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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 29
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11. Kapitel.

Gespräch mit der Hetäre Theobote, Sie war eine der berühmteren Hetären. Nach Athenäos war sie später die Geliebte des Alkibiades, den sie nach seinem Tode in Phrygien mit ihrem Gewande bedeckt und begraben haben soll. Vgl. Cornelius Nepos Alkib. Kap. 6 (Univ.-Bibl. Nr. 994 und 995). wie man treue Freunde gewinnen könne.

1. Als sich einmal in der Stadt eine schöne Frau befand, mit Namen Theodore, die mit jedem verkehrte, der sie zu gewinnen suchte, und einer der anwesenden ihrer gedachte und äußerte, daß ihre Schönheit aller Beschreibung spotte, und daß die Maler sie aufsuchten, um sie abzubilden, denen sie auch alles zeige, was der Anstand erlaube, sagte Sokrates: So muß man wohl zu ihr gehen, um sie zu sehen, denn durch bloßes Hören kann man sich von dem keine Vorstellung machen, was aller Beschreibung spottet. – Und der, welcher von ihr erzählt hatte, sagte: Nun, so folgt mir je eher, je lieber.

2. So gingen nun alle zu Theodote, trafen sie, wie sie gerade einem Maler stand, und betrachteten sie. Als aber der Maler fertig war, sagte Sokrates: Nun, ihr Männer, sind wir der Theodote mehr Dank schuldig, daß sie uns ihre Schönheit gezeigt hat, oder Theodote uns dafür, daß wir sie angesehen haben? Muß nicht, wenn für sie das Zeigen vortheilhafter ist, sie uns Dank wissen, wenn aber für uns das Betrachten, wir ihr? –

3. Als aber einer sagte, daß er Recht habe, fuhr er fort: Hat sie nicht schon aus unserm Lobe Gewinn, und wird sie nicht, wenn wir dies Lob weiter tragen, noch mehr Gewinn davon haben? Wir aber sehnen uns nicht nur schon jetzt danach, dessen, was wir gesehen haben, auch theilhaftig zu werden, sondern werden auch, von Liebe entbrannt, von hier weggehen, und wenn wir fort sind, von Sehnsucht nach ihr gequält werden, und deshalb sollte man meinen, daß wir ihr dienen. – Und Theodote sagte: In der That, wenn dem so ist, werde ich mich wohl bei euch für das Ansehen bedanken müssen. –

4. Hierauf sagte Sokrates, als er sah, daß sie nicht nur selbst herrlich geschmückt, sondern auch ihre Mutter in einem nicht gewöhnlichen Anzüge und Putze bei ihr war, und viele schön gestaltete Dienerinnen, an denen gleichfalls nichts gespart war, und daß das ganze Haus mit allem übrigen sehr reichlich versehen war: Sage mir, Theodote, hast du ein Landgut? – Nein. – Aber wohl ein Haus, das dir etwas einbringt? – Auch dies nicht. – Oder Sklaven, die ein Gewerbe treiben? – Auch nicht. – Nun, wovon lebst du denn? – Wenn einer, sagte Theodote, der mein Freund geworden ist, mir etwas zukommen läßt – das ist mein Einkommen. –

5. Fürwahr, bei der Hera, Theodote, sagte Sokrates, ein schönes Besitzthum, und viel besser als Schafe, Rinder und Ziegen, eine Heerde von Freunden zu besitzen! Aber überläßt du es ganz dem Zufall, ob dir ein Freund wie eine Mücke zufliegt, oder wendest du auch selbst ein Mittel dazu an? –

6. Wie könnte ich dafür, antwortete Theodote, ein Mittel finden? – Beim Zeus, sagte Sokrates, doch mit gutem Rechte weit eher, als die Spinnen; denn du weißt doch, daß diese ihre Nahrung erjagen; denn sie weben sich bekanntlich feine Spinngewebe, und was in diese hineinfällt, das nehmen sie als Nahrung. –

7. Giebst du also mir den Rath, daß auch ich mir ein solches Fangnetz weben soll? – Allerdings, sagte Sokrates, denn du mußt nicht glauben, daß du so ohne alle Kunst das edelste Wild, die Freunde, erjagen werdest. Siehst du denn nicht, daß man auch bei der Jagd auf das geringste, die Hasen, mancherlei Kunstgriffe anwendet? Denn weil sie des Nachts auf Aesung ausgehen, so hält man sich Nachtjagdhunde, um sie mit diesen zu jagen;

8. weil sie aber nach Tagesanbruch sich davonmachen, so sieht man sich nach andern Hunden um, welche mit der Nase ausspüren, auf welchem Wege sie von der Aesung in ihr Lager zurückgekehrt sind, und macht sie mit diesen ausfindig. Da sie aber sehr schnellfüßig sind, so daß sie, auch wenn man sie sieht, durch ihre Schnelligkeit entwischen, so nimmt man noch andere Hunde dazu, welche schnell sind, damit sie dieselben, auf dem Fuße nachsetzend, erhaschen; und weil auch diesen einige von ihnen entwischen, stellt man ihnen in den Wegen, auf welchen sie fliehen, Netze auf, damit sie in diese hineinfallen und sich verwickeln. –

9. Mit welchem Mittel von solcher Art, sagte Theodote, könnte ich nun Freunde erjagen? – Nun, beim Zeus, erwiderte Sokrates, wenn du dir statt eines Hundes einen anschafftest, der dir die Liebhaber des Schönen und die Reichen ausspüren könnte, und wenn er sie aufgefunden hat, es zu machen wüßte, daß er sie in deine Netze triebe. –

