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Johann Wolfgang von Goethe: Xenien - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleXenien
authorJohann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller
year1900
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
titleXenien
pages1-48
created20020211
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1796
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208. Nur Zeitschriften.

Frankreich faßt er mit einer, das arme Deutschland gewaltig
    Mit der andern, doch sind beide papieren und leicht!

209. Das Motto.

Wahrheit sag' ich euch, Wahrheit und immer Wahrheit, versteht sich:
    Meine Wahrheit; denn sonst ist mir auch keine bekannt.

210. Der Wächter Zions.

Meine Wahrheit besteht im Bellen, besonders wenn irgend
    Wohlgekleidet ein Mann sich auf der Straße mir zeigt.

211. Verschiedene Dressuren.

Aristokratische Hunde, sie knurren auf Bettler, ein echter
    Demokratischer Spitz klafft nach dem seidenen Strumpf.

212. Böse Gesellschaft.

Aristokraten mögen noch gehn, ihr Stolz ist doch höflich,
    Aber du löbliches Volk bist so voll Hochmut und grob.

213. An die Obern.

Immer bellt man auf euch! bleibt sitzen! es wünschen die Beller
    Jene Plätze, wo man ruhig das Bellen vernimmt.

214. Baalspfaffen.

Heilige Freiheit! Erhabener Trieb der Menschen zum Bessern!
    Wahrlich, du konntest dich nicht schlechter mit Priestern versehn!

215. Verfehlter Beruf.

Schreckensmänner wären sie gerne, doch lacht man in Deutschland
    Ihres Grimmes, der nur mäßige Schriften zerfleischt.

216. An mehr als einen.

Erst habt ihr die Großen beschmaust, nun wollt ihr sie stürzen;
    Hat man Schmarotzer doch nie dankbar dem Wirte gesehn.

217. Das Requisit.

Lange werden wir euch noch ärgern und werden euch sagen:
    Rote Kappen, euch fehlt nur noch das Glöckchen zum Putz.

218. Verdienst.

Hast du auch wenig genug verdient um die Bildung der Deutschen,
    Fritz Nicolai, sehr viel hast du dabei doch verdient.

219. Umwälzung.

Nein, das ist doch zu arg! Da läuft auch selbst noch der Kantor
    Von der Orgel, und ach! Pfuscht auf den Klaven des Staats.

220. Der Halbvogel.

Fliegen möchte der Strauß, allein er rudert vergeblich,
    Ungeschickt rühret der Fuß immer den leidigen Sand.

221. Der letzte Versuch.

Vieles hast du geschrieben, der Deutsche wollt' es nicht lesen;
    Gehn die Journale nicht ab, dann ist auch alles vorbei.

222. Kunstgriff.

Schreib die Journale nur anonym, so kannst du mit vollen
    Backen deine Musik loben, er merkt es kein Mensch.

223. Dem Großsprecher.

Öfters nahmst du das Maul schon so voll und konntest nicht wirken,
    Auch jetzt wirkest du nichts, nimm nur das Maul nicht so voll.

224. Mottos.

Setze nur immer Mottos auf deine Journale, sie zeigen
    Alle die Tugenden an, die man an dir nicht bemerkt.

225. Sein Handgriff.

Auszuziehen versteh' ich, und zu beschmutzen die Schriften,
    Dadurch mach' ich sie mein, und ihr bezahlet sie mir.

226. Die Mitarbeiter.

Wie sie Glieder verrenken, die Armen! Aber nach dieser
    Pfeife zu tanzen, es ist auch beim Apollo! kein Spaß.

227. Unmögliche Vergeltung.

Deine Kollegen verschreist und plünderst du! Dich zu verschreien
Ist nicht nötig, und nichts ist auch zu plündern an dir.

228. Das züchtige Herz.

Gern erlassen wir dir die moralische Delikatesse,
    Wenn du die zehen Gebot' nur so notdürftig befolgst.

229. Abscheu.

Heuchler ferne von mir! Besonders du widriger Heuchler,
    Der du mit Grobheit glaubst Falschheit zu decken und List.

230. Der Hausierer.

Ja, das fehlte nun noch zu der Entwicklung der Sache,
    Daß als Krämer sich nun Kr**er nach Frankreich begibt.

231. Deutschlands Revanche an Frankreich.

Manchen Lakai schon verkauftet ihr uns als Mann von Bedeutung,
    Gut! wie spedieren euch hier Kr**** als Mann von Verdienst.

232. Der Patriot.

Daß Verfassung sich überall bilde! Wie sehr ist's zu wünschen,
Aber ihr Schwätzer verhelft uns zu Verfassungen nicht!

