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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Neuntes Kapitel

Nun sitzt in der Bauernstube des Riedhorns Kalmüsel und neben ihm die Frau Wirtin, Ellenbogen an Ellenbogen, im eifrigen Geflüster. Und von Zeit zu Zeit deutet die Frau Wirtin mit dem linken Auge oder dem rechten Daumen nach der schwarzgeschmauchten Balkendecke, denn über derselben sitzt der Herr Doktor bei dem fremden Fräulein. Kalmüsel sieht sehr verdrossen drein.

Nun sitzt auf der Spitze einer Bockleiter in dem Hause am Schloßberge der Regierungsrat Wunnigel und beäugelt ein altes Pastellgemälde, eine Weylandin des achtzehnten Jahrhunderts im Schäferkostüm darstellend.

Nun sitzt in dem Hause am Untertor die Jungfer Männe, Ellenbogen an Ellenbogen neben dem Herrn Rottmeisterchen Wenzel Brüggemann, und die Jungfer sieht noch viel verdrossener aus als Kalmüsel; aber der Herr Rottmeister hat das weiße Köpfchen listig zwischen die Schultern gezogen und kichert in sich hinein und grinst ganz unanständig.

Und noch einmal fängt es an zu schneien – große massige Flocken; und Anselma Wunnigel zieht in ihrem Lehnstuhl die bunte türkische Reisedecke fester um sich. Der Herr Doktor könnte recht gut gehen – er hat dem Fräulein den Puls gefühlt –, er hat das Fräulein vollständig auf dem Wege der Besserung gefunden: was hält ihn denn? Weshalb nimmt er den Hut nicht und empfiehlt sich und geht hinunter und spielt noch eine Partie Schach, ehe er Kalmüsel den Daus anspannen läßt und nach Hause fährt?

Wer es noch nicht geahnt hat, daß es Fräulein Anselma ist, die ihn von dem Vergnügen abhält, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Der Raum ist um vieles behaglicher geworden, seit das Fräulein das Bett verlassen hat. Da sind Arbeitskästchen erschienen, und bunte Wollknäuel rollen auf dem Boden umher. Zwei Resedabüsche sind in der Fensterbank erschienen, und Fräulein hat auch in den großen Wunderschrank gegriffen und des Papas zusammengegaunerte Schätze wenigstens als Zierat, soweit es anging, erfreulich gemacht. Es hat sich eine kulturhistorisch merkwürdige Decke über dem Tische eingefunden, und wie Silber glänzt der Zinndeckel auf dem Kruge mit der Inschrift: Was Adam für die Mutter tat, das tun wir täglich für die Töchter.

»Lachen Sie nicht, Herr Doktor«, sagte das Fräulein. »Man hilft sich eben, wie man kann. Es ist so häßlich, alles um sich her so kahl zu sehen! Und dann muß man doch auch die Tage hinbringen!«

»Das muß man!« seufzte der Doktor, der ganz und gar nicht lachte.

»Und Sie sind so gut gegen uns – gegen den armen, guten Papa«, fuhr Anselma Wunnigel fort. »Er ist so entzückt von Ihrem alten Hause in der Stadt und von Ihrem so sehr liebenswürdigen, gastfreundlichen Entgegenkommen; und ich bin Ihnen so dankbar!«

In der Tiefe seiner Brust sprach der Doktor: »Uh, der graue Halunke! Am letzten Ende segnet er sogar noch die gastrischen Zustände, die das arme, gute Kind hier in dieser Wüstenei festgelegt haben. In das Geschlecht Strix gehört der Kerl – Augen, die an einem dicken Kopf nach vorn stehen; – an einem Scheunentor sollte man den Uhu festnageln! – Katzenaugen in einem Raubvogelkopfe! Zum Henker noch mal!«

»Viel Achtung hat er sich erworben;
Reicht rasch ein frisches Sacktuch her!«

die weinerliche Melodie summte ihm wiederum durch den Sinn. Er hatte sie nicht umsonst den halben Tag lang zu Hause aus dem Nebenzimmer vernommen, und kläglich sagte er laut:

»O, mein liebes Fräulein, reden Sie doch nicht von meiner Liebenswürdigkeit. Es ist mir viel wert, daß endlich einmal ein wirklicher Sachverständiger sich meine wunderlichen Familienschätze ansieht; und dann – dann – bin ich – Ihnen so dankbar!«

Daß auf dieses letzte Wort hin ein Engel durch das Zimmer ging, war selbstverständlich. Beide junge Leute, der Doktor wie das Fräulein, warteten natürlich, bis er die Tür wieder hinter sich zugemacht hatte. Nachher seufzte das Fräulein, und der Doktor sagte: Es scheint in diesem Jahre doch recht frühzeitig Winter werden zu wollen.«

»Meinen Sie?« fragte das Fräulein, worauf sie beide einige Minuten später noch einmal auf den guten Papa Wunnigel zu reden kamen.

»Der arme Papa! Er hat so viel Verdruß in seinem Leben gehabt!« sagte Anselma. »Ich weiß nicht, ob es recht von mir ist, daß ich zu Ihnen davon rede; aber da Sie so freundlich auf seine Wunderlichkeiten eingegangen sind, so wäre es wohl ebenso unrecht, wenn ich Ihnen nicht etwas mehr von uns erzählte. Der Papa hat sich nie recht wohl in seinem Amte gefühlt, und meine arme selige Mama hat schwere Jahre durchlebt. Ich verstehe das natürlich nicht ganz, aber der Mama Ängste und Sorgen habe ich doch selbst als Kind schon verstanden. Der Papa ist so sehr klug; er weiß in allen Dingen immer mehr als alle anderen, und so kam er aus jeder Sitzung nach Hause und hatte sich über die anderen halb zu Tode geärgert. Und in Berlin nahmen sie stets der anderen Partei, und wenn wieder ein großer Brief von Berlin gekommen war, dann ging der Papa die ganze Nacht auf und ab im Zimmer, und die Mama saß und weinte. Wir haben uns nun pensionieren lassen, und nach einem Jahre hat der Papa auf seine Pension gegen eine Abstandssumme Verzicht geleistet. Nun reisen wir, und der Papa geht seinen Liebhabereien ungestört nach und sucht alte Kunstwerke. Er steht mit vielen berühmten Leuten in der ganzen Welt in Verbindung, und sie handeln untereinander, und – Sie werden gewiß recht lachen, Herr Doktor! – und sie suchen einander so viel als möglich und so arg als möglich anzuführen. – ›Ehrlichkeit ist die Hauptsache‹, sagt der Papa. ›Sei nur immer ehrlich, sei wahr, Anselma; sage deine Meinung über dich, über mich, über die ganze Welt! Sei meine Tochter, sei einmal anders als die anderen‹ – sagt er. Sie lachen; aber Sie schütteln auch den Kopf? Ach, bei dem Leben, welches der Papa mich führen läßt, ist es wohl keine Kunst, anders als die anderen zu sein! Sie haben mich bedauert, weil ich hier auf dem Riedhorn festsitzen muß; aber das ist nicht so schlimm. Zu Hause, in Königsberg, haben wir auch ein großes Raritätenkabinett und eigentlich gar kein Haus. ›Du solltest endlich lernen, in einer Hängematte zu schlafen, Anselma‹, sagte der Papa. ›Was sparte man da für Raum, und wie behaglich würde es sein!‹ – Ich habe auch den Versuch gemacht in solch einem Geflecht von den Sundainseln; aber im Winter wurde ich doch krank davon, und so mußten wir's aufgeben.«

»Das ist aber doch zu heillos«, stöhnte Herr Heinrich Weyland, mit der Faust auf das Knie schlagend.

»O nein! Nur amüsant! Ganz Königsberg hat darüber gelacht. Da ist der Herr Major von Odenhausen, der jetzt auf einem Feuerversicherungsbüro beschäftigt ist. Er ist des Vaters bester Freund, und er hat auch seine Pension gegen ein Abstandsgeld aufgegeben und hat dafür zwei Reisen um die Welt gemacht, und der hat mir die Kokosmatten mitgebracht. Mit seinem Gelde aber war er, als er zum zweiten Male in Hamburg wiederankam, fertig; aber der Papa sagt: ›Das ist auch einer von den wenigen Glücklichen in dieser Welt.‹ ›Ja, wir Königsberger sind immer sonderbare Leute gewesen‹, sagt der Herr Major von Odenhausen.«

»Und, mein teuerstes, liebes Fräulein, Sie haben nicht den Wunsch, einmal nicht ganz anders zu sein und zu leben wie die anderen – von den Königsbergern speziell ganz abgesehen?« fragte der junge Arzt so schüchtern und zögernd, wie er noch nie die allerdelikatesten Fragen an irgendeine Patientin gerichtet hatte.

