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Zacharias Topelius

Selma Lagerlöf: Zacharias Topelius - Kapitel 10
Quellenangabe
typebiography
authorSelma Lagerlöf
titleZacharias Topelius
publisherAlbert Langen, München
printrun1. bis 5. Auflage
year1921
translatorPauline Klaiber-Gottschau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140730
projectid6d579361
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Romantik

I.

Zu der Zeit, wo Zacharias in dem nach Süden liegenden Giebelzimmer auf Kuddnäs von Herrn Blank unterrichtet wurde, hatte er sich im vollsten Ernst in seine gleichalterige Base und Spielgefährtin, Mathilda Lithén verliebt. Und in allen den Jahren, die er in Uleåborg verbrachte, hatte er ihr, genau wie so viele seiner Romanhelden der Dame ihres Herzens, zärtliche, in Geheimschrift geschriebene Briefchen geschickt, die durch seine Schwester Sofie dem geliebten Gegenstand übermittelt wurden.

So oft er nach Kuddnäs heimfuhr, befielen ihn böse Ahnungen, Mathilda habe ihn betrogen und ihre Gunst einem andern zugewendet, denn seine Bücher wußten gar viel von der Wankelmütigkeit und Treulosigkeit der Frauen zu erzählen, und sein Herz klopfte vor Angst, bis er sie getroffen, ihr in die Augen geschaut und darin gelesen halte, daß sie sich weder von einem der daheim weilenden Nykarlebyer Jungen noch von irgendeinem aus geheimnisvollen unbekannten Landen einherziehenden Ritter hatte betören lassen.

Im Sommer 1832 sollte Mathilda nach Stockholm in Pension kommen; da gelobte sie ihm heilig und teuer, daß ihn niemals irgendein Schwede, und wenn er noch so verführerisch wäre, aus ihrem Herzen verdrängen solle, und sie schenkte ihm als Pfand ihrer Treue ein Ringlein. Dieses trug Zacharias während des ganzen Winters bei Runebergs an einem grünseidenen Band unter der Weste. Er widmete ihr in seinem Tagebuch manchen Seufzer der Sehnsucht, und am Mathildentag erklomm er draußen vor Helsingfors eine einsame Bergkuppe und schoß dort dreimal ihr zu Ehren seine Pistole ab. Daß Schwester Sofie noch immer die kleinen Zettel in Geheimschrift in ihre Briefe an das Bäschen hineinschmuggeln mußte, versteht sich von selbst.

Als Zacharias sein Abiturium gemacht hatte, fühlte er, daß das Leben größere Ansprüche an ihn stellte als bisher. Er mußte jetzt mit allem, was nur für Kinder paßte, aufhören, durfte nicht mehr mit Papierpuppen spielen, die Dienstmädchen des Hauses nicht mehr als Gespenst verkleidet erschrecken, noch die Vorübergehenden mit Schneeballen bombardieren. Aber sein Tagebuch behielt er bei, auch arbeitete er noch immer an der »Kleinen Bibliothek«, trug das grünseidene Band nach wie vor um den Hals und sehnte sich nach seiner ersten Flamme.

Er konnte einfach nicht anders. Wie öde und leer kam ihm ganz Nykarleby im Sommer 1833 vor, als sie noch in Stockholm weilte! Die Tage wollten kein Ende nehmen.

Bei dem Großvater Turdin wohnte ein junger Buchhalter namens Heinrich Backman, ein schöner Mensch, durch und durch Kavalier, romantisch angelegt, übermütig, anziehend durch eine unheilbare, auf dem Grunde seiner Seele brütende Schwermut, und bei Lithéns war ein zweiter junger Herr namens Albert Dyhr, tüchtig, gewissenhaft, prosaisch, aber ein außerordentlich angenehmer Kamerad und treuer Freund. Beide waren mit ihren Hausbewohnern etwas verwandt; sie wurden wie Familienglieder behandelt und bildeten Zacharias liebsten Verkehr, so oft er daheim war. Aber nun suchte er vergeblich die Leere durch Fischen mit Albert Dyhr oder stundenlange Gespräche mit Heinrich Backman auszufüllen, obgleich dieser seit Alexander Lithéns Tode sein bester Freund und Vertrauter war. Nichts konnte ihm Mathilda ersetzen.