233. Die drei Stände.

Sagt, wo steht in Deutschland der Sansculott'? In der Mitte,
    Unten und oben besitzt jeglicher, was ihm behagt.

234. Die Hauptsache.

Jedem Besitzer das Seine! und jedem Regierer den Rechtsinn,
    Das ist zu wünschen, doch ihr, beides verschafft ihr uns nicht.

235. Anacharsis der Zweite.

Anacharsis dem ersten nahmt ihr den Kopf weg, der zweite
    Wandert nun ohne Kopf klüglich, Pariser, zu euch.

236. Historische Quellen.

Augen leiht dir der Blinde zu dem, was in Frankreich geschiehet,
    Ohren der Taube, du bist, Deutschland, vortrefflich bedient.

237. Der Almanach als Bienenkorb.

Lieblichen Honig geb' er dem Freund, doch nahet sich täppisch
    Der Philister, ums Ohr saus' ihm der stechende Schwarm!

238. Etymologie.

Ominos ist dein Name, er spricht dein ganzes Verdienst aus,
    Gern verschafftest du, ging es, dem Pöbel den Sieg.

239. Ausnahme.

Warum tadelst du manchen nicht öffentlich? Weil er ein Freund ist,
    Wie mein eigenes Herz tadl' ich im stillen den Freund.

240. Die Insekten.

Warum schiltst du die einen so hundertfach? Weil das Geschmeiße,
    Rührt sich der Wedel nicht stets, immer dich leckt und dich sticht.

241. Einladung.

Glaubst du denn nicht, man könnte die schwache Seite dir zeigen?
    Thu es mit Laune, mit Geist, Freund, und wir lachen zuerst.

242. Warnung.

Unsrer liegen noch tausend im Hinterhalt, daß ihr nicht etwa,
    Rückt ihr zu hitzig heran, Schultern und Rücken entblößt.

243. An die Philister.

Freut euch des Schmetterlings nicht, der Bösewicht zeugt euch die Raupe,
    Die euch den herrlichen Kohl fast aus der Schüssel verzehrt.

244. Hausrecht.

Keinem Gärtner verdenk' ich's, daß er die Sperlinge scheuchet,
    Doch nur Gärtner ist er, jene gebar die Natur.

245. Currus virum miratur inanes.

Wie sie knallen die Peitschen! Hilf Himmel! Journale! Kalender!
    Wagen an Wagen! Wie viel Staub und wie wenig Gepäck.

246. Kalender der Musen und Grazien.

Musen und Grazien! oft habt ihr euch schrecklich verirret,
    Doch dem Pfarrer noch nie selbst die Perücke gebracht.

247. Taschenbuch.

Viele Läden und Häuser sind offen in südlichen Ländern,
    Und man sieht das Gewerb', aber die Armut zugleich.

248. Vossens Almanach.

Immer zu, du redlicher Voß! Beim neuen Kalender
    Nenne der Deutsche dich doch, der dich im Jahre vergißt.

249. Schillers Almanach von 1796.

Du erhebest uns erst zu Idealen und stürzest
    Gleich zur Natur uns zurück, glaubst du, wir danken dir das?

250. Das Paket.

Mit der Eule gesiegelt? Da kann Minerva nicht weit sein!
    Ich erbreche, da fällt »von und für Deutschland« heraus.

251. Das Journal Deutschland.

Alles beginnt der Deutsche mit Feierlichkeit, und so zieht auch
    Diesem deutschen Journal blasend ein Spielmann voran.

252. Reichsanzeiger.

Edles Organ, durch welches das Deutsche Riech mit sich selbst spricht,
    Geistreich, wie es hinein schallet, so schallt es heraus.

253. A. d. Ph.

Woche für Woche zieht der Bettelkarren durch Deutschland,
    Den auf schmutzigem Bock Jakob, der Kutscher, regiert.

254. A. D. B.

Zehnmal gelesene Gedanken auf zehnmal bedrucktem Papiere,
    Auf zerriebenem Blei stumpfer und bleierner Witz.

255. A. d. Z.

Auf dem Umschlag sieht man die Charitinnen, doch leider
    Kehrt uns Aglaia den Teil, den ich nicht nennen darf, zu.

256. Deutsche Monatschrift.

Deutsch in Künsten gewöhnlich heißt mittelmäßig! und bist du
    Deutscher Monat, vielleicht auch so ein deutsches Produkt.

257. G. d. Z.

Dich, o Dämon! erwart' ich und deine herrschenden Launen,
    Aber im härenen Sack schleppt sich ein Kobold dahin.