»O!« seufzte Anselma Wunnigel und fügte nach einer Pause heiter und lächelnd hinzu: »Ei, freilich! Ganz gewiß! Mit Vergnügen! Schon der Abwechselung wegen.«

Der Doktor stand auf und sah erst nach dem Ofen, ging dann zum Fenster und blickte in das winterliche Wetter hinaus und die Pappelallee entlang nach den fernen Türmen und Bergen der Stadt. Der Nebel und Dunst war aber zu dicht, um da viel zu erkennen; daß wir jedoch hier nun die Gelegenheit benutzen, um dem Leser mit einem Gleichnis zu Hülfe zu kommen, wird niemand erwarten.

»Du lieber Gott, in einer Hängematte!« ächzte der Besitzer des Hauses am Schloßberge kopfschüttelnd, mitleidsbewegt und mit dem heftigen Wunsche, den Herrn Regierungsrat a. D. Wunnigel die nächste November-Regennacht hindurch mit dem Kopfe unter einer Dachrinne seines Hauses festbinden zu können. Und doch wieder – lag nicht auch darin ein sonderbarer Reiz, daß keiner der würdigen Menschen, Väter, Gatten und Whistspieler da unten in der Honoratiorenstube je seinen Töchtern zugemutet hatte, das deutsche Federbett nebst Wärmflasche mit einer Hängematte von den Sundainseln zu vertauschen?! – – –

»Der Landesfürst ist uns gestorben,
Es steht ein Thron in Deutschland leer«,

summt der Regierungsrat, die schäferliche Weylandin in einer umfangreichen Brieftasche notierend.

»Man weiß gar nicht, wohin man zuerst greifen soll!« murmelte er, und dann trug er mit dem Bleistift zwischen den Zähnen seine Leiter zu einer anderen Wand. Und dieser junge Bursch, dieser jugendliche Arzt ist ein ganz herziger Mensch! – Ah, dies nenne ich doch einmal ein ganzes, ein volles Behagen!« – –

Und während er sein ganzes, volles Behagen in dem Hause am Schloßberge genoß, hatte in dem Häuschen am Untertor der Herr Rottmeister Brüggemann, wie wir schon mitgeteilt haben, Damengesellschaft: die Jungfer Männe hatte all ihr Elend dem alten Herrchen zugetragen, und – Regierungsrat Wunnigel hieß natürlich diesmal dieses Elend.

Mit den seltsamsten, drolligsten Grimassen horchte der Rottmeister, hielt die Hand hinters Ohr und tat, als ob es ihm ein unersetzlicher Schaden sei, wenn ihm das geringste Wort des Berichtes der Jungfer verlorengehe.

»Wie aber Sie dabei grinsen und kichern können, Brüggemann, das begreife ich nicht!« zeterte die Jungfer.

»He, he; ich bin eben ein alter Uhrmacher.«

»Und was das damit zu schaffen hat, begreife ich auch nicht! Es ist doch zu nichtswürdig und gräßlich, was da oben jetzt diese ganze Zeit durch vorgeht, und wie einem unter den Händen und Augen das ganze alte gute Wesen umgestülpt und durcheinandergeschüttelt wird! Aber Sie sitzen hier, Herr Rottmeister, und ich sitze da oben mitten zwischen der Frechheit und Wüstenei und werde noch gar, als ob es sich ganz von selber verstehe, zur Abwartung und Aufwartung kommandiert. Wenn der selige Herr und die selige Frau dieses sehen könnten, so würden sie sich in ihren Gräbern umdrehen; aber Jesus Christus ist mein Zeuge, daß es mein fester Glaube ist, daß sie sich allbereits schon umgedreht haben. Und alle Weylande von Anfang an sollten sich mit ihnen wenden. Der Staub, den der fremde Viehkerl aufrührt, kommt mir wie ihr Staub vor! – O, solch ein Mörder von allem, was einem heilig und ans Herz gewachsen ist und was nach Gott und Recht und Sitte unangerührt und in Ehrfurcht stehen- und hängen- und liegenbleiben sollte bis zum Jüngsten Tage!«

