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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 34
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
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2. Kapitel.

Ich kann mich nicht davon überzeugen, daß dieser Abschnitt ein Kapitel für sich bilden solle, denn dem Inhalte nach hängt er unzertrennlich mit dem vorigen zusammen. Jetzt nämlich zeigt Sokrates an dem Beispiele des Euthydemos, der auch zu denen gehörte, die sich etwas auf ihr Wissen einbildeten, und der ohne die Hilfe eines Lehrers die Staatskunst zu wissen sich rühmte, daß es viele gebe, die alles zu wissen meinten, aber nichts wüßten, und daß sie keineswegs des Unterrichtes, durch den eine gründliche Sachkenntnis gewonnen werde, entbehren könnten. Je schwieriger die Staatskunst ist, mit um so größerem Eifer muß sie erlernt werden.
Um jedoch keine Confussion in der althergebrachten Kapitel- und Paragrapheneintheilung zu verursachen, habe ich mich, wenn auch mit schwerem Herzen, entschlossen, der alten Eintheilung treu zu bleiben.

Unterredung mit Euthydemos, Derselbe wie I, 2. der den im vorigen Kapitel angeführten Fehler hatte. Sokrates führt ihn zur Kenntnis seiner Unwissenheit. Der Hauptgedanke dieses Gespräches ist: Jede Kenntnis muß auf Selbsterkenntnis beruhen; erkenne dich selbst, γνωθι σεαυτον.

1. Wie sich aber Sokrates gegen diejenigen benahm, welche die beste Bildung genossen zu haben glaubten und auf ihre Weisheit sich etwas einbildeten, das will ich jetzt erzählen.

Er wußte, daß Euthydemos, mit dem Beinamen der Edle, eine große Menge Schriften der berühmtesten Dichter und Sophisten sich gesammelt habe und schon deswegen glaubte, an Weisheit seine Altersgenossen zu übertreffen und sich große Hoffnung machte, in der Kunst des Redens und Handelns alle andern zu überholen. Er hatte ferner gehört, daß Euthydemos, weil ihm wegen seiner Jugend der Zutritt zu den Versammlungen noch nicht gestattet war, in einer Sattlerwerkstätte in der Nähe des Versammlungsortes sich aufhalte, wenn er etwas durchsetzen wollte. Dahin ging er denn auch mit einigen von seinen Freunden.

2. Und zuerst nun fragte jemand, ob Themistokles durch den Verkehr mit einem Weisen oder durch eigene natürliche Begabung so sehr vor seinen Mitbürgern sich ausgezeichnet habe, daß auf ihn der Staat hinblickte, wenn er einen energischen Mann gebrauchte. Sokrates sagte nun, um den Euthydemos herauszufordern, es sei ja einfältig zu glauben, daß man zwar in den unbedeutenderen Künsten ohne gute Lehrer nie zu etwas Rechtem es bringen könne, daß hingegen die Leitung des Staates, die größte von allen Künsten, den Menschen von selbst komme.

3. Ein ander Mal, als Euthydemos wieder zugegen war, sah Sokrates, wie derselbe die Gesellschaft mied und geflissentlich allen Anschein vermied, als ob er ihn um seine Weisheit bewunderte. Sokrates sagte daher zu den anderen, daß dieser Euthydemos hier, wenn er das gehörige Alter erreicht haben wird, bei Aufforderungen seitens des Staates nicht unterlassen wird, einen Rath zu geben, ist aus dem, was er treibt, klar. Er scheint mir übrigens schon auf eine schöne Einleitung zu seinen Volksreden bedacht zu sein, denn er ist gar sehr besorgt, ja nicht das Ansehen zu haben, als ob er von irgend einem etwas lerne. Offenbar wird er bei seinem ersten Auftreten so anfangen:

4. »Zwar von keinem Menschen, ihr Athener, habe ich jemals irgend was gelernt, noch mich, wenn ich von tüchtigen Rednern und Staatsmännern hörte, nach ihrem Umgang gesehnt, auch niemals Sorge getragen, mir aus der Zahl der Sachverständigen einen Lehrer zu suchen, sondern gerade das Gegentheil that ich: ich habe mich stets davor gehütet, von jemandem etwas zu lernen, selbst den Schein des Lernens habe ich vermieden. Was mir jedoch von selbst in den Sinn kommt, will ich euch nicht vorenthalten.«

