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Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 23
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5. Kapitel.

Gespräch mit dem jüngeren Perikles Es war dies der dritte, aber uneheliche Sohn des großen Perikles. Seine Mutter war Aspasia. Er wurde nach dem Tode seiner beiden älteren Brüder adoptirt, und war einer von den Feldherren, die, nach der Schlacht bei den Arginusen nach Athen zurückgekehrt, hingerichtet wurden. S. Plutarch, Perikles Kap. 24;37. über die Mittel, durch welche die alte Tapferkeit und Zucht des athenischen Heeres wiederhergestellt und der Sieg wieder an die Waffen Athens gefesselt werden könne.

1. Mit Perikles, dem Sohne des berühmten Perikles, hatte Sokrates einmal folgendes Gespräch.

Ich habe, Perikles, die Hoffnung, daß sich einmal der Staat, wenn du Feldherr sein wirst, hinsichtlich der Kriegführung in einem besseren und rühmlicheren Zustande als jetzt befinden und über die Feinde wieder siegen werde. – Das sollte mir sehr lieb sein, Sokrates; wie es aber dazu kommen könnte, ist mir unklar. – Willst du nun, sagte Sokrates, daß wir uns einmal hierüber besprechen und zusehen, worin denn nun die Möglichkeit liegt? – Ja, sagte Perikles. –

2. Weißt du nun nicht, daß an Menge die Athener den Böotiern nichts nachstehen? – Das weiß ich wohl. – Und was tüchtige und schöne Leute betrifft, glaubst du, daß unter den Böotiern deren eine größere Menge sich auslesen ließe, oder unter den Athenern? – Auch hierin scheinen sie mir nicht zurückzustehen. – Von welchen von beiden aber glaubst du, daß sie unter einander mehr wohlwollend sind? – Von den Athenern, antwortete Perikles; denn von den Böotiern sind viele auf die Thebaner, von denen sie übermüthig behandelt werden, ergrimmt, während ich in Athen nichts von alledem sehe.

3. Ferner sind sie auch von allen am meisten ehrliebend und wohlwollend, und darin liegt nicht der kleinste Antrieb, für Ruhm und Vaterland alles aufs Spiel zu setzen. – Auch hierin sind die Athener untadelig. – Auch Heldenthaten der Vorfahren hat kein Volk größere und mehr aufzuweisen, als die Athener, und dies ist für viele ein Sporn, sich der Tapferkeit zu befleißigen und sich als muthige Männer zu zeigen.

4. Alles dies ist richtig, Sokrates. Aber du siehst, daß, als die Niederlage der Tausend unter Tolmides bei Lebadea erfolgt ist, und die unter Hippokrates bei Delion, Lebadea lag in Böotien zwischen Haliartos und Chäronea. Auch wird diese Schlacht die Schlacht bei Chäronea (oder Koronea) genannt, da beide Orte in der Nähe lagen. Sie wurde 447 v. Chr. geliefert. Der Anführer der Athener war Tolmides, der in dieser Schlacht fiel. S. Thukydides I, 108; 113. – An der Schlacht bei Delion, in welcher die Athener von den Böotiern 424 v. Chr. entscheidend geschlagen wurden (S. Thutyoides IV, 93 ff.) hat Sokrates selbst Theil genommen. seit der Zeit der Ruhm der Athener im Vergleich mit dem der Böotier gesunken, dagegen der Stolz der Thebaner gegen die Athener gewachsen ist, so daß die Böotier, welche vorher nicht einmal in ihrem eigenen Lande wagten, den Athenern ohne die Lakedämonier und die übrigen Peloponnesier entgegenzutreten, jetzt auf eigene Faust in Attika einzufallen drohen, die Athener aber, welche in früheren Zeiten, als die Böotier allein standen, Böotien verwüsteten, in Furcht schweben, jene möchten Attika verwüsten. –

5. Hierauf antwortete Sokrates: Allerdings sehe ich, daß es so ist; es scheint mir aber, als würde jetzt die Stadt einem braven Anführer um so besser gehorchen. Denn Zuversicht ist die Mutter von Fahrlässigkeit, Unthätigkeit und Unfolgsamkeit, während die Furcht die Menschen aufmerksamer, dienstwilliger und botmäßiger macht.

