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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 39
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
projectid86722fd8
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7. Kapitel.

Sokrates belehrt seine Freunde darüber, in wieweit sie Geometrie, Astronomie, Rechenkunst u. a. zu treiben haben.

1. Daß Sokrates seine Meinungen seinen Schülern offen mittheilte, das scheint mir aus dem Bisherigen klar zu sein, daß er sie aber auch in den obliegenden Geschäften zu größerer Selbstständigkeit auszubilden suchte, das will ich jetzt erzählen. Von allen, die ich kenne, war keiner so bemüht, wie er, die Kenntnisse jedes einzelnen seiner Schüler zu erforschen und von dem, was ein braver und edler Mann wissen muß, so bereitwillig ihnen mitzutheilen, was er nur selbst wußte. Hinsichtlich dessen aber, worin er selbst nicht hinreichend erfahren war, wies er sie an solche, die sich darauf verstanden. –

2. Namentlich belehrte er sie darüber, wie weit ein wahrhaft gebildeter Mann mit jedem Gegenstande vertraut sein mußte. Die Geometrie z.B. müsse man soweit treiben, daß man fähig sei, wenn es darauf ankäme, ein Stück Land richtig zu vermessen, zu übernehmen, zu übergeben, zu vertheilen oder die Nichtigkeit der Vermessung zu bezeugen. Das sei aber so leicht zu erlernen, daß man nur bei einer Vermessung Obacht geben dürfe, um nicht nur die Größe des Grundstückes, sondern auch die Art und Weise, wie gemessen werde, zu bestimmen. –

3. Dagegen die Geometrie bis zu schwer verständlichen Figuren zu treiben, mißbilligte er sehr. Er sagte, er sehe nicht ein, wozu dieses nützen sollte; Gar manche Primaner mögen dies gewiß auch nicht einsehen und das Urtheil des Sokrates mit Freuden unterschreiben. – Vor mehreren Jahren machten sechs Primaner, die in allen Gegenständen außer Mathematik Gutes leisteten, ihr Examen und bestanden es trotz der kläglichen Leistungen in der Mathematik. Als sie entlassen waren, schickten sie ihrem ehemaligen Lehrer der Mathematik diese Stelle, kalligraphisch im Urtext und in der Uebersetzung angefertigt, per Post ins Haus. zwar war er selbst nicht unerfahren darin, aber er meinte, solche Untersuchungen nähmen ein ganzes Menschenleben in Anspruch, und man werde dadurch von vielen andern nützlichen Kenntnissen abgehalten.

4. Auch empfahl er, sich mit der Sternkunde bekannt zu machen, jedoch auch mit ihr nur so weit, bis man im Stande sei, die Zeit der Nacht, des Monats und des Jahres zu erkennen, um bei Reisen zu Wasser und zu Lande, beim Nachtdienst und allen übrigen Geschäften, welche nächtlich, monatlich oder jährlich verrichtet werden, sich danach richten zu können. Auch dies könne man leicht lernen von den Nachtjägern, Steuermännern und vielen andern, die sich damit abgeben.

5. Dagegen die Astronomie bis zur Bekanntschaft auch mit denjenigen Himmelskörpern, welche ihre Lage gegen die übrigen verändern, bis zur Kenntnis der Planeten und der nur ab und zu erscheinenden Gestirne zu treiben und die Zeit mit Untersuchungen über ihre Entfernungen, Bewegungen und die Ursachen derselben hinzubringen, davor warnte er auf das nachdrücklichste, denn er könne dabei, sagte er, keinen Nutzen absehen. Und doch war er auch hiermit nicht unbekannt; Der Lehrer des Sokrates in der Astronomie soll Archelaos, Schüler des Anaxagoras, gewesen sein. aber er meinte, auch dieses sei im Stande, ein ganzes Menschenleben in Anspruch zu nehmen und von vielem Nützlichen abzuhalten.

6. Ueberhaupt warnte er vor Grübeleien über die Art und Weise, wie die Gottheit jede der himmlischen Erscheinungen eingerichtet habe; er hielt es für ebenso unmöglich, daß die Menschen dies ergründen können, als er daran zweifelte, daß die Götter daran Gefallen finden würden, wenn man herauszubringen suche, was sie selbst zu offenbaren nicht für gut befunden haben. Man laufe auch Gefahr, meinte er, wenn man über solche Dinge sich den Kopf zerbreche, Unsinn zu reden, wie auch Anaxagoras Anaxagoras von Klazomenä, ein Philosoph der Ionischen Schule, Zeitgenosse und Lehrer des Perikles. Unsinn geredet habe, er doch am meisten sich darauf etwas zu gute gethan habe, daß er die göttliche Wirkungsweise erklärt habe.

7. Denn dieser habe behauptet, Sonne und Feuer seien gleichartig, und nicht bedacht, daß die Menschen das Feuer zwar mit Leichtigkeit ansehen, aber in die Sonne nicht hineinschauen können, und daß man von der Sonne gebräunt werde, vom Feuer hingegen nicht. Auch das habe er nicht bedacht, daß auch die Gewächse der Erde ohne Sonnenschein nicht wohl gedeihen können, während sie vom Feuer erhitzt alle verderben. Ferner habe er behauptet, daß die Sonne ein feurig durchglühter Stein sei, ohne daran gedacht zu haben, daß ein Stein im Feuer weder leuchte, noch auch lange Zeit sich halte, während die Sonne unaufhörlich als der leuchtendste Körper dastehe.

8. Auch die Rechenkunst Von höherer Arithmetik ist hier nicht die Rede. hieß er lernen, doch auch hierin, wie in den andern Gegenständen, rieth er, sich vor unnützen Weitläufigkeiten zu hüten. Alles, soweit es von Nutzen war, untersuchte und erklärte er vor seinen Freunden und ging es mit ihnen durch.

9. Auch die Sorge für die Gesundheit empfahl er seinen Freunden sehr, und rieth ihnen, sowohl bei Sachverständigen allen möglichen Aufschluß zu suchen, als auch selbst unablässig zu beobachten, welche Speise, welches Getränk, oder welche Arbeit ihnen von Nutzen sei, und bei welchem Gebrauche derselben sie am gesundesten lebten. Wer so auf sich selbst Acht gebe, könne so leicht nicht einen Arzt finden, welcher das seiner Gesundheit Vorteilhafte besser wüßte [als er selbst]. Unecht.

10. Wenn aber jemand in Dingen, welche menschliches Wissen übersteigen, einen nützlichen Rath haben wollte, so rieth er ihm, sich um die Weissagekunst zu kümmern; denn wer da kenne, wodurch die Götter den Menschen über ihre Angelegenheiten Andeutungen geben, der werde nie von dem Rathe der Götter verlassen sein.

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