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Wunnigel

Wilhelm Raabe: Wunnigel - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 13. Band
authorWilhelm Raabe
year1977
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20126-5
titleWunnigel
pages5-170
created20010908
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Zwanzigstes Kapitel

Sie hatten sich wieder in der Fensternische der Bücherei eingenistet, der Doktor und sein Weib. Es war drei Uhr nachmittags und recht herbstlich-neblig draußen. Am Morgen waren die Dächer der Stadt, und vorzüglich die Kirchendächer, mit dem ersten Reif des Jahres überzogen gewesen. Um diese Stunde war der weiße winterliche Schimmer natürlich nicht mehr vorhanden; aber sämtliche Dächer schienen feucht-schwarz, viel schwärzer als gewöhnlich, durch den Dunst. Feucht und viel dunkler als sonst erschien auch alles übrige in der Welt, soweit sie von den Fenstern des Hauses Weyland zu überblicken war; auch die Dohlen um die Türme, die jedoch sich ungemein lebendig, frischflügelig und gut bei Stimme erzeigten.

Bleibt uns vom Leibe mit eurer Siesta des sonnigen Südens! Was eine richtige Nachmittagsruhe ist, das wird einem doch nur an solch einem grauen germanischen Vorwintertage ganz klar.

Ah – und wenn sie bis jetzt nur des Morgens hatten heizen lassen, so hatten sie heute zum erstenmal wieder Kalmüsel recht herzlich ersucht, doch ja das Feuer nie ganz ausgehen zu lassen in dem alten Kachel- und Pyramidenofen in dieser urgermanischen Bücherei des Hauses Weyland.

Dummes Zeug – Siesta des Südens! – Schweiß, Atemnot und Stechmücken – es ist freilich schon einiger Reisestrapazen wert, um's auszuprobieren und nachher zu Hause das Vergnügen anderen anpreisen zu können! –

Wie lange ist es her, seit Anselma neulich ihren Heinrich von seinem Schreibtische abrief:

»O komm doch mal ans Fenster und sieh, was die Schwalben vorhaben!« – Es war eines der dem Garten zu gelegenen Fenster des Hauses, zu dem sie ihn hinrief.

»Sie haben Reisepläne, Schatz! Jawohl, die Blutbuche da vor des Papas Stube ist ihr Versammlungsort um diese Jahreszeit, solange ich denken kann. Was war denn das? – Weiß Gott, der Papa schließt seine Fensterladen!«

Sich dichter an ihren Gatten drängend, hatte Anselma, in das tausendfache, zierliche Geflatter, Geschwirr und Gezirpe blickend und horchend, geflüstert:

»Wenn sie es so gut hätten wie ich, so blieben sie ganz gewiß auch hier. Aber ihnen wird es hier zu kalt, und mir –«

Es war recht schade, daß der Doktor den Satz nicht zu Ende hörte; aber kälter wurde es freilich nicht durch die Art und Weise, wie er ihn unterbrach, in dem alten Wunderhause am Schloßberge. Sie durften die Schwalben dreist reisen lassen und brauchten auch durchaus nicht ärgerlich und boshaft die Fensterladen zuzuschlagen wie der Papa, dem das wanderlustige, leichtbefittichte Gesindel nebenan unter der Nase zwitscherte.

»O, o – sieh, da gehen sie!« hatte Anselma, die Hände zusammenlegend, in kindlichem Jubel gerufen. Und sie hatten sich wirklich wie auf ein Signal erhoben und waren südwärts abgeschwirrt – die Schwalben der guten alten Stadt; und nach dem Geflatter, Gezirpe und Gezwitscher war es fast beängstigend still in dem Garten des Hauses Weyland geworden.

»Es tut einem doch leid! Wie schön war es, als wir die erste dieses Jahres hinstreichen sahen! Damals riefest du mich und zeigtest sie mir unter unserem Dachrande. Es war doch ein herrlicher Sommer.«

»Und morgen früh heizt Kalmüsel zum erstenmal, und es wird ein herrlichster Winter!« – – –

Nun hatte Kalmüsel heute die Öfen des Hauses zum erstenmal den ganzen Tag über im Gange erhalten, und da – sind wir wieder in der Fensternische der Bücherei, und es ist währenddem halb vier Uhr geworden, und sie liegen noch immer träumerisch aneinander gedrückt in dem weiten Lehnsessel des Spinozisten und haben die Füße auf das Taburett auf der anderen Seite der Nische gelegt und haben keine Ahnung davon, daß Seine Exzellenz der Kaiserlich Russische Staatsrat a. D. Paul Petrowitsch Sesamoff soeben da unten im Hotel St. Petersburg den Kaffee mit – Mama Wunnigel einnimmt – nicht die allergeringste Ahnung! – Es ist fast ein Glück zu nennen, daß Kalmüsel es weiß und es mit dem so hoffnungsvoll erleichterten Eßkorb aus der Stadt mit heraufgebracht hat und jetzt mit der Jungfer Männe unten im Hause überlegt, wie man es am schonungsvollsten da oben in der Bücherstube der Herrschaft zur Kenntnis bringt. – – –

