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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
projectided0e14cc
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VIII.

Wie die sieben Schwaben das Abenteuer mit dem greulichen Untier bestehen.

Am nächsten Morgen weckte der Seehas seine Kameraden. »Auf, Brüder, mit Gott für Leben und Schwabenland!« rief er. »Brüder, jetzt gilt's! Stellt euch an den Spieß, damit wir auf das Ungeheuer Sturm laufen.« – »Halt!« sagte der Algäuer, »das Ding will zuvor gründlich beraten sein. Höret! Bis daher bin ich immer der Erste am Spieß gewesen und bin euch andern vorangegangen, jetzt aber, mein' ich, war's einmal an der Zeit, den Stiel umzudrehen, und ich hab' mich deshalb entschlossen, von nun an der Letzt' zu sein.« »So,« schrie der Knöpflesschwab, der seither der Hinterste gewesen war, »so, so, du willst der Letzte werden und bist doch der Stärkste und hast das größt' Maul gehabt alleweil, und da soll ich am End' jetzt den Ersten machen und sichrem Tod entgegengehen. Bedank mich für die Ehr'.« – »Ich mein' auch, wir sollten's beim alten lassen,« sagte der Seehas, »es ist nicht gut, wenn man Neuerungen einführt, von denen man nicht weiß, was sie taugen.« Der Spiegelschwab wischte sich die Nas am Ärmel und tat den Vorschlag: »Es ist doch besser, wenn einer für alle stirbt, als wenn wir alle sterben. Der Knöpflesschwab könnte uns den kleinen Gefallen tun, vorauszugehen und sich von dem wilden Tiere fressen zu lassen. Dann ist das Ungeheuer so voll, daß es sich nicht mehr regen kann und wir können's gut erlegen.« Da schrie der Knöpflesschwab Zetermordio, als hätte ihn das Untier schon am Schlafittich, und fuhr den Spiegelschwab an: »So, ist das der Dank für die schönen Knöpflein, die ich euch alleweil gebacken!« – »Könnte man nicht den Spieß überzwerch und der Breite nach tragen?« rief der Nestelschwab, »dann wären wir alle gleich weit vorn und gleich weit hinten.« Und nun lobten ihn alle ob seiner Schlauheit und sagten, daß er doch der Gescheitste sei, was man bisher gar nicht so bemerkt habe. »Aber einer muß doch an das spitzige Ende des Spießes,« warf der Spiegelschwab ein, »Ich rat' euch, da rufen wir Freiwillige auf!« schlug der Gelbfüßler vor, aber keiner meldete sich. »Was?« schrie darauf der Knöpflesschwab. »Sind wir bisher miteinander gereist und haben alle Gefahren gemeinsam überwunden und jetzt vor Torschluß sollte unser Vorhaben gar noch ins Wasser fallen? Ich sag', der Seehas gehört an den Spieß, der hat uns die ganze Suppe eingebrockt, jetzt soll er sie auch auslöffeln.« – »Bravo!« riefen die andern und dabei blieb es. Nach langem Hin- und herreden bequemte sich der Seehas endlich dazu, die Stelle am eisernen Ende einzunehmen. Er dachte aber, es werde sich schon ein Gelegenheitlein zeigen, sich aus dem Staub zu machen. Nun rückten sie vorwärts gegen den Wald, alle sieben nebeneinander am Spieß, in guter Ordnung, aber langsam und bedächtig, wie es sich bei solch einer wichtigen Sache geziemt. Aber o weh! Vor lauter Spieß und Bäumen konnten sie nicht in den Wald eindringen. »Hab' mir's gleich gedacht,« ereiferte sich nun der Gelbfüßler, »wir müssen den Spieß der Länge nach tragen und nicht der Quere nach, wir Esel.« – »Dito mit Fransen,« gab der Nestelschwab zurück. Aber die andern meinten: »Da müssen wir erst einen Kriegsrat halten, um das festzustellen.« Und sie setzten sich ins Moos, und nach zwei Stunden und nachdem sie ein paar Male Hälmchen gezogen hatten, waren sie auch der Meinung des Gelbfüßlers: Der Länge und nicht der Quere nach sollte der Spieß in den Wald getragen werden. »Also zurück zu dem Platz, von dem wir heute morgen ausgezogen sind und dann wieder voran!