5. Es würde aber ein solcher Eingang sich auch für solche passen, die von der Stadt das Amt eines Arztes zu erhalten wünschten. Ein solcher würde zweckmäßig seine Rede so eröffnen: »Zwar von keinem Menschen, ihr Athener, habe ich die Heilkunde erlernt, auch mir nie einen Lehrer gesucht, denn ich habe mich stets auch vor dem Scheine gehütet, diese Kunst gelernt zu haben, geschweige denn davor, wirklich etwas von Aerzten zu lernen. Nichtsdestoweniger aber macht mich zu eurem Arzte, denn ich werde mir alle Mühe geben, durch Versuche an euch zu lernen.« Alle Anwesenden lachten über diesen Eingang. –

6. Euthydemos aber schenkte nun sichtbarlich den Reden des Sokrates Gehör, aber noch hütete er sich sehr, selbst etwas zu sagen, und glaubte, durch sein Schweigen sich den Schein von Besonnenheit zu geben. Da sagte Sokrates, um ihn auch hiervon abzubringen, folgendes: Es ist sonderbar, daß diejenigen, welche die Zither spielen, die Flöte blasen, reiten oder sonst etwas Derartiges gehörig lernen wollen, die Fertigkeit, in welcher sie etwas Tüchtiges leisten wollen, fortwährend üben, und nicht etwa für sich allein, sondern unter der Leitung derer, die für die größten Lehrmeister darin gelten, indem sie alles sich gefallen lassen, um nur nichts gegen die Ansicht dieser zu thun, als ob sie es auf andere Weise zu nichts bringen könnten; und daß dagegen von denen, welche tüchtige Redner und Staatsmänner werden wollen, einige der Meinung sind, sie könnten ohne Vorbereitung und Uebung mit einem Male hierin etwas Tüchtiges leisten.

7. Und doch sind diese Künste so ungleich schwerer als jene, daß, wenn sie auch weit mehr Liebhaber finden, dennoch die Anzahl derer, welche ihrer mächtig werden, weit geringer ist als bei den übrigen. Offenbar also bedürfen die hiernach Strebenden einer fleißigeren und anstrengenderen Uebung als jene.

8. Anfangs nun führte Sokrates nur solche Reden, indem Euthydemos bereits wenigstens zuhörte. Als er aber merkte, daß jener, wenn er (Sokrates) sprach, aufmerksamer war und bereitwilliger Stand hielt, kam er nunmehr allein in die Sattlerwerkstätte. Euthydemos setzte sich zu ihm und Sokrates begann:

Sage mir, Euthydemos, hast du wirklich, wie ich höre, so viele Werke von den als weise geltenden Männern gesammelt? Ja wohl, Sokrates, und ich setze die Sammlung noch fort, bis ich so viel als nur immer möglich beisammen habe. –

9. Bei der Hera, sagte Sokrates, ich zolle dir meine Achtung, daß du nicht lieber nach Schätzen von Gold und Silber trachtest, als nach Schätzen der Weisheit. Offenbar bist du der Ansicht, daß Gold und Silber die Menschen nicht besser machen, wohl aber die Lehren weiser Männer diejenigen, welche sie besitzen, mit Tugend bereichern. –

Euthydemos war voller Freude, dies zu hören, und glaubte, Sokrates meine, die Art, wie er sich der Weisheit befleißige, sei die richtige.

10. Als Sokrates nun bemerkte, daß dies Lob ihm schmeichelte, fuhr er fort: Was bezweckst du denn damit, daß du dir diese Schriften sammelst? – Euthydemos schwieg und besann sich auf eine Antwort. – Da fragte Sokrates weiter: Doch nicht etwa ein Arzt? Denn auch von Aerzten giebt es viele Schriften. – Nein, wahrhaftig, sagte Euthydemos, ein Arzt nicht. – Aber vielleicht ein Baumeister? Denn auch dies erfordert einen belesenen Mann. – Keineswegs. – Oder willst du ein tüchtiger Geometer werden, wie Theodoros? Theodoros aus Kyrene, Lehrer des Sokrates in der Geometrie. – Auch nicht ein Geometer. – Oder ein Sternkundiger? – Als er auch dies verneinte, fragte Sokrates: Aber doch ein Rhapsode? Die Rhapsoden waren Leute, welche sich mit dem Vortrage berühmter Dichtungen, namentlich des Homer, beschäftigten. Uebrigens findet sich dasselbe Urtheil über sie auch Symposion III, 6, wo Antisthenes fragt: »Kennst du wohl ein einfältigeres Volk als die Rhapsoden?« Indessen muß man solch ein Urtheil nur für die Zeit des Sokrates gelten lassen, wo sie die Homerischen Gesänge allerdings ohne Verständnis herplapperten; in früheren Zeiten standen sie in großen Ehren. Denn du sollst ja auch Homers Gedichte alle besitzen. – Nein, gewiß nicht, erwiderte jener; die Rhapsoden haben zwar die Gedichte ganz genau im Kopfe, sie selbst aber sind ganz einfältige Menschen. –

