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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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V.

Vom Spiegelschwaben und dem Algäuer und wie sie weiter zogen.

Zu derselbigen Zeit war es noch nicht Brauch, Schnupftüchlein oder Fazinetle bei sich zu tragen. Der Spiegelschwab brauchte statt dessen seinen Rockärmel, der hievon beim Sonnenschein wie ein Spiegel glitzte. Zu diesem kam nun der Seehas mit seinen Gesellen, und gleich erzählte er von dem Ungeheuer, das so groß sei wie ein Trampeltier und Augen habe wie Mühlsteine. Er bitte daher den Spiegelschwaben, doch mit Rat und Tat zur gemeinsamen Sache zu stehen. Da sagte aber der Spiegelschwab: »Rat kann ich geben, aber was die Tat anbelangt, da sieht es schief aus bei mir. Seht, Kameraden! Unter uns gesagt, werd ich nicht einmal mit meinem Weib fertig, die freilich sieben Häute hat wie eine Memminger Zwiebel. Diese, meine liebe Alte, möcht' ich schon gerne los werden und ziehe deshalb mit euch. Ich weiß aber noch einen, der fürcht't sich vor dem Teufel nicht und wenn er auf Stelzen daher käme. Was ist der Algäuer«. Das freute die andern und stracks Laufs gingen sie nun zum Algäuer. »Bygost,« sagte der, als er die furchtbare Geschichte mit dem Untier am Bodensee gehört hatte, »Bygost« da zieh' ich mit. Gott verläßt einen ehrlichen Schwaben nicht, Bygost!« Durch diese Reden bekamen auch die andern gewaltigen Mut, und sie schwuren sich nun in die Hand, als Freunde und Landsleute in allen Gefahren und Nöten zusammen zu stehen. »Aber ein Streitzeug müssen wir haben,« meinte der Seehas, und: »Bygost, recht hat er,« stimmte der Algäuer bei. »Ein Streitzeug müssen wir haben und ich wär' dafür, wir kauften uns eins beim Schmied in Ravensburg.« Und sie zogen nach Ravensburg, wo ein geschickter Waffenmeister war. Der führte die sieben Schwaben in seine Rüstzeugkammer, damit sich jeder einen Spieß oder sonst was auswählen könne. »Bygost!« sagte der Algäuer, »sind das auch Spieße? So einer wär' mir grad recht zum Zahnstührer. Meister, nehmt für mich nur gleich einen Wiesbaum mit sieben Mannslängen.« – »Potz Blitz!« sagte darauf der Langenauer, »Algäuer, mach' dich nicht zu mausig.« Da wurde der aber wütig und drohte seinen Kameraden ungespitzt in den Boden hineinzuschlagen; aber der Seehas stiftete Frieden, indem er den Vorschlag machte: »Gleich wie wir alle sieben für einen stehen, also soll für alle sieben auch nur ein Spieß gewählt werden, und der soll genau sieben Mannslängen messen, wie der Algäuer sagt.« Dies Wort fand Beifall, und der Waffenschmied machte sich sofort an die Arbeit. Indessen suchte sich jeder der Sieben noch ein besonderes Stück aus des Handwerkers Vorrat aus: der Algäuer einen Sturmhut, mit einer Feder drauf, der Knöpflesschwab einen Bratspieß, der Gelbfüßler aber Sporen für seine Stiefel, indem er meinte: »Die find nicht bloß gut zum Reiten, sondern auch zum Hintenausschlagen.« Der Seehas wählte sich einen Brustharnisch und dem Spiegelschwab leuchtete diese Wahl ein. Und er kaufte sich ein altes Barbierbecken, das band er sich auf seine untere Kehrseite, indem er sagte: »Hab' ich Kurasch und geh' ich tapfer voran, so brauch' ich keinen Harnisch. Geht's aber hinterfür und fällt mir die Kurasch in die Hose, dann ist der Harnisch am rechten Platz.« Und als nun der Spieß fertig war, und nachdem die sieben Schwaben wie ehrliche Leute alles bis auf Heller und Pfennig richtig bezahlt, auch als gute Christen bei St. Ulrich noch eine Messe gehört und zuletzt noch beim Metzger am Ulmer Tor gute Ravensburger Würste eingekauft hatten, zogen sie, den Spieß tragend, zur Stadt Ravensburg hinaus und ihres Weges weiter. Der Algäuer, der an der Spitze marschierte, stimmte sein Posthörnle an: der Seehas, der nach ihm kam, pfiff; der Blitzschwab sang: Spargele, Wargele; der Knöpflesschwab fuhr fort: Spätzle und Salat, und der Spiegelschwab, der Nestelschwab und der Gelbfüßler hörten zu. Sie waren aber schon eine Weile so kreuzfidel einhergegangen, da fiel's ihnen ein, daß zu überlegen wäre, welcher Weg nach dem Bodensee eingeschlagen werden sollte. Der Algäuer schlug vor, sie sollten dem Bussen zu gehen; das sei der höchste Berg im Schwabenlande, und wenn man den erstiegen habe, so sehe man den Bodensee ganz gut und könne nimmer fehlen. Der Gelbfüßler aber sagte, über das Gebirg zu gehen sei »unkommod«; man solle mit ihm an den Neckar gehen: der Neckar fließe in den Rhein und den Rhein aufwärts gelange man sicher zum Bodensee, »Hotz Blitz und Hagel!« fluchte nun der Blitzschwab. »Ein rechter Mann geht geradeaus, der Nase nach.« Da lobten ihn die andern und beschlossen, geradeaus zu gehen, vorüber an Brachenzell und Durlesbach der Schussen nach. Sie wateten durch das Flüßlein und kamen nun in einen großen Wald. »Ist das der Seewald?« fragte der Gelbfüßler, und sein Herz fing an, nach unten zu rutschen. »Nein,« antwortete der Seehas, »das ist er noch nicht,« und alle atmeten erleichtert auf bei diesen Worten und gingen wieder beherzt voran im Wald. Der eine pfiff, der andre sang und der dritte lachte laut vor sich hin, und so machten sie sich Mut in dem unheimlichen Schweigen des Waldes. Plötzlich aber stieß der Algäuer, der noch immer an der Spitze marschierte, einen markerschütternden Schrei aus; denn siehe, hart vor ihm lag mitten im Weg ein großmächtiger Bär. »Bygost!« schrie er, »Brüder, hebt euch! Ein Bär, ein Bär!« und damit rannte er dem Untier den Spieß mit Macht in den Leib. Doch der Bar rührte sich nicht, denn er war zuvor schon mausetot gewesen. Darob hocherfreut, sah der Algäuer stolz wie ein Held um sich, aber o Schreck! alle seine Kameraden lagen mäusleinstill am Boden. Vermeinend, er habe sie hinterrücks mit dem Spieß erstochen, fing er laut an zu lamentieren, und nun erst kam wieder Leben in die Gestalten, und als sie jetzt hörten, der Bär sei ganz tot, da sprangen alle vom Boden auf und stellten sich voll Freuden um das tote Tier herum. Der eine rupfte ihn beim Pelz und riß ihm ein Haar heraus, der andre spuckte ihm ins Ohr und ein dritter, der Seehas, steckte dem Untier gar die Hand in den Rachen, und kein einziger fürchtete sich mehr. Hierauf hielten sie Rat, was sie mit dem Leichnam anfangen wollten und nach langem Hin und Her beschlossen sie, dem Bären die Haut abzuziehen. Die sollte einst demjenigen werden, der sich bei der Erlegung des Bodenseeungeheuers am mannhaftesten halten werde. Einstweilen aber mußte der Nestelschwab die Haut auf die Achsel nehmen und nachtragen.