258. Urania.

Deinen heiligen Namen kann nichts entehren, und wenn ihn
    Auf sein Sudelgefäß Ewald, der frömmelnde, schreibt.

259. Merkur.

Wieland zeigt sich nur selten, doch sucht man gern die Gesellschaft,
    Wo sich Wieland auch nur selten, der Seltene, zeigt.

260. Horen. Erster Jahrgang.

Einige wandeln zu ernst, die andern schreiten verwegen,
    Wenige gehen den Schritt, wie ihn das Publikum hält.

261. Minerva.

Trocken bist du und ernst, doch immer die würdige Göttin,
    Und so leihest du auch gerne den Namen dem Heft.

262. Journal des Luxus und der Moden.

Du bestrafest die Mode, bestrafest den Luxus, und beide
    Weißt du zu fördern, du bist ewig des Beifalls gewiß.

263. Dieser Musenalmanach.

Nun erwartet denn auch, für seine herzlichen Gaben,
    Liebe Kollegen, von euch unser Kalender den Dank.

264. Der Wolfische Homer.

Sieben Städte zankten sich drum, ihn geboren zu haben,
    Nun, da der Wolf ihn zerriß, nehme sich jede ihr Stück.

265. M***.

Weil du doch alles beschriebst, so beschreib uns zu gutem Beschlusse
    Auch die Maschine noch, Freund, die dich so fertig bedient.

266. Herr Leonhard **.

Deinen Namen les' ich auf zwanzig Schriften, und dennoch
    Ist es dein Name nur, Freund, den man in allen vermißt.

267. Pantheon der Deutschen, I. Band.

Deutschlands größte Männer und kleinste sind hier versammelt,
    Jene gaben den Stoff, diese die Worte des Buchs.

268. Borussias.

Sieben Jahre nur währte der Krieg, von welchem du singest?
    Sieben Jahrhunderte, Freund, währt mir dein Heldengedicht.

269. Guter Rat.

Accipe facundi Culicem, studiose, Maronis,
  Ne, nugis positis, arma virumque canas.

270. Reineke Fuchs.

Vor Jahrhunderten hätte ein Dichter dieses gesungen?
    Wie ist das möglich? Der Stoff ist ja von gestern und heut'.

271. Menschenhaß und Reue.

Menschenhaß? Nein, davon verspürt' ich beim heutigen Stücke
    Keine Regung, jedoch Reue, die hab' ich gefühlt.

272. Schinks Faust.

Faust hat sich leider schon oft in Deutschland dem Teufel ergeben,
    Doch so prosaisch noch nie schloß er den schrecklichen Bund.

273. An Madame B** und ihre Schwestern.

Jetzt noch bist du Sibylle, bald wirst du Parze, doch fürcht' ich,
    Hört ihr alle zuletzt gräßlich als Furien auf.

274. Almansaris und Amanda.

Warum verzeiht mir Amanda den Scherz und Almansaris tobet?
    Jene ist tugendhaft, Freund, diese beweiset, sie sei's.

275. B**.

Wäre Natur und Genie von allen Menschen verehret,
    Sag, was bliebe, Phantast, denn für ein Publikum dir?

276. Erholungen. Zweites Stück.

Daß ihr seht, wie genau wir den Titel des Buches erfüllen,
    Wird zur Erholung hiemit euch die Vernichtung gereicht.

277. Moderezension.

Preise dem Kinde die Puppen, wofür es begierig die Groschen
    Hinwirft, so bist du fürwahr Krämern und Kindern ein Gott.

278. Dem Zudringlichen.

Ein vor allemal willst du ein ewiges Leben mir schaffen?
    Mach im zeitlichen doch mir nicht die Weile so lang.

279. Höchster Zweck der Kunst.

Schade fürs schöne Talent des herrlichen Künstlers! O hätt' er
    Aus dem Marmorblock doch ein Kruzifix uns gemacht.

280. Zum Geburtstag.

Möge dein Lebensfaden sich spinnen, wie in der Prosa
    Dein Periode, bei dem leider die Lachesis schläft.

281. Unter vier Augen.

Viele rühmen, sie habe Verstand; ich glaub's, für den einen,
    Den sie jedesmal liebt, hat sie auch wirklich Verstand.

282. Charade.

Nichts als dein Erstes fehlt dir, so wäre dein Zweites genießbar,
    Aber dein Ganzes, mein Freund, ist ohne Salz und Geschmack.

