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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 37
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
projectid86722fd8
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5. Kapitel.

Sokrates bildete seine Freunde theils durch sein Beispiel theils durch Belehrung zur Selbstbeherrschung, um sie für das Leben tüchtiger zu machen (Gespräch mit dem schon aus dem Vorigen bekannten Euthydemos).

1. Daß er aber auch seine Freunde zu brauchbaren Menschen für das praktische Leben bildete, davon soll jetzt die Rede sein. In der Ueberzeugung, daß Selbstbeherrschung für denjenigen, der etwas Tüchtiges leisten wolle, von großem Nutzen sei, gab er zuerst an sich selbst seinen Freunden das Muster eines vor allem andern abgehärteten Mannes, sodann aber suchte er auch in seinen Gesprächen seine Freunde vor allem auf die Selbstbeherrschung hinzuweisen.

2. Immer nun war er selbst des der Tugend Förderlichen eingedenk und erinnerte seine Freunde daran; ich weiß, daß er einmal mit Euthydemos folgendes Gespräch über die Selbstbeherrschung führte:

Sage mir, Euthydemos, glaubst du, daß die Freiheit für den einzelnen Menschen wie für den ganzen Staat ein herrliches Gut ist? – Ich kenne keins, das höher stände. –

3. Glaubst du nun, das sei ein Freier, der von den sinnlichen Lüsten sich beherrschen und abhalten läßt, das Beste zu thun? – Keineswegs, sagte Euthydemos. – Vielleicht scheint dir eben die Freiheit darin zu bestehen, das Beste zu thun, und hältst es für Unfreiheit, jemanden zu haben, der uns daran verhindert? – Durchaus, ja. –

4. Hältst du nun durchaus diejenigen für unfrei, die sich selbst nicht beherrschen können? – Ja, natürlich. – Glaubst du aber, daß die, welche sich selbst nicht beherrschen können, nicht nur abgehalten werden, das Beste zu thun, sondern daß sie auch gezwungen werden, das Schimpflichste zu thun? – Es scheint mir, sagte Euthydemos, daß das Eine so gut wie das Andere geschieht. –

5. Was meinst du aber, mögen das für Herren sein, welche einen vom Besten abhalten und zum Schlechtesten nöthigen? – Das sind in der That die Schlechtesten, die es nur geben kann. – Und welche Sklaverei scheint dir die schlimmste zu sein? – Die bei den schlechtesten Herren. – So leben also diejenigen, sagte Sokrates, in der schlimmsten Sklaverei, welche sich selbst nicht beherrschen können? – So scheint es mir. –

6. Glaubst du nun nicht auch, daß die Unenthaltsamkeit den Menschen das größte Gut, die Weisheit, nimmt und sie dafür ins Gegentheil stürzt? Findest du nicht, daß sie den Menschen davon abhält, seinen Sinn darauf zu richten, nach dem Nützlichen zu trachten, indem sie ihn zu Genüssen fortreißt, ja ihn sogar, wenn er weiß, was gut und böse ist, durch eine wahre Uebertäubung dahin bringt, statt des Besseren das Schlechtere zu wählen? – Ja das kommt vor. –

7. Bei wem möchte man ferner, Euthydemos, Besonnenheit weniger finden, als bei dem Genußsüchtigen? Die Aeußerungen der Besonnenheit und der Genußsucht sind ja das gerade Gegentheil von einander. – Auch das gestehe ich ein. – Und meinst du, daß etwas den Menschen mehr von der Erfüllung seiner Pflichten abhalten kann, als Genußsucht? – Nichts in der That. – Kann es aber für den Menschen etwas Schlimmeres geben, als das, was ihn veranlaßt, das Schädliche dem Nützlichen vorzuziehen, was ihn verleitet, für jenes Sorge zu tragen, dieses hingegen außer Acht zu lassen und was ihn nöthigt, das Gegentheil von dem zu thun, was Besonnene thun? – Unmöglich. –

