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Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten

: Württembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorverschiedene
titleWürttembergische Volksbücher - Sagen und Geschichten
publisherHolland & Josenhans
addressStuttgart
year
firstpub
seriesWürttembergische Volksbücher
printrun12.-14. Tausend
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100621
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Die Rotmäntel in Baiersbronn.

I.

In alten Zeiten, als im Murgtal bei Baiersbronn, Mitteltal und Obertal nur erst zerstreute Höfe lagen, kamen oftmals über den Ruhstein ins Tal der roten Murg wilde, große Männer. Die waren noch Heiden, gingen barfuß und hatten rote Mäntel um, daher man sie allgemein »Rotmäntel« nannte. An der Seite trugen sie ein langes Messer, womit sie jeden, der ihnen begegnete, hackten, auch wenn er ihnen nicht das geringste zuleide getan hatte. Auch warfen sie mit ihren Messern ziemlich weit auf die Leute und verwundeten sie. Weil aber die Messer an einer langen dünnen Kette befestigt waren, so konnten sie dieselben immer wieder zurückziehen und waren auf diese Art nie ohne Waffe. Die Rotmäntel hatten auch schon Gewehre, mit denen sie sicher schossen. Sie redeten auch eine fremde Sprache, die niemand verstand, außer der Lindenwirt in Baiersbronn, der »Lateinisch« konnte.

Die Rotmäntel waren ein gar böses und wildes Räubervolk. In kleineren Scharen, oft nur 10–20 Mann stark, brachen sie unversehens über die Höhen ins Tal herein, stahlen, raubten, mordeten, brannten und verschwanden dann ebenso schnell wie sie gekommen in den Wäldern. Meistens wählten sie zu ihren Überfällen den Sonntag, wenn die Leute in der Kirche waren. War es da ein Wunder, wenn kein Mensch im Murgtal sich sicher fühlte und Kinder und Frauen nie mehr, die Männer aber nur mit Axt oder Flinte bewaffnet in den Wald gingen! Man stellte auf den Türmen Wächter auf, die gaben mit der Glocke ein Zeichen, wenn sie die Rotmäntel auf der Höhe erblickten. Alsdann sammelten sich die Männer, um die Feinde zurückzutreiben, was denn auch öfters gelang, zumal wenn sie in kleineren Haufen erschienen.

Nun aber geschah es einmal an einem Sonntage, daß die ganze Mannschaft der Rotmäntel, 300–400 an der Zahl, in das Tal hereinbrach. Kaum hatten die Wächter die Feinde erblickt, da riefen auch schon die Glocken die Männer zusammen, und in großem Aufgebot zogen die Murgtaler dem gefährlichen Feind entgegen. Man gedachte aber diesmal den Räubern und ihrem Unwesen ein gründliches Ende zu bereiten, rückte dem Feind herzhaft zu Leibe, umzingelte ihn und begann kräftig zu schießen. Aber, o Wunder, auf beiden Seiten wollte kein einziger Mann fallen; denn die Rotmäntel waren alle kugelfest, und auch unsre Murgtaler hatten sich verwahrt und kugelsicher machen lassen, so daß sie die Kugeln wie Brosamen aus Busen und Ärmel schütteln konnten. Da holte man endlich von einem Hof ein altes, buckliges Bäuerlein, »das konnte mehr als Brot essen«.

Das sagte: »Lasset mich einmal zuerst allein schießen, alsdann mögt ihr drauf losknallen, so viel ihr nur wollt!« Sprach's, ging vor und nahm eine silberne Kugel, die eben der Hauptmann der Rotmäntel nach dem Bäuerlein geschossen, aus dem Busen, lud sie hurtig in sein Gewehr, zielte und puff! lag der nächste der Feinde im Blute. Darauf schossen auch die andern, und jede Kugel streckte nun einen Räuber zu Boden; denn der Zauber war gebrochen. Bald stand kein einziger Rotmantel mehr außer dem Hauptmann Schlotki. An dem prallten alle Kugeln der Bauern wirkungslos ab, und als sie endlich mit Gabeln, Sensen und Äxten auf ihn eindrangen, da wollte alles nichts helfen: denn er war gegen Schuß, Hieb und Stoß gefeit. Da nahmen sie denn den Schlotki endlich gefangen und banden ihm Hände und Füße.

Weil er aber auf gar keine Weise umzubringen war, so warf man den Räuberhauptmann endlich in die Murg und »beschwerte« ihn mit schweren Felsblöcken. Drei Tage lang lag Schlotki so im Wasser und ächzte und stöhnte und wand sich vor Schmerzen; aber sterben konnte er nicht. Er bot den Leuten ungeheure Summen, wenn sie ihn loslassen wollten; aber es war alles Bitten umsonst. Da er nun aber auf diese elende Weise nicht mehr länger leben wollte, so gab er selbst ein Mittel an, wie man ihn töten könne. »In meine linke Hand, am Daumen, und zwar in der Maus,« sagte er, »sind drei geweihte Hostien eingelegt und verwachsen. Die schneidet heraus, daß ich sterben kann.« Das tat man denn auch, und als die Hostien herausgeschnitten waren, verblutete sich Schlotki und starb. Die Murg aber floß drei Tage lang blutrot und hat seither immer noch eine rötliche Farbe behalten. Daher heißt man sie denn auch »die rote Murg«.

(Nach Meier.)

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