»Das Fräulein vom Riedhorn möchte ich gern einmal sehen«, meinte der Herr Rottmeister, die alten schlauen Schultern in die Höhe ziehend; und mit diesem Worte hatte er unbedingt den allerrichtigsten Punkt getroffen, denn die Jungfer Männe hielt sich daraufhin mit beiden Händen am Tische.

»Sieh einmal! Möchten Sie das, Brüggemann? Na ja, ich auch, das kann ich auf meiner Seelen Seligkeit versichern, daß Sie damit meinem eigensten Lieblingswunsch ins Herz treffen. O, das Fräulein auf dem Riedhorn! Manchmal ist es mir auch, als hätte ich nichts mehr auf der Welt zu suchen, wenn ich das endlich erst mal zu Gesichte gekriegt hätte! Kalmüsel hat das Vergnügen gehabt.«

»He, he, und was sagt Kalmüsel?«

»Nichts!« ächzte die Jungfer Männe. »Ich habe mich auf den Kopf gestellt, um seine Meinung aus ihm herauszubringen; aber – keine Möglichkeit!«

Der alte Horcher zog die Schultern noch einmal in die Höhe, legte aber diesmal das Köpfchen dabei listig-vergnügt auf die linke Seite und zwinkerte mit dem rechten Auge die Jungfer an:

»He, he, der Gevatter Kalmüsel denkt wohl tief darüber nach, ob sein junger Herr sich wirklich dort dem Teufel verschrieben habe? – Und der Daus hat nichts gesagt, Jungfer Männe?«

»Der Daus?«

Mit offenem Munde sah die Jungfer bei ihrer Gegenfrage auf den Herrn Rottmeister.

»Der Daus? Was soll denn der Daus –«

»He, muß er doch mit Kalmüsel und dem Doktor Tag für Tag hinaus nach dem Riedhorn?! So'n alter, verständiger Familiengaul, der noch dazu in den letzten fünf oder sechs Jahren sich zu 'nem Mediziner ausgebildet hat! – Und sollte auf Sie, Jungfer, und auf Kalmüsel gewartet haben, um sich seine Meinung gebildet zu haben? He, he, lehren Sie mich doch nicht den Daus kennen! Wenn der nicht unter seinen Scheuledern hervor längst das Fräulein am Fenster im Riedhorn studieret, so will ich in meinem Leben noch nicht einen Kuckuck in einer Schwarzwälderin zur Reparatur vorgehabt haben.«

»Das ist mir zu hoch, Brüggemann; aber was die Glocke geschlagen hat, weiß ich gottlob auch noch zu sagen, zumal in dem jetzigen Falle. Denken Sie nur beileibe nicht, daß Sie, weil Sie als ein Meistermensch in der Uhrmacherei von der ganzen Welt taxiert worden sind, einen jeglichen aufziehen dürfen mit unverständlichen Redensarten. Wenn der Kalmüsel mit seinem Pferdeverstand denkt und der Daus, wie Sie sagen, mit dem seinigen – nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Rottmeister Brüggemann, so denke ich doch wohl mit dem meinigen –«

»Und so denken Sie sich gerade so wie wir anderen alle eine hübsche junge Frau in das alte Haus da oben hinein, Jungfer –«

»Der Herr ist mein Zeuge –«

»Das ganze Räderwerk frisch ausgeblasen und vor allen Dingen ein neues Schlagwerk hinein –«

