gar nicht beachtet. Ihr Vater, Isak Lindquist, war Kaufmann in Nykarleby, er galt für vermögend, und Zacharias hatte seine Mutter lange im Verdacht gehabt, daß sie nichts dagegen haben würde, wenn er sich in die Tochter verliebte; aber er hatte keineswegs die Absicht, ihr diesen Gefallen zu tun.

Im Sommer 1836, als die Verstimmungen zwischen ihm und Mathilda ihren Anfang nahmen, war er mit der kleinen Emilie in einer Gesellschaft zusammengetroffen und hatte zu seinem Vergnügen nachher ein Rätsel über sie verfaßt.

Es singt ein Vöglein im grünen Gezweig,
Im Lindengezweig: Es handelt sich hier um ein Wortspiel zwischen den beiden Namen Lindequist = Lindenzweig, und Lundmark = Hain, Feld.
»Ich bin ein Vogel gar anmutsreich,
Kann beides, spielen und singen!

Noch weiß ich nicht, wer mein Herz besiegt,
Mein Herz besiegt,
Ob draußen in Hain und Feld er fliegt
Dem fernen Walde entgegen!«

Aber es lag durchaus nicht in seiner Absicht, den schönen kleinen Singvogel selbst einzufangen, er hielt im Gegenteil den Kadetten Emil Lundmark für den zukünftigen Vogelfänger, da dieser bis über die Ohren in die Vierzehnjährige verliebt war.

Die kleinen Mädchen von Nykarleby hatten indes ein wunderbares Talent, sich verblüffend schnell zu entwickeln. Man verließ sie in dem einen Jahr als halbaufgesprungene Knospen, und wenn der nächste Sommer kam, traten sie einem als vollerblühte Rosen entgegen. Als Zacharias nach Kuddnäs zurückkehrte, um die Sommerferien des Jahres 1837 da zu verleben, war Emilie fünfzehn Jahre alt und so schön geworden, daß er staunte. Sie hatte jetzt eine hohe, schlanke Figur, eine ungezwungene Haltung und die zarteste Haut, die hübschesten Züge, die schönsten Augen, die man sich denken konnte. Dazu hatte sich auch ihr musikalisches Talent stark entwickelt; jetzt konnte sie in das, was sie spielte, Gefühl und Ausdruck hineinlegen, und das war in Zacharias' Augen nicht ihr geringstes Verdienst.

Fürwahr, dies war kein schnippisches kleines Mädchen mehr, das kein Mensch beachtete!

Alle jungen Herren in Nykarleby, der unwiderstehliche Heinrich Backman an der Spitze, hatten sich plötzlich in Emilie Lindquist verliebt, genau so, wie sie sich in jenem Sommer, wo Mathilda Lithén aus Stockholm zurückgekehrt war, alle auf einmal in diese verliebt hatten. Und Zacharias, dessen Herz in diesem Jahr seine Sonne verloren hatte, fragte sich, ob Emilie nicht wenigstens ein kleiner Stern in dieser Finsternis für ihn werden könnte.

Jetzt, wo die Liebe aus seinem Leben verschwunden war, vermißte er sie. Solange er Mathilda geliebt, hatte überströmendes Leben in seiner Seele geherrscht, jetzt war da nur Leere und Schweigen.

In diesem Sommer verfaßte Zacharias ein Gedicht, in dem er schilderte, wie still es in einer Sommernacht im Walde sein kann. Die Drossel schläft, die Eule schläft, der Bär, der Wolf und der Adler sind zur Ruhe gegangen, der Wind selbst ist eingeschlummert. Mond und Sterne scheinen nicht bis in die Tiefe des Waldes hinein, er ist verlassen, einsam, düster. Zum Schlusse sagte Zacharias, genau so sei es ihm auch ergangen: das reißende Tier in ihm, das ungestüme Verlangen, sei eingeschlummert, aber leider damit auch das Beste, was er in seinem Innern sein eigen genannt, sein Glauben, seine Hoffnung, seine Liebe.

Und von diesem Kirchhofsfrieden weg sehnte er sich zurück, sehnte er sich nach Sturm und Aufregung, nach Angst und Zweifel, nach alledem, was in seiner Seele schaffende Kräfte erweckte.

Lithéns waren in diesem Jahre verreist, und ihr Häuschen auf Alörn stand leer. Aber Lindquists hatten auch ein Sommerhaus auf der Insel, und als Zacharias eines Tages mit ein paar Studenten nach der Insel hinüber ruderte, kehrten sie bei Lindquists ein.

Jetzt war es Emilie, die von Zacharias Blumen erhielt, für sie pflückte er Beeren, mit ihr lief er in den Gesellschaftsspielen um die Wette, mit ihr ging er am Strande spazieren und bewunderte das Glitzern des Mondes auf den Wogenkämmen.

Er war überrascht, wie alles sich auf diese Weise wiederholen, wie es sich ähnlich und doch so ganz anders sein konnte. Er wußte ja noch nicht einmal, ob er Emilie wirklich liebte.

Ein paar Tage, bevor er wieder in Helsingfors sein mußte, kehrten Lithéns zurück. Und noch einmal sagte Mathilda zu ihm, er sei so sonderbar. Da verstand er plötzlich, was sie meinte. Sie dachte, er sei kalt gegen sie, weil er eine andere liebe, und diesmal konnte er ihre Anklage nicht empört zurückweisen. Im Gegenteil, jetzt wunderte er sich über ihre Scharfsichtigkeit! Er hatte ja gemeint, er habe sich ihr gegenüber ganz wie sonst benommen.

