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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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III.

Die mißlungene Erlösung.

Es sind schon viele Jahre her, daß in Pfullingen ein junger Bursche lebte, hübsch wie Milch und Blut und von Betragen nicht wie die andern seines Alters, sondern still und sonderlich. Den Mädchen gefiel er um so mehr, je weniger er mit ihnen machte, und manche nahm ihren Weg so, daß sie ihm begegnete. Inzwischen gedachte ihn seine Mutter zu verheiraten, und wählte ihm eine aus, die weder gut noch schlimm, weder warm noch kalt war; die andern hießen sie die langweilige Lise. Der Frieder aber nahm das so hin und verzog das Gesicht nicht dabei, hätt' auch wahrscheinlich einträchtig mit ihr gehaust bis an sein seliges Ende, wenn nicht unvermutet etwas dazwischen gekommen wäre. Denn als er eines Abends Holz fällte allein auf dem Urschelberge, da trat ein Fräulein zu ihm von seltsamer Schönheit, daß ihm's ganz anders wurde. Sie sah freilich nicht aus wie seine Lise, noch wie eines der Mädchen im Dorf. Die sprach zu ihm, sie sei das Bergfräulein und der Berg sei nach ihrem Namen geheißen, er solle sich nicht fürchten und mit ihr kommen. Der Frieder faßt sich ein Herz und so führt sie ihn durch den Schacht, den man heute noch sehen kann, tief in den Berg hinein. Da war eine Herrlichkeit, lauter Kristall, Gold und Edelsteine. Darauf gab sie ihm zu essen und zu trinken, setzte sich zu ihm und hub an zu erzählen. Sie sei ein verwünschter Geist, sagte sie, aber er solle nichts Böses von ihr denken. Vor mehr als tausend Jahren sei hier ein Schloß gestanden und darin habe sie geherrscht als der einzige Sproß von einem alten Königshause. Da seien ihre bösen Vettern gekommen und haben sie verzaubert und verwünscht, das Schloß sei versunken in den Berg und in diesem Augenblick habe sie nur noch Zeit gehabt, eine Eichel in den Boden zu treten und ihren Segen darüber zu murmeln. Und diese Eichel, sprach sie weiter, wuchs nach und nach auf und ward zur großen Eiche, und ich beschützte sie, daß jeder, der ihr nahe kam, ein wunderbares Grausen fühlte. Der Baum war uralt, und ich war müde, da hab ich's deinem Vater verstattet, daß er ihn umhieb (denn der Mann gefiel mir) und zur Wiege für dich machte. Du bist in meinem Baume gewiegt worden und hast die Kraft überkommen, den Zauber zu brechen. Und nun versprich mir, mich zu erlösen. – Der Frieder aber, als er ihr einmal in die Augen geguckt hatte, da mußte er ja sagen, und wenn's um seine Seele gegangen wäre. Nun unterwies sie ihn: dreimal müsse er zu ihr in den Berg kommen, um sie zu küssen, und jedesmal werde sie ihm in einer schrecklicheren Gestalt erscheinen, absonderlich das drittemal: aber er solle sich nicht entsetzen, es werde ihm kein Leid geschehen, und gleich nach dem Kusse werde sie ihr menschlich Wesen wieder haben. Inzwischen solle er sich bedenken, bis es an der Zeit sei, und häufig bei ihr einsprechen. Damit nannte sie ihm die Tage, wo sie in ihrer menschlichen Gestalt zu sehen sei, und geleitete ihn aus dem Berg. Beim Abschied sah sie ihm liebreich ins Auge, legte die Hand auf sein Haupt und sprach: »Noch eins muß ich dir sagen, das ich lieber verschwiege, aber es ist nicht meine Schuld: darum, daß du mich gesehen hast, mußt du sterben über ein Jahr, ob du mich erlösest oder nicht; so laß nun diese Zeit, die du auf keine Weise verlängern kannst, zu meinem Heil gereichen. – Dabei bat sie ihn so beweglich, daß er ihr's mit Tränen in den Augen versprach. Der Frieder kam nach Hause, und war er vorher still gewesen, so war er jetzt ganz in sich gekehrt und sprach fast mit keinem Menschen mehr. Nach und nach fiel das den Leuten auf. Noch mehr aber fiel es auf, daß er so oft allein auf dem Berge war. Wenn er aber mit den andern Holz herunterführte, da war es wunderbar zu sehen, wie man die andern Wagen an dem jähen Berge so mühselig sperren mußte, während der Frieder den seinen, der doch der schwerste war, ganz leicht herunter brachte, ohne einen Radschuh einzulegen; ja, seine Tiere mußten noch ziehen, wenn die andern kaum halten konnten, denn eine geheime Gewalt stellte ihm die Räder. Nach und nach wurde die Sache ruchbar, und der Frieder selbst machte zuletzt kein Geheimnis mehr daraus. Die andern sahen's beim herunterfahren oft mit an, wie sein Arm in der Luft lag, als ob er um einen Hals geschlungen wäre, und dabei konnte er ausrufen: »Seht ihr denn nicht, wie schön sie ist?« Auch hörten sie ihn mit ihr reden, und manche gab's, die schwuren Stein und Bein, sie hätten sie antworten hören; aber von keinem ward sie gesehen. Das Ding machte viel von sich reden, so daß der Lis' zuletzt die lange Weile verging. Man sah sie mehr weinen als gähnen; und Frieders Mutter wurde ebenfalls voll Angst, umsomehr als er mittlerweile zwei Küsse gewagt hatte, wobei ihm der Geist in gar zu ungeheurer Gestalt als feuerspeiender Pudel und als gräßliche Schlange. erschienen sein mußte, denn er kam beidemal ganz verstört zurück. Als es nun zum dritten ging, da liefen die Weiber zum Pfarrer, und der ließ den Frieder kommen und vermahnte und bedräute ihn lange Zeit vergebens, als aber alle in ihn hineinredeten, da blieb er seiner zuletzt nicht Meister und versprach dem Pfarrer mit einem teuren Eid, er wolle nicht mehr hinaufgehen zum Fräulein. Die aber sah man von nun an jeden Abend auf dem Berge sitzen und mit einem weißen Schleier winken, bis daß der Tag vorüber war, an dem er den dritten Kuß hätte bestehen sollen: dann verschwand sie. Der Frieder aber war tiefsinnig und stumm, und die Reue wollte ihm das Herz abdrücken, aber nun war's zu spät. Seine Mutter drang in ihn, mit der Lise Hochzeit zu machen, und er willigte ein und bestimmte mit einem traurigen Lächeln den Tag, wie er ihn von dem Fräulein wußte. Von Stunde zu Stunde nahm er ab und ward immer kränker; seine einzige Erquickung war, abends am Fenster zu sitzen und nach dem Berge zu sehen, wenn der Mond dahinter hervorkam; hinauf ging er nicht mehr. Eh' man sich's versah, war er einstmals tot, und er wurde an dem Tag begraben, an dem er hätte Hochzeit halten sollen. Aber auf dem Kirchhof begab sich etwas Wundersames. Wie man die Bahre ins Grab hinunterließ, da flog etwas Weißes, wie eine Taube oder ein andrer Vogel, auf die Mauer und flatterte und klagte und winselte und wollte sich nicht zufrieden geben. Erst als die Schollen auf den Sarg fielen, da ward es still; aber kein Auge hatte gesehen, was es war.

(Hermann Kurz, Schillers Heimatjahre.)

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