« kommandierte der Algäuer und die andern gehorchten. Und als sie nun zum zweitenmal vor den Wald kamen, schrie der Seehas: »Halt! Laßt uns jetzt Abschied voneinander nehmen, ehe wir in den Kampf ziehen! Denn es kann wohl sein, daß wir alle ins Gras beißen müssen, und dann ist die Geschichte ohnehin zu Ende. Wenn aber der eine oder der andere mit dem Leben davonkommt, so soll er der Welt den Ruhm der Gefallenen verkünden und die hinterlassenen Witwen trösten.« Und ein jeder gelobte es und dann kommandierte der Algäuer: »Nun mit Gott voran!« Und langsam und fürsichtiglich betraten sie den Wald. Es war um die Zeit, als das Neunuhrwindle ging, und durch die Kronen der Eichen und Buchen zog ein geheimnisvolles Raunen und es war, als laure in jedem Busch der Tod und warte auf die sieben Männer, die nun dahergeschritten kamen. »Bst!« flüsterte der Seehas, »ich meine, ich sollt' als Spion ein bißchen vorangehen.« – »Sonst nichts mehr,« schrie der Gelbfüßler, der die Absicht des Seehasen wohl merkte, und der Algäuer ergänzte: »Wenn einer sich untersteht durchzubrennen, so soll ihn der Teufel holen und ich pflanz' ihm mit meiner Faust ein paar Vergißmeinnichtblümlein um die Augen, daß er daran denkt, bygost.« Diese Sprache verstunden sie alle und blieben beim Spieß. Plötzlich aber lispelte der Spiegelschwab: »St! St! Ich glaub' in dem Busch davorn ist's nicht ganz geheuer.« Da stunden alle zumal stille, sperrten Mund und Ohren auf und lauschten. Aber es rührte sich nichts und sie rückten wieder voran. Nach einer Weile kamen sie abermals an einen dichten Busch, und es war kein Zweifel: diesmal hatte sich im Dickicht etwas geregt. Noch als sie alle stille stunden, hörten sie das Rascheln im Laub und allen miteinander lief eine Gänsehaut über den Rücken; denn der Seehas hatte nach hinten geflüstert: »Ich glaub' als, da drinnen liegt der Drach'!« Auf dies Wort hin schrie der Allgäuer, der ganz hinten am Spieß stund, was ihm aus dem Halse ging: »Hau, hau! Voran! Voran!« und zugleich gab er dem Spieß einen mächtigen Stoß nach vorn, so daß dieser mitsamt dem Seehas in den Busch flog, und siehe da! es raschelte im Strauchwerk, und plötzlich huschte ein vierfüßig Tier an ihnen vorüber. Das war imstande, mannslange Sprünge zu machen und mächtig auszureißen. »Habt ihr's gesehen?!« riefen nun alle Sieben zumal und zeigten nach der Richtung, in der das Tier verschwand. »Das war der Drach'!« rief nun der Knöpflesschwab, und der Blitzschwab stimmte ihm bei. »Hotz Blitz, wie mächtig groß das Ungetüm war. Und Sätze kann es machen! Uh, mir graust, wenn ich nur dran denke.« – »Und was für Poppelesaugen es hatte!« – »Und was für Ohren, du mein Gott!« »Und was für ein Gebiß, o jerum!« So ging es durcheinander, und alle waren stolz, das Tier doch wenigstens verjagt, wenn auch nicht erlegt zu haben. Nur der Allgäuer hatte noch nichts gesagt. Aber jetzt tat auch er seinen Mund auf. »Bygost,« hub er an, »was schwatzet ihr da? Das soll der Drach' gewesen sein? Wenn das kein Has gewesen ist, so will ich einen Hühnerstall nicht von einer Kirche unterscheiden können!« Da schwiegen sie und sahen zu Boden. Endlich fand der Seehas wieder die Rede. »Aberst,« sagte er, »wenn's gleich ein Has war, so war's doch ein Seehas, und das sind die gefährlichsten und größten im ganzen heiligen römischen Reich deutscher Nation. Hab' ich nicht recht?« – »Währle, du hast recht,« stimmten die andern zu, »und wir dürfen einen Stolz darauf haben, daß wir uns sogar vor dem Bodenseehasen nicht gefürchtet und ihn verjagt haben.« Und dann gaben sie sich feierlichst die Hand, vor niemanden zuzugestehen, daß es ein Has gewesen sei, gegen den sie ausgezogen, sondern ein unbekannt grimmig groß Tier, das sie in den See gejagt und ersauft hätten, wodurch die ganze Umgegend von großer Gefahr befreit worden sei.

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