»Und Wunnigeln – o, der Herr Regierungsrat Wunnigel als Pendel daran! Lassen Sie sich den Trost, den ich mir heute abend von Ihnen geholt habe, Brüggemann, gefälligst von einem andern bezahlen als von mir. Sie alter Egoiste, was wollen Sie denn weiter als hundert Jahre alt und älter werden und, weil Sie für die Uhrmacherei zu alt sind, Ihre Künste als Kindermechanikus und künstlicher Weihnachtsmann bei unserm Herrn Heinrich in der Kinderstube nochmals anbringen! O, Sie verheirateten ihn natürlich mit der ersten besten! Sie nähmen jedweden Schwiegervater in den Kauf! Sie kenne ich lange genug, um Sie ganz genau zu kennen! Das Gewissen ist Ihnen natürlich längst bei Ihrer Räder- und Ketten- und Federkunst abhanden gekommen; und wenn es Ihnen damals ganz einerlei war, ob Sie sich mit Ihrem dummen mechanischen Maschinenwagen Arm und Bein brachen, so ist es Ihnen jetzt ebenso einerlei, ob Sie heute das alte, gute Haus von da oben, mit uns allen drin, den Schloßberg hinunterfuhrwerken.«

»Und Sie in meine Arme, Jungfer Männe! Merken Sie es denn immer noch nicht, daß alles von mir darauf angelegt ist? So'n zirka dreißig bis vierzig Jährchen warte ich nun schon mit Schmerzen darauf, daß Sie es endlich merken wollen – gütigst merken wollen. Politik ist alles in der Welt, sagte schon der großmächtige Kaiser Karolus der Fünfte, der auf seine alten Tage auch noch ein Uhrmacher wurde. Meine Politik war, daß ich Sie endlich dazu brächte, daß Sie ›Ja!‹ sagten, Jungfer Männe. Jetzo sind wir nun bald soweit; – ach Gott, kommen Sie nur Hals über Kopf den Schloßberg herunter zu mir! Hier am Untertor sitzt immer einer, der Sie auffängt; und wenn Sie das nicht wüßten, so hätten Sie das Leben die letzten Wochen durch ja gar nicht ausgehalten.«

»Daß Sie der nichtswürdigste alte Methusalem sind, der je seine Narrheiten in Wagenladungen auf den Wochenmarkt geführt hat, das weiß ich, wenn auch nichts anderes. Der Kaiser Karolus hilft mir hier gar nichts; Sie aber, Brüggemann, haben nicht diesem – Wunn – igel (ich hätte beinahe was anderes gesagt), diesem Herrn Regierungsrat Wunnigel die Aufwartung zu besorgen und seiner Wirtschaft im Hause zuzusehen, ohne ein Wort reden zu dürfen.«

»Hm, hm«, brummte das alte Herrchen, doch die Jungfer Männe hing ihren Mantel um, zündete ihre Handlaterne an, die auch mehr denn fünfzig Jahre lang den Bewohnern und Bewohnerinnen des Hauses am Schloßberge den Berg hinauf- und hinuntergeleuchtet hatte, und humpelte mit einem unwirschen »Gute Nacht!« ab. Der neumodischen Gasbeleuchtung der Stadt traute sie noch längst nicht.

»Da geht sie bin«, kicherte das Rottmeisterchen, »und ich gehe zu Bette. He, he, was mag sie in der Einbildung diesem Herrn Regierungsrat Wunnigel schon alles in das Getränke und die Suppen geschüttet haben! Uh! na ja, wir werden ja sehen! Das alte Haus werden der Herr Rat ja doch wohl stehen lassen müssen, und wie ich ihn sonsten kennengelernt habe, so würde ich für mein Teil gewiß ganz gut mit ihm fertig werden. Aber von der Kleinen auf dem Riedhorn hängt alles ab.«

Von der Kleinen auf dem Riedhorn hatte der Doktor H. Weyland bereits vor zwei Stunden Abschied genommen, und an der Tür ihres Zimmers hatte sie plötzlich seine Hand ergriffen und mit ängstlicher, tränenerstickter Stimme geflüstert:

»O bitte, glauben Sie nur nicht alles, was Papa sagt! Sie sind so gütig gegen uns gewesen, und es würde mir so schrecklich sein, wenn Sie nachher nur Schlimmes von uns denken müßten. Der Papa, trotzdem daß es nicht so scheint, glaubt auch gleich alles; – o bitte, bitte, verzeihen Sie mir, Herr Doktor, was ich Ihnen sagen mußte, weil es mir längst allzu schwer auf der Seele lag: glauben Sie dem Papa nicht alles, was er sich selber glaubt.«

Das war das wichtigste Wort, was in diesem Kapitel gesprochen wurde.

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