8. Muß aber nicht die Selbstbeherrschung natürlich gerade die entgegengesetzte Wirkung auf den Menschen haben? – Gewiß. – Muß also auch nicht das, was die entgegengesetzte Wirkung hat, das Beste sein? – Ganz natürlich. – So scheint denn also, Euthydemos, die Selbstbeherrschung für den Menschen das Beste zu sein? – Natürlich, sagte Euthydemos. –

9. Hast du aber auch schon einmal, Euthydemos, hierüber nachgedacht? – Worüber? – Daß gerade das Vergnügen, das Einzige, was die Genußsucht dem Menschen zu gewähren scheint, durch sie nicht erreicht werden kann? Daß vielmehr die Selbstbeherrschung das größte Vergnügen gewährt? – Wie so? – Die Genußsucht läßt uns weder Hunger noch Durst, noch Liebesbedürfnis noch Schlaflosigkeit ausstehen, durch die uns doch allein erst das Essen und Trinken, der Liebesgenuß, Ruhe und Schlaf süß und angenehm wird, sofern wir warten und uns gedulden, bis das Verlangen nach diesen Dingen den höchsten Grad erreicht hat, und so hält sie uns ab, an der Befriedigung der notwendigsten und bleibendsten Bedürfnisse einen nennenswerthen Genuß zu haben. Die Selbstbeherrschung dagegen allein bewirkt in uns, die angeführten Triebe zu unterdrücken und sie bereitet uns einen wahren und bleibenden Genuß. – Das ist durchaus wahr. –

10. Aber ferner etwas Schönes und Gutes zu lernen und für das zu sorgen, wodurch man seinen Körper schön und tüchtig machen, sein Hauswesen in besseren Stand sehen, Freunden und dem Staate nützlich sein und die Feinde besiegen kann, lauter Dinge, aus denen nicht nur die größten Vortheile, sondern auch die reinsten Freuden entstehen: auch hieraus erwächst dem, welcher sich zu beherrschen weiß, weil er es sich angelegen sein läßt, reicher Gewinn, während der Genußsüchtige keinen Theil daran hat. Denn wer könnte wohl weniger Nutzen und Vergnügen davon haben, als der, welchem es am wenigsten möglich ist, diese Dinge zu betreiben, weil er nur davon in Anspruch genommen ist, auf die ihm zunächst liegenden Genüsse loszugehen? –

11. Du scheinst mir, sagte Euthydemos, sagen zu wollen, daß ein Mann, der sich von sinnlichen Genüssen beherrschen lasse, durchaus aller Tugend bar sei. – Denn worin, sagte Sokrates, unterscheidet sich ein Mensch, der gar keine Gewalt über sich hat, von dem unverständigsten Thiere? Wer das Beste gar nicht ansieht und immer nur das Angenehmste auf jede Weise zu thun sucht, wie dürfte sich der von dem unvernünftigen Vieh unterscheiden? Nur dem, welcher sich selbst beherrscht, ist es möglich, beim Handeln das Beste ins Auge zu fassen, alles nach Gattungen zu sondern und in Wort und That das Gute zu wählen, das Böse hingegen zu fliehen.

12. Auf diese Weise, meinte Sokrates, könnten die Menschen am tugendhaftesten, glücklichsten und am tüchtigsten in der Kunst des Auseinandersetzens werden. Der Ausdruck »Auseinandersetzen«, sagte er, komme eben daher, daß man bei gemeinschaftlichen Berathungen die Gegenstände nach Gattungen auseinandersetze. Man müsse also mit allen Kräften sich befleißigen, sich hierin tüchtig zu machen und hierfür in erster Linie zu sorgen, denn hieraus würden die besten Männer, die geschicktesten Herrscher und die besten Redner gebildet.] Der Inhalt dieses Paragraphen ist so matt und nichtssagend, daß ich ihn für unecht halte.

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