»Wissen müssen sie es. Da ist weiter keine Rettung«, stöhnt die Jungfer, die Hände ringend. Aber wer soll es ihnen sagen? Ich oder Sie, Kalmüsel?«

»Sie natürlich, Mamsell.«

»Ich? O ja, mit Seelengaudium, wenn ich's dem alten Nichtsnutz, dem Herrn Re–gierungsrat, auf die Stube bringen könnte. Aber der – der Wüterich sitzt ja in Sicherheit beim Rottmeister Brüggemann, und auf die beiden armen Kinder da oben fällt alles. Gehen Sie hin, Kalmüsel; Sie bringen ja doch einmal die Nachricht aus der Stadt, und also kommt es Ihnen von Rechts wegen zu, und es ist Ihre Pflicht und Schuldigkeit.«

»Als ob ich etwas dafür könnte, daß ich den Proviantesel nach dem Hause am Untertor spielen muß! Und als ob ich schuld daran wäre, wenn's mir der dritte Mensch auf der Straße, voll davon bis zum Platzen und voll dazu von Schadenfreude, in die Ohren schreit. Ich will Ihnen was sagen, Jungfer; ein halb Stündchen lassen wir sie noch in ihrer unschuldigen Ruhe, und dann – gehen wir zusammen hin als treue, alte Diener, die mit dem alten Hause leben und sterben, und sagen es kurz, wie es steht.«

»Wußten es denn Brüggemann und der – der – Herr – Schwiegervater?«

»Ne. Als ich den Korb abholte, noch nicht. Das wissen Sie ja wohl, Mamsell, daß so was der, den es am eigentlichsten angeht, immer am letzten zu erfahren kriegt; – – – haben Sie es etwa gewußt, daß der russische Sklave, den wir die letzte Woche doch immer hier in der Küche gehabt haben, ein ganz richtig verheirateter Sklave ist und daheim zu Hause längst seine Haushaltung hat und sieben Kinder und eine lebendige Frau und daß ihm das noch lange nichts hilft, wenn ihn auch sein Kaiser auf dem Papier freigelassen hat – den Sklaven, den Kalmuckenvielfraß?! Na, nach meinem Geschmack da denn doch lieber 'nen Polacken!« – –

Hell erklangen um diese Stunde zwei Glocken durch den Petersburger Hof.

An der einen wurde im Zimmer der Frau Oktavia Wunnigel gerissen; die andere zog bedachtsam der Knäs in seinem Gemache.

Der Dame war mit einem Male recht unwohl geworden; sie schritt in fieberhafter, grimmiger Aufregung über den weichen Teppich hin und her, stampfte von Zeit zu Zeit mit den Füßen und lachte – letzteres jedoch nicht, weil sie sich amüsierte. Eine recht amüsante Geschichte zwar hatten ihr soeben Exzellenz erzählt und lächelnd den Bericht geschlossen:

»So halte ich es für das beste, gnädige Frau, daß wir ein Billett schreiben an den Herrn – Schwiegersohn, den Herrn Doktor Weyland, und ihn bitten, hierher zu kommen und mit uns die Visite zu machen bei dem Herrn Regierungsrat, meinem Freund Wounikkel. Sie werden sich alle sehr freuen; denn ich freue mich auch. Mein Freund Wounikkel wird sich freuen, mein Freund Weyland wird sich freuen. Madame werden liebe Leute kennenlernen; ich habe auch liebe Leute kennengelernt. Es ist sehr interessant, sich in dieser Stadt acht Täge lang aufzuhalten.«

»Es ist zum Rasend-Werden! Erwürgen werde ich ihn! Sie aber, schreiben Sie, Exzellenz; – ich – ich werde zu handeln wissen, wenn ich all dieser Lächerlichkeit, dieser bodenlosen Trivialität – diesem – Gesindel gegenüberstehen werde!«

»Vous reconnaîtrez la main de la providence dans tout cela, ma chère«, sagte der russische hohe Staatsbeamte leise und zärtlich auf Russisch-Französisch und küßte zugleich der entrüsteten Landsmännin die Hand. On en rira à St. Petersbourg; n'est ce pas, Octavia Paulowna? Oho, Frau Regierungsrat Wounikkel – Madame Wouniccle! Aber es ist doch eine Position – eine – gesell–schaftliche Stellung, wie man hier sagt in Deutschland. Wir werden reisen. Übermorgen werden wir reisen, und wir werden zusammen reisen; – werden wir nicht, Gnädigste? – Werden wir nicht, mein – liebes Kind?«

»Schreiben Sie an den jungen Mann – Wieland, Weyland, was weiß ich?! Lassen Sie ihn kommen! Mein Kopf! o mein armer Kopf! Sie sind ein edler Mensch, Petrowitsch; helfen Sie mir, mich an diesem – diesem Gesindel zu rächen, und ich überlasse mich Ihnen wirklich, wie Sie sagen, als ein weinendes, gekränktes Kind; ich folge Ihnen zurück nach der Heimat wie eine Tochter.«

