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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
projectided0e14cc
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Die zwei ungleichen Brüder von Rauber

Einst stahl der Graf von Calw dem Herrn von Enzingen ein schönes Roß. Dieser aber schlich sich mit List in die Burg des Calwers, suchte sein Roß, setzte sich drauf und wollte eben zum Burgtor hinausreiten, als ihn der Graf von Calw gerade noch sah. Schleunigst blies er in sein Horn, was dem Torwart anzeigte, daß das Tor zu schließen sei. Der unerschrockene Enzinger aber trieb sein Roß auf die Mauersteige und schrie laut: »Roß wag's!« Damit sprengte er turmtief hinunter. Zwar blieb das Roß zerschmettert liegen; der Ritter aber entkam. Denn seine Knechte hatten außen mit einem andern Roß auf ihn gewartet. Von da an hieß man sein Geschlecht die Roßwager.

Der von Calw zerstörte nun die Burg des Roßwagers, so daß dieser fliehen und sich ein anderes Schloß bauen mußte. Auf dem Hasenberg bei Stuttgart errichtete er eine trotzige Feste.

Seine Nachkommen waren schlimme Raubritter. Jeden, der in die Nähe der Burg kam, überfielen sie und nahmen ihm, was er hatte, mochte es viel oder wenig sein.

»Was schaust mich an,
Willst mit mir gan,
Pferd, Esel, Stier?
Wir han Quartier!«

sollen sie gesagt haben. Wer es irgend richten konnte, machte einen großen Umweg um den Berg, daher derselbe »Haßdenberg« genannt wurde.

Als aber im Jahre 1287 Kaiser Rudolf von Habsburg die Raubnester in Schwaben zerstörte, da fiel auch die Burg der Rohwager.

Nun zogen sie nach Lenningen, wo gerade ein Edler von der Sulzburg seine beiden Burgen auf der Alb dem Verkaufe ausbot. Die Roßwager kauften sich die feste Burg, »Eck« genannt, und stellten dieselbe in kurzer Zeit quaderfest her.

Nicht lange dauerte ihr Wohnen auf ihrer neuen Besitzung, so zogen sie wieder auf den Raub aus, und alles war ihnen recht, was auf dem Rücken der Krämer, an den Lenden der Bauern oder auf Frachtwagen des Weges daher kam. Dabei litten gar viele der Umwohner und die Handel treibenden Städte Gmünd, Kirchheim, Nürtingen, Reutlingen, Blaubeuren, zuweilen auch Eßlingen. Etliche 50 Jahre duldeten die Städte diese Plage, weil sie nie die rechte Spur finden konnten, denn der schlaue Burgherr hatte seinen Rossen, worauf er mit seinen Genossen auf Freibeuterei ritt, die Hufeisen verkehrt aufgeschlagen, so daß, wo er hinritt, die Hufeisen sich zeigten, als ob sie hergeritten wären. Endlich erkundeten dies die Gmünder, überfielen das Raubnest, so lange der Stegreifler mit seinem Troß abwesend war, brachen so viel sie konnten von den Mauern ab, nahmen auf Tragbahren mit, was sie konnten, dazu auch die Herrin nebst ihren zwei Knaben. Als der Burgherr heimkam, entsetzte ihn das Geschehene gar sehr. Er jagte den Gmündern nach, holte sie ein, wurde aber mit blutigem Kopfe heimgeschickt. Nach wenigen Wochen ritt er freundlich nach Gmünd, um sich ernsthaft dort niederzulassen und bei seiner Familie zu leben. Bald war er wohlgelitten daselbst, und unter dem Namen »Edler von Rauber« tat er der Stadt als Kriegsbauherr viele Dienste und starb in großem Ansehen. Sein Begräbnis ward ihm in der Johanniskirche der Stadt gegeben unter dem Männlein mit dem sogenannten »Zweifelsstrick«, welcher drei ineinander geschlungene Brezeln vorstellt.

Der eine seiner Söhne war rückenkrumm, zum Kriegsdienst untauglich, aber ein gelehrter Herr, der sehr jung an Jahren zum Stadtschreiber gemacht wurde und später zum Stadtrichter vorrückte. Der andere Sohn war ein kräftiger, stolzer Mann, dem der Stadtdienst nicht behagte und der in die Burg sich zurücksehnte, wo er als Kind gewesen war, um daselbst unabhängig zu leben. Er gab seinen Vorsatz der Stadt zu erkennen, die unter Vermittlung seines, Bruders ihm ein ansehnlich Abfindegeld zahlte, womit er stracks abreiste, nachdem er geschworen, Frieden halten zu wollen gegen Gmünd treulich und ohne Gefährde.

Vierundzwanzig Jahre später brachte man einen festen Mann mit bleichen Haaren gefangen nach Gmünd, den man im Schurwald als Räuber überwältigt hatte. Unter keinen Umständen verriet der Gefangene seinen Namen, und es wurde ihm am 6. des Erntemonats 1399 auf dem Marktplatz zu Gmünd die rechte Hand abgehauen und er hierauf »an den Schneller ob dem Rößlein« gehenkt. Nachdem er tot war und der Henker ihm seine Kleider abnahm, fand sich sein Name rot geätzt auf dem rechten Arm, wodurch es klar wurde, daß er ein Roßwager war, und daß sein eigener Bruder sein Richter gewesen, worüber sich dieser also entsetzte, daß er im nächsten Jahre an Maria Himmelfahrt starb. Mit ihm erlosch die Familie der Roßwager, was noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts auf einem Votivstein der Dominikanerkirche, wo jetzt ein Roßstall ist, zu sehen war. Den Stein zierte oben ein Wappen, das einen Reiter vorstellte, welcher über eine hohe Mauer herabsprang, unten lag ein nackter Mann, der verschiedenen Ritterschmuck um sich Herliegen hatte und mit hochgeschwungenem Arme eine Tafel zerschlug.

Dazwischen stand:

Hier fand Herr Enzing lobereich
Nach Mühen Todeslager!
Schwach war sein Körper, stark sein Geist,
Der Letztsproß der Roßwager.
Ihm war die Schickung zubestimmt
Dem Bruder abzukünden
Das Leben, das peinrecht verwirkt
Er hat mit Raubessünden.
Darob grämte der Edelmann
Sich also ab hienieden,
Daß er nach dem in einem Jahr
Sein Haupt geneigt zum Frieden.
Obgleich sein Nam' hier allweg hieß:
Hans Anton Max von Rauber,
So war er unterm Brusttuch doch
Von jedem Unrecht sauber.
Deshalb han ihm dies Mal erricht't
Frei Gmündens lobsam Städter,
Und dies hat ihm sein Freund erdicht't
Mönch Xaver Hamerstädter
Ums vierzehnhunderteste Jahr,
Da eben es just Blustmond war.

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