283. Frage in den Reichsanzeiger.

W. Meister betreffend.

Zu was Ende die welchen Namen für deutsche Personen?
    Raubt es nicht allen Genuß an dem vortrefflichen Werk?

284. Göschen an die deutschen Dichter.

Ist nur erst Wieland heraus, so kommt's an euch übrigen alle,
    Und nach der Lokation! Habt nur einstweilen Geduld!

285. Verleger von P** Schriften.

Eine Maschine besitz' ich, die selber denkt, was sie drucket,
    Obengenanntes Werk zeig' ich zur Probe hier vor.

286. Josephs II. Diktum an die Buchhändler.

Einem Käsehandel vergleich er eure Geschäfte?
    Wahrlich der Kaiser, man sieht's, war auf dem Leipziger Markt.

287. Preisfrage der Akademie nützlicher Wissenschaften.

Wie auf dem Ü. fortan der teure Schnörkel zu sparen?
    Auf die Antwort sind dreißig Dukaten gesetzt.

288. G. G.

Jeder, siehst du ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig,
    Sind sie in Corpore, gleich wird dir ein Dummkopf daraus.

289. Hörsäle auf gewissen Universitäten.

Prinzen und Grafen sind hier von den übrigen Hörern gesondert,
    Wohl! Denn trennte der Stand nirgends, er trennte doch hier!

290. Der Virtuose.

Eine hohe Noblesse bedien' ich heut' mit der Flöte,
    Die, wie ganz Wien mir bezeugt, völlig wie Geige sich hört.

291. Sachen, so gesucht werden.

Einen Bedienten wünscht man zu haben, der leserlich schreibet
    Und orthographisch, jedoch nichts in Bell-Letters gethan.

292. Französische Lustspiele von Dyk.

Wir versichern auf Ehre, daß wir einst witzig gewesen,
    Sind wir auch hier, wie gestehen's, herzlich geschmacklos und fad'.

293. Buchhändler-Anzeige.

Nichts ist der Menschheit so wichtig, als ihre Bestimmung zu kennen;
    Um zwölf Groschen kurant wird sie bei mir jetzt verkauft.

294. Auktion.

Da die Metaphysik vor kurzem unbeerbt abging,
    Werden die Dinge an sich morgen sub hasta verkauft.

295. Gottesurteil.

(Zwischen einem Göttinger und Berliner.)

Öffnet die Schranken! Bringet zwei Särge! Trompeter geblasen!
    Almanachsritter heraus gegen den Ritter vom Sporn!

296. Sachen, so gestohlen worden.

(Immanuel Kant spricht.)

Zwanzig Begriffe wurden mir neulich diebisch entwendet,
    Leicht sind sie kenntlich, es steht sauber mein I. K. darauf.

297. Antwort auf obigen Avis.

Wenn nicht alles mich trügt, so hab' ich besagte Begriffe
    In Herrn Jacobs zu Hall Schriften vor kurzem gesehn.

298. Schauspielerin.

Furiose Geliebten sind meine Forcen im Schauspiel,
    Und in der Comédie glänz' ich als Brannteweinfrau.

299. Professor Historiarum.

Breiter wird immer die Welt, und immer mehr Neues geschiehet,
    Ach! die Geschichte wird stets länger und kürzer das Brot!

300. Rezension.

Sehet wie artig der Frosch nicht hüpft! Doch find' ich die hinteren
    Füße um vieles zu lang, so wie die vordern zu kurz.

301. Litterarische Adreßkalender.

Jeder treibe sein Handwerk, doch immer steh' es geschrieben:
    Dies ist das Handwerk, und der treibet das Handwerk geschickt.

302. Neueste Kritikproben.

Nicht viel fehlt dir, ein Meister nach meinen Begriffen zu heißen,
    Nehm' ich das einzige aus, daß du verrückt phantasierst.

303. Eine zweite.

Lieblich und zart sind deine Gefühle, gebildet dein Ausdruck,
    Eins nur tadl' ich, du bist frostig von Herzen und matt.

304. Eine dritte.

Du nur bist mir der würdige Dichter! es kommt dir auf eine
    Platitüde nicht an, nur um natürlich zu sein.

305. Schillers Würde der Frauen.

Vorn herein liest sich das Lied nicht zum besten, ich les' es von hinten,
    Strophe für Strophe, und so nimmt es ganz artig sich aus.

306. Pegasus, von ebendemselben.

Meine zarte Natur schockiert das grelle Gemälde,
    Aber, von Langbein gemalt, mag ich den Teufel recht gern.