11. Nun, fuhr Sokrates fort, du wirst doch wohl nicht etwa nach jener Vollkommenheit streben, welche einen zu dem Berufe eines Staatsmannes, Verwalters und Herrschers befähigt und in den Stand setzt, sich und andern nützlich zu werden? – Allerdings, sagte Euthydemos, strebe ich nach dieser Vollkommenheit. – In der That, sagte Sokrates, da strebst du nach der schönsten Vollkommenheit und der größten aller Künste: es ist dies die Kunst der Könige und sie wird deshalb die königliche genannt. Hast du aber wohl erwogen, ob es möglich ist, hierin etwas Tüchtiges zu leisten, ohne gerecht zu sein? – Freilich habe ich dies erwogen; kann man doch ohne Gerechtigkeit nicht einmal ein guter Bürger sein. –

12. Nun, bist du bei dir damit schon im Klaren? – Ich glaube wenigstens, Sokrates, in der Gerechtigkeit keinem nachzustehen. – Haben die Gerechten nicht auch ihre bestimmten Verrichtungen, wie z. B. die Zimmerleute? – Allerdings, sagte Euthydemos. – Können nun auch, wie die Zimmerleute ihre Verrichtungen aufzeigen können, so auch die Gerechten die ihrigen aufzeigen? – Meinst du etwa, sagte Euthydemos, ich soll die Aeußerungen der Gerechtigkeit nicht angeben können? Ich will dir sogar die der Ungerechtigkeit noch dazu nennen, denn die kann man tagtäglich in Menge sehen und hören. –

13. So wollen wir denn, sagte Sokrates, wenn es dir gefällt, auf die eine Seite ein G, auf die andere aber ein U setzen, und was uns dann eine Aeußerung der Gerechtigkeit zu sein scheint, soll unter G, hingegen das, was wir zur Ungerechtigkeit rechnen, unter U gesetzt werden. – Wenn du meinst, daß wir das nöthig haben, dann mach es so. –

14. Als Sokrates nun die angeführten Buchstaben geschrieben hatte, sagte er: Findet sich nicht unter den Menschen die Lüge? – Allerdings. – Auf welche Seite setzen wir sie? – Natürlich unter die Ungerechtigkeit. – Findet sich nicht auch der Betrug? – Ja wohl. – Wohin setzen wir den? – Versteht sich, ebenfalls unter die Ungerechtigkeit. – Ferner die Mißhandlung? – Ebenfalls. – Und daß sie einander in Sklaverei verkaufen? – Auch dies. – Unter die Gerechtigkeit aber soll nichts hiervon kommen, Euthydemos? – Das wäre doch schlimm, sagte jener. –

15. Doch, wenn einer als Feldherr die Einwohner einer feindlichen Stadt, die uns Unrecht zugefügt hat, als Sklaven verkauft, können wir das ungerecht nennen? – Keineswegs. – Müssen wir es vielmehr nicht gerecht nennen? – Allerdings. – Und wenn er sie im Kriege betrügt? – Auch das ist gerecht. – Und wenn er ferner das Eigenthum des Feindes mit List und Gewalt nimmt, wird er dann nicht gerecht handeln? – Allerdings, antwortete Euthydemos; aber ich verstand dich anfangs so, als ob du diese Fragen nur in Bezug auf die Freunde stelltest. – Demnach müßten wir also alles, sagte Sokrates, was wir unter die Ungerechtigkeit gesetzt haben, auch unter die Gerechtigkeit setzen? – Es scheint so, sagte Euthydemos. –