Im Herbst reiste er nach Helsingfors zurück, noch immer gleich treu, noch immer mit dem Ringlein auf der Brust. Dies war sein erstes Semester als Student, und natürlich milderte das Studieren seine Sehnsucht, aber fühlbar machte diese sich doch. Er wohnte jetzt nicht mehr bei Runebergs und fand das Leben nicht mehr so anregend wie damals, wo er täglich mit einem großen Mann und Dichter zusammen gelebt hatte. Jetzt bewohnte er mit Blank zusammen ein Zimmer, und sie lebten auf Studentenart, aßen mittags außer dem Hause und ließen sich zum Frühstück und Abendbrot von ihrer Wirtin etwas besorgen. Unter Tags bereitete sich Zacharias auf das Examen zum Kandidaten der Philosophie vor, das er machen mußte, ehe er mit den medizinischen Studien anfangen durfte. Aber er war nicht befriedigt von dem, was er leistete, er fühlte dunkel, er sei noch zu unreif, um auf eigene Faust zu studieren. Abends hatten sie oft Besuch von Kameraden. Und da zeigte es sich, daß Blank, der im vergangenen Semester so außer sich geraten war, weil Zacharias Karten spielte, dieselbe schlechte Angewohnheit hatte und oft bis spät in die Nacht hinein am Spieltisch saß. Zacharias, der sich nicht daran beteiligte, ekelte es vor diesem Lebenswandel.

Die Tage verliefen freudlos und einförmig. Nie oder wenigstens fast nie brachten sie etwas Begeisterndes. Wie hätte da Zacharias nicht heiße Sehnsucht haben sollen?

Doch wohlgemerkt, er sehnte sich nicht nur nach Mathilda, wenn er unter der Öde und Einförmigkeit des Lebens litt. Noch niemals hatte in Nykarleby ein Weihnachtsfest mit so vielen Bällen, so großer Pracht und Abwechslung stattgefunden, wie im Jahre 1833. Großvater Turdin feierte da die Hochzeit seiner schönen Tochter Augusta mit dem Oberhaupt der finnischen Stromreinigungstruppe, dem stattlichen, vornehmen Baron Rosenkampf. Eine derartige Hochzeit hatte in Nykarleby noch kein Mensch erlebt; ein Fest reihte sich an das andere die ganzen Weihnachtsfeiertage hindurch. Auch die finnischen Verwandten in Uleåborg kamen nach Kuddnäs, um die Festlichkeiten durch ihre Anwesenheit zu verschönen. Aber Mathilda fehlte, und Zacharias konnte sich zu keiner wirklichen Freude aufraffen. Warum war sie nicht daheim? Da hätte dies alles, was ihm jetzt so leer und nichtig vorkam, erst Leben und Inhalt bekommen.

Im Sommer 1834 wurde sie endlich nach einem zweijährigen Aufenthalt in Stockholm zurückerwartet. Doch als Zacharias anfangs Juni nach Kuddnäs kam, war sie noch immer nicht da. Aber welche Sehnsucht, welche Unruhe! Würde sie wirklich kommen? Und wie würde sie sein, wenn sie kam? Hatte sie, die schlichte Finnländerin, wohl den vielen Versuchungen widerstehen können, die stets auf der Lauer liegen, die Schönheit und Unschuld in ihre Netze zu ziehen?

In überströmender Freude, weil sie nun endlich kommen sollte, hatte er sich eines Tages ans Klavier gesetzt und spielte Franzéns: »Wird sie, wird dieses Traumbild schön ...« mit solcher Begeisterung, daß das ganze Haus zitterte. Doch bald hörte er zu spielen auf, seine Finger sanken schlaff auf die Tasten nieder. Angst und Zweifel hatten sich seiner bemächtigt.

Würde Mathildas Treue wirklich standgehalten haben, wenn sie in Stockholm einen besonders anziehenden Mann, wenn sie zum Beispiel einen jungen Prinzen kennen gelernt hätte?

Welche unnötige Qual! Wie sollte die kleine Mathilda Lithén aus Nykarleby mit einem jungen, bezaubernden Prinzen in Berührung kommen?

Aber war das wirklich so unmöglich? Es geschahen doch noch merkwürdigere Dinge als das!

Zacharias hatte in diesen Jahren der Sehnsucht öfters kurze Erzählungen und Romane verfaßt, in denen Mathilda die Heldin war. Eines dieser Werke fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein.