307. Das ungleiche Verhältnis.

Unsre Poeten sind seicht, doch das Unglück ließ sie vertuschen,
Hätten die Kritiker nicht ach! so entsetzlich viel Geist.

308. Neugier.

Etwas wünscht' ich zu sehn, ich wünschte einmal von den Freunden,
    Die das Schwache so schnell finden, das Gute zu sehn.

309. Jeremiaden aus dem Reichs-Anzeiger.

Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,
    Ach und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit.

310. Böse Zeiten.

Philisophen verderben die Sprache, Poeten die Logik,
    Und mit dem Menschenverstand kommt man durchs Leben nicht mehr.

311. Skandal.

Aus der Ästhetik, wohin sie gehört, verjagt man die Tugend,
    Jagt sie, den läst'gen Gast, in die Politik hinein.

312. Das Publikum im Gedränge.

Wohin wenden wir uns? Sind wir natürlich, so sind wir
    Platt, und genieren wir uns, nennt man es abgeschmackt gar.

313. Das goldene Alter.

Schöne Naivität der Stubenmädchen zu Leipzig,
    Komm doch wieder, o komm, witzige Einfalt, zurück!

314. Komödie.

Komm Komödie wieder, du ehrbare Wochenvisite,
    Siegmund, du süßer Amant, Maskarill, spaßhafter Knecht.

315. Alte deutsche Tragödie.

Trauerspiele voll Salz, voll epigrammatischer Nadeln,
    Und du Menuettschritt unsers geborgten Cothurns.

316. Roman.

Philosoph'scher Roman, du Gliedermann, der so geduldig
    Still hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt.

317. Deutsche Prosa.

Alte Prosa komm wieder, die alles so ehrlich heraussagt,
    Was sie denkt und gedacht, auch was der Leser sich denkt.

318. Chorus.

Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,
    Ach! und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit.

319. Gelehrte Zeitungen.

Wie die Nummern des Lotto, so zieht man hier die Autoren,
    Wie sie kommen, nur daß niemand dabei was gewinnt.

320. Die zwei Fieber.

Kaum hat das kalte Fieber der Gallomanie uns verlassen,
    Bricht in der Gräkomanie gar noch ein hitziges aus.

321. Griechheit.

Griechheit, was war sie? Verstand und Maß und Klarheit! Drum dächt' ich,
    Etwas Geduld noch, ihr Herrn, eh' ihr von Griechheit uns sprecht.

322. Warnung.

Eine würdige Sache verfechtet ihr, nur mit Verstande
    Bitt' ich! daß sie zum Spott und zum Gelächter nicht wird!

323. Übertreibung und Einseitigkeit.

Daß der Deutsche doch alles zu seinem Äußersten treibet,
    Für Natur und Vernunft selbst, für die nüchterne schwärmt!

324. Neueste Behauptung.

Völlig charakterlos ist die Poesie der Modernen,
    Denn sie verstehen bloß charakteristisch zu sein.

325. Griechische und moderne Tragödie.

Unsre Tragödie spricht zum Verstand, drum zerreißt sie das Herz so,
    Jene setzt in Affekt, darum beruhigt sie so!

326. Entgegengesetzte Wirkung.

Wir Modernen, wir gehn erschüttert, gerührt aus dem Schauspiel,
    Mit erleichterter Brust hüpfte der Grieche heraus!

327. Die höchste Harmonie.

Ödipus reißt die Augen sich aus, Jokaste erhenkt sich,
    Beide schuldlos; das Stück hat sich harmonisch gelöst.

328. Aufgelöstes Rätsel.

Endlich ist es heraus, warum uns Hamlet so anzieht,
    Weil er, merket das wohl, ganz zur Verzweiflung uns bringt.

329. Gefährliche Nachfolge.

Freunde, bedenket euch wohl, die tiefere kühnere Wahrheit
    Laut zu sagen, sogleich stellt man sie euch auf den Kopf.

330. Geschwindschreiber.

Was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren,
    Ach! was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm!

331. Die Sonntagskinder.

Jahrelang bildet der Meister und kann sich nimmer genugthun,
    Dem genialen Geschlecht wird es im Traume beschert!

332. Xenien.

Muse, wo führst du uns hin? Was, gar zu den Manen hinunter?
    Hast du vergessen, daß wir nur Monodistichen sind?

333. Muse.

Desto besser! Geflügelt wie ihr, dünnleibig und lustig,
    Seele mehr als Gebein, wischt ihr als Schatten hindurch.

334. Acheronta movebo.

Hölle, jetzt nimm dich in acht, es kommt ein Reisebeschreiber,
    Und die Publizität deckt auch den Acheron auf.