16. Willst du nun, sagte Sokrates, nachdem wir dies so hingestellt haben, daß wir wiederum eine Scheidung eintreten lassen, nämlich gegen die Feinde seien solche Handlungen gerecht, gegen Freunde aber nicht; gegen diese müsse man vielmehr so offen als möglich sein? –

17. Ja wohl, sagte Euthydemos. – Nun gut; wenn ein Feldherr merkt, daß seine Soldaten keinen Muth haben, und er schwatzt ihnen vor, daß Reservetruppen im Anzuge seien, und flößt durch diese Lüge den Soldaten wieder Muth ein, auf welche Seite haben wir diese Art von Betrug zu setzen? – Ich denke, unter Gerechtigkeit. – Oder, fuhr Sokrates fort, wenn einer ein Kind hat, das Arzneimittel nöthig hat und doch keine einnehmen will, er ihm aber durch Betrug das Arzneimittel als Speise giebt und es so gesund macht, wohin gehört hinwiederum dieser Betrug? – Ich glaube, unter die Gerechtigkeit, sagte Euthydemos. – Wenn ferner ein Freund von dir schwermüthig ist, und du fürchtest, er möchte sich ein Leid anthun, und du nimmst ihm ein Schwert oder irgend eine andere Waffe weg, sei es heimlich oder mit Gewalt: wohin würde wieder dies gehören? – Auch dies in der That unter die Gerechtigkeit. –

18. Du meinst also, daß man auch gegen die Freunde nicht in allen Dingen wahr sein müsse? – Allerdings, nicht in allen, und ich nehme, wenn es erlaubt ist, das Gesagte wieder zurück. – Das muß dir ja weit eher erlaubt sein, als es nicht an die richtige Stelle zu setzen.

19. Um nun aber auf die zu kommen, welche ihre Freunde zu ihrem Nachtheil betrügen – denn auch diesen Fall dürfen wir nicht außer Acht lassen – welcher von beiden handelt ungerechter, der es mit Absicht oder der es ohne Absicht thut? – Fürwahr, Sokrates, sagte Euthydemos, ich traue meinen eigenen Antworten nicht mehr recht, denn auch das, wovon wir vorhin sprachen, sehe ich jetzt mit ganz andern Augen an, als wie es mir damals vorkam; aber trotzdem will ich es sagen: wer absichtlich die Unwahrheit sagt, handelt ungerechter, als der, welcher es unabsichtlich thut. –

20. Glaubst du nun, daß es eine Lehre und Wissenschaft der Gerechtigkeit giebt, ebenso wie eine Lehre der Grammatik? – Ja. – Wen hältst du nun für fester in der Grammatik, den, welcher mit Absicht nicht richtig schreibt und liest, oder den, welcher unabsichtlich? – Den, sollte ich meinen, der es absichtlich thut, denn wenn er wollte, könnte er es auch richtig machen. – Scheint dir nun nicht der, welcher absichtlich unrichtig schreibt, das Schreiben zu verstehen, der andere aber nicht? – Ohne Zweifel. – Wer versteht sich nun aber wohl besser auf das Gerechte, der absichtlich lügt oder betrügt, oder wer unabsichtlich? – Offenbar der erstere. – Du meinst also, aufs Lesen und Schreiben verstehe sich derjenige besser, welcher weiß, wie man lesen und schreiben muß, als der, welcher es nicht weiß? – Ja wohl. – Und in der Gerechtigkeit stehe der, welcher sich auf das Gerechte versteht, ebenfalls höher, als der, welcher sich nicht darauf versteht? – So muß ich sagen; aber ich weiß wieder nicht recht, wie ich dazu komme. –

21. Wie denn nun aber? Wenn einer die Wahrheit sagen will und nie in seinen Behauptungen über denselben Gegenstand mit sich übereinstimmt, sondern wo er einen und denselben Weg zu zeigen hat, bald nach Osten, bald nach Westen zeigt, und wo er eine und dieselbe Rechnung aufzustellen hat, bald eine größere, bald eine kleinere Summe herausbringt: was meinst du zu einem solchen? – Offenbar weiß der nicht, was er zu wissen glaubte. –