Nun lebte er in der größten Ungewißheit in Beziehung auf sein Verhältnis zu Mathilda. Sie waren nie verlobt gewesen, hatten weder Ringe gewechselt noch sich Treue geschworen, es gab nichts, das sie hätten brechen oder auslösen müssen. Und mitunter wußte Zacharias nicht einmal, ob es ganz aus war. Mitunter glaubte er, er liebe sie immer noch. Aber eines wußte er bestimmt: er hatte vollkommen aufgehört, sie anzudichten.

Hingegen hatte er versucht, Emilie zu besingen. Und dazu hatte er das kleine Rätsel vom letzten Sommer hervorgeholt und es umgeformt:

Es singt ein Vöglein im Lindengezweig,
Im Lindengezweig:
»Ich bin ein Vogel an Anmut reich
Und kann auch spielen und singen!

Es zog mein Liebster so weit von hier.
So weit von hier,
In Hain und Feld ist er fern von mir,
Nun flieht er hinaus zum Walde!«

Der Engel Gottes in Seelenruh,
In Seelenruh,
Er saß auf der Wolke und hörte zu
Und sang ganz leise am Abend:

»Du kleiner Vogel im Lindengezweig,
Im Lindengezweig,
Gott wird dich machen an Liebe reich,
So gewiß du kannst spielen und singen!«

Noch singet der Vogel – aus ist die Geschicht,
Aus ist die Geschicht!
Ob der Liebste gekommen, – ich weiß es nicht,
So wenig wie der Engel.

Dies Gedicht nannte Zacharias das »Lied des Vögleins«. Es war ja nichts Besonderes, nur ein wenig Vogelgezwitscher. Aber für ihn hatte dieses wenige einen besonderen Reiz. Er liebte das Lied, weil Emilie an vier Stellen darin vorkam, er glaubte sie selbst spielen und singen zu hören, wenn er von Vogelgesang sprach, außerdem hatte er in dem auf und ab steigenden Rhythmus etwas von Emilie Lindquists bezauberndem Wesen wiedergegeben.

Vielleicht war es doch die Liebe, die ihm dieses Lied so süß erscheinen ließ, wenn er es in einsamen Stunden leise vor sich hinsummte.

II.

Am sechsten November des Jahres 1837 waren eine Menge Studenten in den Räumen der Österbottnischen Abteilung versammelt, das heißt in einem finstern Saal und einer ebensolchen Kammer, in jenem Teil von Helsingfors, der auf der steinigen Einöde südlich von den älteren Stadtteilen entstanden war und deshalb Neustadt genannt wurde. Auch der junge Zacharias saß unter den andern und wartete wie sie auf das Erscheinen des Vorstandes, von dem sie erfahren sollten, warum die Abteilung zusammenberufen worden war.

Rings um Zacharias her saßen halsstarrige, selbständige junge Männer, die alle überzeugt waren, daß es auf der weiten Welt nichts Besseres gebe als ein finnischer Student des Österbottnischen Volkes zu sein. Diese Abteilung glaubte nämlich unter den acht Nationen der Universität diejenige zu sein, aus der die meisten großen und berühmten Männer des Landes hervorgegangen waren, und darin wurde sie noch bestärkt, weil Porthan, Franzén und nun zuletzt auch Runeberg ihrem Kreise entstammten. Dieser Ahnenstolz hatte die Österbottninger zu einer Studentenaristokratie gemacht, der ihre Ehre über alles ging, und die es fast unter ihrer Würde hielt, mit Karelaren und Savolaxaren zu verkehren.

Diese jungen Notabilitäten, die sich ihrer Überlegenheit so bewußt waren, daß sie meinten, sie brauchten mit keiner der Behörden viel Umstände zu machen, selbst aber nicht die geringste Zurechtweisung ertrugen, zeichneten sich indes keineswegs durch irgendeine Verschwendung in Kleidern oder in ihrer Lebensführung aus. Unnötige Ausgaben kamen in dieser Zeit kaum in Frage, wo ein langes Sommersemester in der Regel hundert Reichstaler Banko kostete, eine Summe, die damals bittere Klagen über die teure Zeit hervorrief, weil die Väter der jetzigen Studenten für ihr Semester in Åbo nur den dritten Teil davon und die vorhergehende Generation gar nur eine Tonne Getreide, einen Kübel Butter und ein paar Reichstaler gebraucht halten. Einen kleinen Zug zur Vornehmheit konnte man aber doch unter den Anwesenden bemerken, indem die ehrenwerten, kunstvoll von dem Dorfschneider daheim im Vaterhause zugeschnittenen Friesröcke, die sicherlich noch ohne Nachteil für die akademische Würde hätten getragen werden können, doch größtenteils von Uniformröcken und Überziehern von dem Schneidermeister Palmquist in Helsingfors verdrängt worden waren. Die großen, derben Stiefel hatten bei den meisten einem feineren Schuhwerk aus den Fabriken von Nordin und Hamelius weichen müssen. Handschuhe wurden noch für eine unnötige Verschwendung gehalten, während Stöcke von einer feineren Art als die Knotenstöcke vom Lande schon bekannt waren, ihren Trägern aber den Spitznamen Bohnenstangen und spanische Reiter eintrugen.

Zacharias hatte an diesem Tag ein merkwürdiges Gefühl, die Ahnung eines bevorstehenden Unglücks. Als er sich in dem Kreise der Kameraden umsah, die so sorglos und selbstbewußt in den Räumen der Abteilung saßen, empfand er fast etwas wie Mitleid. Am liebsten hätte er seine Stimme erhoben und ihnen eine Warnung zugerufen.

Aber wovor? Er wußte es ja tatsächlich selbst nicht konnte sich nicht erklären, warum seine Gedanken eine so wehmütige Richtung einschlugen.