»In Finnland lebte vor vielen, vielen Jahren ein Bauer, reicher und mächtiger als die Bauern in der jetzigen Zeit, ein Herr über viele tausend Morgen Landes. In jenen Tagen machte der König von Schweden eine Reise durch sein Land. Da besuchte er auch das Haus des finnischen Bauernkönigs und wurde in einer Weise empfangen und verpflegt, wie er das in einem finnischen Bauernhaus niemals erwartet hätte. Voller Dankbarkeit für die Bewirtung fragte der König den Bauern, ob er keinen Wunsch habe, den er, der König, ihm erfüllen könnte. Da bat der Alte, der König möge die schönste seiner Töchter zu sich an den Hof nehmen und sie mit den andern Dienerinnen der Königin erziehen lassen.«

Zacharias lächelte, als ihm dies jetzt am Klavier wieder einfiel. Er hob die Hände noch einmal, um »Wird sie, wird dieses Traumbild schön ...« zu spielen; aber schon nach wenigen Minuten ließ er sie wieder sinken, um sich weiter in Phantasien zu ergehen.

»Die finnische Bauerntochter wuchs zu dem schönsten Mädchen am Hofe heran, ja, zu der schönsten Jungfrau im ganzen Königreich, und allmählich ward es offensichtlich, daß der junge Königssohn ein Auge auf sie geworfen hatte. Dieser Königssohn aber war der herrlichste junge Prinz, den man sich denken kann, schön, schwärmerisch, ritterlich, so recht dazu geschaffen, ein großer König zu werden.

Wenn nun dieser Königssohn das Herz dieses jungen Mädchens begehrte, würde sie ihm da widerstehen können, würde sie einem schwerfälligen finnischen Bauernjungen die Treue bewahren, die sie ihm gelobt hatte, und von dem sie ein Ringlein auf der Brust trug?«

Zacharias seufzte und spielte noch einmal »Wird sie, wird dieses Traumbild schön ...«, um sich dadurch gleichsam neuen Mut und neue Hoffnung einzureden. Er hatte noch nie einen passenden Schluß für dieses schwierige Märchen finden können.

Es dauerte indes nur ein paar Sekunden, dann beschäftigte ihn schon wieder ein anderer Einfall.

Er stellte sich ein armes Kind vor, das während des großen Krieges in Finnland Vater und Mutter verloren, aber in dem Hause einer vornehmen finnischen Dame Aufnahme gefunden hatte. Und der Gatte dieser vornehmen Dame gewann immer mehr Macht und Ansehen, die höchsten Würden des Reiches wurden ihm verliehen, er ward der Erste im Lande, fast noch mächtiger als der König selbst. Er und seine Frau, die Gräfin, wohnten natürlich in Stockholm, und ihr Schützling, das arme Mädchen aus Finnland, das jetzt eine große Schönheit geworden war, hielt sich noch immer in ihrem Hause auf. Aber hier kam sie einmal einem der Günstlinge des Königs zu Gesicht, und da wurde es so eingerichtet, daß der König sie sah, und dann ging alles nach Wunsch. Der Monarch war begeistert von ihrer Schönheit, und hätte die finnische Jungfrau es gewollt, so hätte sie eine schwedische Pompadour werden können. Man versprach ihr Macht und Reichtum, einen schönen Palast, herrliche Kleider, ein glänzendes Leben in den höchsten Kreisen. Würde sie solchen Verlockungen widerstehen können? Der königliche Liebhaber war ein fröhlicher, angenehmer, stattlicher Herr. Würde sie wirklich widerstehen können?

Zacharias spielte seine Melodie mit einer Kraft und einem Feuer, das seine Erregung deutlich verriet. Die Vorsehung mußte einen Retter senden; ein ehrlicher finnischer Jüngling mußte mitten unter den verweichlichten Herren des Hofes erscheinen und sie erretten.

Aber so oft Zacharias so weit gekommen war, hatte ihn seine Phantasie im Stich gelassen; es war, als habe sie plötzlich den Weg verloren und könne ihn nicht weiter führen.

