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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 28
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
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10. Kapitel

Gespräche mit dem Maler Parrhasios, mit dem Bildhauer Kleiton, mit dem Panzermacher Pistias über Wesen und Aufgaben ihrer Kunst. Parrhasios war ein berühmter Maler aus Ephesos, der meistens in Athen lebte und bei Sokrates Lebzeiten noch ein Jüngling war. Von ihm sagt Plinius (hist. nat. XXXV, 10): primus symmetriam picturae dedit, primus argutias vultus, elegantiam capilli, venustatem oris, comfessione artificum in lineis extremis palmam adeptus. – Kleiton ist unbekannt, ebenso Pistias.

1. Auch wenn Sokrates sich einmal mit den Künstlern und denen, welche Künste üben und daraus ein Gewerbe machen, unterredete, war es auch diesen nützlich. Denn als er einmal zu dem Maler Parrhasios kam und mit ihm sich in ein Gespräch einließ, sagte er: Ist nicht die Malerei, Parrhasios, eine Nachbildung dessen, was mit den Augen wahrgenommen wird? Denn die Vertiefungen und die Erhabenheiten, den Schatten und das Licht, das Harte und das Weiche, das Rauhe und das Glatte, das Jugendliche und das Alte an den Körpern stellt ihr dar, indem ihr es mit Farben nachbildet. – Ganz recht, sagte Parrhasios. –

2. Und wenn ihr die wirklich schönen Gestalten darstellen wollt, so pflegt ihr, da es nicht leicht ist, einen Menschen zu finden, an dem alles untadelhaft wäre, von vielen das zusammenzusuchen, was an jedem das Schönste ist, und auf diese Weise jene Gebilde zu schaffen, die in allen ihren Theilen als schön erscheinen. – Allerdings machen wir es so. –

3. Wie nun aber, fragte Sokrates, stellt ihr den Charakter der Seele, wie er im höchsten Grade interessant, anmuthig, freundlich, holdselig und entzückend ist, dar, oder sollte er sich nicht darstellen lassen? – Freilich, sagte jener, denn wie könnte er dargestellt werden, Sokrates, da er doch weder ein bestimmtes Verhältnis noch Farbe, noch sonst eine der von dir eben angeführten Eigenschaften besitzt, noch überhaupt gesehen werden kann. –

4. Aber, versetzte Sokrates, kommt es denn nicht vor, daß einmal ein Mensch einen andern freundlich, ein ander Mal feindselig anblickt? – Ja wohl, erwiderte Parrhasios. – Sollte sich nun dies wenigstens in den Augen nachbilden lassen? – Gewiß. – Und scheinen dir bei den Glücks- und Unglücksfällen eines Freundes die Theilnehmenden und die nicht Theilnehmenden dasselbe Gesicht zu machen? – Nein, beim Zeus, durchaus nicht; denn im Glück machen die Menschen ein heiteres, im Unglück ein finsteres Gesicht. – Sollte man nun nicht auch dies nachbilden können? – Natürlich. –

5. Aber auch das Würdevolle und Edle, das Niedrige und Gemeine, das Besonnene und Verständige, das Freche und Unverständige scheint sowohl aus der Miene als auch aus der Haltung des Menschen hervor, mögen sie nun stehen oder sich bewegen. – Du hast Recht, sagte jener. – Ist also auch dieses nicht nachzubilden? – Ganz gewiß. – Glaubst du nun, sagte Sokrates, es sei angenehmer, Menschen zu sehen, aus denen ein schöner, guter und liebenswürdiger Charakter hervorleuchtet, oder solche, aus denen ein schlechter, böser und verabscheuungswürdiger? – Ei beim Zeus, sagte Parrhasios, das ist ein großer Unterschied. –

6. Als er ein ander Mal den Bildhauer Kleiton besuchte, unterredete er sich mit ihm folgendermaßen: Daß du, Kleiton, die Läufer, Ringer, Faustkämpfer und Pankratiasten S. Anm. 22. verschiedenartig darstellst, sehe und weiß ich; was aber die Menschen am meisten beim Anblick ergötzt, der Ausdruck der Lebendigkeit, wie bringst du den in die Bildsäulen hinein? –