6. Das kannst du schon an denjenigen finden, die auf Schiffen dienen, denn so lange sie nichts in der Welt zu fürchten haben, sind sie voll Unbotmäßigkeit; wenn sie aber entweder einen Sturm oder Feinde zu befürchten haben, thun sie nicht nur alles, was befohlen wird, sondern sie sind still und warten auch auf alle die Befehle, die noch kommen sollen, wie die Chortänzer. –

7. Nun, sagte Perikles, wenn die Athener jetzt am ehesten gehorchen würden, dann möchte es an der Zeit sein, auch zu sagen, wie wir sie dazu bringen könnten, wieder von neuem zu streben nach der alten Tapferkeit, dem alten Ruhme und dem alten Wohlstande. –

8. Würden wir also nicht, wenn wir wollten, daß sie um Geld und Gut, das andere besäßen, sich bemühen sollten, am ehesten sie dazu geneigt machen, wenn wir ihnen nachwiesen, daß dieses ihr von den Vätern auf sie vererbtes und von Rechtswegen zukommendes Eigenthum sei? Da wir nun aber wünschen, daß sie sich bemühen sollen, durch Trefflichkeit den ersten Rang zu behaupten, müssen wir da nicht andererseits ihnen nachweisen, daß es von Alters her am meisten ihnen zukomme, und daß sie, wenn sie danach strebten, das mächtigste unter allen Völkern werden würden?

9. Wie könnten wir ihnen dieses beibringen? – Ich denke, wenn wir ihnen ihre ältesten und uns bekannten Vorfahren ins Gedächtnis zurückrufen, von denen sie ja gehört haben müssen, daß sie vor allen anderen die trefflichsten gewesen seien. –

10. Meinst du etwa, versetzte Perikles, den Streit der Götter, Den Streit zwischen Poseidon und Athene über die Schutzherrschaft Attikas soll Kekrops entschieden haben. S. Ovid, Verwandlungen VI, 70 ff. den Kekrops und die andern Richter wegen ihrer Trefflichkeit entschieden haben? – Allerdings, und die Geburt und die Erziehung des Erechtheus Erechtheus war ein attischer Stammheros, der mit Athene ein gemeinsames Heiligthum auf der Akropolis in Athen hatte. Von ihm heißt es bei Homer (Ilias II, 547 übersetzt von J. H. Voß ):

Dann die Athenä bewohnt, des hochgesinnten Erechtheus
Wohlgebauete Stadt, des Königes, welchen Athene
Nährte, die Tochter des Zeus, (ihn gebar die fruchtbare Erde.)
und den Krieg, In ältester Zeit sollen die Thraker bis an Attika heran gewohnt haben und bei einem zugleich mit den Eleusiniern unter Eumolpos unternommenen Zuge gegen Athen von Erechtheus weiter nach Norden hinauf getrieben worden sein. Vgl. Thukydides II, 15 und besonders Isokrates Panegyrikus 68 (S. 25 meiner Uebersetzuug, Univ.-Bibl. Nr. 1666 nebst Anm. 22). der damals gegen das ganze angrenzende Festland geführt werden mußte, ferner den zur Zeit der Herakliden gegen die Peloponnesier geführten Krieg, Die Söhne des Herakles suchten und fanden in Athen Schutz gegen Eurystheus. S. Isokrates a. a. O. 65, S. 24 meiner Übersetzung. sowie alle die Kriege unter Theseus, Gemeint sind dessen Kriege gegen die Amazonen, gegen die Thraker und Kreter. in welchen sie offenbar alle Zeitgenossen übertrafen.

11. Ferner die Thaten, welche später die Nachkommen jener, die nicht lange vor unserer Zeit lebten, ausgeführt haben, indem sie theils für sich allein kämpften gegen die, welche Beherrscher von ganz Asien und Europa bis Makedonien waren und größere Macht und Hilfsmittel als irgend jemand vor ihrer Zeit besaßen und die größten Thaten vollbracht hatten, Wie die Durchgrabung des Athos und die Brücke über den Hellespont. theils auch mit den Peloponnesiern Mit den Peloponnesiern vereint kämpften sie im zweiten Perserkriege unter Themistokles und Aristeides. zu Wasser und zu Lande durch Tapferkeit sich auszeichneten, wie man es ja auch von ihnen rühmt, daß sie ihre Zeitgenossen bei weitem übertroffen haben. – Allerdings rühmt man dies von ihnen. –