22. Weißt du, daß man gewisse Leute Sklavenseelen nennt? – Ja. – Nennt man sie so wegen ihrer Weisheit oder wegen ihrer Unwissenheit? – Natürlich wegen ihrer Unwissenheit. – Etwa wegen ihrer Unwissenheit in der Schmiedekunst? – Nein. – Oder in dem Zimmerhandwerk? – Ebensowenig. – Oder in dem Schusterhandwerk? – Alles dies nicht, sagte Euthydemos, es findet eher das Gegentheil statt, denn die meisten von denen, welche sich auf dergleichen verstehen, sind Sklavenseelen. – So sind's also wohl diejenigen, welche nicht wissen, was schön, gut und gerecht ist, denen dieser Name zukommt? – So scheint es mir. –

23. Muß man nun nicht auf jede Weise sich anstrengen, um kein Sklave zu werden? – Ich glaubte auch, bei den Göttern, Sokrates, mich derjenigen Weisheit zu befleißigen, durch die man am besten alle Bildung erhalten könne, wie sie ein nach dem Schönen und Guten strebender Mann bedürfe; jetzt aber – wie meinst du wohl, daß mir jetzt zu Muthe sei, da ich sehe, daß ich durch meine ganze bisherige Mühe noch nicht einmal das erreicht habe, um nur auf das, was ich gefragt wurde, in den unerläßlichsten Gegenständen des Wissens antworten zu können, auch mir durchaus kein anderer Weg bekannt ist, den betretend ich besser werden könnte.

24. Darauf sagte Sokrates: Nach Delphi, Euthydemos, kamst du doch einmal? – Ja, schon zweimal. – Hast du da nicht irgendwo an dem Tempel die Aufschrift gesehen: » Erkenne dich selbst?« – Ja wohl. – Hast du dich nun nicht weiter um diese Aufschrift gekümmert, oder hast du darüber nachgedacht und versucht, dich selbst zu prüfen, wer du seist? – Das nicht, in der That; denn das glaubte ich schon zur Genüge zu wissen, und schwerlich könnte ich sonst von etwas Kenntnis haben, wenn ich mich selbst nicht einmal kennte. –

25. Glaubst du aber, schon der kenne sich selbst, der nur seinen Namen weiß, oder vielmehr nur der, welcher es wie die Pferdehändler macht, die nicht eher das Pferd, um welches es sich handelt, zu kennen glauben, als bis sie genau untersucht haben, ob es folgsam oder widerspenstig, stark oder schwach, schnell oder langsam, und wie es sonst hinsichtlich der Vorzüge und Mängel, die beim Gebrauch eines Pferdes in Betracht kommen, sich verhalte; und schreibst du also Selbsterkenntnis nur demjenigen zu, welcher auch hinsichtlich seiner eigenen Person eine genaue Untersuchung darüber angestellt hat, wie es bei ihm mit der Brauchbarkeit für das menschliche Leben stehe, und seine Kräfte erkannt hat? – So glaube ich, sagte Euthydemos; wer nicht seine Kräfte kennt, der kennt sich auch nicht, –

26. Ist es nun nicht klar, daß Selbstkenntnis den Menschen zum größten Vortheil gereicht, Selbsttäuschung dagegen zum größten Nachtheile? Wer sich selbst kennt, weiß, was für ihn gut ist, und unterscheidet genau, was seine Kräfte vermögen und was nicht, und indem er nur das treibt, was er versteht, verschafft er sich das, was er nöthig hat und lebt glücklich; indem er aber das sein läßt, was er nicht versteht, vermeidet er Fehlgriffe und wird vor Unglück bewahrt; und weil er eben deswegen andere Menschen zu beurtheilen versteht, so weiß er auch durch die Beihilfe anderer sich Vortheile zu schaffen und gegen Nachtheile sich zu sichern.

27. Wer hingegen diese Kenntnis nicht besitzt, sondern über seine Kräfte sich im Irrthum befindet, dem geht es hinsichtlich der andern Menschen und der menschlichen Dinge überhaupt ebenso: er kennt weder seine Bedürfnisse noch seine Geschäfte, noch die Menschen, mit denen er umgeht, sondern in allen diesen Dingen thut er Mißgriffe, verfehlt seine Vortheile und geräth ins Unglück.

28. Wer ferner sich auf das versteht, was er treibt, erreicht seinen Zweck und gelangt zu Ruhm und Ehre; Leute seinesgleichen verkehren gern mit ihm; andere, die ihren Zweck nicht erreichen, wünschen diesen in ihren Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen und sogar Ich lese mit Stephanus, Breitenbach u. a. γε (»sogar«), nicht τε. unter seine Leitung sich gestellt zu sehen, bauen auf ihn die Hoffnungen ihres Glücks und aus allen diesen Gründen lieben sie ihn von allen am meisten.