Voll frohen Mutes marschierten die Sieben weiter und kamen immer tiefer in den Wald hinein. Das Dickicht wurde stärker, die Bäume standen zuletzt so dicht, daß sie mit ihrem langen Spieß kaum durchkommen konnten. Da geriet der Algäuer in eine gelinde Wut. »Bygost! durch müssen wir,« brüllte er, zog vorn am Spieß und rannte vorwärts gerade auf einen vor ihm stehenden Baum los. Bums, stockte der ganze Zug: denn der Spieß saß fest im Stamm, und o weh! zwischen dem Spieß und einem andern Stamm eingezwängt schnappte der Knöpflesschwab gar erbärmlich nach Luft. Zwar versuchten es die andern, ihren Kameraden aus der Klemme herauszuziehen. Aber der saß fest wie der Pfropf einer Champagnerflasche. Da kam dem Algäuer plötzlich ein großer Gedanke. »Bygost!« sagte er, »'s Teufels müßt' ich sein, wenn mir Gott nicht helfen tät.« Sprach's, spuckte in die Hände, packte den Baum des Hindernisses mit gewaltigen Armen, schrie nochmal: »Hui, Ochs!« und riß ihn heraus mit Wurzel, Stumpf und Stiel. Der Knöpflesschwab fiel tief atmend befreit ins Moos, und gar ehrerbietig guckten die andern auf ihren Anführer, Nachdem der Algäuer auch den Spieß herausgezogen, marschierten die sieben Schwaben weiter.

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