Statt dessen warf sie sich auf eine andere der kleinen Erzählungen, die sie über Mathilda zu dichten pflegte: »In einer kleinen finnischen Seestadt wohnte während König Adolf Frederiks Regierung ein reicher, angesehener Kaufmann. Dieser war sehr stolz und herrschsüchtig, und er wollte, daß seine jüngste und schönste Tochter in der Hauptstadt erzogen werde. So gab er sie denn zu einer bekannten Familie in Pension, und das junge Mädchen versuchte sich durch Musik, Tanzstunden und Unterricht in der französischen Sprache die richtige Bildung anzueignen. Aber unterdessen war ihre Schönheit schon bemerkt worden, die jungen Stockholmer Stutzer fingen an, ihr den Hof zu machen, ja, einer von ihnen, ein Grafensohn aus einem der edelsten Geschlechter, schön, vornehm und vollendeter Kavalier, gab sich für einen Harfenspieler aus, und es gelang ihm auch, ihr ein paar Stunden geben zu dürfen.«

Zacharias zuckte zusammen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie diese gefährlichen und verführerischen Stunden enden würden. Aber da erschien Schwester Sofie unter der Tür und rief ihn zum Abendessen. – –

Am zwölften Juli sah er Mathilda endlich auf dem Deck eines Nykarlebyer Schiffes, das langsam in den Hafen hereinglitt. Sie stand mitten unter Salztonnen und Mehlsäcken, erregt und glückstrahlend, vom Kind zur Jungfrau herangewachsen, von einem Kleinstadtmädel in ein Großstadtfräulein verwandelt, geradezu blendend, ja bezaubernd schön.

Als sie an Land gekommen war, wagte sich der arme Zacharias kaum vor, sie zu begrüßen, und während sie von ihren Angehörigen umringt wurde, hielt er sich abseits.

Irrte er sich, oder ließ sie wirklich, während sie den Vater und die Stiefmutter und die Schwester begrüßte, suchend die Blicke umherschweifen, flog trotz des Lachens und der frohen Begrüßung ein Ausdruck unbefriedigter Sehnsucht über ihr Gesicht?

Ob er recht gesehen hatte, er wagte es nicht zu glauben; aber als sie dann auf ihn zueilte und ihm, ohne sich zu besinnen, die Arme um den Hals schlang und ihn küßte, da mußte ja jeder Zweifel schwinden.

Kein blendender junger Prinz, kein galanter König, kein schwärmerischer Junker hatte sie errungen! Noch war sie sein, nur sein!

II.

Draußen in Nykarleby in den Schären liegt eine große, schöne Insel, Alörn genannt. Sie ist reich an Gebüschen und Bäumen, hat herrliche Beerenfelder, prächtige Plätze zum Fischen, allerliebste Buchten und schöne Aussichtspunkte. Solange man zurückdenken kann, haben die Leute von Nykarleby diese Insel als Sommeraufenthalt benutzt. Dorthin sind sie vor der Hitze und den Fliegen in der Stadt entflohen und haben sich da der Ruhe und unschuldigen Vergnügungen hingegeben.

Zu der Zeit, wo Frau Doktor Topelius noch ein junges Mädchen war, stand auf dieser Insel nur ein einziges Haus, aus dicken Balken gezimmert, sonst aber weder mit Brettern verschalt noch tapeziert. In diesem Hause befand sich ein großes, an der Wand festgemachtes Bett, das in zwei Lagen übereinander bis zum Dach hinaufreichte, sowie ein aus Felsblöcken gebauter Herd. Das war die ganze Einrichtung, aber dafür stand das Haus auch den ganzen Sommer über arm und reich offen. Es bot allen Ausflüglern ein gastliches Obdach, wenn es regnete, eine Unterkunft, wenn es stürmte. Da konnte man den zappelnden Barsch kochen und, wenn man auf der Insel übernachten wollte, in einem Bett aus dem allerweichsten Heu schlafen. Mitunter war das Haus gepfropft voll von Menschen, die von Stadt und Land gekommen waren und da höchst einfach und ohne viele Umstände lebten. Sie kochten alle zusammen in großen kupfernen Pfannen Kaffee, sie machten Spiele, sie schliefen auf einem gemeinsamen Strohlager auf dem Fußboden, in den hohen Betten an der Wand aber lagen die Ältesten auf köstlichem Heu. So viel ist sicher, das alte Haus erfüllte seinen Zweck vollständig, und wüßte man heute alle die lustigen Streiche, die fröhlichen Einfälle, alle die Umstände und fröhlichen Veranstaltungen, von denen dieses Haus Zeuge war, dann hätte man wochenlang die schönste Unterhaltung.

