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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
projectid86722fd8
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6. Kapitel.

Sokrates vertheidigt sich gegen Antiphon, welcher ihn wegen seiner Lebensweise und wegen seines Principes, kein Geld von seinen Schülern zu nehmen, lächerlich zu machen sucht.

1. Es ist aber auch billig, seine Unterredung mit dem Sophisten Antiphon Ein Sophist aus Kreta, nicht zu verwechseln mit dem Redner gleichen Namens aus Rhamnus. nicht zu übergehen. Da nämlich dieser Antiphon die Absicht hatte, dem Sokrates seine Schüler abwendig zu machen, kam er einmal zu Sokrates und sprach in deren Gegenwart folgendes:

2. Ich für meine Person, Sokrates, war der Meinung, die Philosophie müsse die Menschen glückseliger machen; du aber scheinst mir von der Philosophie gerade das Gegentheil gewonnen zu haben. Du lebst wenigstens so, wie es kaum ein Sklave unter einem Herren aushalten würde: du ißt die schlechtesten Speisen und trinkst die schlechtesten Getränke; du trägst nicht nur einen schäbigen Mantel, sondern auch denselben im Sommer und im Winter, und immer gehst du ohne Schuhe und Unterkleid.

3. Auch Geld nimmst du nicht an, das doch nicht nur, wenn man es erwirbt, Freude bereitet, sondern auch, wenn man es erworben hat, in den Stand setzt, freier und angenehmer zu leben. Wenn nun, wie ja die Lehrer in den übrigen Fächern ihre Schüler zu Nachahmern von sich machen, auch du deine Freunde dazu anhältst, so glaube nur, daß du ein Lehrer eines Jammerlebens bist.

4. Hierauf erwiderte Sokrates: du scheinst mir, Antiphon, mein Leben dir so jammervoll vorzustellen, daß ich die Ueberzeugung habe, du würdest lieber sterben, als so wie ich leben. Wohlan, laß uns also sehen, was du unerträgliches an meinem Leben gefunden hast.

5. Besteht es etwa darin, daß die andern, welche Geld nehmen, genöthigt sind, die Arbeit, wofür sie Lohn bekommen, abzuarbeiten, ich aber, da ich keines nehme, auch nicht nöthig habe, mit einem Gespräche zu führen, mit welchem ich nicht will? Oder findest du meine Lebensweise schlecht, als ob ich weniger Gesundes und weniger Nahrhaftes äße als du? Oder sind meine Nahrungsmittel schwerer als die deinigen aufzutreiben, weil sie seltener und kostbarer sind? Oder schmecken dir die, welche du dir angeschafft hast, besser, als mir die, welche ich mir anschaffe? Weißt du nicht, daß jemand, je besser ihm das Essen schmeckt, um so weniger feinerer Speisen bedarf, und je besser ihm das Trinken schmeckt, um so weniger nach einem Tranke verlangt, der nicht zur Stelle ist?

6. Und was die Mäntel anlangt, so weißt du, daß diejenigen, welche sie wechseln, es der Kälte und der Wärme wegen thun, und Schuhe zieht man an, damit man nicht durch Gegenstände, die den Füßen wehe thun, am Gehen verhindert werde. Hast du nun schon einmal bemerkt, daß ich entweder wegen der Kälte mehr als ein anderer zu Hause bleibe, oder wegen der Hitze mit einem um den Schatten gestritten hätte, oder weil mir die Füße wehe thun, nicht gehe, wohin ich will?

7. Weißt du nicht, daß die, welche von Natur die körperlich Schwächsten sind, in dem, worin sie sich üben, durch diese Uebung kräftiger werden als die Stärksten, wenn diese es an der Uebung fehlen lassen, und daß sie das Beschwerliche darin leichter ertragen? Und von mir glaubst du nicht, daß ich, da ich mich stets übe, mit dem Körper das ihm Zustoßende zu ertragen, alles leichter ertrage als du, wenn du dich nicht übst?

8. Daß ich aber nicht ein Sklave des Bauches, des Schlafes und der Wollust bin, meinst du, daran sei etwas anderes mehr Schuld, als daß ich anderes, angenehmeres habe, das nicht nur während des Genusses Freude bereitet, sondern auch dadurch, daß es die Aussicht eröffnet, es werde stets nützlich sein? Und das wenigstens weißt du doch, daß zwar diejenigen, welche in nichts glücklich zu sein glauben, nicht froh sind, diejenigen aber, welche glauben, daß ihnen entweder ihr Landbau oder ihre Schifffahrt oder sonst ein Gewerbe gut von Statten geht, sich für glücklich halten und fröhlich sind.

