Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
projectided0e14cc
Schließen

Navigation:
IV.

Die Sage vom Hirschgulden.

Auf der Burg Hohenzollern lebte vor 500 Jahren ein Graf, der ein recht sonderbarer Mensch war: nicht hart gegen seine Untergebenen und auch nicht bösen Herzens, aber finster und mürrisch im Umgang, namentlich recht einsilbig im Verkehr mit jedermann. Man nannte ihn nur das böse Wetter von Zollern. Beliebige Mitteilungen erwiderte er mit dem kurzen Wort »weiß schon!« und freundliche Grüße mit dem ärgerlichen Ausdruck »dummes Zeug!« Kam ihm etwas ungeschickt in den Weg, so konnte er fürchterlich fluchen; doch hörte man nie, daß er im Zorn jemand geschlagen hätte.

Das böse Wetter hatte drei Söhne, einen von der ersten Frau, welche im Gegensatz zu ihm recht mild und freundlich gewesen war, und ein Zwillingspaar von der zweiten, die nur für ihre eigenen Kinder sorgen wollte und den angetretenen Sohn recht stiefmütterlich behandelte. Ihre Lieblosigkeit vererbte sich auch auf die Zwillinge, die dem Halbbruder nur zum Possen lebten. Der Vater wollte seinen Besitz schon zu Lebzeiten verteilen, und da sich die Erben nicht vertrugen, so baute er zwei neue Burgen, eine auf den Hirschberg östlich von Balingen und die andere auf den Schalksberg zwischen Laufen an der Eyach und Burgfelden. Den ältesten Sohn setzte er auf Betreiben der habsüchtigen zweiten Gattin auf den Hirschberg: einer von den Zwillingen kam auf den Hohenzollern, der andere auf die Schalksburg. Der Graf auf dem Hirschberg lebte vereinsamt und in sich gekehrt, aber im Innern doch zufrieden und glücklich; die beiden Zollerngrafen auf den zwei anderen Burgen führten ein lustiges Leben und hausten jetzt schon auf die Erbschaft hinein, die ihnen nach dem Tode des kränklichen Bruders zufallen sollte.

Die schlimmen Brüder konnten es fast nicht erwarten, bis sie sich in seine Hinterlassenschaft teilen durften. Der Schalksberger sollte die Todesnachricht, die er ja als nächster Nachbar des Hirschbergs zuerst erfahren mußte, dem auf Hohenzollern durch Geschützdonner vom Walle aus kundtun.

Der Hirschburger erfuhr bald etwas von dieser Verabredung und wollte nicht glauben, daß seine Brüder so verworfen seien, ihm aus Eigennutz einen frühen Tod anzuwünschen. Er machte einen Versuch und stellte durch Ausstreuung der Nachricht von seinem raschen Abscheiden seine Brüder auf die Probe. Noch an demselben Abend ertönte von der Höhe des Schalksberges Knall auf Knall, und es zeigte sich jetzt die Gelegenheit, die Gesinnung der beiden sauberen Brüder zu erfahren. Der von Hohenzollern setzte sich rasch aufs Roß und sprengte dem Schalksberg zu; mit anbrechender Nacht traf er dort ein. Gar lustige Töne und Klänge drangen an sein Ohr, als er in der Nähe der Burg anlangte: gerade blies man dem Bruder, der eben im Begriff war nach dem neuen Erbe zu reiten, einen lustigen Abschiedsmarsch. Der Zoller schloß sich ihm an, und heiteren Gemüts ging's im sausenden Galopp dem Hirschberg zu, wo sie in der Frühe des anderen Tages vor dem Tore standen.

Als sie in den Schloßhof einritten und ihre Rosse den Knappen übergaben, schaute ihr Bruder zu ihrem Schrecken und Entsetzen lebend zum Fenster heraus und wünschte ihnen lächelnd einen guten Morgen. In grimmiger Wut gaben sie ein derbes Schimpfwort zurück, bestiegen augenblicklich wieder ihre Pferde und rannten davon. Unterwegs schimpften sie weidlich über den listigen Fuchs und stießen wüste Drohungen gegen ihn aus, falls er sich noch einmal unterstehe, ihnen einen solchen Streich zu spielen. Doch gab ihnen der kranke Bruder keine Veranlassung mehr, ihre Drohungen auszuführen. In aller Stille nämlich setzte er seinen letzten Willen auf: Er verkaufte die Grafschaft Hirschburg mit der Stadt Balingen und 17 Ortschaften an Wirtemberg um einen Hirschgulden.

Bald darauf starb er, und es war dafür gesorgt, daß die zwei Brüder rechtzeitig eine sichere Nachricht von dem Todesfall erhielten. Sie gingen miteinander auf den Hirschberg und heuchelten Tränen der Trauer; doch war ihnen auffallend, daß noch jemand da war, den sie nicht kannten. Es war dies der Vertreter des Grafen (Eberhard III) von Wirtemberg. Der eröffnete dem erstaunten Zwillingspaar, daß er gekommen sei, die Hirschburg mit ihrem ganzen Gebiet – namentlich die Stadt Balingen und noch 17 Ortschaften – für seinen hohen Herrn an sich zu ziehen. Zugleich händigte er ihnen den im Testament bedungenen Kaufpreis ein: einen Hirschgulden. Die enttäuschten Erben beteiligten sich nicht am Leichenbegängnis, sondern ritten im Zorn nach Balingen, wo sie den Kaufschilling vertrinken wollten. Sie berechneten die Zeche und warfen den Gulden auf den Tisch. Da erklärte ihnen der Wirt, daß er ihn nicht annehmen könne, denn durch einen Erlaß des Herzogs von Wirtemberg seien von heute an die Hirschgulden abgeschätzt und außer Kurs gesetzt. So mußten die Brüder sogar die Zeche schuldig bleiben.

(Nach Egler und Hauff. A. H.)

 << Kapitel 49  Kapitel 51 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.