Aber im Laufe der Jahre war das Haus von immer weniger Leuten aufgesucht worden. Und das kam daher, weil sich die Städter allmählich eigene kleine Sommerhäuschen auf der Insel gebaut hatten. Sie meinten, es sei auf die Dauer doch gemütlicher, wenn jedes sein eigenes Nest habe, und darin mußte man ihnen ja recht geben. Sonst aber waren auch diese Häuschen äußerst einfach, und das Leben auf der Insel verlief ungefähr gerade so wie einst in der alten Hütte. Man spielte und pflückte Beeren, man ging auf die Jagd nach Seevögeln und fischte, man lag im grünen Gras und faulenzte, man machte Mondscheinpromenaden und bewunderte den langen silbernen Streifen auf dem Wasser, man verkleidete sich und sang schmachtende Lieder zur Gitarre. Oft kam auch ein Besuch aus der Stadt, und dann lud man ihn zu einem ländlichen, einfach zubereiteten Mahle ein, denn da draußen nahm man es mit dem Essen nicht so genau, dahin ging man nur, um auszuruhen und ein gemütliches Leben zu führen.

Die Bewohner von Kuddnäs hatten kein eigenes Sommerhaus auf der Insel, aber sie hatten das Recht, da zu mähen, und manchmal fuhr die ganze Familie hinaus, um die Arbeit zu überwachen. Dann kehrten sie bei Lithéns ein, und auf diese Weise hatte Zacharias eine Ahnung davon bekommen, wie herrlich doch das Leben sein konnte, wenn man so ungezwungen und einfach lebte wie hier auf der Insel.

In dem Sommer, als Mathilda von Stockholm heimkehrte, kam die Frau Doktor Topelius indes auch auf den Gedanken, sich eine Sommerwohnung auf der Insel zu mieten und für einige Monate hinauszuziehen.

Zacharias betrachtete dies als eine besonders gnädige Fügung der Vorsehung. Dadurch konnte er Mathilda mehrere Wochen hindurch jeden Tag sehen. Auf Alörn brauchte man keine Besuche zu machen, oder Gesellschaften zu geben. Hier traf man sich immer: der Wald, die Beeren- und Fischplätze ersetzten die Empfangszimmer. Da bildete man gleichsam eine einzige Familie.

Zacharias war beständig mit seinen Bäschen Rosalie und Mathilda zusammen, und niemand verwunderte sich darüber. Jedermann fand es selbstverständlich, daß er ihren Kavalier spielte. Und er war glücklich, da zu sein, wo Mathilda war. Ihre Nähe warf über das ganze Leben einen hellen Glanz. Ob sie Mondscheinspaziergänge machten oder Erbsen ausschälten, ob er ihr ein schmachtendes Gedicht vorlas oder ihr beim Tellerabtrocknen half, er fand alles gleich himmlisch und hinreißend.

Nicht, daß er jetzt gar keine Angst mehr gehabt hätte; Mathilda wurde seit ihrer Rückkehr von Stockholm allgemein bewundert. Das feine Benehmen, das sie sich angewöhnt hatte, erhöhte ihre Anmut und machte sie geradezu hinreißend; sämtliche junge Herren der Stadt lagen ihr zu Füßen. Sogar der unwiderstehliche Heinrich Backman fing an, ihr den Hof zu machen, und Zacharias sah dies mit klopfendem Herzen, denn wenn Heinrich Mathilda liebte, wollte er sich freiwillig zurückziehen, zwischen ihnen durfte es keinen Wettbewerb geben. Auch Albert Dyhr verliebte sich in die schöne Tochter seines Hausherrn, aber ihm gedachte Zacharias sie nicht abzutreten. Dyhr würde Mathilda niemals glücklich machen. Er war ein ausgezeichneter, tüchtiger Mann, aber zu trocken, zu sehr Zahlenmensch. Außerdem konnte er nie harmlos vergnügt sein. Er störte die Fröhlichkeit des Alörner Kreises fortgesetzt durch seine Eifersucht und Verdrießlichkeit.

Trotz all dieser gelegentlichen Angst konnte sich Zacharias doch nicht verhehlen, daß Mathilda ihn gern hatte. Und er selbst war glückselig verliebt, war im siebenten Himmel.

