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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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VII.

Wie die sieben Schwaben schwimmen, ohne im Wasser zu sein.

Von Durlesbach aus kamen sie nach etlichen Tagen in die Gegend von Meckenbeuren und Tettnang. Dort verirrten sie sich bald in den Hopfengärten, und das ist eine wahrhaftige Geschichte. Da sagte der Algäuer: »Bygost! es ist ein Ding. Haben wir keinen Weg, so machen wir uns einen, die Argen werden wir doch finden, und dann wird die Brücke nicht weit davon sein.« Und so zogen sie denn fort über Stock und Stein und wußten nicht, wo sie waren und wo sie hinkamen. Dabei waren sie aber doch hellauf und guter Dinge und sangen und jauchzeten. Und es wurde dämmerig und die Nacht brach herein. Da standen die sieben Gesellen plötzlich an einem Abhang und unter sich sahen sie, so deuchte es ihnen, einen Streifen Wassers, der im Winde leichte Wellen schlug. »Bygost!« rief der Algäuer, »das ist die Argen, die kenn' ich ganz genau.« »Hotz Blitz!« sagte da der Blitzschwab, »was ist da zu machen? Da müssen wir hinüber.« »Algäuer, mach du den hl. Christophorus und trag uns hinüber, du bist der längste von uns,« meinte der Seehas. »Bygost,« antwortete der Algäuer, »ins Wasser ging' ich wohl, wenn's nicht tiefer ging' als bis an den Hals.« Der Nestelschwab griff nach seinen Hosen, um sie festzuhalten, damit sie ihm nicht entfielen, dieweil er mit der andern Hand schwimmen täte. Der Knöpflesschwab lugte scharf ins Wasser, ob sich kein Hai, Walfisch oder Krokodil zeige, und so standen alle verlegen, bis der Blitzschwab mit den Worten: »Frisch gewagt ist halb geschwommen« dem Nestelschwab und dem Gelbfüßler einen Stoß gab, daß beide hinunterpurzelten. Da die andern sahen, daß die zwei nicht untersanken, sprangen sie nacheinander alle hinten drein, zuletzt der Algäuer mit dem Spieß.

Wie sie aber so drunten lagen wie Holzblöcke und ihnen alle Rippen weh taten, da merkten sie, daß das vermeintliche Wasser ein Feld blauen Flachses war, das gerade in der schönsten Blüte stand. Da lagen sie nun eine geraume Weile und vergaßen das Aufstehen. Endlich erhoben sie sich, fischten ihren Spieß aus dem Feld und zogen querfeldein weiter. Keiner sagte ein Wort, denn die Knochen schmerzten sie noch vom Sprung ins Flachsfeld. Es war vollends Nacht geworden und der Mond kam helleuchtend hinter den Wolken hervor. Da wurde es dem Spiegelschwab ganz wunderlich ums Herz, grad wie daheim, und er rief fröhlich: »Jetzt ist's gewonnen, Memmingen ist nicht mehr weit.« Lugt ihn der Blitzschwab verwundert an und fragt, woher er denn das wissen könne. Da meint der Spiegelschwab pfiffig: »Ha, ich werde doch auch den Memminger Mond kennen.« Darob lacht jener, daß ihm das Wasser aus den Augen rinnt und schreit: »Hotz Blitz! Bist du aber stockdumm.« Nun vertrug zwar der Spiegelschwab einen derben Puff, aber für dumm gelten wollte er nicht. Kaum hatte daher der Blitzschwab den Mund zugemacht, da hatte er vom Spiegelschwab auch schon eine Maulschelle. Und nun fuhren die beiden aufeinander los wie Metzgerhunde und prügelten sich, bis endlich der Seehas den Algäuer bat, Frieden zu stiften. Der ließ sich nicht lange bitten, packte mit der einen Hand den Blitzschwaben am Hosenbündel, hielt ihn hoch in der Luft, daß er zappelte wie ein Frosch, packte mit der andern Hand den Spiegelschwab im Genick, daß er die Ohren hängen ließ wie ein Hase, wenn ihn der Hund zwischen den Zähnen hat. »Bygost!« schrie der Algäuer, »ich will euch Mores lehren, ihr donderschlechtige Strohkerle!« Schüttelte den einen, würgte den andern, bis sie hoch und heilig versprachen, Frieden zu halten und gut Freund zu sein bis in den Tod. Da zogen sie nun weiter, und nicht lange, so kamen sie ans wirkliche Flußbett der Argen, die sah im Mondlicht aus wie ein weißer, silberner Streifen gleich einer Poststraße. »Heida!« rief der Blitzschwab lustig. »Jetzt sind wir endlich an der Landstraße und nun können wir lustig fürder schreiten.« Er sprang also auf den Silberstreifen zu, den er für die Landstraße hielt und plumps! lag er im Wasser und hinter ihm drei andere. Ein Glück, daß diesmal der Algäuer ziemlich weit hinten am Spieß ging. So konnte er festen Stand halten und die andern am Schaft herausziehen. Die schnappten nach Luft und versicherten, sie würden nun bei der Nacht keinen Schritt weiter gehen. Also legte man sich nieder und schlief, und schlief ein Loch in den Tag hinein. Als sie aufwachten, war es bereits um die Mittagsstunde und sie befanden sich richtig am Ufer der Argen.