29. Wer dagegen nicht versteht, was er treibt, eine schlechte Wahl trifft, und in seinen Unternehmungen seinen Zweck nicht erreicht, der erleidet nicht nur eben dadurch Schaden und Strafe, sondern verliert auch noch dazu seine Ehre, wird zum Gespötte und muß sein Leben in Verachtung und Schande hinbringen. Das siehst du ja auch an ganzen Staaten: Wenn diese ihre Kräfte überschätzen und mit einer stärkeren Macht sich in einen Krieg einlassen, so werden sie entweder zerstört oder werden aus Freien zu Sklaven. –

30. Sei fest überzeugt, Sokrates, daß ich die Selbsterkenntnis für das allerschätzbarste Gut halte; aber darüber möchte ich, wenn du es mir mittheilen wolltest, nähere Aufklärung von dir erhalten, womit man bei der Selbstprüfung anfangen müsse. –

31. Gut, sagte Sokrates, du weißt doch ohne Zweifel, was das Gute und das Schlechte ist. – Ja gewiß, denn wenn ich das nicht wissen sollte, so wäre ich ja noch erbärmlicher als Sklaven. – Wohlan denn, so sage es mir. – Nun das ist nicht schwer. Zuerst ist die Gesundheit selbst ein Gut, die Krankheit aber ein Uebel; sodann auch die Speisen, Getränke, Beschäftigungen und Gewohnheiten, welche das eine oder das andere erzeugen; wenn sie die Gesundheit befördern, so sind sie Güter, bewirken sie aber Krankheiten, dann sind sie Uebel. –

32. Sind nicht auch, sagte Sokrates, Gesundheit und Krankheit, wenn sie gutes erzeugen, Güter, und wenn übles, Uebel? – Wann sollte denn aber, entgegnete Euthydemos, die Gesundheit übles erzeugen, die Krankheit aber gutes? – Wenn z. B., sagte Sokrates, auf einem schimpflichen Feldzuge, einer unglücklichen Seereise und vielen andern derartigen Fällen diejenigen, welche wegen ihrer Kraft daran Theil nehmen, umkommen, andere dagegen, welche wegen ihres schwachen Körpers zurückgehalten werden, am Leben bleiben. – Du hast Recht, aber du siehst, daß an vorteilhaften Unternehmungen Theil zu nehmen manche die Gesundheit in den Stand setzt, während die Schwachheit manche davon zurückhält. – Sollte nun dieses, was bald nützt, bald schadet, ebenso wenig ein Gut als ein Uebel sein? – Keineswegs scheint das so, wenigstens nach dem bisherigen.

33. Aber, Sokrates, Weisheit ist doch ohne Zweifel ein Gut, denn in welcher Lebenslage möchte man nicht bei der Weisheit sich besser befinden, als bei der Unwissenheit? – Doch wie? hast du nichts von Dädalos Erbauer des Labyrinthes in Kreta, in das er selbst mit seinem Sohne Ikaros eingeschlossen wurde, dann die wächsernen Flügel erfand, mittelst deren beide entflohen, wobei Ikaros umkam. Vgl. Ovid Verwandlungen VIII, 159 ff. gehört, wie er wegen seiner Weisheit von Minos gefangen, bei ihm als Sklave dienen mußte und des Vaterlandes und der Freiheit zugleich verlustig ging; und als er mit seinem Sohne Ikaros zu entfliehen versuchte, diesen verlor und auch selbst nicht glücklich davonkam, sondern unter die Barbaren und somit aufs Neue in Sklaverei gerieth? – Ja, sagte Euthydemos, so erzählt man. – Hast du ferner nicht gehört, wie es dem Palamedes Palamedes hatte entdeckt, daß der Wahnsinn des Odysseus erkünstelt sei, und auf dessen Betrieb wurde er dann später als Verräther von den Griechen vor Troja gesteinigt. Vgl. Ovid, a. a. O. XIII, 56 ff. ergangen ist? Denn alle Sagen stimmen darin überein, daß er, wegen seiner Weisheit beneidet, von Odysseus umgebracht worden sei. – Auch das erzählt man. – Und wie viele mögen schon wegen ihrer Weisheit vor den Perserkönig geschleppt worden sein und dort in Sklaverei schmachten? –

