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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 33
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
projectid86722fd8
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Viertes Buch.

1. Kapitel.

Ueber die Nothwendigkeit einer tüchtigen Erziehung und Ausbildung, ohne welche gute Anlassen und Reichthum eher zum Verderben, als zum Heil gereichen.

1. So war also Sokrates in jeder Hinsicht und auf jede Art und Weise nützlich, so daß jedem, der darauf achtete, auch wenn er nur von mäßiger Einsicht war, es klar sein mußte, daß nichts vorteilhafter sei, als mit Sokrates zu verkehren und bei ihm zu sein, wo und bei welcher Gelegenheit es auch sein mochte. Denn schon die bloße Erinnerung an ihn, wenn er nicht zugegen war, gereichte denen, die gewöhnlich mit ihm verkehrten und sich an ihn hielten, zu nicht geringem Nutzen. Selbst sein Scherz war seinen Freunden ebenso gewinnreich als sein Ernst.

2. Oft sagte er z. B., irgend eines andern Liebhaber zu sein; aber ganz offenbar sah er dabei nicht auf jugendliche Körperschönheit, sondern auf edle Geistesanlagen. Als einen Beweis guter Anlagen sah er es aber an, wenn einer schnell auffaßte, was er angriff, im Gedächtnis behielt, was er gelernt hatte und nach allen den Kenntnissen ein Verlangen hatte, welche nöthig sind, sowohl das eigene Haus als den Staat mit Ehren zu leiten, und überhaupt mit Menschen zu verkehren und im Menschenleben sich benehmen zu können. Denn von solchen Naturen glaubte er, daß sie, wenn sie erzogen würden, nicht nur selbst glücklich werden, und den eigenen Haushalt gut besorgen, sondern auch andere Menschen und ganze Staaten glücklich machen können.

3. Die Art aber, wie er ihnen beizukommen suchte, war nicht bei allen dieselbe. Denjenigen, die sich schon von Natur trefflich vorkamen und von Lernen nichts wissen wollten, hielt er vor, daß gerade die am besten beanlagten Naturen am meisten der Erziehung bedürften, indem er zeigte, daß ja auch unter den Pferden, die am meisten versprechen, weil muthig und feurig, nur dann auch die frömmsten und besten werden, wenn sie bei Zeiten zugeritten werden, wenn sie aber ungeschult blieben, die wildesten und schlechtesten. Auch unter den von Natur besten Hunden, die gern sich etwas zu thun machen und dem Wilde nachsetzen, würden die, welche gut abgerichtet würden, die brauchbarsten zur Jagd, wenn sie aber nicht abgerichtet würden, würden sie läppisch, bissig und böse.

4. Ebenso sei es nun auch bei den Menschen. Je bessere Anlagen sie haben, desto kräftiger seien sie an Geist und desto tüchtiger auch durchzuführen, was sie ergreifen; um so besser und nützlicher werden sie daher auch, wenn sie durch Unterricht gebildet werden und lernen, was sie zu thun haben; sie wirken dann vieles und großes zum Besten ihrer Mitmenschen. Wenn sie dagegen ohne Erziehung und Unterricht bleiben, würden sie die schlechtesten und verderblichsten Menschen werden, denn wenn sie außer Stande wären, zu beurtheilen, was sie thun müßten, würden sie oft sich mit dummen Streichen abgeben, und weil sie dann Männer von hochfahrendem Geiste und heftiger Gemüthsart seien, würden sie weder im Zaume zu halten noch abzubringen sein, und daher richte auch niemand mehr und größeres Unheil als sie an.

5. Andere, welche auf ihren Reichthum stolz waren und keiner Bildung zu bedürfen glaubten, in der Meinung, Reichthum allein genüge, um zu ihrem Ziele zu gelangen und sich Ansehen unter den Menschen zu verschaffen, brachte er mit ungefähr folgenden Worten zur Vernunft: Es sei einer ein Thor, wenn er glaube, nützliches und schädliches unterscheiden zu können, ohne es gelernt zu haben, und ebenso sei einer ein Thor, wenn er, ohne diesen Unterschied machen zu können, sofort auch das Nützliche treffen zu können glaubte, weil er mit seinem Reichthum sich alles, was er wolle, zu kaufen vermöge; einfältig ferner müßte einer sein, wenn er, ohne das Nützliche treffen zu können, sich einbilde, glücklich zu werden und sich sein Leben schön oder nach Bedürfnis einzurichten; einfältig endlich müßte aber auch einer dann sein, wenn er um seines Reichthums willen glaube, ohne auch nur das Mindeste zu verstehen, für tüchtig gehalten zu werden und ohne den Ruf eines tüchtigen Mannes zu genießen, zu Ruhm und Ansehen zu gelangen.

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