Plötzlich fiel ihm die erste Semesterfeier ein, die er in der Abteilung mitgemacht hatte. Auch damals war es November gewesen, aber sonst war doch alles ganz anders gewesen. Keine dumpfe, gedrückte Stimmung sondern Freude, Zuversicht, Begeisterung. Der Rector magnificus Melartin und andere Ehrengäste, in erster Linie Runeberg, hatten sich zu der Jugend gesellt und fröhlich mit ihr verkehrt.

Snellman war der Festredner gewesen, und er hatte von dem Nutzen der Nationalitäteneinteilung an der Universität gesprochen. Ausdrücklich hatte er betont, daß diese Einrichtung nicht den Zweck habe, die Studentenschaft zu spalten, um sie leichter im Zaume zu halten, sondern damit die Studenten in diesen verschiedenen Abteilungen etwas hätten, das ihnen das Elternhaus ersetze, eine Einrichtung, die aufmerksam und liebevoll ihren Wandel überwachen, ihnen in der Not beistehen könne, und bei denen, die aus derselben Gegend stammten, das Gefühl erwecke, einer großen, gemeinsamen Familie anzugehören.

Jeder hatte gewußt, warum Snellman gerade dieses Thema gewählt hatte. Er hatte den anwesenden Autoritäten der Universität diese Abteilung besonders ans Herz legen wollen. Und er hatte seine Sache sehr gut gemacht, alle hatten seine Klugheit und seinen Takt bewundern müssen.

Aber was jenen Abend unvergeßlich gemacht hatte, war die Überreichung von Franzéns Bild an die Abteilung gewesen. Lille hatte Verse vorgetragen, Franzéns Studentenlied war verteilt worden, und zuletzt hatte sich der Rektor erhoben und ein paar begeisterte Worte über den großen Dichter und edlen Menschen gesprochen, der einstmals sein Lehrer gewesen war. Da hatten die Herzen der ganzen Jünglingschar rascher geschlagen, und alle hatten eine unbeschreibliche Freude darüber empfunden, daß dieser große Mann ein Finne, daß er gerade aus ihrem Kreise hervorgegangen war.

Damals hatte Zacharias zum ersten Male jene Erhebung, jenes Gefühl von Freiheit und Macht gefühlt, die der Seele in dem Augenblick vollständigen Einklangs mit einer begeisterten Umgebung Schwingen verleiht.

Zacharias fluchte halblaut ein wenig vor sich hin, als diese Gedanken auf ihn einstürmten. Verstanden diese Menschen hier, die die Macht hatten, denn nicht, wie nötig der Jugend derartige Augenblicke waren?

Er schaute sich in dem Kreise der Kameraden um und dachte daran, wie ihrer aller Leben sich wohl gestalten würde, wenn sie auf die eine oder andere Weise ihre Abteilung verlören? Was hätte ihnen Helsingfors noch zu bieten? Gewiß, es gab das Gasthaus der schwedischen Mamsell Wahllund am Senatsplatz und noch ein paar andere, wo es einigermaßen gemütlich war, aber wie hätten arme junge Studenten diese teuern Orte Tag für Tag aufsuchen können? Diese Studenten nahmen ihre Mahlzeiten für gewöhnlich in ehrbaren Speisehäusern ein, bei dem Bürger Petrells und Frau Christen, wo man außerordentlich billig aß und Beefsteaks und Mannagrütze in Portionen erhielt, die den Hunger eines Riesen hätten stillen können. Selten nur aß ein Student mehr als sein Mittagessen außer dem Hause, das Frühstück und das Abendessen bereiteten sie sich meist daheim mit Hilfe der Aufwärterin. Die vier Schweizer Konditoreien waren wohl auch da, aber sonst nur noch Wirtskeller und Spelunken.

Aufrecht und keck saßen die andern Studenten um Zacharias her, keiner von ihnen schien zu fühlen, daß die Luft ringsumher voller Gefahr und Unsicherheit war. Alle miteinander glaubten fest, sie könnten sich als Österbottninger erlauben, was sie wollten, und die Behörden und Schutzleute seien nur dazu da, damit sie jemand hätten, den sie ärgern könnten.

Zacharias war ein gerechter junger Mann; jawohl, die akademischen Behörden hatten wahrlich Gründe genug, mit seinen Landsleuten unzufrieden zu sein, das mußte er ohne weiteres zugeben.

Schon verschiedene Male hatte eine Anzahl Studenten Punsch getrunken und dann aus der Galerie des Theaters Unfug getrieben. Und wer hatte an der Spitze dieses Unfugs gestanden? Die Österbottninger natürlich.

Wenn ein Professor nach Ansicht der Studenten eine Katzenmusik verdient hatte, wer übernahm in erster Linie die Ausführung? Unnötige Frage: immer die Österbottninger. Wenn der Vizekanzler oder der Rector magnificus einmal zu weit gegangen war, wer war sofort bei der Hand, für die Rechte und Freiheiten der Studentenschaft nachdrücklich einzutreten?

Immer die Österbottninger, dessen konnte man ohne weiteres sicher sein.

Wenn eine Schar Studenten trotz strengen Verbotes in einer Winternacht singend durch Helsingfors' Straßen zog, wenn die Schutzleute auf ihrer Runde von ein paar Nachwanderern überredet wurden, ihnen ihre Pferde zu einem Ritt durch die Stadt zu leihen, so konnte man darauf schwören, daß Österbottninger daran beteiligt waren.