»Bah!« hatten Exzellenz gesagt; und – jetzt klingelte die Frau Regierungsrätin Wunnigel in ihrem Zimmer nach einem Glase frischen Wassers, und Paul Petrowitsch Sesamoff hatte in dem seinigen das Billett an den Doktor Weyland geschrieben und läutete seinen Petruschka herbei, um ihn mit dem verhängnisvollen Kuvert den Schloßberg hinaufzuschicken. – – –

Wir können es nicht als ganz gewiß behaupten, daß der »Sklave« sich über die Sachlage ganz klar war; aber das dürfen wir dreist sagen, daß er ausnehmend hinterlistig (wie auch Kalmüsel meinte) grinste, als er um vier Uhr des Nachmittags das Billett seines Herrn in dem Hause am Schloßberge ablieferte.

»Brief aus dem Petersburger Hof an den Herrn Doktor«, sagte Kalmüsel dumpf, das zierliche Schriftstück in die Fensternische reichend, und – die gute Stunde hatte damit ihr Ende.

Der Tag fing bereits an, in die Dämmerung überzugehen, und so trat der Doktor mit dem Schreiben des Staatsrats dicht an die Scheiben –

»Was ist denn, Heinrich?« fragte Anselma einen Moment später ganz bestürzt.

»O, o, o – nichts, Herz! Durchaus gar nichts! – Ein – Patient im Hotel St. Petersburg – plötzliche Erkrankung auf der Durchreise. – Kommt nicht selten vor; – Kalmüsel, meinen Rock und meine Stiefel! Liebes Kind, meinen Hut; Hm – ha – hm – o!«

»Heinrich!« rief die Frau, sich anklammernd, »Heinrich, jetzt bitte ich dich um Gottes willen, um unserer Liebe willen! Heinrich, um meinetwillen – sie ist angekommen!! Bitte, bitte, sag's nur! Bitte, bitte, ich weiß es, und wenn du es leugnest, so lügst auch du! O Heinrich, lieber, lieber Heinrich, sie ist angekommen mit der Eisenbahn – nicht wahr, sie ist angekommen?«

»Nun, dann in Gottes Namen, Herz: Ja! Sie ist da!«

Anselma Weyland geborene Wunnigel hatte nach dem Billett der russischen Exzellenz gegriffen und überflog es mit fliegendem Atem.

»Und um fünf Uhr will er sie zu dem Papa und dem Herrn Rottmeister führen! O Gott, o Gott, Gott! Und was wollen wir denn nun tun?«

»Ebenfalls einen Abendspaziergang machen und dem Papa und dem alten Brüggemann einen Besuch abstatten, wenn – du dich ganz erholt haben wirst.« – – – – – – – – – –

 

»Ausstehen kann ich den Samojeden, diesen – sibirischen Sklaven und Moskowiter für'n Tod nicht; aber einen Schnaps schenke ich ihm doch unten in der Küche ein«, brummte Kalmüsel. »Das hat er diesmal durch seinen Botenweg an mir verdient; denn da kenne ich die Jungfer Männe, zuletzt hätte ich doch den Deckel vom Topf tun müssen, wenn er nicht mit der Benachrichtigung gekommen wäre. O, das gute alte Haus! So lange es steht, hat es solch eine Geschichte nicht erlebt! – – Das ist doch wirklich und wahrhaftig, als ob ihm in jedwedem Jahrhundert was ganz Funkelnagelneues passieren müßte!« – – –

Fünf Uhr! – Wir haben, wenn wir nicht irren, schon von dem schönen Klang der Glocken in den grauen, gotischen Türmen der Stadt gesprochen. Ja, die Glocken änderten ihren Ton nicht, als sie diese fünf Schläge den tief unter ihnen sich ärgernden, sich ängstigenden, sich freuenden oder zufällig einmal gleichgültigen Menschenkindern zuzählten. Sie ärgerten sich nicht, sie ängstigten sich nicht, sie freuten sich nicht, sie blieben schön – melodisch und harmonisch in dem, was sie zu sagen hatten: etwas Klassischeres als diese alten Romantikerinnen in Bronze war in keiner Literatur der Welt zu finden. Ihr aber, die ihr vor diesem Buche sitzt und über Wunnigel gelacht habt, sucht mir einen Menschen in einer trostloseren Lebenslage als den Regierungsrat Wunnigel aus Königsberg um fünf Uhr nachmittags an diesem nebeligen deutschen Herbsttage! –

Sie stiegen hernieder vom Schloßberge; und so wie jetzt hatte Anselma Weyland noch nimmer am Arme ihres Gatten gehangen, und so wie jetzt hatte sie noch nie die Kapuze über die Ohren gezogen. Schon zündete man in den Häusern und in den Läden die Lampen an, und der Nebel wurde mit jedem Schritte von der Höhe in die Niederung hinunter dichter. – Das Untertor stand wie ein mittelalterliches, gespenstisches Ungeheuer im Abend und Dunst, und der Lichtschimmer aus dem Häuschen am Untertor war gespenstischer als alles übrige – das allermodernste Leben und Wesen, Werden und Weben hatte alles, alles – Gemäuer und Licht mit Sturm genommen und war Herr davon, darin und darüber! –