12. Daher blieben sie denn auch zur Zeit der vielen Wanderungen, welche in Hellas stattfanden, ruhig in ihrem Heimatslande; viele, die mit einander in Rechtsstreitigkeiten verwickelt waren, übertrugen ihnen die Entscheidung, und viele, die von Mächtigeren übel behandelt wurden, nahmen zu ihnen ihre Zuflucht. –

13. Darauf sagte Perikles: ich wundere mich nur, Sokrates, wie denn der Staat sich zum schlechteren neigen konnte. – Ich für meine Person denke, so gut wie einige andere Völker, weil sie bei weitem die ausgezeichnetsten und stärksten waren, sich selbst vernachlässigt haben und infolge dessen schlechter geworden seien. –

14. Was nun, sagte Perikles, müssen sie thun, um wieder ihre alte Tüchtigkeit zu erlangen? – Das scheint nicht schwer zu errathen zu sein, antwortete Sokrates; wenn sie nur die Lebensart ihrer Vorfahren wieder ausmitteln und es im Nacheifern derselben nicht an sich fehlen lassen, dann würden sie nicht schlechter als diese werden, wenn aber nicht, so würden sie, wenn sie wenigstens die, welche jetzt den ersten Rang behaupten, sich zum Vorbild nehmen und dieselbe Lebensart wie diese befolgen würden und auf gleiche Weise dasselbe übten, in keinem Punkte hinter ihnen zurückbleiben, wenn sie aber noch eifriger sind, sogar noch besser als jene werden. –

15. Nach dem, was du sagst, versetzte Perikles, ist die echte Tugend noch weit von unserem Vaterlande entfernt. Denn wann werden die Athener so wie die Lakedämonier die älteren ehren, sie, die in der Verachtung der älteren bei den Vätern den Anfang machen? Oder wann werden sie in gleicher Weise ihren Körper stählen, sie, die nicht nur die Ausbildung ihres Körpers vernachlässigen, sondern auch die, welche sich darauf legen, verspotten?

16. Wann werden sie ferner so der Obrigkeit gehorchen, sie, die sich sogar damit rühmen, daß sie die Obrigkeit verachten? Oder wann werden sie so harmoniren, sie, die, anstatt einander zu ihrem Vortheile zu helfen, einander zu schaden suchen und auf einander neidischer sind als auf fremde Menschen, am meisten aber von allen sowohl in Privatzusammenkünften als in öffentlichen in Streit gerathen und die meisten Prozesse unter einander führen und lieber auf diese Art von einander Gewinn ziehen als dadurch, daß sie sich gegenseitig nützen, und während sie mit dem Staatsgut wie mit fremdem Gut wirtschaften, um dieses unter einander sich streiten und über die Fähigkeiten hierin am meisten sich freuen?

17. Und hieraus kommt denn eine große Unerfahrenheit und Schlechtigkeit in dem Staate, und unter den Bürgern entsteht Niederträchtigkeit und Feigheit, so daß ich wenigstens gar sehr fürchte, es möchte daraus dem Staate ein größeres Unglück erwachsen, als daß er es ertragen könnte. –

18. Glaube ja nicht, Perikles, daß die Athener an einer solchen unheilvollen Verderbtheit leiden! Siehst du nicht, wie trefflich geordnet ihre Flotte ist, wie sie aufs Wort in den gymnischen Wettkämpfen ihren Vorgesetzten gehorchen und wie sie vollständig wie irgend andere in den Chören ihren Lehrern Folge leisten? –

19. Das ist ja eben, erwiderte Perikles, das unbegreifliche, daß solche Leute ihren Vorgesetzten gehorchen, die Schwerbewaffneten dagegen und die Reiter, die doch dafür gelten, daß sie sich durch ihren Sinn für Ehre und Rechtschaffenheit vor den übrigen Bürgern auszeichnen, die ungehorsamsten von allen sind. –

20. Aber wird nicht, sagte Sokrates, der Rath auf dem Areopage Der Areopag war der älteste Gerichtshof der Athener; seinen Namen hat er von einem dem Ares geweihten Hügel, wo die Areopagiten sich versammelten. Sie saßen in peinlichen Fällen zu Gericht. mit erprobten Männern besetzt? – Allerdings. – Kennst du nun wohl Richter, welche richtiger, gesetzmäßiger, würdiger, gerechter Prozesse entscheiden und alle ihre übrigen Pflichten thun, als diese? – Ich kann ihnen einen Vorwurf nicht machen. – So darfst du denn auch nicht den Muth verlieren, als ob in den Athenern sich gar kein Ordnungssinn mehr finde. –

