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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Viertes Kapitel

Es führt von dem weiten Hausflur eine Treppe zu dem »hohen Parterre«, in dem das Klub- und Honoratiorenzimmer gelegen ist. Gegenüber in derselben Höhe ist die Bauernstube.

Der Doktor stieg die Tritte empor, und der Wirt folgte ihm auf dem Fuße. Ehe aber der junge Arzt die Hand auf den Türgriff legte, flüsterte ihm Nolte noch zu:

»Er sitzt wieder im Sofa neben dem Ofen und dampft selber wie ein Ofen. Seit Menschengedenken hat jeder gewußt, daß da von Rechts wegen der Herr Kreiskassenkontrolleur Müller sitzt, und er weiß es auch recht gut. O Herr Doktor, machen auch Sie nur seine Bekanntschaft! Die anderen Herren kennen ihn alle schon. Ich bitte und ersuche Sie inständigst, tun Sie Ihr Bestes, kurieren Sie Fräulein Tochter recht rasch, Herr Doktor. Ich für mein Teil habe gar nichts gegen den Herrn Regierungsrat; aber Sie glauben gar nicht, wie wenig Liebe er sich unter den übrigen Herren erworben hat. Es wäre mir also, offen gesagt, sehr unangenehm, wenn ihn eine ernsthafte Krankheit von Fräulein Tochter diesen ganzen kommenden Winter durch an das Haus fesselte.«

»Wir wollen sehen, Nolte. Besorgen Sie mir Kaffee; bringen Sie mir denselben her und dann stellen Sie uns, ich meine Ihren liebenswürdigen Gast und mich, einander vor.«

»Wie Sie es wünschen, Herr Doktor«, sprach Nolte und wendete sich. Herr Heinrich Weyland trat ein in die wohlbekannte Stube der »Herren aus der Stadt« und fand alles darin wie sonst an seinem Orte und auf seinem Platz, bis auf diesen fremden Herrn und Papa einer kranken Fräulein Tochter im Sofa neben dem Ofen. Dichtes Tabaksgewölk drang dem Eintretenden entgegen; ein halb Dutzend Bekannter saß beim Kaffee im Gespräch, und am Fenster ein Paar über ein Schachbrett gebeugt, teilnahmlos für alles andere als den letzten Zug des Gegners und den eigenen Gegenzug.

»Siehe da, Doktor! – Guten Tag, Herr Doktor.« – Der Arzt vom Schloßberge erwiderte den Gruß die Tische entlang, hing den feuchten Oberrock samt dem Hute an den Nagel zu den übrigen und wendete sich zu dem Ofen.

»Ein anmutiger Nebel, meine Herren«, sprach er, die Rockschöße rechts und links unter die Arme nehmend und die Rückseite den wärmenden Kacheln zukehrend.

»Jeder Atemzug draußen eine Doktorrechnung wert!« hustete der geistreiche Schäker der Stammgäste aus dem Gewölk hervor, und der Doktor Weyland hustete gleichfalls, mit einem Blicke nach der Sofaecke, verstohlen den heute ihn einzig und allein interessierenden Gast des Riedhorns überblickend.

Nolte hatte unbestritten recht. Es machte sich in der Tat auf den ersten Blick eine merkwürdige Ödigkeit um den Fremdling bemerkbar. Er hatte den Platz im Sofa nicht nur, sondern auch den sonst rundum besetzten runden Tisch vor dem Sofa ganz für sich allein. Wer auf dem Damenbrett das kindliche Spiel Wolf und Schafe kennt und spielt, der war sofort imstande, einen passenden Vergleich für die Situation zu finden. Der Herr Regierungsrat a. D. Wunnigel hatte den ihm am behaglichsten scheinenden Platz eingenommen, und die – übrigen hielten den ihnen übriggelassenen so fest als möglich.

Da saß der Kerl, den das Riedhorn, sowohl was den Wirt wie auch die Gäste anbetraf, so gern wieder losgeworden wäre – ein jedenfalls munterer Herr von intelligentem, gesundem, aber freilich etwas absonderlichem und rauhem Äußern. Sein Alter wurde von dem erfahrenen Physiologen sofort auf fünfundfünfzig bis sechzig Jahre geschätzt, sein Temperament dem sanguinisch-cholerischen zugerechnet, ein maßgebendes Urteil über seinen angeborenen und erworbenen Charakter jedoch vorsichtigerweise von dem demnächst genaueren Bekanntwerden abhängig gemacht.

Eine Fülle grauen, borstigen Haares bedeckte in abstehendem Wulst den, wie es schien, sehr wohlgeformten Schädel des Fremdlings. Buschige Augenbrauen überhingen ein Paar recht scharfe graue Augen. Ein viereckiges Kinn, übel rasiert, in allerlei Tinten zwischen weiß, grau und blau spielend, erhob sich über eine Roßhaarkrawatte, welche letztere allein schon andeutete, daß der Mann aus einer Zeit herkam, die nicht mehr die unserige genannt werden konnte. Von weißer Wäsche war, in Anbetracht daß der fremde Herr doch den Titel Regierungsrat führte, außerordentlich wenig an ihm zu erblicken. Es gab jedenfalls Regierungsräte in und außer Dienst mit weißerer Wäsche; wir haben selber die Ehre, einige solcher zu kennen.