Und so war es wohl gar nicht verwunderlich, wenn der Rektor und das Konsistorium die Österbottnische Abteilung etwas weniger selbstbewußt, weniger unbequem zu machen gedachten. Vor sechs bis sieben Jahren hatten sie den Beschluß gefaßt, die Abteilung in zwei Teile zu spalten. Dieser Beschluß war jedoch nicht in Kraft getreten. Und die Österbottninger hatten das Versprechen erhalten, nicht geteilt zu werden, solange ihr jetziger Vorstand, Professor Hällström, noch im Amte sei.

Daß der Beschluß einer Spaltung eine ungeheure Empörung hervorgerufen hatte, war nur zu verständlich. Wie hätte man sich auch gutwillig darein finden sollen, statt der größten Universitätsnation von nun an nur zwei mittelgroße Abteilungen zu bilden, ebenso ohnmächtig wie alle andern? Wenn eine solche Gewalttat begangen wurde, kam sicher kein einziger österbottnischer Student mehr zu einer Abteilungsversammlung. Und was sollte dann aus ihnen werden?

So bescheiden das Leben dieser jungen Leute auch war, so bot es ihnen doch genug Gelegenheit, auf Abwege zu geraten. Nur wenige verstanden es, richtig Maß zu halten. Der eine Student saß den ganzen Tag wie festgenagelt über seinen Büchern und lebte wie ein Häusler, einen andern fand man immer bei den Billardkugeln, Zacharias hatte sagen hören, in einer einzigen Kleinstadt, die elf verheißungsvolle Jünglinge auf die Universität geschickt hatte, könne man acht aufzählen, die dem gänzlichen Untergang, sozusagen im Galopp entgegengeritten seien.

Wenn aber die Abteilung nicht bestanden hätte, wären wohl alle elf diesen Weg gegangen. Die Herren im Konsistorium sollten es sich wohl überlegen, ehe sie die Abteilung auflösten. Sie war doch der einzige Ort, wo die Bücherwürmer mit dem Leben etwas vertrauter gemacht und den Tanzmeistern Zügel angelegt werden konnten.

Ein paarmal war Zacharias dabei gewesen, die schwärzesten Schafe aus der Abteilung zu entfernen, damit sie unerfahrene Neulinge nicht ins Verderben locken könnten.

Während der Zeit, in der Zacharias der Abteilung angehörte, war Nervander der eigentliche Chargierte gewesen; da er sich aber im Ausland aufhielt, war ein Stellvertreter für ihn ernannt worden. Snellman hatte das Amt mehrere Jahre versehen und sich wirklich große Verdienste um die Abteilung erworben. Er hatte Diskussionsübungen eingeführt, die sowohl in schwedischer als auch in lateinischer Sprache gehalten wurden, einen Gesangverein gegründet und mit der Herausgabe einer besonderen handschriftlichen Zeitung der Nation begonnen. Die Zusammenkünfte, die zweimal wöchentlich stattfanden, waren gut besucht; ja, das war damals eine Blütezeit der Abteilung gewesen.

Das Schönste von allem aber waren doch die großen Semesterfeiern im November und im Februar gewesen. An sie knüpften sich für Zacharias viele herrliche Erinnerungen. Runeberg war immer anwesend gewesen, und immer war er im Laufe des Abends besonders gefeiert und geehrt worden. Bei einer solchen Feier hatte Zacharias zum erstenmal Runebergs herrliche Gedichte »Der Schwan« und »Die Quelle« singen hören. Da hatte er begeisterten Reden über den großen Porthan und andere Landsleute beigewohnt, die der Landsmannschaft und Finnland zur besonderen Ehre gereicht hatten. Bei einem solchen Feste hatte der schroffe Snellman Verse über die Heimat vorgetragen, bei einem andern war Stenbäks schönes Bruderlied von den Gesangvereinen gesungen worden. Und bei einer solchen Veranstaltung hatte auch Runeberg, »Finnlands Ehre, der Stolz der Universität und die Leuchte der Österbottninger«, mit ihm, seinem früheren Schüler, Brüderschaft getrunken.

Aber im Frühjahr 1836 kam Nervander heim und übernahm sein Amt wieder. Und da merkte man vom ersten Augenblick an, daß er während seiner Abwesenheit verlernt hatte, seine unbequemen Untertanen richtig zu behandeln. Die Studenten glaubten eine gewisse Herrschsucht an ihm wahrzunehmen, und sofort blieben sie den wöchentlichen Zusammenkünften fern. Nervander wurde ärgerlich, klagte über mangelndes Interesse und machte auf diese Weise das Übel noch größer. Und schließlich, es war erst einen Monat her, war er der Sache überdrüssig geworden und hatte seinen Abschied genommen.

Und jetzt hatte der Vorstand die Österbottninger zu einer Versammlung einberufen. Eigentlich konnte es sich ja um gar nichts anderes handeln, als um die Wahl eines neuen Chargierten. Und die Wahl würde natürlich auf Snellman fallen. Dadurch kam die Abteilung in gute Hände, würden glückliche Zeiten wiederkehren. Zacharias hörte recht gut, alle um ihn her waren dieser Meinung, nicht einer hatte auch nur die leiseste Angst. Nur ihn quälten diese sonderbaren Ahnungen eines Unglücks.

Endlich erschien der Vorstand, setzte sich an einen der runden Tische, griff nach dem Hammer und gebot Ruhe.

Kurz und bündig teilte er den Österbottningern mit, daß er die Vorstandschaft niedergelegt habe. Der Rektor und das Konsistorium wünschten die Abteilung jetzt in zwei kleinere zu spalten, und da sein Bleiben das einzige Hindernis gewesen sei, habe er sich zu diesem Entgegenkommen entschlossen.