Aber nicht nur die Liebe zu Mathilda machte das Leben auf der Insel so herrlich.

Wie sehr leicht verständlich ist, spielten sich sowohl zur Zeit des alten, nur aus rohen Balken bestehenden Hauses, als auch späterhin alle Liebesgeschichten der Nykarlebyer hauptsächlich auf der Insel Alörn ab. Da draußen waren so viele glühende Blicke gewechselt, so viele zärtliche Worte gesprochen, so viele Serenaden erklungen, so viele Liebesgedichte vorgetragen worden, daß ein Nachgeschmack, ein Widerhall von alledem in den Bäumen und Sträuchern und dem Dickicht des Waldes zurückblieb. Weder die Winterstürme noch die Regengüsse des Herbstes konnten jenen Duft von Verliebtheit verscheuchen, der die Insel umschwebte. Dieses gewisse Etwas, das die Insel an sich hatte, war in den verschiedenen Zeiten auf die verschiedenste Weise zum Ausdruck gekommen. Es hatte sich bald als übermächtige Lebenslust, bald als schüchternes, läppisches Wesen geoffenbart, und jetzt, um das Jahr 1830 trat es in Gestalt der köstlichsten Schwärmerei und der blauäugigsten Romantik zutage.

Und jetzt war die Liebe zu Mathilda eine Zauberrute, die Zacharias Augen und Sinne geöffnet hatte. Er fühlte das, was in der Luft schwebte, er sah hinein in die Wunderwelt der Romantik, und er fühlte ein Entzücken über die unwirkliche Wirklichkeit um sich her, die er sich zu der Zeit, wo er Schönheit und Abenteuer nur in Büchern suchte, niemals auch nur im Traum hätte vorstellen können. Da sah er die Sommernacht mit Rosen aus dem Hut und goldenen Locken im Walde sitzen, da hörte er König Artus' goldenes Horn im Heckenrosendickicht erklingen, da stand Felicitas, mit einer Krone aus glänzenden Sternen geschmückt, auf einer der Landzungen am Strande und schaute voller Sehnsucht nach ihrem Märchenkönig aus.

O welche Tage, welche Stunden! Zacharias war da von einer flimmernden Luft umgeben, die die Kiefern zu Pinien, die Erlen zu Olivenbäumen machte. In ihrem Lichte wurde das harmloseste Spiel zu einer Heldentat, der Fang des Barsches zu einem Geschenk aus Fortunas Füllhorn. In ihrem Lichte wurden Buchhalter und Studenten zu fahrenden Rittern, und die guten, häuslichen Mädchen aus Nykarleby verwandelten sich in zauberhafte, launische, verführerische, unirdische Wesen. Ja, in ihrem Lichte wurden sogar die kleinen Mathildengeschichten, die während der Sehnsucht der Knabenjahre entstanden waren, mit Traumrosen geschmückt, von Phantasieranken umschlungen, verlängert, erweitert, bis zur Unkenntlichkeit ausgeschmückt und verschönt.

III.

Zacharias saß in dem Universitätsgebäude von Helsingfors und hörte die erste Vorlesung von Professor Rein über finnische Geschichte.

Er hatte den ganzen Winter über das Gefühl gehabt, als könne er nicht aufwachen, nicht bei dem Leben mittun, das sich um ihn her abspielte. Alles in der Hauptstadt kam ihm nichtssagend und wertlos vor. Jetzt hatte er geschmeckt, was das Leben dem Menschen wirklich bieten konnte, er sehnte sich heim nach Nykarleby, um aufs neue solche herrliche Tage zu erleben, in denen die Seele wuchs; und er verwunderte sich immer wieder darüber, daß andere hier Befriedigung und Wohlbehagen fanden. Er sehnte sich fort aus dieser großen Welt, die für ihn nichts bedeutete und zurück in jene kleine Welt, die ihm alles war.

Wieder und wieder prüfte er sich selbst, ob dies alles nicht nur ein Irrtum von ihm sei, ein Irrtum durch die Liebe herbeigeführt. Und doch wußte er, er hatte recht. In Nykarleby, da gab es das, was für ihn das Wichtige, das Notwendige war.

Zu Anfang der Vorlesung hatte er in der gewohnten gleichmütigen Stimmung dagesessen; aber plötzlich merkte er, daß er mit glühendem Interesse auf jedes Wort des Redners lauschte.