34. Es scheint, Sokrates, sagte Euthydemos, daß das unzweideutigste Gut die Glückseligkeit sei. – Ja, sagte Sokrates, wenn sie nicht jemand aus zweideutigen Gütern zusammensetzt! – Was könnte denn aber bei der Glückseligkeit zweideutiges sein? – Nichts, so lange wir ihr nicht Schönheit, Stärke, Reichthum, Ruhm oder etwas Anderes der Art hinzufügen. – Natürlich werden wir dies hinzufügen, denn wie könnte man sich ohne diese Dinge eine Glückseligkeit vorstellen? –

35. So werden wir denn Dinge hinzusetzen, die für die Menschen viele schlimme Folgen haben. Wie viele werden von denen verführt, denen beim Anblick eines schönen Menschen der Kopf verrückt ist! Wie viele kommen wegen ihrer Kraft, weil sie sich durch dieselbe zu großen Unternehmungen verleiten lassen, in kein kleines Elend! Wie viele, durch Schmeicheleien entnervt oder durch Nachstellungen verfolgt, werden wegen ihres Reichthums ins Verderben gestürzt! Und gar manche haben wegen ihres Ansehens und ihres politischen Einflusses großes Unheil erleiden müssen. –

36. Aber fürwahr, sagte Euthydemos, wenn ich auch darin Unrecht habe, daß ich die Glückseligkeit als ein Gut preise, so muß ich bekennen, auch nicht zu wissen, was man sich von den Göttern erbitten soll. – Nun über diese Dinge, sagte Sokrates, hast du vielleicht noch nicht nachgedacht, weil du zuversichtlich glaubst, sie schon zu wissen. Da es aber deine Absicht ist, dich an die Spitze eines demokratischen Staates zu stellen, so weißt du doch wohl, was eine Volksherrschaft ist? – Allerdings. –

37. Hältst du es nun für möglich, eine Kenntnis der Volksherrschaft zu besitzen, ohne das Volk zu kennen? – Nein, wahrhaftig nicht. – Und was denkst du dir unter dem Volke? – Die Armen unter den Bürgern. – So weißt du also, was die Armen sind? – Wie sollte ich nicht? – Weißt du auch, was die Reichen sind? – So gut, als was die Armen. – Welche nennst du denn nun arm, und welche reich? – Die, antwortete Euthydemos, nenne ich arm, welche nicht genug haben, um zu bezahlen, was sie sollen, und die, welche mehr als genug haben, reich. –

38. Hast du nun wohl bemerkt, daß manche mit einem ganz geringen Vermögen nicht nur auskommen, sondern auch noch davon etwas erübrigen, daß andern hinwiederum ein sehr bedeutendes Vermögen nicht genug ist? – In der That, da hast du ganz Recht, daß du mich darauf aufmerksam machst; denn ich kenne sogar Herrscher, die sich, weil sie mit nichts auskommen können, gleich den Aermsten zu Ungerechtigkeiten hinreißen lassen. –

39. So würden wir denn, sagte Sokrates, wenn dem so ist, die Herrscher zum Volk rechnen müssen, dagegen die minder Bemittelten, wofern sie nur das Haus gut zu verwalten verstehen, unter die Reichen. – Darauf sagte Euthydemos: Auch dies muß ich dir zugestehen, einzig wegen meiner Schwachheit, und ich denke, es wird wohl das beste für mich sein, zu schweigen, denn es scheint mir so, daß ich schlechterdings nichts weiß. –

Und damit ging er ganz muthlos ab, verachtete sich selbst und kam sich in Wahrheit wie ein Sklave vor.

40. Viele nun von denen, welchen es bei Sokrates ebenso ergangen war, mieden später den Verkehr mit ihm, und diese hielt er für geistig leere Menschen. Euthydemos aber glaubte, auf keine andere Weise ein angesehener Mann werden zu können, als wenn er sich ganz an Sokrates hielte, und er ließ nicht mehr von ihm ab, außer wenn irgend etwas Nothwendiges es erforderte; in einigen Stücken ahmte er auch seine Lebensgewohnheiten nach. Als nun Sokrates sah, daß er so war, schonte er ihn so viel als möglich und belehrte ihn ganz aufrichtig und klar über alles, wovon er glaubte, daß man es wissen müsse und daß es für das Leben das Vorteilhafteste sei.

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