In der Nähe war eine Brücke und über diese marschierten sie nun im Gänsemarsch, denn sie wollten auf einen Berg gelangen, der zwischen Hemmigkofen und Betznau aufragt. Der Seehas behauptete, daß man von dort aus schon den Bodensee sehen müsse und den Wald, in dem das fürchterliche Ungeheuer hause. Da waren sie alle gespannt und ihre Herzen schlugen hörbar an die Rippen. Sie erklommen die Anhöhe und wie aus einem Munde riefen sie nun: »Uh, sell des Wasser!« »Das ist der Bodensee,« belehrte der Seehase, der das wissen mußte, weil er ja in Überlingen daheim war.

Da sperrten die Sechse Mund und Nase auf, denn ein solches Wasser hatten sie in ihrem Leben noch nie gesehen. »Bygost,« schrie der Algäuer, »das ist eine Lach'!« Der Gelbfüßler aber fragte, ob über dem See drüben auch noch Leute wohnen, oder ob dort die Welt mit Bergen verbaut sei. Am allerverwundertsten aber tat der Knöpflesschwab. Er meinte: »Wenn man den See ausschöpfte und machte einen Teig darin an wie in einer Mulde und backte aus dem Teig Knöpfle, da hätt' ein Mann gewiß und währle zu leben davon bis an sein seliges Ende.« Und während sie so gafften und sich in allerlei müßigen Reden ergingen, setzte sich der Seehas nieder und erklärte ihnen alles und log fast gar nichts dazu. Der See sei so groß, sagte er, daß einmal ein Reiter, der es mit einem lahmen Gaul probiert habe, in Jahr und Tag nicht um ihn herumgekommen und gewiß noch unterwegs sei. Und der See sei so tief, daß man gar keinen Boden finde, weshalb er auch der Bodensee heiße. Und auf dem Grund des Sees sehe man bei hellem Wetter großmächtige Städte, die in früheren Zeiten untergegangen seien, und Fische leben in dem Wasser, so dick und lang wie der Mehlsackturm in Ravensburg. Da guckten die andern erst recht. Aber als nun der Seehase den großen Wald bei Überlingen zeigte, in dem das Ungeheuer sich aufhielt, der Seehas wußte selbst nicht, war's ein greulicher Lindwurm oder ein feuerspeiender Drache, da rutschte ihnen das Herz in die Hosen. Und dieweil es Abend war, so schlug der Seehas vor, zu guter Letzt noch ein Essen zu bereiten, am andern Morgen aber dem Untier entgegenzuziehen. So zündeten sie nun ein Feuer an, und der Knöpflesschwab hatte bald eine gute Ladung Knöpfle fertig. Da setzten sich die sieben Schwaben im Kreise, aßen recht wacker und stellten dabei Todesbetrachtungen an. »Ja,« sagte der Gelbfüßler und seufzte recht von unten rauf, »'s ist eine Sach'! Wenn man so recht bedenkt, daß man vielleicht zum letztenmal in seinem Leben z' Abend ißt.« Und wieder seufzte er und sagte: »'s ist eine Sach'!« Und der Knöpfleschwab fing an still vor sich hin zu flennen, wobei er jedoch nicht vergaß, Knöpfle um Knöpfle hinunterzudrücken. Als aber der Gelbfüßler zum drittenmale ganz erschrecklich tief seufzte und sagte: »'s ist eine Sach'!« da fingen sie alle an so erbärmlich zu heulen, daß es einen wilden Heiden hätte erbarmen können. Der Nestelschwab allein ließ sich das Sterben nicht zu Herzen gehen. »Meine Mutter,« behauptete er, »hat mir oft gesagt, daß ich nicht umzubringen wäre.« Aber aus Mitleid mit seinen Genossen heulte er auch mit. Endlich raffte sich der Blitzschwab auf und sagte mit rauher Stimme: »Hotz Blitz! Da hockt ihr Kerle wie ein Pfund Schnitz und flennt wie die Weiber. Wenn schon einmal gestorben sein muß, so lasset uns fröhlich sterben; denn ehrlich gelebt und fröhlich gestorben heißt dem Teufel die Rechnung verdorben.« Auf dieses Wort hin trocknete der Knöpflesschwab seine Tränen, und auch die andern vergaßen bald über dem Essen ihren Jammer. Und als das letzte Knöpfle verzehrt war, legten sich die sieben Helden ins Gras und schliefen, und der Algäuer schnarchte, daß die Bäume zitterten.

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