Sie fanden richtig die junge europäische Schwiegermutter, die mittelalterliche russische Exzellenz und den Herrn Rottmeister Wenzel Brüggemann am Bette des Papa Wunnigel in dem Hinterstübchen des alten, bankerotten Uhrmachers und Tausendkünstlers, und Oktavia Paulowna Wunnigel hatte noch das Wort, als sie eintraten. Der Papa Wunnigel, der es so häufig, ja fast immer im Leben gehabt hatte, hatte es nicht mehr! – – – Er hatte den Kopf unter die Decke gezogen; aber was ihm gesagt wurde, schien er, trotzdem daß er vollständig den Bewußtlosen spielte, ganz richtig verstanden zu haben und zu verstehen; denn von Zeit zu Zeit ging ein Ruck und Zuck durch die Decke, und zwar jedesmal dann, wenn er fand, daß – sein Weib wohl nicht ganz unrecht habe.

Nur ein einzig Mal, als auch der russische Kollege ein Wort dareingab, kam er rasch mit der allgemach so sehr spitz gewordenen Nase zum Vorschein und ächzte:

»Ja, Wounikkel, Wounikkel! Weshalb sagen Sie nicht lieber Karnikkel, lieber Sesamoff? Karnikkel hat stets allein schuld! Karnikkel hat immer zuerst angefangen, nämlich hier bei uns in Deutschland, bester Freund, wenn von einem – o Oktavia, Oktavia, müssen wir uns denn so wiedersehen!?«

»Ein Nichtswürdiger – ein miserabler Verräter sind Sie, mein Herr! Ein – ein – ein – o Worte, Worte, um alles auszudrücken, was ich zu sagen habe –«

Der Regierungsrat steckte bereits wieder unter dem Deckbett, und der Knäs hatte sanft, zärtlich, aber doch auch energisch zuzugreifen, um die Frau Regierungsrätin abzuhalten, die Decke wegzureißen und ihren kuriosen Gemahl in seiner ganzen Blöße im Lichte der kleinen Lampe des Rottmeisters Wenzel Brüggemann darzulegen.

»Ha, ha, ha! – ha, ha, ha!« lachte es plötzlich gemütlos-dumpf von der Wand hernieder. Es war das künstlichste der Uhrwerke des Rottmeisters, das von ihm noch nicht abgestellt worden war und welches nun mit öder Schadenfreude die sechste Stunde des Tages verkündete. Und es war ein wirklicher Segen, daß das alte Uhrmacherchen sein gestriges Wort noch nicht zu einer Wahrheit gemacht hatte: unter dem Eindruck dieses mechanischen, dickbäuchigen, philisterlichen Pläsiergeräusches trat die erste Pause in dem Gezerr und Gezeter in dem sonst so stillen Häuschen am Untertor ein. – Sie blickten alle stumm nach der Wand.

»He, he, he«, kicherte das Rottmeisterchen, »der Nachbar horcht hinter der Tür! Sehen Sie, ich habe fünf Jahre daran gearbeitet, ehe ich ein so groß Stück von Deutschland in das Gehäuse da und das Gebläse 'neingekriegt habe. Die Herrschaften müssen aber selbst sagen, daß es jetzt so ziemlich natürlich grob und dumm klingt. Das ist die Kunst, das herauszubringen, was ein jeglicher alltäglich vernimmt und allwo er doch nachher dann sagen muß: ›Ja, Teufel auch, Brüggemann, wie kommt Ihr auf den Gedanken? Ein schnurriger Einfall ist's ganz gewiß.‹«

Der Doktor Heinrich Weyland drückte dem Alten innig die Hand. Diese plötzliche, ganz unvermutete Erklärung und Auseinandersetzung des Alten fiel so drollig unpassend und doch passend in die Stimmungen und Gefühle des so ausnehmend harmonisch zusammengewürfelten Menschenhäufleins hinein, daß ihm der Doktor wirklich wohl dankbar dafür sein mochte.

