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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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Der Ring der Herzogin.

Im oberen Remstal, wo jetzt die freundliche Stadt Gmünd mit ihren Fabriken und ehrwürdigen Kirchen steht, breitete sich vor alter Zeit ein großer Wald aus. Mächtige Eichen und Buchen reckten ihre Wipfel zum Himmel empor und ließen nur wenige Sonnenstrahlen in das geheimnisvolle Waldesdunkel eindringen. Für Hirsche und Rehe und andere Tiere war diese Wildnis ein beliebter Aufenthalt, so daß einem Weidmann das Herz darüber im Leibe lachen mußte.

Nun lebte zu dieser Zeit auf der Burg Hohenstaufen eine Herzogin mit Namen Agnes. Sie war eine Kaiserstochter und hatte von Jugend auf ihre Freude am Fischen und Jagen gehabt. Sie zog oftmals mit ihrem Gefolge in diesen wilden Forst hinaus, um auf den schnellen Hirsch und den grimmen Wolf zu pirschen. Eines Tages war sie wieder auf der Jagd. Da geschah es, daß sie mit ihrem Handschuh auch den kostbaren Ring abstreifte, den sie von ihrem fürstlichen Gemahl bei der Hochzeit empfangen hatte. Im Eifer der Jagd bemerkte sie den Verlust nicht. Erst als die Hörner zum Sammeln bliesen und die Jagdgesellschaft sich zur Mahlzeit unter einer hohen Eiche niederließ, sah sie mit Schrecken, daß ihr das teure Kleinod fehle. Sogleich zerstreute sich das gesamte Gefolge im Walde, um den verlorenen Ring zu suchen. Aber alle Mühe war umsonst; wie sollte man auch im Dickicht des Waldes einen solch kleinen Gegenstand finden? Als die Sonne niedersank, mußte man das Suchen aufgeben, und betrübt zog die Herzogin mit ihren Leuten der Burg zu. Die ganze Nacht konnte sie kein Auge schließen; denn der Verlust des Eheringes galt zur damaligen Zeit als das Vorzeichen eines schrecklichen Unglücks. Kaum graute der Morgen, so machte sich alles, was Beine hatte, auf, den Ring zu suchen. Sogar die Leute der Umgegend wurden aufgeboten, und die Herzogin versprach dem Finder den reichsten Lohn. Aber obgleich man den ganzen Wald durchstreifte und das Suchen von Tag zu Tag erneute: der Ring war und blieb verloren.

Es mochten einige Wochen verflossen sein, da ging ein junger Jägersmann mit seiner Armbrust auf dem Rücken in diesem Walde auf die Jagd. Längere Zeit war er schon herumgestreift, ohne auf ein Wild zu stoßen. Ärgerlich darüber wollte er schon die Heimkehr antreten; da rauschte es plötzlich im Gebüsch und ein majestätischer Hirsch, wie er noch keinen gesehen hatte, rannte daher. Schnell riß er die Armbrust herab, legte an, und ein Pfeil schwirrte von der Sehne. Der Hirsch machte einen gewaltigen Satz, lief noch einige Schritte und brach dann röchelnd zusammen. Als der glückliche Schütze herbeieilte und die prächtige Beute in Augenschein nahm, sah er zu seiner Verwunderung an einem Ende des vielgezackten Geweihes etwas glänzen, und als er genauer zusah, entdeckte er einen kostbaren Ring, der fest in die Spitze eingezwängt war. »Das ist der Ring der Herzogin!« rief der Jägersmann freudig aus. Rasch trennte er mit seinem Jagdmesser das Geweih des Hirsches ab und eilte in schnellem Laufe zur herzoglichen Burg. Die Herzogin saß eben traurig in ihrer Kemenate; denn in wenigen Tagen kehrte ihr Gemahl von einem Kriegszug heim, und nun sollte sie ihm ohne den Ehering entgegentreten. Da wurde ihr der Jäger gemeldet, und als sie ihn eintreten ließ, was erblickte sie? Den Ring in seiner Hand. Ihre Freude kannte keine Grenzen. Immer und immer wieder betrachtete sie das teure Kleinod, und aufs genaueste mußte ihr der Jüngling beschreiben, auf welch wunderbare Weise er den Ring gefunden hatte. Sie beschenkte ihn fürstlich und nahm ihn auf in ihr Gefolge und blieb ihr Leben lang seine Gönnerin.

Um aber auch dem Himmel für die Wiederauffindung des Ringes zu danken, beschloß die Herzogin, an der Stelle, wo der Ring gefunden worden war, eine Kirche zu bauen. Ihr Gemahl, den die wunderbare Geschichte aufs tiefste bewegte, billigte mit Freuden diesen Plan. So wurde im Walde ein Platz ausgerodet. Steine wurden beigeführt, und lustig ertönte das Hämmern der Steinmetzen und Zimmerleute. Nach wenigen Jahren war die Kirche fertig. Man hieß sie Johanniskirche. Sie steht heute noch, ein Denkmal altdeutscher Baukunst. In ihrem Gemäuer findet sich die Geschichte von dem Ring zum ewigen Gedächtnis eingehalten, wenn die Darstellung auch nur eine andeutende ist. Um die Kirche her siedelten sich Leute an: es entstand ein Dorf und endlich gar eine Stadt. Sie trägt den Namen Gmünd.

(Nach Schönhuth v. R.)

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