Finnlands Schicksale, die Schicksale seines eigenen Vaterlandes wurden ihm zum erstenmal als ein zusammenhängendes Ganzes vor Augen geführt. Früher hatte er sie nur da und dort, in Schwedens Geschichte verflochten, auftauchen sehen.

Bisher war Schweden für ihn immer der mächtige, kluge, unternehmende, ritterlich glänzende Anführer gewesen, Finnland aber nur ein armer Verwandter im Gefolge, einer, dessen Taten nicht erwähnt werden oder nicht mitzählen.

Aber in Professor Reins Vorlesung wurde Finnland zu dem treuen Waffenbruder des glänzenden schwedischen Ritters; still und bedächtig kämpfte der Finne in dem vordersten Glied an der Seite des Schweden, und in seiner unermüdlichen Opferfreudigkeit fing er manchen Hieb auf, der dem mehr in die Augen fallenden der beiden Kämpfer zugedacht gewesen war.

Zacharias war zuerst betroffen über dieses Bild, aber bald nahm er es jubelnd in seine Seele auf. Und als es am Abend still um ihn her wurde, wandelte seine Phantasie nicht auf den gewohnten Wegen. Sie trug ihn nicht in das gelobte Land im Süden und Osten. Sie säte den Roggen auf den Acker von Storkyro, sie hütete das Vieh auf der Wiese zu Limingo, sie segelte auf finnischen Schiffen mit Teer und Eisen beladen über Ålands Meer.

Ja, wahrlich, das war eine herrliche Entdeckung, die er da plötzlich gemacht hatte! Auch in der Geschichte seines eigenen Landes gab es Größe, auch aus ihr konnte die Phantasie Nahrung holen, auch sie zeigte sich in dem blauen Zauberglanz der Romantik, umkränzt von deren goldenen Wolken.

IV.

Endlich wurde es Weihnachten, und Zacharias war wieder daheim auf Kuddnäs.

Bei seiner Rückkehr empfing ihn kein Sommernachtstraum, sondern Schnee und Kälte, kurze Tage, lange Nächte, kahle Bäume, ein zugefrorenes Meer, strenger, unfruchtbarer Winter. Zacharias zitterte fast vor dem ersten Wiedersehen mit Mathilda. Wie würde er die Königin aus der Welt der Sommerträume finden?

Am Tag nach seiner Heimkehr ging er in die Stadt, um sie aufzusuchen. Er fand sie in der Backstube, umgeben von einer Unmenge Würzbroten, Weihnachtsgebäck, dünnen Kuchen und Schmalzgebackenem.

Mit ein wenig Mehlstaub im Haar und auf den Wangen, die schönen Arme bis zum Ellbogen entblößt, einen Abglanz des Feuers auf dem lieblichen Gesicht, mit vor Stolz und Glück strahlenden Augen, weil ihr Teig schön aufging und das Weihnachtsgebäck köstlich duftete.

Die ganze Weihnachtsfreude schlug ihm entgegen, und plötzlich wußte er, daß die Königin seiner sommerlichen Träume nicht verschwunden, sondern im Norden zurückgeblieben war. Sie war noch immer da, trotz Kälte und Dunkelheit, um den Menschen Kraft zu verleihen, den Winter zu ertragen. Sie stand noch ebenso da, wie einstmals, aber unter einem andern Namen. Jetzt war sie die reiche, überschwengliche, gesegnete Königin Weihnachten, die in ihrem Wagen, mit Weihnachtsböcken vorgespannt, Weihnachtsfackeln und Sternenläufer voraus, des Weges gefahren kam und Geschenke und freundliche Worte, Licht und Brennmaterial, Friede und Freude mit vollen Händen austeilte.

Als Zacharias heimgehen mußte, schlang Mathilda beide Arme um seinen Hals, und dabei hinterließen natürlich ihre zehn mehligen Finger auf seinem Rücken ihre Spuren.

Die Mädchen wollten seinen Rock abbürsten. Aber nein! Das durfte um keinen Preis geschehen. Ganz Nykarleby sollte wissen, daß eine Tochter der Stadt ihn umarmt hatte.

Den Rock voller Mehl und die Seele voller Romantik, die sich in der langen Winternacht seit den Tagen seiner Kindheit angesammelt hatte, kehrte Zacharias nach Kuddnäs zurück.

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