»Ich gebe Ihnen Hundert Rubel für dieses Kunstwerk, mein lieber Freund Brükkelmann«, sprach die Exzellenz. »Hundert Rubel Silber gebe ich dafür, daß ich diesen Philister mit mir nehmen kann nach Sankt Petersburg.«

Die Stiefmama fand zum erstenmal Muße, sich die zitternde, schluchzende angeheiratete Tochter zu betrachten, und Heinrich Weyland konnte endlich sein Weibchen an der Hand nehmen, mit ihm vortreten und bemerken:

»Gnädige Frau – meine Frau! Anselma geborene Wunnigel. Mein Name ist Weyland – ein ziemlich patientenloser Doktor der Medizin in hiesigem Städtchen. Die Frau Regierungsrätin Wunnigel darf versichert sein –«

Die Frau Regierungsrätin Wunnigel sah mit solcher souveränen Verachtung und so sehr von oben herab auf diesen gutmütigen, patientenlosen deutschen Doktor und warf mit derartigem Ruck den Oberkörper zurück, daß der Besitzer des Hauses am Schloßberge mit seiner Einladung in dasselbige – vielleicht glücklicherweise – nicht zustandekam, sondern vor dem niederschmetternden Blick der kosmopolitischen Schwiegermama – lächelnd, immer noch seine Frau am Handgelenk haltend – in den dunklen Schatten des Hinterstübchens im Hause am Untertor zurücktrat. – Er verbeugte sich tief dabei. –

»Herr von Sesamoff«, sagte die gnädige Frau, mit allen anderen wie in bodenlosester Verachtung endigend und dafür mit dem Knäs ganz von neuem anfangend, »Paul Petrowitsch, erlösen Sie mich von der Lächerlichkeit. Der Mensch da unter der Decke wird wahrscheinlich nicht verlangen, daß ich die Barmherzige Schwester an seinem – Strohsack spiele. O mon Dieu, quelle baraque! quelle atmosphère! c'est à étouffer, und ich ersticke, lieber Staatsrat, wenn Sie mir nicht sofort Ihren Arm geben sind mich nach dem Hotel zurückführen. Diesem andern Herrn da und jener Dame werde ich vom Hotel aus, unter Ihrem Ratschlag, Herr von Sesamoff, das übrige Nötige mitteilen können.«

Auch die russische Exzellenz warf einen Blick auf das junge Ehepaar und verbeugte sich gleichfalls tief vor der gnädigen Frau. Zugleich hielt er seinen Arm hin, und der Doktor Weyland kniff sofort im Dunkel in den seiner Frau, was nur so viel heißen konnte als:

»Ein ganzer Prachtkerl ist er! Er soll aber auch zum Andenken dafür die Wahl haben unter allen unseren Kuriositäten da oben. Ein himmlischer alter Bursche! – Weiß Gott, er führt sie ab, und er wird sie auch richtig über die Grenze bei Eydtkuhnen und Wirballen abführen. Gott segne seinem lieben Vaterlande diese ethnologische Kuriosität.«

»O dieser Papa – dieser Papa – dieser Papa!« sagte das fieberhafte Zucken der kleinen Hand in der Hand des klugen Doktors. Der Knäs hätte diese Szene um alles nicht gemißt in seinen Reiseerinnerungen. Man kann in Rußland und in der Fremde, im kaiserlichen Staatsdienste und außerhalb desselben vielerlei Vergnügliches und Erhebendes erleben; aber so zum richtigen Moment wird man doch selten vom Schicksal in der Gestalt eines »Freund Wounikkels« dazu an einen bestimmten Ort hingeführt.

Paul Petrowitsch kam es in diesem Augenblicke absolut so vor, als sei er nur deshalb geboren worden, um hier als heiterer, gelassener Mittler aufzutreten. Er – er war's, der für jetzt die Frau Schwiegermutter in das Hotel Sankt Petersburg abführte; er war es, mit dem sie zwei Tage später ganz wieder abreiste, und zwar gen Nordosten. Es soll freilich später zwischen einem nicht namhaft gemachten Flügeladjutanten Seiner Majestät und ihm zu einem unangenehmen »Renkontre« gekommen sein. Die Sache verläuft sich in den hohen Petersburger Gesellschaftskreisen und braucht uns nicht zu kümmern. Es ist eine neue Geschichte, die wir gottlob nicht zu erzählen haben; es handelte sich da um fernere und nähere Verwandschaftsgrade, und daß doch nicht jedermann der Kusin irgendeiner bestimmten Kusine sein kann. Dagegen aber taucht nun noch einmal eine andere schon erwähnte Persönlichkeit in unserem wahrheitsgetreuen Bericht auf, und zwar Herr Nolte, der Wirt vom Riedhorn. Dieser schickte nämlich einen Boten in die Stadt mit der Meldung, daß bei ihm noch immer eine Kiste stehe, das Eigentum des Herrn Rats Wunnigel, und »bitte ich, womöglich nächstens diese Kiste abholen zu lassen, weil sie mir den Raum beengt und ich nicht damit hin weiß«.

Und es war die Frau Regierungsrätin Wunnigel, die mit dem Staatsrat nach dem Riedhorn hinausfuhr und den Kasten aufschloß.

Wütend wandte sie sich wieder ab und an ihren Begleiter: »Es wird immer empörender. Er hat mich auch hierauf verwiesen.«

»Er ist immer originell, mein Freund Wounikkel«, lächelte die Exzellenz, »lassen Sie aber doch einmal sehen. Petruschka, nimm jeden Gegenstand recht vorsichtig heraus.«

Zum Vorschein kam das Sammelsurium von alten Türschlössern, Glaswaren und dergleichen, welches unser Freund Wunnigel auf dem Riedhorn, während seines verhängnisvollen Aufenthalts daselbst, zusammengetragen hatte.