21. Und doch beim Heere, sagte Perikles, wo man am meisten Ordnung, Zucht und Gehorsam beobachten sollte, denken sie an nichts von alledem. – Vielleicht auch, sagte Sokrates, haben gerade hierbei solche Leute die Oberleitung in Händen, welche die ungeschicktesten sind. Siehst du nicht, daß über Zitherspieler, Chorsänger und Tänzer keiner die Oberleitung übernimmt, der es nicht versteht, oder über Ringkämpfer oder Pankratiasten? Das sind solche Wettkämpfer, die sich zugleich im Ring- und Faustkampf mit einander maßen. Vielmehr müssen alle, welche über diese die Oberleitung führen können, nachweisen, woher sie die Kunst, der sie vorstehen, gelernt haben. Von den Feldherren dagegen übernehmen die meisten aufs Gerathewohl das Amt.

22. Doch glaube ich nicht, daß du einer von dieser Art bist, glaube vielmehr, daß du mir ebenso gut sagen kannst, wann du die Feldherrnkunst zu lernen angefangen hast, als wie lange du dich mit der Ringkunst beschäftigst. Auch hast du gewiß viele von den Kriegslisten deines Vaters gelernt und noch im Gedächtnis, und außerdem viele von allen Seiten zusammen getragen, woraus sich etwas für die Kriegsleitung Nützliches lernen ließ.

23. Auch glaube ich, daß du sehr darauf aus bist, dir keine von den für einen Feldherren nützlichen Kenntnissen entgehen zu lassen und wenn du merken solltest, daß du selbst etwas der Art nicht weißt, so suchst du gewiß andere auf, welche dies wissen, und sparst weder Geschenke noch Gefälligkeiten, um von ihnen das zu erfahren, was du nicht weißt und in ihnen tüchtige Gehilfen zu finden. –

24. Es entgeht mir nicht, Sokrates, sagte Perikles darauf, daß du dies keineswegs sagst, weil du etwa glaubtest, ich trage wirklich für dies alles Sorge, sondern um mich darüber zu belehren, daß einer, welcher sich um das Amt eines Feldherrn bewirbt, sich um alles dieses bekümmern muß. Ich bin jedoch darin mit dir durchaus einverstanden. –

25. Hast du aber wohl, Perikles, dies bemerkt, daß vor unserm Lande große Berge Der Kithäron u.a. liegen, welche sich bis Böotien hinein erstrecken, über welche nur schmale und steile Eingänge in unser Land führen, und daß es auch in der Mitte von unwegsamen Bergen Parnes, Lykabettos, Pentelikon, Hymettos u. a. durchschnitten ist? – Ganz gewiß, antwortete Perikles. –

26. Hast du ferner gehört, daß die Mysier und Pisidier, Räuberische Gebirgsvölker in Kleinasien, die ersteren zwischen Groß- und Kleinphrygien, letztere in Pamphylien. welche im Lande des Perserkönigs sehr befestigte Wohnsitze haben und leicht bewaffnet sind, durch Einfälle dem Lande des Königs großen Schaden zufügen und dabei als unabhängige Völker leben? – Auch dies habe ich gehört. –

27. Glaubst du mir nicht, daß die Athener, so lange ihr Alter rüstig ist, »So lange sie in dem beweglichen Alter stehen«, d. i. bis zum 21. Jahre. Denn vom 18. bis zum 20. Jahre dienten die Athener als περιπολοι (Grenzreiter), welche die Landesgrenze zu bewachen hatten ( Breitenbach ). wenn sie leichter bewaffnet wären und die vor dem Lande liegenden Berge besetzt hielten, nicht nur den Feinden schädlich sein, sondern auch ihren Mitbürgern als eine starke Schutzwehr des Landes dienen würden? – Allerdings, sagte Perikles, glaube ich, daß dies sehr nützlich sein würde. –

28. Wenn dir also dies, schloß Sokrates, gefällt, so führe es aus, mein Bester, denn was du hiervon zu Stande bringst, wird dir ehrenvoll und dem Staate von Nutzen sein; solltest du aber etwas davon nicht zu Stande bringen können, so wirst du dadurch weder dem Staate schaden, noch dir selbst Schande machen.

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