10. Und was habe ich für Netze? – Eins besonders, sagte Sokrates, das gar wohl im Umschlingen geübt ist, deinen Leib! Und in diesem deine Seele, mit der du erkennst, nicht nur wie du einen anblicken müssest, um ihn zu bezaubern, sondern auch was du sagen müssest, um ihn zu entzücken, und daß du einen, der dir wohl will, gern aufnehmest, dem Weichling aber die Thüre verschließest, und wenn ein Freund krank ist, ihn theilnehmend besuchest, und wenn er etwas Schönes vollbracht hat, dich von Herzen mit ihm freuest und dem, der dir wahrhaft zugethan ist, mit ganzer Seele ergeben seist. Zu küssen ferner, bin ich überzeugt, verstehst du nicht blos in wollüstiger, sondern auch in wohlwollender Weise, und daß dir deine Freunde angenehm sind, davon überzeugst du sie, ich weiß es, nicht nur durch bloße Worte, sondern auch durch die That. – Nein, beim Zeus, sagte Theodote, ich wende keins von diesen Mitteln an. –

11. Und doch, sagte Sokrates, kommt viel darauf an, einen Menschen seiner Natur gemäß und richtig zu behandeln, denn mit Gewalt kann man einen Freund weder fangen noch an sich fesseln, durch Wohlthun dagegen und Annehmlichkeiten läßt sich dieses Wild nicht nur fangen, sondern auch zum Bleiben bewegen. –

12. Du hast Recht, sagte Theodote. – Du mußt nun aber, sagte Sokrates weiter, erstens von denen, die sich für dich interessiren, nur solches fordern, was ihnen zu gewähren am leichtesten sein wird, zweitens aber die dir bewiesenen Gefälligkeiten in gleicher Weise erwidern, denn so dürften am sichersten Freunde zu erwerben sein, am längsten dich lieben und dir die größten Wohlthaten erweisen.

13. Besonders aber wirst du dich dadurch ihrer Liebe versichern, wenn du ihnen erst dann deine Gunstbezeugungen gewährst, wenn sie danach verlangen. Denn du siehst, daß auch die wohlschmeckendsten Speisen, wenn man sie anbietet, ehe Appetit vorhanden ist, unschmackhaft erscheinen, wenn man aber satt ist, sogar Ekel erregen. Trägt man aber die Speisen erst auf, wenn der Hunger eingetreten ist, dann werden sie ganz wohlschmeckend erscheinen, selbst wenn sie weniger gut sein sollten. –

14. Wie könnte ich nun wohl einem, sagte Theodote, Hunger nach dem, was ich habe, erregen? – Wenn du, beim Zeus, antwortete Sokrates, erstens den Gesättigten es weder anbötest noch in Erinnerung brächtest, bis das Gefühl der Befriedigung vorüber ist und sie wieder ein Verlangen danach bekommen, zweitens denen, welche danach verlangen, durch den sittsamsten Umgang es in Erinnerung brächtest, und dadurch, daß du zeigst, du wollest ihnen zu Gefallen sein, und ihnen entfliehen zu wollen scheinst, bis ihr Verlangen den höchsten Grad erreicht hat; denn alsdann hat es weit größeren Werth, die gleichen Gunstbezeugungen zu gewähren, als wenn man sie giebt, ehe danach verlangt wird. – 15. So werde doch, Sokrates, sagte Theodote, mein Genosse bei der Jagd auf Freunde! – Warum nicht, wenn du mich dazu gewinnen kannst. – Wie könnte ich dich nun dazu gewinnen? – Du wirst selbst, antwortete Sokrates, darüber nachdenken und finden, wenn du mich gebrauchst. – So besuche mich denn recht fleißig. –

16. Und Sokrates, der über seine unbeschränkte Zeit scherzte, sagte: Es ist mir nicht leicht, Theodote, Zeit zu finden, denn eine Masse privater und öffentlicher Geschäfte verursacht mir Abhaltungen; außerdem aber habe ich auch noch Freundinnen, die mich Tag und Nacht nicht von sich lassen wollen, weil sie Liebesmittel und Zauberlieder von mir lernen wollen. –

17. Also auch auf dergleichen verstehst du dich, Sokrates? – Warum meinst du denn wohl, daß Apollodoros Einer der eifrigsten und treusten Anhänger des Sokrates. Ueber Antisthenes s. d. Anm. zu II, 5, 1 hier und Amisthenes nicht von meiner Seite weichen, und daß Kebes und Simmias sogar von Theben zu mir kommen? Sei überzeugt, daß dies nicht ohne eine Menge Liebesmittel, Zauberlieder und Zauberräder ιυγξ (auch ιυγξgeschrieben) ein Vogel, Wendehals (torquilla). Auf ein metallenes Rad (oder Kreisel) gebunden und umgedreht, galt er bei den Zauberinnen des Alterthums für einen wirksamen Liebeszauber, besonders um einen ungetreuen Liebhaber zurückzuführen, oder einem andern Liebe einzuflößen. Ein solches Zauberrad erbittet sich Theodote § 18 von Sokrates. möglich ist. –

18. Leihe mir denn, sagte Theodote, dein Zauberrad, damit ich es umdrehe, um dich herbeizuzaubern. – Aber, beim Zeus, sagte Sokrates, nicht ich will zu dir gezogen werden, sondern du sollst zu mir kommen. – Gut, das werde ich thun, nur laß mich ein. – Natürlich, sagte Sokrates, werde ich dich einlassen, wenn ich nicht gerade eine liebere Freundin bei mir habe.

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