»Einiges davon ist doch interessant für mich«, sprach der Knäs, »und ich werde es ihm abhandeln, meinem Freund Wounikkel.«

» Ich schenke es Ihnen alles, Paul Petrowitsch«, ächzte die Frau Regierungsrätin; und am dritten Tage nach dem Zusammentreffen im Hause am Untertor fuhren sie, wie gesagt, über Eydtkuhnen nach St. Petersburg. Am Bahnhof befand sich aus der deutschen Verwandtschaft nur der Doktor Heinrich Weyland, und er schien als guter, liebenswürdiger Mensch selbst auf die Mama keinen ganz unvorteilhaften Eindruck gemacht zu haben. Sie reichte ihm nämlich wirklich die Hand aus dem Kupee und sagte lächelnd drohend:

»Eigentlich sollte ich Sie lieber Sohn nennen. Schade, daß ich doch etwas zu jung dazu bin! Leben Sie recht wohl mit dem herzigen – beiläufig gar nicht üblen Persönchen, meinem – Stieftöchterchen. – Adieu, lieber Doktor Weyland!«

Die Exzellenz reichte ihre Dose aus dem Wagenfenster:

»Leben Sie wohl, Doktor. Ich werde Sie und Ihr Haus nie vergessen, und ich werde Ihnen und meinem Freund Wounikkel einmal schreiben aus St. Petersburg.«

Der Doktor ging nach Hause und sagte, den Schloßberg hinaufsteigend:

»Das Unterbinden der Arterien bleibt doch die Hauptsache. Den Knochen kriegt man schon durch. Na, hoffentlich findet kein zu reichliches Nachbluten statt.«

Zu Hause fand er sein Weib nicht im Gemache der Großmama, nicht in dem Salon der seligen Mutter, nicht in der Bücherei, sondern in der Küche, zwischen Kalmüsel und der Jungfer Männe; d. h. sie – Anselma – saß auf der Wasserbank, und Kalmüsel und die Jungfer standen mit gefalteten Händen vor ihr und sagten:

»Aber so beruhigen Sie sich doch, Frau Doktorin! Es kann ja alles gar nicht besser gehen. Ach, wüßten Sie nur, was dieses alte Haus schon alles erlebt hat an viel, viel schlimmeren Dingen.«

Und der Doktor holte sich seine kleine Frau herauf aus der Küche und meinte:

»Sie haben wirklich recht, Herz; – das alte Haus hat viel ärgere Geschichten erlebt, denn mir kommt es seit vorigem Jahre so vor, als erlebe es jetzt das erste wirkliche und wahrhaftige Glück in seinen vier Mauern. Nun, Mäuschen?«

Es lag ein sehr scharfer Wind auf den Fenstern der Bücherei an diesem Tage, und so war es selbstverständlich, daß der kluge Arzt sein Weib jetzt nicht in die Fensternische, sondern lieber in den großen Lehnstuhl im Ofenwinkel zog –

»Und den Papa können wir uns jetzt auch ja wieder heraufholen vom alten Brüggemann«, schloß der Doktor. Daraus wurde aber nichts. – –

Sie legten ihm, dem Papa Wunnigel, dringend, ja flehentlich die Bitte ans Herz, jetzt doch nicht länger ein Narr und alter Eigensinn zu sein, sondern Vernunft anzunehmen und wieder einzuziehen in das Haus Weyland und behaglich und gemütlich seinen ganzen freien Willen darin zu haben.

»Gebt euch keine Mühe«, brummte der Alte, »und vor allen Dingen bleibt mir mit meinem freien Willen vom Leibe! Dich nenne ich sofort wieder Sie, wenn du mir noch ein einziges Mal mit dieser Dummheit kommst, mein Sohn! Hier liege ich und hier bleibe ich liegen; der Rottmeister hat nichts dagegen einzuwenden; – zum Schluß will ich doch wenigstens einmal ein paar Tage lang meine Ruhe in diesem zerfahrenen Jammerdasein haben. Da weint sie wieder! Das soll einen nun nicht ärgern?! Himmeldonnerwetter, wie soll man sich denn ausdrücken, um nicht jedesmal Ärgernis, Tränen oder Muffigkeit hervorzurufen und unerquicklich aufregend auf das Herz, die Gallenblase oder – na, du verstehst mich, Sohn Heinrich! – der Nebenmenschen einzuwirken? – Ihr steckt noch darin, also geht, liebste Kinder, und lebt euch aus. Ich aber habe, das weiß der Herrgott, in jeglicher Anthropomorphose abgeschlossen, kenne den Klüngel und will nichts mehr von ihm wissen. Habe ich noch Zeit, so machen wir beide, Brüggemann da und ich hier im Bett, noch ein mechanisch künstliches Wunder für eure Kinder zum Angedenken an uns. Wenn nicht, nun denn – so nicht! Wenn es euch drängt, mir einen Stein späterhin aufzulegen, so bitte ich, nur den Namen Wunnigel drauf zu setzen; schlechterdings nichts weiter, kein Datum noch Jahreszahl, gar nichts, keine Silbe. Wenn dann jemand das Bedürfnis haben sollte, mich zu suchen, so wird er mich ja auch wohl finden. Valete.«