335. Sterilemque tibi Proserpina vaccam.

Hekate! Keusche! dir schlacht' ich »die Kunst zu lieben« von Manso,
    Jungfer noch ist sie, sie hat nie was von Liebe gewußt.

336. Elpänor.

Muß ich dich hier schon treffen, Elpänor? Du bist mir gewaltig
    Vorgelaufen? und wie? Gar mit gebrochnem Genick?

337. Unglückliche Eilfertigkeit.

Ach, wie sie Freiheit schrien und Gleichheit, geschwind wollt' ich folgen,
    Und weil die Trepp' mir zu lang deuchte, so sprang ich vom Dach.

338. Achilles.

Vormals im Leben ehrten wir dich, wie einen der Götter,
    Nun du tot bist, so herrscht über die Geister dein Geist.

339. Trost.

Laß dich den Tod nicht reuen, Achill. Es lebet dein Name
    In der Bibliothek schöner Scientien hoch.

340. Seine Antwort.

Lieber möcht' ich fürwahr dem Ärmsten als Ackerknecht dienen,
    Als des Gänsegeschlechts Führer sein, wie du erzählst.

341. Frage.

Du verkündige mir von meinen jungen Nepoten,
    Ob in der Litteratur beide noch walten und wie?

342. Antwort.

Freilich walten sie noch und bedrängen hart die Trojaner,
    Schießen manchmal auch wohl blind in das Blaue hinein.

343. Frage.

Melde mir auch, ob du Kunde vom alten Peleus vernahmest,
    Ob er noch weit geehrt in den Kalendern sich liest?

344. Antwort.

Ach! ihm mangelt leider die spannender Kraft und die Schnelle,
    Die einst des G*** herrliche Saiten belebt.

345. Ajax.

Ajax! Telamons Sohn! So mußtest du selbst nach dem Tode
    Noch forttragen den Groll wegen der Rezension?

346. Tantalus.

Jahrelang steh' ich so hier, zur Hippokrene gebücket,
    Lechzend vor Durst, doch der Quell, will ich ihn kosten, zerrinnt.

347. Phlegyasque miserrimus omnes admonet.

O ich Thor! Ich rasender Thor! Und rasend ein jeder,
    Der, auf des Weibes Rat horchend, den Freiheitsbaum pflanzt.

348. Die dreifarbige Kokarde.

Wer ist der Wütende da, der durch die Hölle so brüllet
    Und mit grimmiger Faust sich die Kokarde zerzaust.

349. Agamemnon.

Bürger Odysseus! Wohl dir! Bescheiden ist deine Gemahlin,
    Strickt dir die Strümpfe, und stecke keine drei Farben dir an!

350. Porphyrogeneta, den Kopf unter dem Arme.

Köpfe schaffet euch an, ihr Liebden! Thut es beizeiten!
    Wer nicht hat, er verliert, auch was er hat, noch dazu!

351. Sisyphus.

Auch noch hier nicht zur Ruh', du Unglücksel'ger! Noch immer
    Rollst du bergauf wie einst, da du regiertest, den Stein!

352. Sulzer.

Hüben über den Urnen! Wie anders ist's, als wir dachten!
    Mein aufrichtiges Herz hat mir Vergebung erlangt.

353. Haller.

Ach! Wie schrumpfen allhier die dicken Bände zusammen,
    Einige werden belohnt, aber die meisten verziehn.

354. Moses Mendelsohn.

Ja! du siehst mich unsterblich! »Das hast du uns ja in dem Phädon
    Längst bewiesen.« – Mein Freund, freue dich, daß du es siehst!

355. Der junge Werther.

»Worauf lauerst du hier?« – Ich erwarte den dummen Gesellen,
    Der sich so abgeschmackt über mein Leiden gefreut.

356. L***.

»Edler Schatten, du zürnst?« – Ja, über den lieblosen Bruder,
    Der mein modernd Gebein lässet im Frieden nicht ruhn.

357. Dioskuren.

Einen wenigstens hofft' ich von euch hier unten zu finden,
    Aber beide seid ihr sterblich, drum lebt ihr zugleich.

358. Unvermutete Zusammenkunft.

Sage, Freund, wie find' ich denn dich in des Todes Behausung,
    Ließ ich doch frisch und gesund dich in Berlin noch zurück?

359. Der Leichnam.

Ach, das ist nur mein Leib, der in Almanachen noch umgeht,
    Aber es schiffte schon längst über den Lethe der Geist.

360. Peregrinus Proteus.

Siehest du Wieland, so sag ihm: ich lasse mich schönstens bedanken,
    Aber er that mir zu viel Ehr' an, ich war doch ein Lump.

