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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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V.

Der Weinkeller auf der Reinsburg.

Wenn man von dem Hasenberg gen Stuttgart herabsteigt, so erhebt sich rechts am Fuße desselben ein Kegelberg, so wohlgeformt, als ob er von Ameisen hingetragen worden wäre.

Auf ihm stand früher die »Reinsburg«, daher der Berg auch noch den Namen »Reinsburg« trägt.

Die Feste wurde zu gleicher Zeit wie die andern sechs Burgen um Stuttgart, nämlich 1287, durch Kaiser Rudolf von Habsburg zerstört.

Die Herren von Reinsburg waren der Sage nach niemals Raubgesellen, sondern fröhliche Schenken, bei denen besonders die Klosterherren gerne einsprachen, welchen zu Ehren ein Faß im Schloßkeller »Mönchbauch« genannt wurde.

Wie man dieses Faß lange nach der Zerstörung der Burg wieder gefunden hat, erzählt folgende Geschichte:

Im Jahr 1479 ging der Mönch Peter Hangleiter bei heißem Tage hinaus zum Seeltor und am Geißrain hinauf nach der Reinsburg, legte sich an ein schattig Mäuerlein und schlief ein.

Als er erwachte, hatte er ein steif Genick, obwohl kein Lüftlein von dornen noch von hinten ihn angeweht hatte. Wenige Tage darauf suchte er den gleichen Ruheplatz wieder, lehnte sich aber nicht mehr an die Steine, sondern legte sich eben auf die Erde; da war's ihm, als blase ihm jemand mit kühler Luft an den Backen, auf welchem er lag. Er legte sich etwas bei Seite und alsbald war das Blasen nicht mehr zu fühlen: sobald er aber wieder vorwärts rückte, fühlte er die kühle Luft wieder. Hierauf forschte er mit der Hand und entdeckte unter dem Moose einen kleinen Erdspalt, aus welchem herauf der Wind zu kommen schien; einige Erde, welche er in die Ritze warf, machte dem Spiel ein Ende und der Mönch ging seiner Wege.