»Lassen Sie den Herrn Regierungsrat nur bei mir«, sagte der Rottmeister kopfschüttelnd. »Sie sehen, Zureden hilft hier nichts mehr.«

Sie sahen das seufzend ein, und es blieb ihnen in der Tat nichts übrig, als ihn dazulassen und ihr eigenes Leben auszuleben, wie er es ihnen soeben angeraten hatte. Nützlich aber ist es immer, sich bei einem so ziemlich am Endpunkt der Reise Angelangten zu erkundigen: »Wie war denn der Weg?« – – – –

Dieses und jenes würde nun wohl noch in Betracht zu ziehen sein.«Zum Exempel, was heißt das eigentlich: Auf seinem Kopfe bestehen! – ? – Im Grunde weiter nichts, als sich vor der Welt auf den Kopf gestellt zu haben und nicht wieder auf die Füße gelangen zu können. Sonderbarerweise imponiert dieses dann und wann sehr, und war das Rottmeisterchen in dem Hause am Untertor im langen und langsamen Laufe der Jahre sozusagen zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden, so wurde der Regierungsrat Wunnigel aus Königsberg jetzt im Laufe einiger Wochen zu einer der größesten Kuriositäten der Stadt, an denen es, wie wir wissen, auch ohne ihn durchaus nicht mangelte.

»Das gibt es doch wirklich nicht zum zweiten Male auf Erden!« meinte die Stadt, und vor allem meinten dieses die Leute, welche den Mann erst auf dem Riedhorn und nachher auf der Hochzeit seiner Tochter kennengelernt hatten. Das innige Bedürfnis des Philisters, vor allen Dingen seine Persönlichkeit sicherzustellen, konnte sich selbstverständlich nicht in diesen Menschen finden, der so kurzweg seine Persönlichkeit mit allem, was daran hing, aufgab, sich da ins Bett legte und dem Universo einfach den Rücken zukehrte.

»Nun will ich Ihnen noch etwas sagen, Brüggemann«, sprach dann ungefähr gegen das Ende des Dezembers Wunnigel. »Sie sind zwar ein außergewöhnlich uralter Knabe, aber das, was, wie man spricht, den Menschen vom Tiere unterscheidet, haben Sie, ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, ganz brav konserviert. Also geben Sie acht und folgen Sie mir in den Kern des Daseins, wie ich nußknackerlich ihn mir aus der harten Schale herausgebissen habe. Stimme von oben: Verflucht sei der Acker um deinetwillen! – Stimme von unten: Alles in der Welt ist mit Dreck versiegelt!«

»Herrje, Herr Regierungsrat?!«

»Jawohl! Ich bin freilich der Regierungsrat außer Dienst Wunnigel aus Königsberg; aber – Brüggemann – der Mensch, der hier die Responsen auf das Wort der Genesis singt, der soll es eben besser gehabt haben im Leben als irgendein Bewohner der wimmelnden Erde. Was sollen wir denn sagen, wenn die Lieblinge der Götter solche scheußliche Redensarten zu ihren tagtäglichen Lieblings-Beruhigungsworten machen? Den Fluch sprach der alte Jehova; aber es war der weiseste der deutschen Menschen, der große Goethe, der in seinen alten Tagen das Wort von der Versiegelung daraufhin erwiderte oder besser das Verdikt kontrasignierte.«

»Natürlich ist mir das meiste, was Sie mir da eben mitteilen, zu hoch, Herr Rat«, meinte der Rottmeister. »Eines ist mir jedoch denn klar, nämlich daß es dann ganz und gar nichts hilft, bei irgendeinem Zugreifen Handschuhe anzuziehen. Ich sage nur, mich hätten Sie mal sehen sollen an den Tagen, wo mir so'n recht verpicht Tagesgeschäft zugereicht wurde, vorzüglich aber an dem Tage, wo der Konkurs über mich ausbrach, und pure deswegen, weil ich meine Uhren immer zu gut machen wollte. Und sehen Sie, da sind denn der große Dichter und Poet und der kleine Uhrmacher ganz auf dasselbe herausgekommen und haben ein recht hübsches Alter erreicht – ohne Handschuhe. Resolut aufbrechen und nachher sich waschen! Das wird die richtige Maxime sein. Die Handschuhe hat man in der Fracktasche und zieht sie an bei Gildenaufzügen, oder wenn man auf dem Rathause oder sonst herrlich in Magistratsangelegenheiten zu schaffen hat und aufzuwarten hat.«

