Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Xenophon >

Xenophon's Erinnerungen an Sokrates

Xenophon: Xenophon's Erinnerungen an Sokrates - Kapitel 15
Quellenangabe
typeessay
authorXenophon
titleXenophon's Erinnerungen an Sokrates
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorOtto Güthling
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080706
projectid86722fd8
Schließen

Navigation:

7. Kapitel.

Sokrates ermahnt den Aristarchos, eine nützliche Thätigkeit zu üben. Durch diese kommt Wohlstand, gegenseitige Anerkennung und Freudigkeit in das Haus.

1. Auch versuchte er, den Verlegenheiten seiner Freunde, wenn sie aus Rathlosigkeit entstanden waren, durch guten Rath abzuhelfen; hatten sie aber in Mangel ihren Grund, so half er dadurch, daß er sie lehrte, nach Kräften einander zu unterstützen. Auch hierüber werde ich erzählen, was ich von ihm weiß.

Als er einmal sah, daß Aristarchos eine finstere Miene hatte, sagte er: Es scheint, Aristarchos, als habest du an etwas schwer zu tragen; du solltest aber von deiner Last etwas deinen Freunden abgeben; denn vielleicht könnten auch wir dir einige Erleichterung verschaffen. –

2. Aristarchos antwortete: Freilich, Sokrates, bin ich in großer Verlegenheit. Denn da sich bei dem Aufstande Gemeint ist der Aufstand der politischen Flüchtlinge unter Leitung des Thrasybulos, durch welchen Athen von der Herrschaft der dreißig Tyrannen befreit wurde. Vgl. Xenophon Griech. Gesch. II, Kap. 3 und 4. der Stadt viele in den Piräeus geflüchtet haben, so sind bei mir so viele Schwestern, Nichten und Basen zusammengeströmt, daß ich, nur die Freien gerechnet, vierzehn Menschen bei mir im Hause habe. Wir haben aber weder Einnahme von Grundstücken, denn diese haben die Feinde in Händen, noch aus den Häusern, denn die Stadt ist ja fast entvölkert. Bewegliche Güter aber kauft niemand, und durch Borgen ist bei gar keinem Geld zu bekommen, vielmehr glaube ich, daß man eher auf den Straßen suchend etwas finden würde, als daß man etwas geborgt erhielte. Es ist nun sehr hart, Sokrates, mit anzusehen, wie die eigenen Angehörigen verschmachten; und doch ist es unmöglich, unter den gegenwärtigen Umständen so viele zu erhalten. –

3. Wie in aller Welt, sagte Sokrates, geht es nur zu, daß Keramon, Nicht weiter bekannt. der doch viele zu ernähren hat, nicht nur sich selbst und diesen den nöthigen Unterhalt gewähren kann, sondern auch noch so viel erübrigt, daß er sogar reich wird, du hingegen, weil du viele zu ernähren hast, in Angst schwebst, ihr möchtet aus Mangel an dem nöthigsten umkommen? – Beim Zeus, weil jener Sklaven zu ernähren hat, ich aber Freie! –

4. Und welche von beiden, fragte Sokrates, hältst du denn für bessere Leute, die Freien bei dir, oder die Sklaven beim Keramon? – Ich denke doch, sagte er, die Freien bei mir! – Ist es nun nicht schändlich, daß er durch die schlechteren zu Ueberfluß kommt, du aber durch die weit besseren in Noth? – Natürlich, sagte Aristarchos, denn er hat nur Arbeiter zu ernähren, ich aber frei Erzogene und Gebildete. –

5. Sind nun nicht Arbeiter Leute, welche etwas Nützliches zu machen verstehen? – Allerdings, sagte Aristarchos. – Sind nun nicht Graupen etwas Nützliches? – Gewiß. – Ferner Weizenbrot? – Ebenso. – Desgleichen Röcke für Männer und Frauen, Unterkleider, Mäntel und Jacken? – Gewiß, antwortete Aristarchos, sind auch diese alle nützlich. – So können also die Leute bei dir nichts von diesem machen? – O ja, alles dies, denke ich. –

6. Dann weißt du wohl nicht, fuhr Sokrates fort, daß Nausikydes Auch von Aristophanes in der Weiberversammlung als Mehlhändler erwähnt. nur von einem einzigen dieser Nahrungszweige nicht nur sich und sein Haus ernährt, sondern auch noch viele Schweine und Ochsen, und trotzdem so viel übrig hat, daß er sogar oft dem Staate Liturgieen Das sind Dienstleistungen zu Gunsten des Volks, zu denen die wohlhabenden Bürger in Athen sich verpflichten mußten. Es gab ordentliche und außerordentliche Liturgien. Jene bestanden hauptsächlich in der Herstellung und Leitung der öffentlichen Chöre, der gymnastischen Wettkämpfe und der Volksspeisungen, diese in Schiffsausrüstungen und sonstigen Beiträgen zu Kriegszwecken. S. Böckh, Staatshaush. der Athener I, S. 481. leistet, und daß Kyrebos mit der Bereitung von Weizenbrot nicht nur sein ganzes Haus satt macht, sondern auch in Ueberfluß lebt, daß Demeas von Kollytos D. h. aus dem attischen Demos Kollytos. vom Kleidermachen, Menon vom Röckemachen und die meisten Megarer vom Jackenmachen leben! – Diese haben ja, beim Zeus, gekaufte Barbaren im Hause, die sie zu jeder beliebigen Arbeit zwingen können, ich dagegen habe Freie und noch dazu Verwandte im Hause. –

