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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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Die Raubritter auf dem Rosenstein.

Am Fuße des Aalbuchs, nicht weit entfernt vom Ursprung der Rems, liegt das Städtchen Heubach. Nach der Meinung eines alten Chronisten ist es schon eine Stadt gewesen, als Ulm noch ein Dorf, Gmünd ein Zollhaus und Stuttgart eine Stutenhütte war. Von den hohen, waldigen Bergen, welche das Städtlein auf drei Seiten umschließen, ist der östliche, der Rosenstein, der schönste und merkwürdigste; denn des Berges Haupt bildet ein mächtiger Felsblock von gelblichgrauer Farbe, und als Krone trägt er die Mauerreste einer längst gebrochenen Ritterburg. Die ungewöhnliche Größe des Felsens hat wohl die Veranlassung gegeben, den ganzen Berg den »großen Stein« oder den Rosenstein zu nennen.

Wer die Burg auf dem Stein erbaut hat, weiß niemand zu sagen. Ihre Anlage aber bezeugt, daß der Erbauer ein findiger Kopf, ein Mann von kühnem Mut und eisernem Willen gewesen ist; er hätte sonst nicht den Gedanken fassen und ausführen können, sein Haus, einem Adler gleich, auf diesen Felsen zu stellen! Denn auf drei Seiten stürzt der Fels senkrecht und schwindelnd hoch zum Bergwald ab, während ihn auf der vierten, Hinteren Seite eine Felskluft vom übrigen Gebirge trennt. Diese natürliche Unzugänglichkeit wußte der Erbauer aber noch durch tiefe Gräben, hohe Mauern und feste Türme künstlich zu steigern, so daß die Burg nicht nur unbesteigbar, sondern auch für menschliche Kraft uneinnehmbar wurde. Eine Zugbrücke, die, in starken Ketten hängend, sich über die gähnende Felsenkluft legte, war der einzige Ein- und Ausgang der Burg.

Von den Bewohnern dieses Felsennestes weiß die Geschichte nichts zu berichten und die Sage nichts Gutes zu erzählen. Sie sollen zur Zeit, als das schwäbische Kaiserhaus der Hohenstaufen zu Ende ging, ein wildes und trotziges Rittergeschlecht gewesen sein und kein anderes Recht über sich anerkannt haben als das des Stärkeren. Wie so viele ihrer edeln Genossen huldigten sie dem Grundsatz: »Reiten und Rauben ist keine Schande, das tun die besten im Lande.« Wo die uralte Heerstraße durchs Tal der Rems zieht, lagen sie oft Tag und Nacht mit Knecht und Roß auf der Lauer, um die nichtsahnenden Kaufleute zu überfallen und auszurauben.

Die Beute brachten sie auf die sichere Burg. In den Höhlen und Klüften ihres Felsens sollen sie der Sage nach die Waren geborgen haben, während sie die Gefangenen ins Burgverlies hinabwarfen, bis das Lösegeld erlegt war, das sie von ihnen zu erpressen wußten. Auch die Landleute der Umgegend hatten viel von ihnen zu erdulden. Auf ihren Raubzügen nahmen sie ihnen das Vieh von der Weide oder aus dem Stalle weg, mähten die Frucht ab und steckten ihnen wohl noch, wenn sie sich wehren wollten, das Haus über dem Kopf in Brand. Jammernd und händeringend mußte der Bauer die Früchte seines Schweißes den Räubern überlassen, denn bei den traurigen Zuständen in Land und Reich war an Schutz und Hilfe nicht zu denken.

Doch der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er zerbricht. Nach langer kaiserloser Zeit wurde Graf Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser gewählt. Ihm war es eine ernste Sorge, dem Raubritterunwesen ein Ende zu machen. Von Burg zu Burg zog er; die Raubnester wurden eingenommen und die Räuber aufgehängt.

Der Ritter vom Rosenstein erhielt auch Kunde von dieser Wendung der Dinge. Aber das Reiten und Rauben war ihm so ins Blut übergegangen, daß er es nicht mehr lassen konnte. Er vertraute auf seine Burg, in der er sich bergen konnte, und fluchte auf Gott und die heiligen, die es nach seiner Meinung nicht hätten zulassen sollen, daß der neue König einem edeln Rittersmann nach Brot und Leben stehe.

Nun geschah es, daß er eines Tages wieder auf Raub ausgezogen war und mit seiner wilden Knechteschar an der Kapelle des nahen Beiswangs vorbeikam. Dieses Kirchlein war in der ganzen Umgegend berühmt durch ein wundertätiges Marienbild. Von nah und fern besuchten es Andächtige und beschenkten es mit Weihgaben. Der Rosensteiner fühlte keine fromme Regung in seinem wilden Herzen. Voll Wut über den mißlungenen Fang, über den Kaiser, über Gott und die Heiligen befahl er den Knechten, das Kirchlein auszuplündern. Mit teuflischer Freude erfüllten die rohen Gesellen den frevelhaften Auftrag. Sogar das Glöcklein wurde vom Turme herangeholt und mitgenommen. Aber als sie auf dem Heimweg zur Burg waren, überraschte die Bösewichte ein schreckliches Gewitter. Flammende Blitze zuckten nieder, und die Erde erbebte von heftigen Donnerschlägen. Auf einmal hemmte jäher Schrecken den Reiterzug: die Burg auf dem Rosenstein stand in hellen Flammen und beleuchtete mit grellem Scheine weithin die dunkle Nacht. Mit wilder Wut spornten sie die Pferde an, um von dem Schloß und den Schätzen zu retten, was noch zu retten war. Als sie jedoch die Höhe erreichten, überkam sie neues Entsetzen: denn nicht nur die Burg war vom Blitz getroffen, sondern ein kaiserliches Kriegsheer hatte auch den Berg umstellt und die Insassen gefangen genommen. Von allen Seiten umringt, blieb den ermüdeten Räubern nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Sie wurden nach Recht und Brauch an die hohen Buchen des Waldes gehängt. Einer von den Rittern soll aber im Gedränge entwischt sein. Die Nacht, der dichte Wald und seine Kenntnis der verborgenen Felsenpfade begünstigten seine Flucht. Er soll, wie die Sage berichtet, auf langer Irrfahrt nach Schweden gekommen und dort der Stammvater eines neuen Geschlechtes der Rosensteiner geworden sein.

(Mündlich aus Heubach von Rommel-R.)

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