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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Sechstes Kapitel

Mit einem höhnisch-triumphierenden Blick sahen sie alle auf den Regierungsrat, wie er mit dem Doktor Weyland auf die zwei leer gewordenen Stühle in der schlechtesten Ecke des Gemaches zuschritt. Aber sie irrten sich, wenn sie glaubten, ihn jetzt ihrerseits geärgert zu haben. Wunnigel war ein Mann, der sich dahin setzte, wo es ihm gefiel, und den Platz auch festzuhalten wußte, sonst aber sich viel zu wenig aus irgendeiner Planetenstelle machte, um sich durch ein Grinsen aus seinem Gleichmut bringen zu lassen, wenn er dieselbige von einem andern besetzt fand.

»Dinte, Feder und Papier für den Herrn Doktor, liebster Nolte, und mir noch etwas Heißes«, sprach er. »Sie nehmen nicht gleichfalls noch etwas Warmes, Doktor?«

Der junge Arzt dankte. Er schrieb rasch sein Rezept im Riedhorn, obgleich er dieses ebensogut in der Stadt, in der Apotheke zum Heiligen Geist, hätte besorgen können; aber er fühlte sich immer noch ein wenig verwirrt und befangen durch seinen Besuch im Oberstock des Hauses.

Am liebsten wäre er nun sofort aufgebrochen, um fürs erste in seinem Einspänner auf der Landstraße allein zu sein., doch so schnell wurde er natürlich von dem Papa seiner Patientin nicht losgelassen. Wohl eine Stunde lang hatte der Regierungsrat das Wort gegen seinen ärztlichen Berater allein. Es verlohnte sich aber auch, alles in allem genommen, es dem Manne zu lassen. Als Herr Heinrich endlich bei einbrechender Nacht wieder in seinem Einspänner saß, gehörte ein unbestritten nicht ganz gewöhnlicher Charakter zu seinen neuesten Bekanntschaften, und die Fahrt durch den feuchtnebeligen Abend vom Riedhorn zur Stadt war ihm noch nie so kurz vorgekommen als diesmal.

Wenn der Vater ihn nicht beschäftigte, so war die Tochter vorhanden und ließ sich noch weniger aus den Gedanken verbannen als der wunderliche alte juristische und antiquarische Emeritus und Benemeritus. Wir wiederholen es: der Doktor Weyland hatte Mitleid mit dem Fräulein; und Neigung schießt aus Mitleid so rasch und üppig auf wie Winterkresse aus einem alten Filzhut am warmen Ofen. (N. B. Dieses Bild ist nicht von uns, sondern von dem Regierungsrat Wunnigel, der es anwendete, während der Doktor das Rezept schrieb, jedoch nicht in bezug auf seine Tochter, sondern in bezug auf die geistigen, die seelischen Zustände und das selige Gesicht des jetzigen Inhabers der Sofaecke am Ofen.)

Aber der Weg den Schloßberg hinauf hätte auch einen andern als einen träumenden Mediziner aus seinen Träumen erweckt. Der Daus vor dem Wagen stöhnte und schnaufte; Kalmüsel fluchte, und so langten sie an.

Die Jungfer Männe erschien auf der Schwelle des Hauses unter dem vergnügten Medusenhaupte.

»Nichts passiert unterwegs, Kalmüsel?«

»Was sollte denn passieren? Nun sehe einer, wie das Vieh dampft! Und das will ein hochlöblicher Stadtmagistrat mit seinem Pflaster bergan sein!«

»Nichts vorgefallen während meiner Abwesenheit?« fragte der heimkehrende Herr des Hauses.

»Was sollte denn vorgefallen sein, Herr Doktor? Nein, Praxis gottlob nicht. Jetzo machen Sie aber nur, daß Sie hereinkommen, Herr Heinrich, alles ist gewärmt, und die Pantoffeln stehen unter dem Ofen«, erwiderte die Jungfer Männe.

Es war dem Doktor H. Weyland außergewöhnlich angenehm, daß heute kein Hülfsbedürftiger seiner mehr wartete, daß er keinen Boten auf dem Hausflur, kein Billett auf seinem Schreibtische vorfand. Nie oder doch sehr selten war es ihm so lieb wie an diesem Abend gewesen, daß er sein großes, weites, altes Haus noch so ziemlich für sich allein hatte. Wir haben vergessen zu sagen, daß er natürlich vor der Apotheke zum Heiligen Geist hatte anhalten lassen, sein Rezept vorgereicht und einen Boten bezahlt hatte, der die Mixtur durch die Nacht zum Riedhorn hinaustrage. Er hatte es sehr eilig damit als Mensch, obgleich die Sache doch wohl bis morgen Zeit gehabt hätte, wie er sich als Arzt sagen mußte. Wir unsererseits haben das Versäumte auch eiligst nacherzählt, obgleich es vielleicht ebenfalls bis morgen damit Zeit hatte. –