7. So glaubst du also, sagte Sokrates, weil sie frei und mit dir verwandt seien, brauchten sie nichts weiter zu thun als zu essen und zu schlafen? Siehst du, daß auch von den andern Freien die, welche so leben, sich besser befinden, und hältst du sie für glücklicher oder die, welche das, was sie für das Leben nützliches verstehen, auch anwenden und betreiben? Oder findest du, daß Trägheit und Nachlässigkeit den Menschen nützlich sind, um zu lernen, was sie verstehen müssen, und um zu behalten, was sie erlernt haben, und um körperlich gesund und stark zu werden, und um das sich zu verschaffen und zu erhalten, was für das Leben nützlich ist, Arbeitsamkeit und Fleiß dagegen durchaus nichts nütze sind?

8. Lernten denn deine Verwandten jene Beschäftigungen, die, wie du sagst, sie verstehen, um sie niemals anzuwenden, oder im Gegentheil, um sie zu betreiben und sich durch dieselben Vortheile zu erarbeiten? Bei welchem Leben dürften denn die Menschen mehr vernünftig und besonnen bleiben, wenn sie sich der Trägheit hingeben, oder wenn sie etwas Nützliches betreiben? Bei welchem Leben dürften sie gerechter sein, wenn sie arbeiten, oder wenn sie durch Müßiggang sich ihren Unterhalt zu verschaffen suchen?

9. Dazu kommt aber noch, glaube ich, daß weder du sie liebst, noch sie dich: du, weil du meinst, du hättest an ihnen schädliche Schmarotzer, sie aber, weil sie sehen, daß du auf sie erzürnt bist. Es ist daher zu befürchten, es könnte noch größere Feindschaft entstehen und das frühere Wohlwollen abnehmen. Wenn du dagegen für ihre Beschäftigung sorgst, dann wirst du sie liebgewinnen, weil du siehst, daß sie dir nützen, und dich werden sie hoch halten, weil sie merken, daß du an ihnen Freude findest, und der früheren Wohlthaten werdet ihr euch nicht mehr so ungern erinnern, und das durch diese entstandene Wohlwollen werdet ihr noch erhöhen und in Folge davon freundschaftlicher und vertraulicher unter einander leben.

10. Wenn sie nun freilich etwas Schimpfliches thun müßten, so müßten sie den Tod demselben vorziehen; so aber verstehen sie sich ja, wie es scheint, gerade auf Arbeiten, die für Frauen die ehrenvollsten und wohlanständigsten sind. Alle aber arbeiten darin am leichtesten, schnellsten, schönsten und liebsten, worauf sie sich verstehen. Säume also nicht, ihnen das vorzuschlagen, was dir und ihnen gleich sehr ersprießlich ist; sie werden dir gewiß gerne folgen. –

11. In der That, Sokrates, sagte Aristarchos, du scheinst mir vollkommen Recht zu haben. Bisher konnte ich mich nicht entschließen, Geld aufzunehmen, weil ich wußte, ich würde, was ich etwa erhielte, nach dem Verbrauch nicht zurückzugeben im Stande sein; jetzt dagegen verstehe ich mich dazu, es zu thun, um Mittel zum Betrieb des Geschäftes in Händen zu haben.

12. Hierauf wurden nun Mittel herbeigeschafft und Wolle gekauft; während der Arbeit aß man das Frühstück und nach der Arbeit nahm man die Abendmahlzeit ein, man war fröhlich statt mürrisch, statt einander scheel anzusehen, sah man sich gegenseitig gern an, und sie liebten den Aristarchos wie ihren Pflegevater, während er sie als nützliche Arbeiterinnen werth hielt. Zuletzt aber kam er noch einmal zu Sokrates und erzählte ihm voll Freude nicht nur dies, sondern auch, daß sie ihm den Vorwurf machten, er allein im ganzen Hause esse, ohne zu arbeiten.

13. Da sagte Sokrates: Erzähltest du ihnen da nicht die Fabel vom Hunde? Als nämlich die Thiere noch sprechen konnten, soll das Schaf zu seinem Herren gesagt haben: »Du handelst doch wunderbar, daß du uns, die wir dir Wolle, Lämmer und Käse liefern, nichts darreichst, außer was wir uns selbst vom Boden aufsuchen, dem Hunde dagegen, der dir nichts von alledem liefert, von deiner eigenen Speise abgiebst.«

14. Als der Hund dies hörte, soll er gesagt haben: »Ich bin es ja, beim Zeus, der auch euch selbst beschützt, daß ihr weder von Menschen gestohlen noch von Wölfen geraubt werdet, denn wenn ich euch nicht bewachte, würdet ihr nicht einmal auf die Weide gehen können, aus Furcht, den Tod zu erleiden.« Darauf sollen denn auch die Schafe eingewilligt haben, daß der Hund den Vorzug habe. – Sage also auch du deinen Hausgenossinnen, daß du gleich einem Hunde ihr Beschützer und Aufseher seist, und daß sie es dir verdanken, wenn sie von keinem angefochten, sicher und heiter bei ihrer Arbeit leben.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.