Einen grauen Flausrock mit außergewöhnlich weiten und vollgepfropften Taschen trug dieser Regierungsrat; dunkle Hosen von festem Winterstoff, gelbliche Tuchgamaschen über tüchtigen Lederstiefeln, von denen letzteren er den linken über einen der nächsten Stühle (sonst auch der Platz eines der anderen Herren) hingestreckt hatte.

Daß er rauchte, und zwar stark, hatte der Wirt bereits verkündet. Aus einer kurzen Pfeife qualmte er sicherlich ein wenig beängstigend für die übrigen Herren. Und Grog trank er, und als in diesem Moment Herr Nolte den Kaffee des Doktors brachte und auf dem Tische vor dem Sofa niedersetzte, benutzte er, der Regierungsrat, sofort die Gelegenheit und schob sein Glas hin und sprach.

»Noch einen Schröpfkopf voll dieses Getränkes, und möglichst kräftig, Herr Nolte. Und rasch!«

Den letzteren Wunsch fügte er sozusagen mit einem Ruck hinzu.

Bedrückt verbeugte sich der Wirt zum Riedhorn, das geleerte, so niederträchtig benamsete Gemäß, das heißt das Glas, an sich nehmend.

»Herr Regierungsrat, dies ist der Herr Doktor! Herr Doktor, dies ist der Herr, der so gütig war, Sie herausrufen zu lassen.«

Wiederum mit einem Ruck erhob sich der Fremde:

»Herr Doktor Weyland?«

»Das ist mein Name.«

»Der meinige ist Wunnigel! – Regierungsrat außer Dienst Wunnigel. Rücken Sie zu!«

Er rückte selber zu und machte dem Arzte Platz neben sich. Der junge Doktor zog aber doch lieber fürs erste einen Stuhl an den Tisch und nahm auf demselben Platz.

»Sie wünschten meine Hülfe, Herr Regierungsrat –«

»In Anspruch zu nehmen. Wenn Sie mir helfen können, ja! Trinken Sie aber ruhig erst Ihren Kaffee; ich habe mein eigen Rezept eben auch noch einmal in die Apotheke geschickt, wie Sie gehört und gesehen haben. Diesmal wartet Freund Mors gütigst wohl noch so lange, bis wir kommen.«

Das alles wurde mit einer heiseren und keineswegs befangen flüsternden Stimme gesagt. Alle Stammgäste des Riedhorns hörten deutlich, was der Herr Regierungsrat sprach, und alle sahen nach dem Doktor hin, und es war niemand, der nicht zu bemerken schien:

»Siehst du wohl! O, lerne ihn nur erst genau kennen. Wir kennen ihn bereits seit einiger Zeit – o ja, wir haben das Vergnügen! Es ist seine Tochter, die droben krank liegt; – nicht wahr, das ist ein recht netter, zärtlicher Vater mit seinem Freund Mors? – Jaja, Weyland, wären Sie die letzten vierzehn Tage durch wie wir täglich nach dem Riedhorn heraus spazierengewandert, wüßten Sie es längst, daß er ihn recht kräftig liebt und nicht gern auf ihn wartet! – Herrgott, ist das ein Kerl wie ein Bandwurm! Wenn Sie ihn uns abtreiben könnten, so würden Sie uns wahrhaftig noch lieber werden, als Sie es uns schon sind. Kusso hilft aber nicht. Versuchen Sie es dreist mit Arsenik, Weyland; oder lassen Sie ihn auf Blausäure riechen.«

Im Grunde war aber ein jeglicher der Herren fest davon überzeugt, daß auch die beiden letzten drastischen Mittel nichts gegen den ebenso hartnäckigen, fest sich saugenden, unbequemen Wurm in seiner altgewohnten Gemütlichkeit und Behaglichkeit ausrichten würden, und so löste sich das allgemeine Starren und Horchen in einen allgemeinen Seufzer auf. Nolte aber brachte düster das neue Glas dampfenden, nicht zu schwachen, nicht zu sanften Getränkes.

»Brav von Euch, mein Wirt zum Hosenband«, schnarrte der hohe Staatsbeamte a. D. im Sofa und wendete sich nunmehr, mit dem Becher unter der das aromatische Gewölk sachverständig einziehenden breiten Nase, an den jungen Arzt.