9. Meinst du nun, dies alles mache so viel Vergnügen, als wenn man nicht nur selbst besser zu werden, sondern auch seine Freunde besser zu machen glaubt? (Ich nun glaube dieses stets von mir.) Die eingeklammerten Worte rühren jedenfalls nicht von Xenophon her. Wenn man aber ferner dem Staate oder Freunden nützen soll, welcher von beiden möchte dann mehr Zeit hierzu haben, der, welcher so lebt, wie ich jetzt, oder der, welcher so lebt, wie du es preisest? Welcher von beiden würde ferner leichter als Feldherr in den Krieg ziehen, der, welcher ohne eine reich besetzte Tafel nicht leben kann, oder der, welcher mit dem, was zur Stelle ist, zufrieden ist? Welcher von beiden dagegen würde schneller durch eine Belagerung zur Uebergabe gezwungen werden, der, welcher immer Dinge nöthig hat, die nur mit größter Mühe beizubringen sind, oder der, welcher mit dem zufrieden ist, was man ohne alle Mühe antrifft?

10. Es scheint, Antiphon, du suchst die Glückseligkeit in Ueppigkeit und Wohlleben; ich dagegen glaube, nichts bedürfen sei göttlich, und so wenig als möglich Bedürfnisse zu haben, dem Göttlichsten am nächsten; und das Göttliche sei das Beste, was aber dem Göttlichen am nächsten komme, das komme dem Besten am nächsten.

11. Als sich Antiphon ein anderes Mal wieder mit Sokrates unterredete, sagte er: Ich halte dich, Sokrates, zwar für einen rechtlichen Mann, aber nicht im geringsten für weise. Du scheinst mir aber auch selbst dieser Ansicht zu sein; du nimmst wenigstens von keinem Geld für deinen Unterricht; und doch würdest du gewiß deinen Mantel oder dein Haus oder sonst etwas von deinen Besitzthümern, wenn du glaubtest, daß es Geld werth sei, keinem, ich will gar nicht sagen, umsonst geben, sondern nicht einmal unter dem Werthe.

12. Es ist also offenbar, daß du auch für deinen Umgang, wenn du glaubtest, daß er etwas werth ist, nicht weniger Geld fordern würdest, als er werth wäre. Rechtlich also magst du immerhin sein, weil du keinen betrügst, um dich zu bereichern, weise aber nicht, weil du ja nur weißt, was keinen Werth hat.

13. Hierauf erwiderte Sokrates: Bei uns, Antiphon, gilt die Ansicht, daß man von der Schönheit wie von der Weisheit einen ehrenwerthen wie schimpflichen Gebrauch machen kann. Wenn einer seine Schönheit jedem Beliebigen für Geld verkauft, so nennt man ihn einen Hurenbock; wenn aber einer einen solchen, von dem er weiß, daß er ein rechtschaffener Liebhaber ist, sich zum Freunde macht, so halten wir den für ehrbar. Ebenso ist es mit der Weisheit: die, welche sie für Geld an jeden Beliebigen verkaufen, heißen Sophisten (gleichsam Hurenböcke); wer aber denjenigen, von dem er weiß, daß er gut beanlagt ist, alles Gute lehrt, was er weiß und ihn dadurch sich zum Freunde macht, von dem glauben wir, daß er das thue, was einem edlen und rechtschaffenen Bürger ziemt.

14. Ich selbst wenigstens habe, Antiphon, wie ein anderer an einem guten Pferde, oder einem Hunde, oder einem Vogel Gefallen hat, so und noch mehr Gefallen an rechtschaffenen und edlen Freunden; und wenn ich etwas Gutes weiß, so lehre ich sie es und befreunde sie mit anderen, von denen ich glaube, daß sie von ihnen hinsichtlich der Tugend gewinnen können. Auch die Schätze alter weiser Männer, welche diese in ihren Schriften hinterlassen haben, rolle ich auf und gehe sie gemeinschaftlich mit meinen Freunden durch; und wenn wir etwas Gutes antreffen, so nehmen wir es uns heraus und halten es für einen großen Gewinn, wenn wir einander nützlich werden.

Mir nun schien er, als ich dieses hörte, nicht nur selbst glückselig zu sein, sondern auch seine Zuhörer zur Rechtschaffenheit zu führen.

15. Und als ihn Antiphon wieder einmal fragte, wie es denn komme, daß er zwar andere zu tüchtigen Staatsmännern zu machen glaube, sich selbst aber nie an den Staatsgeschäften betheilige, wenn anders er sich darauf verstehe, antwortete er: Auf welche Weise, Antiphon, dürfte ich denn die Staatsgeschäfte mehr betreiben, wenn ich allein daran theilnehme, oder wenn ich es mir angelegen sein lasse, recht viele tüchtig zu machen, daran teilzunehmen?

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