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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 26
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
projectid86722fd8
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8. Kapitel

Gespräch mit Aristippos über den Begriff von Schön und Gut

1. Als Aristippos einmal den Versuch machte, den Sokrates zu überführen, wie er selbst einmal früher von ihm überführt war, antwortete Sokrates, um diese Unterredung auch für seine Zuhörer nützlich zu machen, nicht wie Leute, die sich in Acht nehmen, daß ihre Worte nicht anders gedeutet werden können, sondern wie etwa solche, die sich bewußt sind, gerade das Ziemende zu thun. Hier ist gemeint: nichts weiter als die Erforschung der Wahrheit im Auge haben. Darauf allein kam es dem Sokrates an, während die Sophisten alles darauf berechneten, wie sie den einmal aufgestellten Satz durchführen und behaupten könnten, weshalb sie ihre Worte mit großer Vorsicht wählten und setzten, damit sie nicht im Verlauf des Gesprächs etwas sagten, was gegen sie gewendet werden und ihnen den Sieg entreißen könnte, und ängstlich darauf bedacht waren, daß das Gespräch den ihm vorgezeichneten Gang einhielte, weil es sonst nicht zu dem vorausbestimmten Ziele führte ( Breitenbach ).

2. Jener nämlich fragte ihn, ob er etwas Gutes kenne, um, wenn Sokrates etwas dergleichen nennen würde, wie Speise, Trank, Geld, Gesundheit, Stärke, Muth oder dergleichen, zu zeigen, daß dies zuweilen auch ein Uebel sei. Sokrates, aber, der wohl wußte, daß wir, wenn uns etwas beschwerlich ist, ein Mittel nöthig haben, das uns davon befreit, antwortete ihm so, wie auch zu thun das Beste ist.

3. Fragst du mich, sagte er, ob ich etwas Gutes gegen das Fieber kenne? – Nein, sagte jener. – Oder gegen schlimme Augen? – Auch dies nicht. – Oder gegen den Hunger? – Auch nicht. – Nun denn, sagte Sokrates, wenn du mich fragst, ob ich etwas Gutes weiß, das zu nichts gut ist, so weiß ich weder etwas der Art noch verlange ich danach es zu kennen.

4. Als ihn nun Aristippos wieder fragte, ob er etwas Schönes kenne, sagte er: Gar vieles. – Ist sich denn wohl alles einander ähnlich? – Nein, vieles sogar möglichst unähnlich. – Wie kann nun aber etwas schön sein, was dem Schönen unähnlich ist? – Weil, beim Zeus, antwortete Sokrates, dem Menschen, der zum Wettlauf schön ist, ein anderer unähnlich ist, der zum Ringkampf schön ist; und es ist ja auch ein Schild, der zur Verteidigung schön ist, so unähnlich als nur möglich einem Wurfspieße, der schön ist, um mit Kraft und Schnelligkeit geschwungen zu werden. –

5. Da antwortest du mir gerade so wie damals, als ich dich fragte, ob du etwas Gutes kennest. – Meinst du denn wohl, daß das Gute etwas Anderes als das Schöne sei? Weißt du nicht, daß alles Schöne und Gute in derselben Beziehung schön und gut ist? Denn erstens ist die Tugend nicht in einer Beziehung gut, in einer andern aber schön; zweitens nennt man die Menschen in denselben Beziehungen und aus denselben Rücksichten schön und gut; ebenso erscheinen auch in denselben Beziehungen die Körper der Menschen schön und gut; und auch alles andere, was die Menschen gebrauchen, wird in denselben Beziehungen für schön und gut gehalten, nämlich in Rücksicht darauf, daß es wohl zu gebrauchen ist. –

6. So ist denn auch wohl, sagte Aristippos, ein Mistkorb etwas Schönes? – Ja, beim Zeus, sagte Sokrates, sogar ein goldener Schild ist häßlich, wenn jener für seinen Zweck gut, und dieser schlecht gearbeitet ist. –

7. Meinst du, sagte jener, ein und dieselben Gegenstände seien schön und häßlich? – Gewiß, und zugleich gut und schlecht. Denn oft ist das, was gegen den Hunger gut ist, gegen das Fieber schlecht, und was gegen das Fieber gut ist, gegen den Hunger schlecht, und ebenso ist oft das, was für den Wettlauf schön ist, für den Ringkampf häßlich, und umgekehrt für den Wettlauf häßlich, was für den Ringkampf schön ist, denn alles ist schön und gut zu dem, wozu es sich gut eignet, schlecht und häßlich dagegen, wozu es sich schlecht eignet.

8. So behauptete nun auch Sokrates von den Häusern, daß die nämlichen auch schön und nützlich seien, und er schien mir damit zu lehren, wie man Häuser bauen müsse. Er zog dabei folgendes in Betrachtung: Muß nicht der, welcher ein Haus bauen will, wie es sein muß, dies so einrichten, daß es sich aufs angenehmste darin wohnen läßt und so nützlich als möglich ist? War dies eingestanden, so fuhr er fort:

9. Ist es nun nicht angenehm, wenn man im Sommer ein kühles, im Winter dagegen ein warmes Haus hat? Und wenn man ihm auch hierin beistimmte: Scheint nun nicht in den nach Mittag liegenden Häusern im Winter die Sonne in die Hallen hinein, im Sommer dagegen geht sie über uns und die Dächer hinweg und gewährt uns Schatten? Muß man demnach nicht, wenn das so in gehöriger Weise zu Stande kommen soll, die Seite gegen Mittag höher bauen, damit der Wintersonne der Eintritt nicht verwehrt wird, die Seite nach Norden dagegen niedriger, damit nicht die kalten Winde eindringen können?

10. So dürfte denn dies, um es kurz zu sagen, die angenehmste und schönste Wohnung sein, in der man zu allen Jahreszeiten sowohl selbst am besten wohnen als auch sein Hab und Gut am sichersten unterbringen kann. Malereien dagegen und Bildwerke rauben uns mehr Annehmlichkeiten als sie uns gewähren. Für Tempel und Altäre dagegen hielt er einen solchen Platz für den passendsten, je sichtbarer und schwerer zugänglich er sei, denn es sei angenehm, ihn beim Beten sehen zu können, und wenn man hinzugehe, sei es angenehm, rein von Schuld zu sein.

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