361. Lucian von Samosata.

»Nun Freund, bist du versöhnt mit den Philosophen? Du hast sie
    Oben im Leben, das weiß Jupiter! tüchtig geneckt.«

362. Geständnis.

Rede leiser, mein Freund. Zwar hab' ich die Narren gezüchtigt,
    Aber mit vielem Geschwätz oft auch die Klugen geplagt.

363. Alcibiades.

Kommst du aus Deutschland? Sieh mich doch an, ob ich wirklich ein solcher
    Hasenfuß bin, als bei euch man in Gemälden mich zeigt?

364. Martial.

Xenien nennet ihr euch? Ihr gebt euch für Küchenpräsente?
    Ißt man denn, mit Vergunst, spanischen Pfeffer bei euch?

365. Xenien.

Nicht doch! Aber es schwächten die vielen wäss'richten Speisen
    So den Magen, daß jetzt Pfeffer und Wermut nur hilft.

366. Rhapsoden.

Wer von euch ist der Sänger der Ilias? Weil' ihm so gut schmeckt,
    Ist hier von Heyne ein Pack Göttinger Würste für ihn.

367. Viele Stimmen.

Mir her, ich sang der Könige Zwist! Ich die Schlacht bei den Schiffen!
    Mir die Würste! ich sang, was auf dem Ida geschah.

368. Rechnungsfehler.

Friede! Zerreißt mich nur nicht! Die Würste werden nicht reichen,
    Der sie schickte, er hat sich nur auf Einen versehn.

369. Einer aus dem Chor.

(Fängt an zu recitieren.)

»Wahrlich, nichts Lustigers weiß ich, als wenn die Tische recht voll sind,
    Von Gebacknem und Fleisch, und wenn der Schenke nicht säumt –

370. Vorschlag zur Güte.

Teilt euch wie Brüder! Es sind der Würste gerade zwei Dutzend,
    Und wer Astyanax sang, nehme noch diese von mir.

371. Philosophen.

Gut, daß ich euch, ihr Herren, in pleno beisammen hier finde,
    Denn das eine, was not, treibt mich herunter zu euch.

372. Aristoteles.

Gleich zur Sache, mein Freund. Wir halten die Jenaer Zeitung
    Hier in der Hölle und sind längst schon von allem belehrt.

373. Dringend.

Desto besser! So gebt mir, ich geh' euch nicht eher vom Leibe,
    Einen allgültigen Satz, und der auch allgemein gilt.

374. Einer aus dem Haufen.

Cogito ergo sum. Ich denke und mithin, so bin ich,
    Ist das eine nur wahr, ist es das andre gewiß.

375. Ich.

Denk' ich, so bin ich! Wohl! Doch wer wird immer auch denken?
    Oft schon war ich, und hab' wirklich an gar nichts gedacht!

376. Ein Zweiter.

Weil es Dinge doch gibt, so gibt es ein Ding aller Dinge,
    In dem Ding aller Ding' schwimmen wir, wie wir so sind.

377. Ein Dritter.

Just das Gegenteil sprech ich. Es gibt kein Ding als mich selber!
    Alles andre, in mir steigt es als Blase nur auf.

378. Ein Vierter.

Zweierlei Dinge lass' ich passieren, die Welt und die Seele,
    Keins weiß vom andern, und doch deuten sie beide auf eins.

379. Ein Fünfter.

Von dem Ding weiß ich nichts, und weiß auch nichts von der Seele,
    Beide erscheinen mir nur, aber sie sind doch kein Schein.

380. Ein Sechster.

Ich bin ich, und setze mich selbst, und setz' ich mich selber
    Als nicht gesetzt, nur gut! setz' ich ein Nicht-Ich dazu.

381. Ein Siebenter.

Vorstellung wenigstens ist; ein Vorgestelltes ist also,
    Ein Vorstellendes auch, macht, mit der Vorstellung, drei!

382. Ich.

Damit lock' ich, ihr Herrn, doch keinen Hund aus dem Ofen,
    Einen erklecklichen Satz will ich, und der auch was setzt.

383. Ein Achter.

Auf theoretischem Feld ist weiter nichts mehr zu finden,
    Aber der praktische Satz gilt doch: Du kannst, denn du sollst!

384. Ich.

Dacht' ich's doch! Wissen sie nichts Vernünftiges mehr zu erwidern,
    Schieben sie's einem geschwind in das Gewissen hinein.