Nun saß er in dem warmen Schlafrock und den Pantoffeln wieder in der Bücherstube. Da lehnte seine Pfeife, da lag das splanchnologische Bilderbuch aufgeschlagen, wie er beides verlassen hatte. Er ergriff die erstere und stopfte sie träumerisch; das zweite – klappte er sanft zu. Die Lampe verbreitete nur ein gedämpftes Licht, und die alten vollgepfropften Regale sorgten schon ihrerseits dafür, daß das weite Gemach dunkel blieb. Träumerisch setzte der junge Arzt seine Pfeife in Brand, und dann trat er in die Fensternische, allwo auf einer der Scheiben der Spruch Benedicti eingeschrieben stand. Der Weg, den er vorhin hin- und zurückgefahren war, lag in der Nacht verborgen, aber unter ihm lag die mit ihren Lichtern die Finsternis und den Nebel durchschimmernde Stadt: er kannte den schönen Anblick genau; doch wie an dem heutigen Abend hatte er das nie gesehen und jedenfalls durch all die Schatten und Lichter sich noch nie so stimmen lassen.

Aber es sollte doch noch besser kommen im Verlaufe des Abends und eines großen Teiles der Nacht.

Er aß zu Nacht, und zwar in dem alten Eßzimmer des Hauses, jedoch ohne viel Appetit. Um in das Eßzimmer zu gelangen, hatte er den Salon seiner seligen Mutter zu durchschreiten; und nachdem er Teller und Glas zurückgeschoben hatte, trat er in diesen Salon zurück und ließ sich daselbst für einen Augenblick auf dem Diwan nieder.

Nach einer halben Stunde fand ihn die Jungfer Männe daselbst und schlug die Hände zusammen:

»Mein Jesus, hier in der Finsternis und Kälte?!«

»Wahrhaftig!« rief Herr Heinrich; und dann ging er mit der Lampe in der Hand durch die ganze Reihe der Gemächer in die Bibliothek zurück, wo er den Ofen in Glut fand und, fröstelnd an ihn herantretend, bemerkte:

»Ich hatte es in der Tat gänzlich vergessen, daß es Winter werden will!«

Er zog einen der alten Sessel an den Ofen und streckte beide Füße gegen den treuen Gesellen seiner Studien und der seiner Vorfahren hin. Ein Strahl der Lampe fiel auf die Jahreszahl daran, sechzehnhundertachtzehn, und die beiden wilden Männer mit Tannenbaum und Blättergurt, die das Schild mit der Zahl in ihren grimmigen Tatzen aufrecht hielten.

»Sechzehnhundertachtzehn!« murmelte der Doktor. »Dies wäre in der Tat ein Haus für meine heutige Bekanntschaft! – Welch ein kurioser, ungeheuerlicher, munterer Greis! Welch ein Königlich Preußischer Regierungsrat außer Dienst! Was für ein Papa! und – was für ein sonderbares, nettes, armes kleines Mädchen!«

Den letzteren Ausruf betonte er am innigsten und verfolgte das Bild, von dem er ausging, in allen seinen Nuancen am längsten weiter – nicht nur durch das Riedhorn, sondern auch durch dieses alte Haus am Schloßberge vom Keller bis zu den Wetterfahnen auf dem Dache, bis zu dem Rauch, der aus den Schornsteinen aufstieg, durch alle Türen, Zimmer und Kammern, durch alle Schränke und Kommoden, durch alle Schubladen.

»Der zeigte ich gern einmal mein Reich«, murmelte er, und dann fügte er ein wenig bedenklicher hinzu: »Na, wenn ich es ihm zeigen würde, so würde ich endlich einmal wohl ganz genau erfahren, was alles drin steckt. Das wäre ein Kerl, um ein Inventarium aufzunehmen und keinen Stiefelknecht und keinen Teekessel auszulassen.«

Doch da war wieder vor seiner Phantasie das feine, verschüchterte Gesichtchen auf den groben Kissen des Wirtshauses zum Riedhorn, und sonderbare Phantasmagorien kamen über ihn. Er sah Gespenster, und zwar zum erstenmal in seinem Leben.

Romangespenster! Wie sie aus der Leihbibliothek, wie sie ohne die geringste Furcht vor Ansteckung bei herrschenden epidemischen Krankheiten von den ärgsten Hypochondern aus der Leihbibliothek entliehen werden! Konventionellstes literarisches Gesindel, das hier plötzlich mit Fleisch und Blut, Knochen und Muskeln begabt erschien und aus den Wänden hervortrat. Herr Heinrich Weyland saß allein in seiner Bücherei und befand sich doch noch nie in einer so zahlreichen Gesellschaft wie jetzt: jegliches Gerät – nicht nur in der Bücherstube, sondern durch das ganze Haus – hatte plötzlich ein ganz individuelles Leben bekommen und redete in seiner Art von seinem Platze aus.