Hierauf begann er ohne weiteres zu dem Aufruf der Namen überzugehen, um festzustellen, welcher von den neuen Abteilungen, der nördlichen oder der südlichen, die Anwesenden zugeteilt werden müßten.

Zacharias schaute sich um. Da saßen sie nun, die halsstarrigen, schnell aufbrausenden Österbottninger, höchst betroffen von der überraschenden Entscheidung, stumm, ohne im Augenblick zu wissen, was sie tun sollten. Kein einziger stand auf, um Einspruch zu erheben. Die Röte des Zornes brannte wohl auf ihren Wangen, aber auch nicht einer stieß eine Verwünschung aus.

Keiner von ihnen hatte eine Ahnung davon gehabt, keiner konnte sich jetzt rasch etwas ausdenken, um das Unerhörte zu verhindern. Keiner schleuderte dem Vorstand das Wort Verräter mitten ins Gesicht!

Was für eine Erniedrigung war es, daß sie sehen mußten, wie dieser einst so hochgeehrte Mann sich dazu hergab, den Auftrag der Machthabenden auszuführen! Wie litten alle unter ihrer Ohnmacht, unter der Unmöglichkeit, Widerstand zu leisten! So muß es der Besatzung einer Festung zumute sein, wenn sie infolge des Verrats ihres Befehlshabers dem Feinde die Waffen abliefern muß.

Ja, so war das Leben in einem Lande, wo die Tyrannei das Ruder führte!

Diese Abteilung war in einem geknechteten Land die einzige Vereinigung, wo man noch selbständig zu denken wagte, und deshalb sollte sie unschädlich gemacht werden. Diese Österbottninger waren durch ihre Stärke, ihr Zusammenhalten noch mächtig; so etwas durfte natürlich nicht geduldet werden.

In Zacharias' Gehirn verdrängte ein Gedanke den andern. Er wußte, was einer von ihnen hätte sagen müssen, jetzt, wie so oft schon, war er klüger als die Menschen um ihn her. Zorn und ein glühendes Verlangen nach Freiheit erfüllten ihn, er meinte, er müsse aufstehen und seinem Herzen Luft machen, damit die österbottnische Abteilung wenigstens in Ehren falle. Aber die Worte wollten ihm nicht über die Lippen. So sehr es auch in ihm kochte, er konnte nicht aussprechen, was er fühlte und dachte.

Auch er blieb ganz still sitzen, ebenso still wie alle andern.

Unterdessen fuhr der Vorstand an seinem Tische ruhigen Gemütes mit dem Aufrufen der Namen fort und reihte den akademischen Mitbürger Zacharias Topelius aus Nykarleby in die Südösterbottnische Abteilung ein.

Als Zacharias an diesem Abend in sein Zimmer heimkehrte, brauste und kochte es in ihm. Er wollte etwas schreiben, wollte seine Feder in Feuer eintauchen, wollte mit Worten, die wie mächtige Blitze in der Nacht ausleuchten sollten, die Sklavenketten sprengen und den Unterdrücker vom Throne stoßen. Aber es gelang ihm nicht. Und tiefbekümmert über seine Machtlosigkeit legte er die Feder aus der Hand.

III.

Im Frühjahr 1838 verfaßt Zacharias zwei Gedichte. In dem einen, das er »Die Wahl des Jünglings« nannte, sprach er davon, wie der Engel, der das Tor des Lebens bewachte, den Jüngling zwischen zwei Wegen wählen lasse. Der eine Weg führe empor zu steilen Höhen, wo Kämpfe und Siege ihn erwarten, der andere abwärts in ein tiefes Tal, das beständig in Nebel gehüllt sei und wo keine Tugenden von dem Wanderer verlangt würden. Doch der Jüngling zögerte nicht, er war nicht im Zweifel, was er wählen wollte.

»Niemals laß mich, o Engel der Gnad,
Gehen armseligen Lebenspfad!
Nicht will ich wandern im dumpfen Tal,
Ich liebe die Höhe, sie ist meine Wahl.
Lebensgenuß sei und Kampf mir beschieden
Und nach der Ernte der ewige Frieden!«

In dem andern Gedicht, das den Namen »Der Segler auf dem Weltmeere« erhielt, berichtete Zacharias von einem Jüngling, der sich, erfüllt von Sehnsucht, in seiner Heimat auf einer lieblichen Insel weit draußen im Ozean nicht wohl fühlte. Er hißte sein Segel und fuhr hinaus, um ein Land zu finden, wo die Menschen nicht still und friedlich im Schoße der Natur schlummerten, sondern sich dem Höchsten, das sie kannten, widmeten, ein unvergängliches, wahres Leben führten.

Dies war wohl wieder ein Versuch, der unbändigen Kampfeslust Luft zu machen, die Zacharias von jener Stunde an beherrscht hatte, wo die Behörden auf eine ebenso gewalttätige wie absichtliche Weise die Spaltung der Österbottnischen Abteilung bewerkstelligt hatten. Das ganze Frühjahr hindurch war er aufrührerisch und unzufrieden gestimmt und zu jeder Unvorsichtigkeit bereit gewesen. Aber die rechten, zündenden Worte hatte er nicht gefunden, sein Können stand nicht auf gleicher Höhe mit seinem Wollen, und das hatte ihn zurückgehalten. Erst wenn sein Schwert scharf und biegsam genug war, wollte er in den Kampf ziehen.

Als er aber im Sommer Emilie wiedersah, war sie noch schöner als im vergangenen Jahre, und jetzt fühlte er plötzlich, daß er sie von ganzer Seele liebte. Wie mit einem Schlage verschwand der grimmige Zorn und der qualvolle Tatendrang. Mit der ganzen Kraft seiner Seele gab er sich der Liebe hin. Und die dichterischen Versuche, die er jetzt in seine kleinen Hefte niederschrieb, waren keine Kampfgesänge.