385. David Hume.

Rede nicht mit dem Volk, der Kant hat sie alle verwirret,
    Mich frag, ich bin mir selbst auch in der Hölle noch gleich.

386. Rechtsfrage.

Jahrelang schon bedien' ich mich meiner Nase zum Riechen,
    Hab' ich denn wirklich an sie auch ein erweisliches Recht?

387. Puffendorf.

Ein bedenklicher Fall! doch die erste Possession scheint
    Für dich zu sprechen, und so brauche sie immerhin fort.

388. Gewissensskrupel.

Gerne dien' ich den Freunden, doch thu' ich es leider mit Neigung,
    Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.

389. Decisum.

Da ist kein andrer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten,
    Und mit Abscheu alsdann thun, wie die Pflicht dir gebeut.

390. Herkules.

Endlich erblick' ich auch den gewaltigen Herkules! Seine
    Übersetzung! Er selbst leider war nicht mehr zu sehn.

391. Herakliden.

Ringsum schrie, wie Vögelgeschrei, das Geschrei der Tragöden
    Und das Hundegebell der Dramaturgen um ihn.

392. »Pure Manier.«

Schauerlich stand das Ungetüm da. Gespannt war der Bogen,
    Und der Pfeil auf der Sehn' traf noch beständig das Herz.

393. Er.

Welche noch kühnere That, Unglücklicher, wagest du jetzo,
    Zu den Verstorbenen selbst niederzusteigen, ins Grab!

394. Ich.

Wegen Tiresias mußt' ich herab, den Seher zu fragen,
    Wo ich den guten Geschmack fände, der nicht mehr zu sehn.

395. Er.

Glauben sie nicht der Natur und den alten Griechen, so holst du
    Eine Dramaturgie ihnen vergeblich herauf.

396. Ich.

O die Natur, die zeigt auf unsern Bühnen sich wieder,
    Splitternackend, daß man jegliche Rippe ihr zählt.

397. Er.

Wie? So ist wirklich bei euch der alte Kothurnus zu sehen,
    Den zu holen ich selbst stieg in des Tartarus Nacht?

398. Ich.

Nichts mehr von diesem tragischen Spuk. Kaum einmal im Jahre
    Geht dein geharnischter Geist über die Bretter hinweg.

399. Er.

Auch gut! Philosophie hat eure Gefühle geläutert,
    Und vor dem heitern Humor fliehet der schwarze Affekt.

400. Ich.

Ja, ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber,
    Aber der Jammer auch, wenn er nur naß ist, gefällt.

401. Er.

Also sieht man bei euch den leichten Tanz der Thalia
    Neben dem ernsten Gang, welchen Melpomene geht?

402. Ich.

Keines von beiden! Uns kann nur das christlichmoralische rühren,
    Und was recht populär, häuslich und bürgerlich ist.

403. Er.

Was? Es dürfte kein Cäsar auf euren Bühnen sich zeigen,
    Kein Anton, kein Orest, keine Andromache mehr?

404. Ich.

Nichts! Man siehet bei uns nur Pfarrer, Kommerzienräte,
    Fähndriche, Sekretärs oder Husarenmajors.

405. Er.

Aber ich bitte dich, Freund, was kann denn dieser Misère
    Großes begegnen, was kann Großes denn durch sie geschehn?

406. Ich.

Was? Sie machen Kabale, sie leihen auf Pfänder, sie stecken
    Silberne Löffel ein, wagen den Pranger und mehr.

407. Er.

Woher nehmt ihr denn aber das große gigantische Schicksal,
    Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt?

408. Ich.

Das sind Grillen! Uns selbst und unsre guten Bekannten,
    Unsern Jammer und Not suchen und finden wir hier.

409. Er.

Aber das habt ihr ja alles bequemer und besser zu Hause,
    Warum entfliehet ihr euch, wenn ihr euch selber nur sucht?

410. Ich.

Nimm's nicht übel, mein Heros. Das ist ein verschiedener Kasus,
    Das Geschick, das ist blind, und der Poet ist gerecht.

411. Er.

Also eure Natur, die erbärmliche, trifft man auf euren
    Bühnen, die große nur nicht, nicht die unendliche an?

412. Er.

Der Poet ist der Wirt und der letzte Aktus die Zeche,
    Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.

413. Muse zu den Xenien.

Aber jetzt rat' ich euch, geht, sonst kommt noch gar der Gorgona
    Fratze oder ein Band Oden von Haschka hervor.

414. An die Freier.

Alles war nur ein Spiel! Ihr Freier lebt ja noch alle,
    Hier ist der Bogen und hier ist zu den Ringen der Platz.

 

 

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