Eben war der erste kleine Schnee gefallen, als der Mönch abermals seinem Lieblingsplatz, der Reinsburghöhe, zuwanderte. Da sah er an dem Ort, wo er letzten Sommer gelegen, einen runden Platz schneefrei. Er trat hinzu, suchte nach der Ursache und fand, daß ein lauer Wind aus dem Boden strömte, der ihn auf die Vermutung brachte, es möchte unter ihm ein warmer Keller sich befinden. Er ging heim und sagte sein Vermuten dem Abte des Lorcher Klosters, der zu Stuttgart damals auf der Lorcher Kelter wohnte. Dieser gebot dem Mönche Stillschweigen und untersuchte die Sache selber. Nachdem er sich von der Richtigkeit der Aussage des Mönchs überzeugt hatte, erbat er sich von dem Stadtmagistrate die Erlaubnis, Steine und was er sonst finde, das ihm genehm wäre, als sein Eigentum von der Reinsburg holen zu dürfen, wofür er 20 Pfund Heller bot. Die Erlaubnis erhielt er ohne Beding. Alsbald zog der Abt hinaus mit Taglöhnern und leitete das Ganze vorsichtiglich ein. Schon am dritten Tage darauf entdeckte man eine wohl erhaltene Treppe, welche 17 Stufen tief zu einem geräumigen Keller führte, durch welchen man in ein zweites Gewölbe kam. Im ersten Raum standen noch Schüsseln und Körbe mit Küchenbedürfnissen umher, unter welchen 93 Hühnereier und eine halbe Metze Haselnüsse waren. Von den Eiern war keines zerbrochen, wohl aber waren sie steinhart eingetrocknet. Die Nüsse hatten jede ein Löchlein und waren ohne Kern. Ein Stippich runder Bohnen und ein Krummich Salz, das aber ein Steinklotz war, wurden ebenfalls hier gefunden. Im zweiten Gewölbe war es feucht und die Luft ungesund. Ein hoher Berg feiner Erde, welche durch eine Ritze herabgerieselt war, hinderte den Eingang. Nach Wegräumen des Hügels erhoben sich acht Weinfässer, von welchem das kleinste ein Fuder, das größte aber vier Fuder hielt. Das erste Faß zerfiel hälftig in Staub, als es berührt wurde. Unter dem abgefallenen Holze aber hatte sich ein Weinsteinfaß gewölbt, das glänzend anzuschauen war. Wein war keiner darin. Auf dem Boden lag eine speckige Masse, welche nicht übel roch, aber jeden Weingeschmack verloren hatte. Ebenso war es bei den zwei nächstliegenden Fässern. Die vier weiteren waren in ganz gutem und noch brauchbarem Zustand. Das Faß, welches in der Mitte lag, war das größte. Der Hahnen ließ keine Flüssigkeit ab, und doch zeugte der Ton des Fasses davon, daß es nicht leer wäre. Man bohrte es in der Mitte an, und siehe! es sprang ein kühler, frischer Wein heraus, der an Güte alle dermaligen Weine weit übertraf, obwohl im Jahr 1478 ein gar »fürtrefflich« und »anno 79« auch gerade kein »Burrlegickergewächs« wuchs. Die Finder ließen sich den Wein gleich so gut schmecken, daß der erste Bote, durch welchen der Abt die Ratsherren von dem Fund benachrichtigen wollte, sobald er an die Luft kam, nicht weiter konnte und sich hinlegen mußte; der zweite Bote aber, Eberhard Kurtz benannt, fiel über eine Mauer und brach das linke Bein. Erst durch den dritten Boten kam die Nachricht dem Herrn Bürgermeister Nüttel zu, der es aber sehr übel nehmen wollte, daß man ihm einen »Benebelten« sende. Als er aber mit den Ratsherren hinauskam und selbst von dem Labetrunk genoß, da war er nicht mehr unmutig und befahl, den Wein für den Rat zu fassen. Dagegen wehrte sich aber der Abt und sprach: »Ich habe gekauft um 20 Pfund Heller alles, was mir genehm wäre und was ich finde. Nun habe ich Wein und Fässer gefunden, und beides ist mir genehm. Wenn Euch die Eier und Nußschalen nützen, so mögen sie Euch werden«. Dieser Spott machte Herrn Nüttel und den Herrn Amtsschreiber Camerer gar bös, so daß sie den Abt umfaßten und zur Ergötzlichkeit der andern in die Eierwanne warfen. Der Streit aber wurde endlich also geschlichtet, daß der Wein dem Rat zu Stuttgart, die Fässer aber dem Abte gehören sollen, der Weinstein dagegen müsse in die Stadtapotheke abgegeben werden. Als man die Fässer herausschaffte, sah man, daß jedes einen andern Namen hatte. Das eine hieß »Spinn«, das andere »Hilfherr«, das dritte »Katz«, das vierte »Allfried«, das fünfte »Beichtbuch«, das sechste »Bocksbeutel«, das siebente »Elfried«, das achte, worin der gute Wein war, »Mönchbauch«. An dem Boden war ein Doppelkreuz, welches Teufel umtanzten, eingeritzt. An dem Querholz war ebenfalls eingeschnitten ein Arm, der einen Becher hielt und daneben die Worte:

»Mönchbauch nennt man mich allweg,
Doch mein' Seel' ist nicht so träg.
Brummig, lustig, trüb, hell, rein,
Muß zu aller Laun ich sein.
Drum hat mich mit gut Bedacht
Veit Köbel von Stadt Nürting g'macht.«

Dieser »Mönchbauch« kam in den Keller der Lorcher Kelter. Bei einer Bauveränderung aber im Jahre 1602 fiel ein großer Stein auf das Faß und schlug es dermaßen zusammen, daß es nicht mehr renoviert werden konnte. Die Böden wurden zu Büttendeckeln verwendet, das Querholz mit dem Reim kam 1726 durch Eintausch nach dem großen Keller unter dem Schloßbogen, wo es wahrscheinlich noch zu finden sein wird.

Nach Munder.

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