Auch das kam Zacharias nicht in den Sinn, Emilie so zu verherrlichen und sie in eine Menge Begebenheiten und Erlebnisse hineinzudichten, wie er es einst bei Mathilda getan hatte.

In Emiliens Natur mußte etwas gelegen haben, das ihn daran hinderte. Bei ihr fand er etwas von einem zarten und weichen Singvögelein, ja fast von einem Engel. Diese sanfte Seele konnte er seinen bunten Träumen nicht einverleiben, er hielt sie außerhalb des menschlichen Bereichs. Um den Gefühlen Worte zu verleihen, die sie ihm einflößte, mußte er aus der unberührten Natur Farben und Wohllaut entlehnen, von dem Gesang der Vögel, dem Rauschen der Quellen, der stillen Lieblichkeit der Sommertage und dem Dufte der Rosen. Vom ersten Augenblick an hatte er auf sie nur kurze, melodiöse Gedichte verfassen können, und etwas anderes wollte ihm auch später nicht gelingen.

Aber welche Schwierigkeiten auch da! Nun erlebte Zacharias dasselbe wie einstens, als er seinem Tyrannenhaß, seinen Freiheitsdurst wiedergeben wollte. In seinem Herzen, in seinem Gehirne, da war etwas, das glühte, das bebte; im Traume, da konnte er Lieder dichten, reine und schöne, von denen die Geliebte sicherlich tief gerührt gewesen wäre, aber wenn er dann mit der Feder in der Hand diese Gefühle zu Papier bringen wollte, ach, dann fand er nicht die wahren, die treffenden Worte! O, wie hatten sie es nur gemacht, die großen, mächtigen Dichter, die er zu seinen Vorbildern auserkoren hatte? Er dachte an Runeberg, an Tegnér, Franzén, Almquist, Stagnelius – wie waren sie alle fähig gewesen, den Gegenstand ihrer Liebe mit unsterblichen Worten zu besingen!

Auch von der etwas schwerfälligen, schwulstigen Schreibweise, die er sich während der von Romantik übergossenen Sommer auf Alörn angewöhnt hatte, war Zacharias noch nicht vollständig frei. In diesem Sommer saß die Jugend einmal an einem schönen Abend im Garten von Kuddnäs und bewunderte den silbernen Schein des Mondes, der auf dem Flusse hin und her flimmerte. Emilie Lindquist war auch dabei; sie richtete an Zacharias ein paar Fragen über den Mond, und plötzlich kam er auf den Gedanken, sein großes Fernglas zu holen. Er übergab es Emilie, die das Fernglas auf seine Schulter legte und dann den Mond betrachtete. Als sie so dastanden, zählte er ihr die Namen der Ebenen auf dem Monde auf: mare frigoris, mare nubium, mare serenitatis, mare nectaris, alle, an die er sich erinnern konnte.

Über diesen kleinen Vorfall machte er dann ein Gedicht, das er »Die Mondkarte« nannte. Es stand darin, wie sein Geist und der ihrige einstmals auf der Mondscheibe wohnen und zusammen von den Ozeanen der Kälte zu den Fluten des Nektars und dem Strande des Überflusses wandern würden.

Aber diese romantischen Wendungen konnten doch die Gefühle nicht ausdrücken, die Emilie ihm einflößte. Dieses Gedicht hätte er ebensogut vor drei Jahren verfaßt haben können.

Indes der strenge Lehrmeister sollte gar bald erscheinen, der den jungen Schöngeist in den Kreis seiner großen Vorgänger einführte.

In diesem Sommer bildete auf Kuddnäs die Aufführung von Theaterstücken ein Hauptvergnügen. Sowohl Emilie als auch Mathilda spielten mit, und die Rollen waren so verteilt, daß Zacharias und Emilie das liebende Paar darstellten, während Mathilda nur eine Nebenrolle hatte. Bei den Proben ging alles gut; aber an einem Vorstellungsabend mußte Zacharias zu sehr in seiner Rolle aufgegangen sein und durch Blicke und Tonfall verraten haben, was in ihm vorging. Denn nach Schluß der Aufführung, als sich alle Auftretenden froh und stolz unter die Zuschauer mischten, war Mathilda still und verstimmt und verließ nach kurzer Zeit die Gesellschaft.

Als sie das nächste Mal mit Zacharias zusammentraf, erzählte sie ihm, sie habe einen Haufen alten Plunder verbrannt, den sie bisher aufgehoben habe, und er fühlte deutlich, was sie damit meinte: unter diesem Plunder verstand sie seine alten Briefe und Geheimschriftzettelchen, Blumen, die er ihr geschenkt hatte, sowie die Kotillonauszeichnungen von ihren fröhlichen Weihnachtsbällen. Mathilda wußte also jetzt, daß alles zwischen ihnen aus war, und er konnte es nicht leugnen, konnte nicht den Unschuldigen spielen. Er hätte sie gern um Verzeihung gebeten, aber das ging auch nicht.

Zugleich aber durchzuckte ihn ein drohender Gedanke: nein, seine Liebe zu Emilie konnte nicht glücklich enden, weil sie seiner treuen Kindheitsfreundin Kummer bereitete.