»Jawohl, Handschuhe – Brüggemann – und Aufwarten«, lallte der Regierungsrat gähnend und schon im Halbschlaf. »Konkurs! O ja, ich habe auch ein Buch übers Konkursverfahren geschrieben. Es wird oft zitiert. Vielleicht zitieren sie es gerade in diesem Augenblick in meinen eigenen Angelegenheiten in Königsberg auf – dem – Stadt–gericht. Hören Sie, Brüggemann, den Kerl mit der Prise kriegen wir so noch nicht heraus. Das Kopfschleudern beim Geniese ist noch lange nicht prägnant genug.«

»Ich habe auch allbereits darüber simuliert. Wissen Sie, das Federwerk liegt zu hoch. ich denke, wir legen das Zahnrad so ungefähr aufs Zwerchfell; dann, meine ich, bringt es den Ruck im Armgelenk und den Zuck im Genicke wohl ins Richtige.«

Der Regierungsrat schlief schon wieder in den klaren Wintermorgen hinein und – das war alles recht nett, gemütlich und behaglich; aber worauf lief's zuletzt hinaus?

Auf das Ende des Buches Wunnigel

Drei- oder viermal war es im Laufe des Winters doch nötig geworden, mit St. Petersburg zu korrespondieren.

»Wenn du die Schreiberei besorgen willst, Sohn Heinrich, – gut! Wo nicht, auch gut! Ich schreibe jedenfalls nicht, das heißt jedenfalls nichts weiter als meinen Namen. Den aber setze ich mit Vergnügen unter alles, was man mir vorlegt. Hörst du, lieber Junge, unter alles! Wer ihn so wie ich unter sein eigen Todesurteil geschrieben hat, dem kann es auf ein »Manu propria« mehr oder weniger in der Hinsicht nicht ankommen. Schreiben? Ne! Unterschreiben? Was euch beliebt! Wie es euch beliebt! Wo es euch beliebt! Mit Vergnügen!«

Mitte Februar meldete der Doktor der Frau Oktavia Wunnigel das friedliche Abscheiden seines teuren Schwiegervaters Regierungsrat a. D. Wunnigel aus Königsberg; und – – – und zurück schrieb diesmal nicht die Mama, sondern der Freund des Hauses am Schloßberge, Paul Petrowitsch Sesamoff, und zwar einen ziemlich langen französischen Brief, in welchem er die glückliche Eigenschaft der französischen Sprache, zweierlei in denselben Worten (in diesem Falle Beileid und Glückwunsch!) ausdrücken zu können, auf das feinste und freundschaftlichste benutzte. Auf die geschäftlichen Fragen, die dabei zutage kamen und von Deutschland aus rasch und reinlich durch das Wort:

ab intestato,

außerdem leider aber auch:

Vermögen nicht vorhanden,

erledigt wurden, brauchen wir wohl nicht näher und weiter einzugehen.

»O Gott, so hast du mich denn nun allein!« hatte Anselma geschluchzt, doch nicht als der Gatte den Brief an den Staatsrat adressierte, sondern als er vom Begräbnis des Papa zurückkam. Daß auch das arme gute Kind durch diese Worte nicht bloß einem Gefühle Ausdruck gab, wußte sie gottlob nicht, und es kam und kommt wahrlich keinem in diesem vielstimmigen, vielfühligen Erdendasein zu, ihr darüber Vorhalt zu machen.

Zärtlicher denn je erwiderte der Gatte:

»Ja, so sind wir denn augenblicklich zu zwei. Herz, wir müssen eben suchen, darüber wegzukommen. Es ist unsere Pflicht – und nun weine nicht länger, unsere Pflichten wachsen ja aus unseren Schicksalen auf.«

Die schluchzende junge Frau verstand ihn nicht so recht; aber sie verließ sich als gute junge Frau auch diesmal darauf, daß er recht habe. Der einsame oder zwiefache Zustand dauerte auch wirklich nicht lange. Im Anfange des Märzen waren sie auf einmal wieder zu drei – im Jahre darauf zu vier, und heute warten Kalmüsel und Jungfer Männe abermals mit höchster Spannung darauf, ob es diesmal wieder ein Junge »werden werde«.

Das alte Herrchen im Hause am Untertor erlebte richtig noch die beiden ersten Nummern und lieferte zu jeglicher Taufe ein kunstvoll Spielwerk, das nach Gebühr von Anselma und dem Doktor bewundert wurde.

»Verständnis müssen sie jedoch erst dafür haben, Brüggemann«, meinte der Doktor, wenn er vom Schloßberge herunterstieg, um sich für die Hampelmännerei zu bedanken.

Diesen Zeitpunkt hat der Herr Rottmeister nicht mehr erlebt; aber gemerkt und beobachtet hat er das Stillstehen des Räderwerks in seinem eigenen künstlichen Organismus auch nicht. Das Ding mußte während eines behaglichen Mittagsschläfchens sein Ticktack eingestellt haben. Man fand den Alten lächelnd in seinem Lehnstuhl, und zwar mit einem solchen Lächeln um Nase und Mund, als ob er ganz zuletzt noch einmal im Traume vergnügt

»He, he, he – heh!«

gesagt habe.

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