»Meine Tochter nämlich, sonst ein gutes Kind, hat mir die Lust bereitet, hier am Orte hängenbleiben zu müssen. Mit einem Schnupfen fing die Geschichte an; allerlei Verdauungsstörungen und sonstige Leib- und Unterleibsbeschwerden wurden mir natürlich verschwiegen, und erst ein gelindes Fieberchen machte mich aufmerksamer. Aufmerksamer geworden, tat ich natürlich alles mögliche, den gestörten Organismus des Mädchens wiedereinzurenken und ins Gleichgewicht zu bringen. Möglichst warme Füße und ein recht frischer Luftzug im Zimmer und um den Kopf ist mein Prinzip; doch ich gestehe, daß ich diesmal nicht damit ausreichte. Rohe Äpfel und viel kaltes Wasser bei innerlicher Hitze, Spirituosen bei Frösteln – selbstverständlich immer innerlich – helfen mir jedesmal; bei meinem jungen Frauenzimmer fiel ich damit ab! Ich versuchte es, vermittelst einer kräftigen Dosis Langeweile Schlaf zu erzeugen und durch dessen Kräfte der elenden Menschennatur aufzuhelfen. Einen Tag lang saß ich am Bette des Kindes und las ihm mit möglichstes Tonlosigkeit das Leben des Benvenuto Cellini, und zwar ohne abzusetzen, vor. Nicht nur, daß das Mädchen nicht schlief, es wurde sogar immer wacher. Das Kopfweh stieg, aus dem Fieberchen wurde, soweit ich das beurteilen kann, ein wirkliches Fieber. Ärztliche Hülfe, die ich sonst gern vermeide, erschien mir nun doch geboten, und ich begann danach umzuschauen. Ich konferierte mit dem Wirte dieses Hauses; ich wendete mich an die verehrten Herren da an jenen Tischen, und man deutete Sie mir an, lieber Doktor. Ich vernahm, daß auch Sie zu den häufigeren Gästen dieses trefflichen städtischen Spazierlaufzieles gehörten, und somit erwartete ich in ziemlicher Ruhe Ihr Kommen. Da Sie jedoch zufällig diese Tage hindurch nicht kamen, schickte ich; denn wenn ich etwas in der Welt nicht zu ertragen vermag, so ist es steigende Unruhe. Steigende Unruhe ist sicherlich noch einmal mein Tod, und wenn Sie mit Ihrem Kaffee fertig sind, so ersuche ich Sie freundlichst, sich das Kind einmal anzusehen. Sie, Doktor, der Sie wahrscheinlich durch ein eigenes krankes Kind irgendwie und -wo noch niemals auf Ihren Wegen aufgehalten worden sind, werden mir unter allen Umständen einen großen Gefallen tun, wenn Sie sich gänzlich in meine Lage hineinversetzen. Gehen wir?«

Der Doktor Heinrich Weyland erhob sich stumm, aber sofort, und schob seinen Stuhl mit sehr hörbarem Nachdruck zurück. Es war eine gewisse großartige Brutalität in dem Wesen und Ton dieses Mannes, deren Wirkung auf die braven, ruhigen, höflichen, zartfühlenden, ordentlichen Würdenträger und Familienväter der Stadt und Stammgäste des Riedhorns er sich vollständig ausmalen konnte. Daß auch eine gewisse Gutmütigkeit darin lag, fand er augenblicklich noch nicht heraus; aber er tat sich etwas auf die Objektivität zugute, mit der er als Erbe des Hauses am Schloßberge über die Welt und das Leben hinblickte.

»Lernen wir auch diesen wunderlichen Kostgänger an der Tafel des Daseins genauer kennen«, sagte er sich. »Die Menschen stellen sich im Verkehr mit den Menschen nur zu häufig auf den falschen Standpunkt. Sie ärgern sich, wo sie sich ergötzen sollten; sie erbosen sich, anstatt zu lernen. Ist nicht schon die Frage interessant: wie kommt dieser Mensch, und zwar in Begleitung von Fräulein Tochter, in dieses abgelegene Wirtshaus? – Vor allen Dingen aber sehen wir uns das arme Kind an! Fieber, Grog, rohe Äpfel, Zugluft, kaltes Brunnenwasser, Benvenuto Cellini, ohne abzusetzen! Großer Gott, das unglückliche Geschöpf!«

»Eine Treppe höher, wenn es gefällig ist«, sprach der Regierungsrat Wunnigel, schritt zur Tür, riß sie auf und forderte den Doktor ganz gegen sein Erwarten, wenn auch nur durch einen Gestus, auf, vor ihm die Gaststube zu verlassen. Nachher schritt er jedoch sogleich wieder energisch voran, und zwar mit gewaltigem Hall seiner nägelbeschlagenen Sohlen auf den alten Stufen von Eichenholz. Auch sah er sich nicht ein einzig Mal danach um, ob man ihm folge. Dies war unbedingt ein Mensch, der fest überzeugt war, daß er ruhig, mit den Händen in den Taschen, voraufmarschieren könne, ohne daß der nachfolgende Begleiter es wagen werde, ihm an der ersten günstigen Ecke und Biegung des Weges oder der Treppe abhandenzukommen, das heißt durchzugehen.

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