Er versuchte zwar, sich alle derartigen Gedanken aus dem Kopfe zu schlagen, aber sie kehrten oft zurück, weil er nicht wußte, welche Gefühle Emilie für ihn hegte. Sie war die beste Freundin seiner Schwester und kam deshalb oft nach Kuddnäs hinaus, und so sah er sie fast täglich. Sie legte ihm gegenüber auch immer dieselbe ruhige Freundlichkeit an den Tag, aber nichts in ihrem Benehmen verriet ihm, ob sie eine tiefere Neigung für ihn empfand.

Immerhin wich sie den Begegnungen mit ihm auch nicht aus, im Gegenteil, sie verbrachten viele vergnügte Stunden zusammen. Er hörte sie gern spielen – die kleine Pianistin hatte nie einen so dankbaren Zuhörer gehabt – und sie wieder hörte ihn gerne reden. Der zwanzigjährige Student war ein kenntnisreicher junger Mann, und das siebzehnjährige Fräulein hörte ihm bei endlosen Gesprächen ungefähr ebenso andächtig zu, wie eine wißbegierige Schülerin einem tüchtigen, anregenden Lehrer.

In diesem Herbst blieb Zacharias daheim auf Kuddnäs und studierte für sich, wie vor drei Jahren. Der Unterschied bestand nur darin, daß jetzt Emilie nach Kuddnäs hinauskam und über Nacht blieb, daß er jetzt für sie Sirupbonbons kochte, ihr Fensterpromenaden machte; jetzt hoffte er sehnsüchtig, Emilie in Gesellschaften zu treffen, über Emilie schrieb er schwärmerische Ergüsse in sein Tagebuch.

Aber das, was nicht so war wie früher, das war die Sorglosigkeit, die Sicherheit. Jenes ganz ungetrübte Glück, das er zu Mathildas Zeiten empfunden hatte, konnte er nicht wieder erlangen. Diese neue Liebe war ein Auf- und Abschwanken auf stürmischen Wogen, war Hoffnung und Zweifel in beständigem Wechsel.

Solange er indes nichts Bestimmtes wußte, wollte er sich doch nicht in Kummer vergraben. Der Herbst hatte ihm viele glückliche Stunden geschenkt, und in der Weihnachtszeit tanzte er nach Herzenslust auf allen Gesellschaften.

Am allerletzten Weihnachtsball aber sah er Emilie mit Heinrich Backman eine Française tanzen, und als sie vor ihrem Tänzer eine Verbeugung machte, strahlten ihre Augen so, wie sie nie gestrahlt hatten, wenn sie auf ihn, Zacharias, gerichtet gewesen waren.

Ach, da wußte er plötzlich genau, Emilie liebte nicht ihn selbst, sondern seinen besten Freund!

Und gerade wie wenn das Schicksal Zacharias zum Narren haben wollte, beschloß ungefähr zur selben Zeit seine Mutter, ihn mit ihrer Tochter Sofie nach Helsingfors zu begleiten, um Rosenkampffs zu besuchen, und auch Emilie sollte mitkommen. Aber das, was er noch vor einigen Tagen für ein namenloses Glück gehalten hätte, erfüllte ihn jetzt mit Angst und Schrecken. Denn es wäre besser für ihn gewesen, er hätte Emilie während einer langen Trennung vergessen können.

Und offenbar damit er nicht länger in Ungewißheit schweben sollte, war er ein paar Tage später an einem Spielabend bei Heinrich Backman, der bis ein Uhr nachts dauerte. Nachdem die übrigen Teilnehmer gegangen waren, saßen Zacharias und Heinrich noch beisammen und tranken bis gegen sieben Uhr morgens Champagner, wobei sie sich gegenseitig ihr Herz ausschütteten. Heinrich gestand Zacharias, daß er Emilie liebe und wisse, daß seine Liebe erwidert werde. Emilie habe es jemand in einem Briefe geschrieben, der das Geheimnis verraten habe. Sie unterhalte sich gern mit Zacharias, aber ihn, Heinrich, liebe sie.

Zacharias beschloß sofort, jeden Versuch, Emilie zu erringen, aufzugeben. Er wollte dem Freund um keinen Preis im Wege stehen. Wenn Heinrich und Emilie, die beiden, die er am innigsten auf Erden liebte, sich gefunden hatten, mußte er sich in stiller Entsagung zurückziehen.

Gleichzeitig aber fühlte er auch, daß sich alles das, was seiner Seele bisher Schwingen verliehen hatte, in seiner ganzen Schwere auf ihn legte. Und die Last dieser Liebe, die getötet werden mußte, wurde so niederdrückend, daß es Zacharias war, als könne er nicht weiterleben.

Am Tage vor der Abreise kamen Rosalie und Mathilda nach Kuddnäs hinaus, um Lebewohl zu sagen. Als sie in die Stadt zurückfuhren, stellte sich Zacharias auf die Schlittenkufen und fuhr ein Stück mit. Jetzt begriff er, was es heißt, unter verschmähter Liebe zu leiden, und wieder empfand er das Verlangen, Mathilda um Verzeihung zu bitten.

»Wir werden uns jetzt lange nicht mehr sehen,« sagte er, Gott mag wissen, wie dann alles ist! Versprich mir, daß wir nicht in Unfrieden auseinandergehen!«

Er konnte es nicht besser ausdrucken; aber diese wenigen Worte trugen sicher das ihrige dazu bei, daß sich das Verhältnis zu seinen Basen wieder freundlicher gestaltete.

