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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
projectided0e14cc
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II.

Die Urschel und die Nachtfräulein.

Die Herrin dieses unterirdischen Schlosses wird von den Leuten » die alte Urschel« genannt, und sie wissen von ihr zu sagen, daß sie eine Fee sei und ein Gefolge von kleinen Fräulein um sich habe. Diese Fräulein heißen Berg- oder Nachtfräulein, zuweilen auch Meerfräulein und Nonnen. Von der Urschel selbst wissen die Leute zu berichten, daß sie eine schöne Frau sei, angetan mit weißem oder schwarzem Kleide, roten Strümpfen und weißen Schuhen, das Haupt bedeckt mit einer mächtigen altertümlichen Haube, an der Seite einen großen Schlüsselbund am goldenen Gürtel. Doch soll sie auch schon als Tier, z. B. als Fuchs, gesehen worden sein; ja sogar als Frau mit Geißfüßen. Es ist noch gar nicht lange her, daß, wer von Pfullingen aus auf den Berg ging, der alten Urschel und den Nachtfräulein ein Opfer darbrachte. Auf einem kleinen Felsen am Urschelberg wurden durchlöcherte Hornknöpfe, Remsele genannt, niedergelegt, um der Urschel eine Freude zu machen. Bei der Rückkehr schaute man nach, ob die Remsele von der Urschel geholt worden seien, und man freute sich darüber, wenn sie verschwunden waren. Auch Sonnensteine, in welchen die Sonne, wie man glaubte, ihr Bild eingebrannt hatte (Ammoniten), suchte man auf dem Weg zum Berge und warf sie weiter oben als Opfer in das sog. Nachtfräuleinsloch. Solche Steine rollte man auch beim »Hämmerle«, einem durchbrochenen Felsen auf der Höhe des Hörnles am Urschelberg, über den schroffen Felshang hinab. Wessen Stein am weitesten lief, der sagte vergnügt: »Mein Opfer hat die Urschel am liebsten angenommen.«

Diese Aufmerksamkeiten wurden der Urschel erwiesen, weil sie gegen die Menschen lieb und gut war und ihnen half, wo sie nur konnte. Ganz besonders den armen Leuten half sie gerne mit Brot- und Saatfrucht aus. Als ihr einmal ein Mann aus Reutlingen seine Not klagte, da sagte sie zu ihm, er solle am andern Tage an den Eingang ihrer Höhle auf den Berg kommen, wo er Korn erhalten werde; allein sie leihe es ihm nur und sobald er geerntet habe, müsse er es wieder zurückgeben. Da fuhr der Mann am folgenden Tage auf den Urschelberg und fand auch richtig das versprochene Korn an der bezeichneten Stelle liegen. Als nun die Ernte nahe war, besah der Mann eines Sonntags sein Feld, fand das Korn reif, ließ es andern Tags schneiden und dreschen und brachte alsbald auch auf den Urschelberg das Entlehnte. Einige Tage später kam er zufällig wieder auf den Berg und verwunderte sich, daß das Korn noch auf demselben Platze stand, wo er es abgeladen hatte. Da rief er der Urschel zu, er habe ihr das Korn zurückgebracht, ob es denn nicht richtig sei. Sie antwortete: »Nein, ich kann es nicht nehmen, weil du es am Sonntage besehen hast!«

Wenn schwere Holzwagen die steile Steige am Urschelberg herabfuhren und kein Stemmen und Sperren mehr helfen wollte, den Wagen im jähen Laufe aufzuhalten, da kam gerufen oder ungerufen die Urschel, setzte sich auf den Wagen und half ihn sperren.

Oftmals besuchte die Urschel in den umliegenden Ortschaften die Spinnerinnen, wenn sie zur Winterszeit im Lichtkarz beisammen saßen und spannen. Sie unterhielt sich mit ihnen und spann wohl auch selber mit. Ganz besonders gern besuchten ihre Nachtfräulein die Spinnstuben und halfen den Mädchen bei ihrer Arbeit. In Pfullingen kamen sie längere Zeit jeden Abend zu dem Weber auf dem Wiel oder auch zum Provisor Hans Marte. Es waren kleine, aber wunderschön gebaute Fräulein, hatten glänzende Gesichter und schneeweiße, funkelnde Kleider. Sie setzten sich ganz bescheiden hinter die Türe oder in einen Winkel und spannen die feinsten Fäden, die man sich denken konnte, redeten aber kein Wort. Für das Licht legten sie jede Woche stillschweigend zwei Kreuzer auf den Tisch und entfernten sich pünktlich, sobald es neun Uhr schlug. Die Lichtlein ihrer Laternchen konnte man noch lange den Berg hinauf huschen sehen, bis endlich der Schein in der Nähe des Nachtfräuleinslochs plötzlich verschwand. Als einmal ein Bursche sich den Scherz erlaubte, die Uhr zu verstellen, kamen die Nachtfräulein nicht wieder. Auch nach Reutlingen kamen die Nachtfräulein öfters in das Haus eines armen Mannes, redeten aber ebenfalls kein Wort. Als nun an einem Abend einem der Fräulein der Faden brach, sprach sie in kindischer Weise: »Pfitzede pfitz, der Fade ist broche!« Darauf sagte die zweite: »Pfitz' en wieder z'sämmen, so ist er wieder pfaatz!« (ganz). Die dritte aber sagte: »Hat nicht der Vi-Vater g'sait, sollest nit fätze!« (schwätze). Am andern Morgen stand vor dem Hause des Mannes ein Sack voll schöner Frucht und oben drauf lag auch noch Geld. Die drei Fräulein aber sind nicht wiedergekommen. – Nach Eningen kamen die Fräulein auch manchmal zum Spinnen. Sie hatten wunderschöne silberne Kunkeln, silberne Wirtel und silberne Spindeln. Mit dem schönsten Flachs waren die Kunkeln angelegt. Auffallend war aber, daß sie sich ängstlich hüteten, ihre Füße zu zeigen. Die Leute witterten dahinter ein Geheimnis, und die Hausfrau, bei der sie einkehrten, bestreute die Treppe eines Abends mit Asche. Als die Fräulein fortgingen, sah man an ihren Fußstapfen, daß sie Entenfüße hatten. Die Fräulein kamen von da an nicht mehr; doch hat man sie schon öfters zur Weihnachtszeit unter der Wette und am Arbach waschen sehen.

(Nach Meier von R.)

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