7. Da Kleiton nun in Verlegenheit war und nicht gleich wußte, was er antworten sollte, fragte Sokrates weiter: Gelingt es dir vielleicht dadurch, daß du deine Bildsäulen so lebendig erscheinen läßt, daß du dir lebende Gestalten zu Mustern nimmst? – Ja wohl, sagte jener. – Bringst du also nicht durch Nachbildung dessen, was infolge der Stellungen an den Körpern sich hebt und senkt, zusammengedrückt und auseinandergezogen, angespannt und gelockert wird, die Wirkung hervor, daß es der Natur ähnlicher und täuschender erscheint? – Allerdings. –

8. Verschafft aber auch das nicht den Betrachtenden einen gewissen Genuß, wenn die Seelenstimmungen der in irgend einer Thätigkeit begriffenen Körper dargestellt werden? – Natürlich, sagte Kleiton. – Muß man also nicht die Blicke der Kämpfenden drohend, bei den Siegern dagegen fröhlich darstellen? – Ganz gewiß. – So wird es denn, sagte Sokrates, die Aufgabe des Bildhauers sein, die Thätigkeiten der Seele der äußeren Erscheinung nachzubilden. –

9. Als er ein ander Mal den Panzermacher Pistias besuchte, und dieser ihm gut gearbeitete Panzer zeigte, sagte er: Es ist, bei der Hera, eine schöne Erfindung, Pistias, daß der Panzer die am meisten eines Schutzes bedürfenden Theile des Menschen bedeckt und doch den freien Gebrauch der Hände nicht hindert.

10. Aber sage mir, Pistias, warum bekommst du deine Panzer, die doch weder stärker noch besser, als die von andern sind, besser als jene bezahlt? – Weil ich sie, Sokrates, proportionirter mache. – Wodurch beweist du aber, sagte Sokrates, daß du sie proportionirt machst, durch das Maß oder durch das Gewicht? Denn ich kann nicht glauben, daß du die Panzer alle gleich oder ähnlich machst, wenn anders du sie auch passend machst. – Freilich mache ich sie passend, denn sonst würde ein Panzer unbrauchbar sein. –

11. Giebt es nun nicht unter den menschlichen Körpern proportionirte und unproportionirte? – Ja wohl. – Wie kannst du's nun machen, daß dem unproportionirten Körper der proportionirte Panzer paßt? – Weil ich ihn eben passend mache; denn der, welcher paßt, ist proportionirt. –

12. Es scheint mir, sagte Sokrates, daß du nicht von dem An-sich-Proportionirten redest, sondern von dem, was für den Besitzer eines Panzers proportionirt ist, gerade wie wenn du sagtest, wem ein Schild passe, dem sei er proportionirt, und mit einem Reitermantel und allem anderen scheint es sich nach deinen Worten ebenso zu verhalten.

13. Vielleicht aber liegen noch andere nicht geringe Vorzüge darin, wenn etwas paßt. – Sag sie mir, Sokrates, wenn du sie weißt. – Passende Panzer drücken weniger als nicht passende, wenn sie auch dasselbe Gewicht haben, denn die nicht passenden ruhen entweder mit ihrem ganzen Gewicht auf den Schultern oder drücken einen andern Körpertheil stark, und dadurch werden sie zum Tragen unbequem und lästig. Bei den passenden dagegen ist das Gewicht auf Schlüsselbein und Nacken, Brust und Rücken und Unterleib vertheilt, so daß sie kaum noch einer Last, sondern einem Ansatze gleichen. –

14. Was du da eben sagst, ist es gerade, weßwegen meine Arbeiten meiner Meinung nach so viel werth sind; einige jedoch kaufen verzierte und vergoldete Panzer lieber. – Wahrhaftig, sagte Sokrates, wenn sie deswegen unpassende kaufen, so scheinen sie mir wenigstens ein verziertes und vergoldetes Uebel zu kaufen.

15. Aber, fuhr er fort, wenn der Körper nicht in Ruhe bleibt, sondern bald sich krümmt, bald sich wieder aufrichtet, wie könnten da genau angepaßte Panzer passen? – Niemals, sagte jener. – Du meinst also, sagte Sokrates, daß nicht die genau angepaßten passen, sondern die, welche beim Gebrauch nicht belästigen? – Du selbst sagst es, Erinnert an das Biblische Συ ειπασ (Matth. 26, 25. Vgl. Luk. 22, 70: Υμεισλεγετε οτιεγω ειμι). ( Breitenbach.) Sokrates, und hast es ganz richtig begriffen.

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