Trotz aller dieser Dinge verlief die Reise nach Helsingfors diesmal doch herrlich. Zacharias fuhr mit seiner Mutter in dem einen bedeckten Schlitten, die Mädchen in dem andern, und bei jedem Pferdewechsel versammelten sie sich fröhlich plaudernd und lachend um den mitgenommenen Reiseimbiß. Im Lappoer Gasthaus, wo sie um Mitternacht eintrafen, war außer dem Warteraum nur ein Zimmer frei. Zacharias' Mutter brachte es nicht übers Herz, ihren Sohn in der schmutzigen Stube draußen liegen zu lassen; und so breitete sie denn auf dem Fußboden der Kammer ein Schlittenfell aus, und als sich die Mädchen zu Bett gelegt hatten und das Licht ausgelöscht war, durfte Zacharias hereinkommen. Er schloß die ganze Nacht kein Auge und lauschte auf Emiliens Atemzüge; schlafen hätte er unmöglich können.

Nach der glücklichen Ankunft in Helsingfors trennte sich die kleine Gesellschaft. Zacharias ging in seine gewohnte Studentenbude, seine Mutter und Sofie zu Rosenkampffs, und Emilie suchte den Kommerzienrat Borgström auf, dessen Frau ihre Base war.

Aber die beiden jungen Mädchen trafen sich jeden Tag, und Zacharias mußte ihnen die Stadt zeigen, sie auf Spaziergängen begleiten und auf Bällen und Picknicks ihr Kavalier sein. Also traf er Emilie beständig, und so oft er sie wiedersah, wuchs seine Liebe, aber auch seine Verzweiflung.

Schwester Sofie reiste im Mai heim, und von da an sah Zacharias Emilie weniger oft, wurde aber deshalb keineswegs glücklicher.

Am sechzehnten Juni reiste Emilie nach Åbo, und am selben Tag verfaßte Zacharias ein Gedicht, das er »Die Entflohene« nannte.

Du bist wie der Tag mir im Westen entschwunden,
Ich hab' dich am Morgen nicht wiedergefunden.
Als Dämmrung sich senkte rings um mich her,
Sah ich dich nicht mehr.

Du schwandst, wie die Sterne verbleichen und schwinden,
Du zogest dahin mit den lenzlichen Winden,
Die Blumen uns bringen – fort trugen sie dich,
Und öd ist's um mich!

Du schiedst – und die Abschiedstränen aus allen
Den Rosenkelchen wie Tauperlen fallen,
Und traurig singet der Vogel im Hain
Von Schnee und Pein.

Wohl flieget am Abend der Vogel zum Neste,
Der Wolke gleich ich an des Himmels Feste,
Ich such' meinen Stern. O mein Leben, mein Glück,
Wann kehrst du zurück?

Als er diese Verse niedergeschrieben hatte, fühlte er sich befreit; nun endlich, endlich hatte er etwas geschaffen, das ausdrückte, was ihn im Innern bewegte. Da war seine schmerzerfüllte Zärtlichkeit, da waren die scheuen Liebkosungen, die er ihr nie zuteil werden lassen durfte, da fand sich ein leiser Widerhall der spielenden Melodien, die ihr ganzes Wesen in seiner Seele erweckte.

In diesem Sommer reiste auch Zacharias nicht nach Nykarleby. Er begab sich mit sechs Kameraden nach der Löparö in den Sibboer Schären, mietete sich bei freundlichen Bauern ein und blieb dort bis zum Herbst. Dies tat er, um ungestörter studieren zu können, denn das Examen rückte allmählich heran.

Bei seiner Rückkehr nach Helsingfors war Emilie von Åbo wieder zurück, aber es bot sich ihm nur selten Gelegenheit, mit ihr zusammenzutreffen. Die Sehnsucht plagte ihn Tag und Nacht. Und als er zufällig hörte, daß sie bei einer Hochzeit Brautjungfer sein würde, stand er am Abend mitten unter der gaffenden Menge, um wenigstens einen Schimmer von der Geliebten zu sehen.

Kurz darauf wanderte er eines Abends von Sehnsucht gequält in seinem Zimmer auf und ab. Und während er so hin und her wanderte, war es ihm, als fange seine Sehnsucht an zu sprechen. Er eilte an seinen Schreibtisch und warf in solcher Hast ein paar Verse aufs Papier, daß er kaum wußte, was er schrieb. Dabei hatte er die ganze Zeit über das Gefühl, als sei es nicht er selbst, der hier das Wort führte, nicht sein gewöhnliches Ich, das sonst stets mühsam und sorgfältig einen Reim an den andern fügte. Irgend etwas Fremdes war es, das ihm keck und bestimmt die Verse, die er ohne jedes Besinnen, ohne jedes Zögern niederschrieb, als hätten sie längst bereitgelegen, zuflüsterte.

Wär ich ein Erinnern, gebannt nicht an Zeit,
Ich folgte dir allerwegen,
Mein Leben wär deinem Glück nur geweiht,
Dein Grab selbst umflösse der Segen!
Könnt schließen ich dich in den schützenden Arm
Und lehren der Menschheit vergeßlichen Schwarm,
Deinen Namen in Liebe zu hegen!

Wär ich ein Gedanke, gebannt nicht an Raum,
Tief wollt' ich ins Herz mich dir legen,
Dich schützend geleiten an Abgrunds Saum,
Dich stützen auf steinigen Stegen,
Erhellen den Pfad dir durchs Schattenland,
Zu der ewigen Seligkeit strahlendem Strand
Auf des Meeres brausenden Wegen!

Als er nachher diese Zeilen durchlas, da wußte er, sie waren das beste, was er bisher geschrieben hatte. Und er faltete dankbar die Hände, denn es wurde ihm plötzlich klar, daß mitten in seinem tiefen Leid die Eingebung, die große, echte Dichtergabe, zum Leben erwacht war. Das Lebensglück hatte ihm der Schmerz geraubt, aber die Dichtergabe hatte ihm der Räuber als einen Ersatz in seinem Hause zurückgelassen.

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