»Langweilen Sie sich nicht dann und wann fürchterlich, lieber Doktor?« fragte zum Exempel ein Klavier drüben im Erdgeschoß des Hauses, ein Klavier, auf dem die Großmama des lieben Doktors zu dem Liede:

Mit Liebesblick und Spiel und Sang
Warb Christel, jung und schön.
So lieblich war, so frisch und schlank
Kein Jüngling rings zu sehn,

sich vordem selber begleitet hatte.

»Überlege es dir, mein Sohn«, sagte ein »Fortepiano« in dem vorhin erwähnten Salon der Mutter und hallte leise nach:

Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland, –

und:

»Ein Schumann- oder Schubertsches Lied oder eine Löwesche Ballade hätte ich eigentlich gern manchmal zur Hand, ohne darum ins Konzert laufen zu müssen. Hausmusik, aber innerhalb seiner eigenen vier Pfähle, ist eine anmutige Sache; aber – ein modernes Pianino müßte mir doch wohl dazu ins Haus«, sagte der Doktor aus dem Zauberland seiner Träume heraus.

Die Glocke des Schlosses über ihm und die Glocken von den Türmen der Stadt unter ihm zählten eine der nächtlichen Stunden nach der anderen ab und ihm zu; aber zu Bett trieb ihn der Schall und Widerhall noch lange nicht. Dazu war doch viel zu große Gesellschaft in dem Zimmer der Großmama versammelt! Große Gesellschaft! Und zwar, wie es schien, aus mehr als einem Säkulum von der alten seligen Dame zusammengebeten.

Das war interessant! – Aber viel mehr als interessant für den Herrn des Hauses am Schloßberge, nämlich unendlich anmutend und behaglich stimmend war's, daß – Fräulein Anselma Wunnigel dieser Gesellschaft der Großmama in dem Hause am Schloßberge die Honneurs machte, und zwar fröhlich, lachend, in aller zierlichen Glücklichkeit und mit dem Licht von hundert flimmernden Lampen auf den Locken!

Das hatte sie jedenfalls von ihrem antiquarischen Papa! Mit allen Gliedern der Familie Weyland, die im Laufe der Jahrhunderte ein Zeichen ihres Daseins in den Räumen des Hauses zurückgelassen hatten, schien sie auf das höflichste verkehren zu können.

Der Spinozist, ganz in Schwarz, lehnte sich über ihren Stuhl, und als sie sich nach ihm umwendete, schien er auf ihre Worte zu hören wie auf die seines hohen Meisters und Lehrers. Der amerikanische Kapitän zog sich ein Taburett heran; die älteren Herren aus dem sechzehnten Jahrhundert und die in Allongeperücken verzogen ihre würdigen Mienen nicht selten zu einem heitern Grinsen, und ein ganzer Schwarm junger Damen in Puder und Reifrock, der plötzlich aus der Tür hervorhüpfte, die in das Schlafgemach der Urgroßmutter führte, begrüßte das lebendige junge Mädchen als die beste Spielkameradin und Schwester.

Da saß freilich auf dem Rokokosofa (der Doktor Heinrich hatte immer eine unerklärliche Scheu vor diesem Möbel gehabt!) eine alte mürrische Dame, steif, steifer, am steifsten, und schüttelte den Kopf, schüttelte den Kopf bedenklich; aber auf diese schritt plötzlich der Herr Regierungsrat außer Dienst Wunnigel zu, bot ihr seine goldene Dose und zog sie in ein Gespräch, das dem Anscheine nach eine recht mildernde Wirkung auf ihre Gemütsstimmung hatte; denn plötzlich klopfte sie ihm mit dem Fächer auf den Arm und deutete auf seine Tochter im Gespräch mit dem Kapitän Weyland, und er – der Regierungsrat – ging und brachte das junge Fräulein dem alten und stellte es in aller Form vor. Im Knicks knisterte der Brokat des Jahres 1740, unendlich wonnig rauschte der Stoff der Neuzeit, als Anselma Wunnigel die Falten ihres Kleides zurückstrich: die alte Dame machte der jüngeren Platz auf dem Sofa (von dieser Nacht an sah Herr Heinrich Weyland es mit ganz anderen Augen!) und – auch diese Bekanntschaft war gemacht.

Sie flüsterten zusammen, und einen Zahn hätte der Herr Doktor darum gegeben, wenn er hätte erhorchen können, was sie verhandelten; denn ohne allen Zweifel war die Rede von ihm! Am anderen Morgen in seinem Bett begriff er sich, wie die Redensart lautet, selbstverständlich selber nicht, und schauerlich übernächtig kam er sich auch vor.

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